Kapa Tult Immer alles gleichzeitig

Kapa Tult – „Immer alles gleichzeitig“

Künstler*in Kapa Tult

Kapa Tult Immer Alles Gleichzeitig Review
Kapa Tult klingen auf „Immer alles gleichzeitig“ ein Stück virtuoser.
Album Immer alles gleichzeitig
Label Ladies & Ladys
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: Public Creations / Karine Bravo

Unzulänglichkeit ist keine angenehme Empfindung. Wenn sich zwei Freunde unterhalten und einen Begriff benutzen, den man noch nie gehört hat. Wenn die Kollegin an der Arbeit scheinbar mühelos vorankommt, während man selbst permanent an seiner Eignung für diesen Job zweifelt. Wenn man auf einer Party neue Leute trifft, sich alle kurz vorstellen und man prompt den Eindruck gewinnt, das eigene Leben sei im Vergleich viel zu langweilig, ungesund und erfolglos. Noch schlimmer wird es, wenn diese Unzulänglichkeit nicht nur auf solche Situationen beschränkt ist, sondern zum Grundgefühl des eigenen Lebens insgesamt wird. So ist es bei Kapa Tult.

Das Quartett aus Leipzig hatte schon auf dem Debüt Es schmeckt nicht (2023) darüber gesungen, nun folgen 13 weitere Songs, die mehr oder weniger um dieses Ringen mit der Welt kreisen. Das Schöne auf dem morgen erscheinenden Immer alles gleichzeitig ist einerseits, wie gewitzt sie das tun. Andererseits zeigt ihr zweites Album, wie universell dieses Gefühl der Unzulänglichkeit ist, längst nicht nur in der Gen-Z. Wenn schöne Wohnungen unbezahlbar werden, wenn Pickel eine so verwerfliche Sache sind, dass „Skin Care Routine“ tatsächlich als ein anerkanntes Gesprächsthema gilt, wenn in der Liebe alles scheiß kompliziert bleibt und dann auch noch Klima, Frieden und Demokratie kollabieren, dann darf man sich schon einmal fragen: Wie soll ich eigentlich noch klar kommen in dieser Welt?

„Es geht um das Gefühl, dass egal welche Strategie man wählt, das Überforderungsgefühl nie so richtig verschwindet“, sagen Kapa Tult über den Album-Auftakt Es bringt mir nichts, in dem all das, was als Ablenkung, Befriedigung und Glück gilt, am eigenen Wesen verpufft. Auch Machen, was man halt so macht, wie der zweite Song der Platte heißt, wird zur enormen Herausforderung. Für Stress sorgt das eigene Grübeln, vor allem aber der Vergleich mit den anderen, die vermeintlich alles im Griff haben. Es könnte alles ganz anders sein erweist sich später als Wunsch nach einer anderen, nachhaltigen Gesellschaft. Autos werden darin zum Symbol für all das Gestrige und Mutlose, das dem Versuch im Weg steht, dieses Andere zumindest einmal ernsthaft zu versuchen.

Das Reizvolle an Immer alles gleichzeitig ist dabei erstens, dass Kapa Tult eine tolle Balance zwischen Nabelschau und Gesellschaftskritik finden. Inga Oder, die für die meisten Texte zuständig ist, weiß, dass die hier so gerne besungene Unzulänglichkeit sowohl an ihr selbst liegt als auch an den Umständen. Es geht um Selbstbetrug und Wunschdenken, aber auch um Leistungsdruck und Kapitalismuskritik. Deshalb klingen die Songs nie nach erhobenem Zeigefinger, trotz klarer Botschaft. Wenn die Band in Ich will ein Kind von mir darüber singt, wie sich die oberen 10.000 mittlerweile so weit isolieren, dass sie bald womöglich auch ungeschlechtliche Fortpflanzung für sich in Anspruch nehmen werden, ist darin echte Wut und Empörung zu erkennen. Wenn es in Ich versuch es wieder bei dir zu Latin-Rhythmus und Lounge-Atmosphäre um die Tücken der Unverbindlichkeit geht, wird aber ebenso klar, dass man selbst die Verantwortung für das eigene Unglück trägt, und niemand sonst.

Zweitens bleibt die Band zwar bei der sehr ursprünglichen Ästhetik, die man vom Debüt kennt (das neue Album wurde innerhalb von fünf Tagen mit Produzent Moses Schneider live eingespielt), möchte sehr offenkundig aber auch zeigen, was sie an ihren Instrumenten alles kann und dazugelernt hat. Angi (Schlagzeug), Inga (Gitarre und Gesang), Raphael (Bass) und Robin (Keyboard) klingen insgesamt etwas weniger plakativ, dafür manchmal virtuoser. Vor allem die Tasteninstrumente gönnen sich einige Freiräume für Soli oder Experimente im Hintergrund – das sorgt für Überraschungen und Vielschichtigkeit, was den besonderen Charakter von Kapa Tult letztlich noch unterstreicht.

„Während des Spielens haben wir vor allem auf Moses Körpersprache geachtet: Wenn er mit dem Kopf genickt hat, wussten wir: Der Take könnte gut werden. Dann haben wir uns umso mehr ins Zeug gelegt. Im Laufe der Produktion wurde immer klarer, dass der Sound sehr trocken wird. Insbesondere Moses hat dann darauf geachtet, dass das auch durchgezogen wird. Es gab quasi ein Hall-Verbot, dadurch ist der Sound seeehr direkt. Wir wollten es so echt und so live wie möglich klingen lassen. ‚Als würde man der Band auf dem Schoß sitzen‘, hat Moses dazu immer gesagt“, erzählt Inga Oder über die Arbeit an Immer alles gleichzeitig, zudem übrigens alle vier Mitglieder von Kapa Tult mindestens einen selbst geschriebenen Gesangspart beigesteuert haben.

Am Ende des Albums wechseln sie sich in Ich bau ab sogar mit dem Gesang ab, jedes Bandmitglied hat eine Strophe geschrieben. Es geht um den Tour-Alltag, der als Abenteuer erzählt wird, aber ohne Glamour und sogar ohne Aftershow. „Nach der Tour fällt man schnell mal in ein Loch. So viel erlebt. So viele tolle Eindrücke, aber auch echt harte Arbeit. Auf Tour merkt man, wofür man den ganzen Scheiß macht. Das verarbeiten wir alle einzeln in diesem Song. (…) Ein Selbstporträt irgendwie. Und ein Anti-Party-Hit, ein simpler Banger“, sagen Kapa Tult.

Dass sie längst auch ruhigere Töne beherrschen, beweist die Platte ebenfalls. Wolfgang erweist sich als ein Lied über die, die sonst übersehen werden, nicht nur in Popsongs, sondern insgesamt in unserem Miteinander. Noch besser wird Niemand, in dem Tod und Trauer thematisiert werden. Das Stück macht klar, wie schwer es ist, damit umzugehen, als persönlich betroffene Person, aber auch für das Umfeld, das dieses Thema scheut und in Hilf- und Sprachlosigkeit verfällt. „Dass alles in mir vorbei ist, wisst ihr doch eh, oder? / Und wenn wir nicht drüber reden, tut es weniger weh, oder?“, heißen die ebenso aufwühlenden wie schmerzhaften Zeilen dazu.

Du siehst mich nicht betrachtet die Band als „die Fortsetzung vom Kapa-Tult-Klassiker Kaffee und was Süßes“. Es geht um enttäuschte Hoffnung und unerwiderte Liebe, die umso schmerzhafter ist, weil das vergebliche Bemühen viel zu spät erkannt wurde. „Es ist einfach, wie du sein zu wollen / es ist leicht, dich zu lieben / es ist nicht schwer, was von dir zu wollen / aber unmöglich, das zu kriegen“, lautet die Erkenntnis. Ähnlich gelagert ist Mit mir schläfst du („Wenn du da bist, weiß ich nicht wie / Wenn du weg bist, erst recht nicht“), das eine Freundschaft-plus-Problematik zu besingen scheint, wobei das Arrangement famos das Gefühl von Orientierungslosigkeit und Hin- und Hergerissensein unterstreicht. ARD Mediathek erweist sich als sehr amüsanter Blick auf eine Dreiecksbeziehung, auch auf Lebensentwürfe generell („Ich will dich nicht so lieben wie die Leute im Fernsehen“), der Refrain darin ist gutes Beispiel für die Art von Eingängigkeit, die man etwas später bemerkt, die aber dafür umso länger im Ohr bleibt.

Vielleicht der größte Hit der Platte ist Tinder. „Bevor ich auf Tinder geh’ / bleib’ ich lieber alleine“, heißt hier das Credo, aus dem natürlich nicht nur Selbstironie spricht, sondern dann doch auch Selbstbewusstsein („Kompromiss steht außer Frage / ich bin alles, was ich habe“). Zur Eingängigkeit gehört auch hier nicht nur, dass der Song tanzbar, direkt und Mitsing-tauglich ist, sondern auch, dass es so leicht fällt, sich damit identifizieren zu können. Kapa Tult machen klar: Wer sich nicht unzulänglich fühlt, muss ignorant sein. Und freimütig eingeräumte, ehrlich analysierte und mit anderen geteilte Unzulänglichkeit kann sich am Ende wie eine Stärke anfühlen.

Der Clip zu ARD Mediathek liefert auch gleich eine Typologie des TV-Konsums.

Website von Kapa Tult.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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