PVA – „No More Like This“

Künstler*in PVA

PVA No More Like This
Elektronik mit Twists und Härte bieten PVA auf „No More Like This“.
Album No More Like This
Label It’s All For Fun
Erscheinungsjahr 2026
Bewertung Foto oben: Cargo Records

Ungefähr seit der Markteinführung von Geräten wie Roland CR-78 (1978) und Linn LM-1 (1980) spielen Drumcomputer eine sehr zentrale Rolle in der elektronischen Musik. Das ist auch kaum verwunderlich. Erstens ist der Beat ein mega-dominantes Element in vielen elektronischen Genres, von HipHop über House bis Techno. Zweitens ist es für Tracks aus diesen Bereichen natürlich ein sehr praktisches Feature, wenn man auf Rhythmen setzen kann, die nie aus dem Takt kommen und im Zweifel endlos lange laufen können, stets identisch. Drittens, und das ist nicht zu unterschätzen, passen Drumcomputer perfekt in den Produktionsbedingungen elektronischer Musik, die oft alleine im stillen Kämmerlein erschaffen wird. Ein echtes Schlagzeug ist per se laut, erst recht im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten. Das erfordert dann zwangsläufig so etwas wie einen Proberaum und/oder Schalldämmung statt nur einen Rechner, einen Schreibtisch und ein paar Kopfhörer.

PVA aus London kann man mit guten Argumenten der elektronischen Musik zuordnen, ihr Debütalbum Blush wurde mit Genres wie Electropop oder Acid House assoziiert, von PopMatters auch in die Liste der „Best Electronic Albums 2022“ aufgenommen. Wenn Ella Harris, Josh Baxter und Louis Satchell auf der Bühne stehen, sieht man Letzteren aber an einem echten Drumkit, erweitert durch allerlei Percussions. Baxter spielt Tasteninstrumente und dreht Knöpfchen, manchmal greift er auch zur E-Gitarre. Harris tut es ihm gleich und übernimmt zudem den größten Teil des Gesangs.

Dass der Beat hier nicht aus der Maschine kommt, sondern von einem Menschen, ist ein sehr entscheidendes Feature für PVA, auch auf dem heute erscheinenden zweiten Album No More Like This. Es gibt ihrer Musik eine besondere Emotionalität und Unberechenbarkeit, manchmal auch eine zusätzliche Härte. Die oft sphärischen Elemente und Ambient-Sounds, auch die einnehmenden Melodien und die ausgeprägte Sexyness bilden einen enorm reizvollen Kontrast mit diesen Drums. Mate und Enough sind gute Beispiele dafür, auch das vergleichsweise straighte Peel und vor allem die Single Boyface. Allein über den Beat und den Einsatz der Samples in diesem Song könnte man eine Masterarbeit schreiben, dazu kommen etliche weitere Volten und Irritationen, das Ergebnis klingt ein bisschen wie eine TripHop-Version von Saint Etienne.

Rain eröffnet das Album mit einer Spoken-Word-Passage (ohnehin werden die Texte bei PVA mindestens so häufig gesprochen oder gehaucht wie gesungen) und ist schon in diesen ersten Sekunden hoch spannend. Ella Harris begrüßt darin die Dinge, die ihr begegnen (unter anderem die Rotze auf der Straße) mit einem ziemlich resignierten „Good Morning“. Diese so alltägliche Grußformel klingt gegen Ende der fast sechs Minuten kein bisschen banal mehr, sondern wie eine existenzialistische Analyse, die zeigt, wie zynisch es eigentlich ist, in Zeiten wie diesen aufzuwachen und sich gegenseitig tatsächlich einen guten Morgen zu wünschen.

Send wiederholt die uralte Formel, ein repetitives Element in hypnotische Klänge zu verwandeln, und erzeugt damit einen unwiderstehlichen Effekt, der sich zum Ende hin noch einmal steigert. Flood beginnt mit reizvollem Acappella-Harmoniegesang, dann wechseln sich sphärische Passagen mit druckvollen und rätselhaften ab. Okay erweckt den Eindruck, Irina Palm hätte die Rolle als Sängerin von Kraftwerk übernommen, und das Ergebnis sei dann vielleicht noch von Air geremixt worden. Das zappelige Moon würde vielleicht zu Robyn passen und ist im doppelten Sinne nicht zu fassen. Der Anger Song klingt nicht wütend, sondern flehend, und zeigt, was die Songs auf No More Like This insgesamt ausmacht: Sie sind immer intelligent, aber niemals intellektuell in dem Sinne, dass sie Menschen ausschließen wollten, die womöglich die Klugheit dieser Musik nicht durchdringen.

Das Video zu Boyface liefert Nachhilfe in Genderfluidität.

Website von PVA.

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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