| Autor*in | Yuval Noah Harari |
|
|---|---|---|
| Titel | Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz | |
| Verlag | Penguin | |
| Erscheinungsjahr | 2024 | |
| Bewertung | ![]() |
Foto oben: Kohji Asakawa auf Pixabay |
Schon in Sapiens hat Yuval Noah Harari mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufgeräumt: Dass wir über immer mehr Wohlstand und neue Technologien verfügen, bedeutet keineswegs zwangsläufig, dass wir als Gattung glücklicher geworden sind, zeigte der Universalhistoriker, der als Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem tätig ist, in seinem Weltbestseller. Schon gar nicht bedeutet es, dass es unserem Planeten besser geht. In Nexus steht ein ähnlicher Trugschluss im Zentrum seiner Ausführungen: Dass wir immer mehr Informationen erzeugen, verarbeiten und verbreiten, muss noch lange nicht heißen, dass wir klüger werden.
Das Menschenbild, das dahinter steht, ist in beiden Fällen sehr ähnlich und wird vom „großen Denker unserer Zeit“ (The Times) gleich in den ersten Sätzen seines neuen Buchs auf den Punkt gebracht: „Wir nennen unsere Spezies Homo sapiens – der weise Mensch. Es ist jedoch fraglich, welche Ehre wir diesem Namen machen.“ Er untermauert diese These hier mit einer Analyse von Informationsnetzwerken über einen Zeitraum von mehr als 2,5 Millionen Jahren und dem Vergleich verschiedener politischer Systeme und Gesellschaftsformen, einschließlich der Rolle, die Information und Informationsnetzwerke darin gespielt haben. Grundannahme ist, dass der Fluss von Informationen die Welt formt, und dass der Mensch einzigartige Fähigkeiten erworben hat, diesen Informationsfluss zu steuern. Er droht dabei aber immer wieder, die Kontrolle über diese Netzwerke zu verlieren, weshalb er Gefahr läuft, falschen Informationen zu glauben, sich manipulieren zu lassen und im Chaos zu enden.
Als Beispiele dafür nennt er etwa die Auswahl von Texten, die für die Bibel berücksichtigt wurden, Verschwörungen gegen römische Kaiser, Bücher über Hexenzauber in der Frühen Neuzeit, Überwachung und Propaganda im Stalinismus und Nationalsozialismus, das aktuelle Sozialkreditsystem in China und natürlich auch Phänomene wie Populismus-pushende Algorithmen und die Verbreitung toxischer Informationen via Social Media. „Die zentrale These dieses Buches ist, dass die Menschheit gewaltige Macht erwirbt, indem sie kooperative Netzwerke aufbaut, dass jedoch die Konstruktionsweise dieser Netze dem unklugen Gebrauch dieser Macht Vorschub leistet“, schreibt Harari.
Informationsnetzwerke (und damit unser gesellschaftliches Miteinander) strebten nach einem Gleichgewicht aus Wahrheit und Ordnung. Bürokratie und Mythologie seien die Mittel, mit denen diese Ordnung erzeugt wird – beide bevorzugten dabei im Zweifel allerdings die Ordnung gegenüber der Wahrheit. Daraus folgt, dass neue Informationstechnologien keineswegs per se zu Motoren des Fortschritts werden. Sie bringen vielmehr auch erhebliche Risiken mit sich. Denn erstens sind Informationen etwas anderes als Wahrheit. Zweitens haben wir uns beim Blick auf die Menschheitsgeschichte immer wieder überfordert gezeigt bei der Nutzung solcher neuen Möglichkeiten. Drittens führt der stetige Widerstreit zwischen dem Streben nach Ordnung und dem Streben nach Wahrheit (und damit Komplexität) womöglich dazu, dass eine neue Informationsfülle und -dichte zu autoritären oder autokratischen Regimen führt.
So originell (und insgesamt durchaus tragfähig) die Idee ist, das Leben als Prozess der Informationsverarbeitung zu begreifen, stellt sich in Nexus gelegentlich die Frage, ob dieser Blickwinkel nicht doch ein wenig eindimensional ist, und ob es wirklich sinnvoll ist, die gesamte Weltgeschichte in diese Kategorie zu pressen. Auch ein paar weitere Schwächen lassen sich nicht von der Hand weisen: „Das Markenzeichen der Wissenschaft ist nicht nur der Zweifel, sondern der Selbstzweifel“, schreibt Harari an einer Stelle sehr treffend, der Glaube an seine eigenen Fähigkeiten (und Prognosen) scheint dabei aber dennoch sehr ausgeprägt zu sein. Natürlich relativiert er, benennt Unsicherheiten und bleibt im Konjunktiv, wenn es um notwendige Lehren aus der Vergangenheit und Vorhersagen geht, dennoch wirken manches Szenario und manche Warnung over the top angesichts der Tatsache, dass sich etliche andere KI-Fachleute allenfalls einen Blick drei bis fünf Jahre in die Zukunft zutrauen. „Was hier auf dem Spiel steht, ist möglicherweise das Ende der Menschheitsgeschichte“, heißt es etwa, Harari warnt vor der „Zerstörung der menschlichen Zivilisation“, am Ende bedroht KI dann sogar nicht mehr nur die Erde, sondern das ganze Universum.
Beim Blick auf die Gegenwart und insbesondere auf die Macht, die Computer durch Nutzung von KI erlangen könnten, hat er die materiellen Voraussetzungen (Rohstoffe, Produktionsanlagen, Lieferketten, Energiebedarf) zu wenig im Blick; er wird leider auch nicht allzu konkret in seinen Empfehlungen, was wir gegen die beträchtlichen Risiken tun könnten, die mit der KI-Revolution einhergehen. Nicht zuletzt ist der Mensch in seiner Kurzen Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz erstaunlich häufig Opfer und Verführter, viel seltener Akteur und Erfinder (nicht zuletzt auch von KI). Immerhin zeigt Harari, wie wichtig genau diese Gestaltungskraft derzeit ist, um eine kluge Regulierung für KI zu finden, durchzusetzen und somit die Kontrolle über unser Zusammenleben zu bewahren.
Wie man das vom 1976 geborenen Autor kennt, bietet Nexus viele anschauliche Vergleiche, erhellende Anekdoten von Altertum bis in die Moderne und gelegentlich auch einen Bezug zu seiner eigenen Biographie. Das Buch ist aber – etwa im Vergleich zu Sapiens – kein Pageturner, auch weil es letztlich weniger Faktenfülle und stattdessen mehr mutige Interpretation und fantasievolle Ausblicke gibt. Manchmal ist Harari zu verliebt in bestimmte Thesen, Konstrukte und Formulierungen wie den „Silicon Curtain“, dessen Beschaffenheit er erst ganz am Schluss halbwegs klar zu umreißen vermag. Irritierend ist zunächst auch, dass er ganz offenkundig ein Buch über KI schreiben will, dieses Thema dann aber auf den ersten 180 Seiten zunächst lediglich umkreist. So häufig er die Notwendigkeit dieses Ausholens erläutert, so umständlich wirkt das trotzdem manchmal – bis sich der umfangreich dargestellte Kontext dann letztlich doch als sehr wertvoll erweist.
Seine Motivation beim Schreiben dieses Buchs legt er beispielsweise im Epilog noch einmal dar. Demnach hat bisher kaum jemand verstanden, in wie vielen Dimensionen KI wirklich für dramatische Veränderungen sorgen kann – auch jenseits der Ebene von Wandel der Arbeitswelt und der öffentlichen Sphäre. Weitgehend im Blindflug agieren demnach die Programmiererinnen, die neue Sprachmodelle bei Open AI trainieren, ebenso wie die Bosse der Tech-Giganten, die riesige Summen in neue Geschäftsmodelle investieren. Gleiches gilt für Wissenschaft und Medien, die diese Entwicklungen objektiv begleiten sollten, und es gilt vor allem für die Politik, die einen Rahmen für all das schaffen sollte.
Nexus mag damit manchmal apokalyptisch wirken, ist deshalb aber keine Dystopie. Harari sieht nämlich erstens sehr wohl auch die positiven Potenziale von KI, zweitens geht es ihm gerade wegen dieser Leistungsfähigkeit in erster Linie um eine Mahnung: Es gilt, Funktionsweisen von Technologien zu durchdringen, Entwicklungen in einem öffentlichen, informierten Dialog zu analysieren und zu bewerten sowie gute Entscheidungen zu treffen, am besten schnell, robust und global. Wichtiges Ziel dabei sollte der Aufbau dessen sein, was der Autor „Selbstkorrekturmechanismen“ nennt, denn nur diese hätten in der historischen Betrachtung dafür gesorgt, dass Informationsnetzwerke tatsächlich zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen.
Die vielleicht größte Stärke von Nexus ist es, wie eindringlich Harari die Andersartigkeit der KI-Technologie (und damit der Herausforderung, die Kontrolle über sie zu bewahren) darstellt. „KI ist kein Werkzeug, KI ist ein Akteur“, stellt er klar und führt weiter aus: „Die Erfindung der KI ist potenziell bedeutsamer als die Erfindung des Telegrafen, des Buchdrucks und sogar der Schrift, denn die KI ist die erste Technologie, die in der Lage ist, selbstständig Entscheidungen zu treffen und Ideen zu entwickeln.“ Sehr überzeugend zeigt er insbesondere, wie deshalb insbesondere das Überleben der Demokratien als Staatsform von einer klugen Reglementierung von KI-Lösungen abhängen kann. „Der Aufstieg der KI stellt also eine existenzielle Gefahr für die Menschheit dar, aber nicht wegen der Böswilligkeit der Computer, sondern wegen unserer eigenen Unzulänglichkeiten.“
Bestes Zitat: „Eine der wichtigsten Lehren der Geschichte ist, dass viele Dinge, die wir für naturgegeben und ewig halten, in Wirklichkeit von Menschen gemacht und veränderbar sind.“


