Lily Costa Not Like You

Lily Costa – „Not Like You“

Künstler*in Lily Costa

Lily Costa Not Like You
„Not Like You“ ist die Debüt-EP von Lily Costa.
EP Not Like You
Label Corner Company
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: Fleet Union / Jonathan Labusch

Man könnte glauben, die erste EP von Lily Costa sei ein Werk voller Liebeslieder. Tatsächlich kommt das Wort „love“ in ihren Texten ziemlich häufig vor, und mit Vorliebe thematisiert die Tochter einer aus Portugal ausgewanderten Arbeiterfamilie, die in den Randbezirken von Zürich aufgewachsen ist, dabei einen Zwiespalt. Nämlich zwischen dem Wunsch nach Symbiose und Vertrauen in einer Beziehung und dem Bedürfnis, sich dennoch nicht selbst aufzugeben.

„And I love how you make me feel / but I would never let myself depend on you“, lautet eine Zeile in Depend On You, das erstaunlich dezent daher kommt für den ersten Song einer Debüt-EP: Die Basis ist Gitarrenpicking, verzögert setzt ein Bass ein, erst nach zwei Minuten gibt es auch einen Beat. „I can’t fight your battles with you any longer / gotta look out for myself“, lautet die Entsprechung in Tied To Mine, das sie weise und dabei doch zerbrechlich erscheinen lässt. Man muss zu dieser Ballade nicht Cinemascope-Country sagen, aber zumindest wird sehr deutlich, dass Lana Del Rey ein wichtiger Einfluss für diese Künstlerin war. Im Titelsong singt Lily Costa: „With every low, I get wiser / listen to my own advice.“ Diesmal bietet der Song mehr Fokus auf den Rhythmus und entwickelt mehr Punch, auch durch den sehr interessanten Bass.

Der Reiz besteht dabei einerseits in der schönen Stimme, in der Stolz genauso klar erkennbar werden kann wie Schmerz. Die EP besticht andererseits durch die Qualität der Songs, wie insbesondere Not Like You zeigt: Der Text sieht auf dem Papier fast verkopft aus, auch ein bisschen wie eine verkrampfte Übersetzung von Gedanken und Gefühlen, die nun einmal in einer anderen Sprache gedacht und gefühlt wurden. Aber Lily Costa integriert diese Wörter wunderbar in Metrum und Melodie und schafft es, eine große Wärme mit großer Modernität zu verbinden. Man kann hier manchmal an All Saints denken, oder an die Sugababes mit weniger Make-up, etwa in Stating The Obvious. Das Lied beschreibt in einer spannenden Atmosphäre und mit dem vielleicht besten Refrain der EP die Situation, in der man unbedingt die Frage stellen möchte: „Ist das was Ernstes? Liebst du mich?“, und gleichzeitig ahnt, dass diese Frage alles ruinieren könnte. So wie der Schlusspunkt You Came And You Stayed wollten womöglich die Bangles immer klingen, bevor sie sich viel zu viele Gedanken um Chartplatzierungen machen mussten.

Eine besondere Nuance bekommt das alles, weil die besagten Zeilen, die um den Widerstreit von Assimilation und Emanzipation kreisen, vielleicht doch nicht bloß romantische Gefühle thematisieren, sondern auch die Lebensgeschichte von Lily Costa erzählen. Sie wurde in der Schweiz geboren und wollte dort auch zunächst gerne so sein wie alle anderen, merkte dann aber, wie schwierig das als Kind mit Migrationshintergrund ist. „Ich sehe einfach nicht aus wie eine Schweizerin, das habe ich früh gespürt. Ich wollte mich integrieren, aber so richtig reingepasst habe ich nie“, erzählt sie. Erst dann begann sie, ihre eigene Biographie als Stärke zu begreifen und ihren ganz eigenen Sound daraus zu entwickeln, was sie zuerst zu einem Popmusik-Stipendium an der Kunsthochschule Zürich und nun zu dieser EP geführt hat. „Ich habe auf den richtigen Moment gewartet, meine eigenen Songs ins Zentrum meines Lebens zu stellen“, sagt sie. Dieses Warten hat sich gelohnt.

Das Video zu Not Like You ist nicht in Zürich entstanden, sondern in Lissabon.

Lily Costa bei Instagram.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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