| Autor*in | Yuval Noah Harari |
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| Titel | Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit | |
| Verlag | Penguin | |
| Erscheinungsjahr | 2011 | |
| Bewertung | ![]() |
Foto oben: Joe auf Pixabay |
Bill Gates, Barack Obama, Henning Mankell und Natalie Portman preisen in Blurbs auf dem Einband dieses Buch. Deutschlandradio Kultur attestiert ihm „Coolness“. Mittlerweile ist aus Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit auch eine Graphic-Novel-Reihe und eine Serie von Jugendbüchern hervorgegangen.
Das sind vielleicht nicht unbedingt die Referenzen, die man sich als renommierter Wissenschaftler wünscht – schon gar nicht in Deutschland, wo viele akademische Usancen noch immer ziemlich stark nach dem 19. Jahrhundert müffeln und Nähe zu Pop, Laien und Medien schnell dafür sorgen kann, dass die fachliche Reputation in Zweifel gezogen wird. Yuval Noah Harari kommt zwar aus einer anderen akademischen Kultur (er wurde in Oxford promoviert und ist heute Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem). Nach dem Erscheinen dieses Werks, das einer der größten Sachbucherfolge aller Zeiten ist, allein in Deutschland über 2 Millionen Mal verkauft und in knapp 40 Sprachen übersetzt wurde, hat er trotzdem ähnliche Erfahrungen machen müssen. Fachkollegen zweifelten zwar nicht seine Fakten an, aber seine Thesen. Manche bemängelten, Sapiens bringe keine neuen Erkenntnisse. Philosophie-Professor Galen Strawson von der University of Texas beklagte in einer typischen Einordnung „carelessness, exaggeration and sensationalism“ in der Darstellung.
So erwartbar dies im wissenschaftlichen Kontext ist, so sehr missversteht diese Kritik die zentrale Leistung von Yuval Noah Harari in diesem Buch: Jeder mit einem halbwegs solide abgeschlossenen Geschichtsstudium und ausreichend Zeit kann eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis heute schreiben. Sogar KI kann das mittlerweile. Sapiens will aber eben nicht bloß ein Handbuch der Entwicklung vom Primaten bis zum Cyborg oder eine Enzyklopädie darüber sein, wie der Mensch innerhalb von 100.000 Jahren die Erde erobert hat, in jeder Hinsicht, die man sich nur vorstellen kann. Stattdessen ist es erstens die sehr gekonnte Integration von Erkenntnissen aus Biologie, Anthropologie, Kulturtheorie, Religionswissenschaft und Philosophie, die dieses Buch so reizvoll macht. Und zweitens sind es gerade die (mitunter tatsächlich steilen) Thesen, Zuspitzungen und Prognosen von Yuval Noah Harari, die für eine so faszinierende intellektuelle Auseinandersetzung mit seinem Thema sorgen. „Dieses Buch lässt Hirne wachsen“, hat Zeit Wissen über Sapiens geschrieben – und diesem Urteil werden wohl nicht einmal Hararis Kritiker widersprechen können.
Der Autor unterteilt seine kurze Geschichte der Menschheit dabei in vier Phasen, getrennt durch die kognitive Revolution (ab ca. 70.000 v. Chr.), die landwirtschaftliche Revolution (ab ca. 10.000 v. Chr.), die Vereinigung der Menschheit (ab ca. 800 v. Chr.) und die wissenschaftliche Revolution (ab ca. 1500 n. Chr.). Zu seinen wichtigsten Gedanken gehört die These, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, das an Fiktionen glauben kann, wozu er Kulte ebenso zählt wie Staaten, Währungen und Unternehmen. Demnach wird der Kapitalismus in seiner Betrachtung zur erfolgreichsten aller Religionen. „Götter, Nationen, Geld, Menschenrechte und Gesetze gibt es gar nicht – sie existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungswelt. Dass ‚primitive Stämme‘ ihre Gesellschaft zusammenhalten, indem sie an Geister glauben und bei Vollmond um ein Feuer herumtanzen, verstehen wir sofort. Dabei übersehen wir gerne, dass die fortschrittlichen Institutionen unserer modernen Gesellschaft keinen Deut anders funktionieren“, schreibt er an einer Stelle.
Genauso prominent ist die Bewertung des homo sapiens als „ökologischer Serienmörder“ – und zwar seit Anbeginn seiner Tage. „Die romantische Vorstellung, dass die moderne Industrie die Natur zerstört, während unsere Vorfahren in Einklang mit ihr lebten, ist nichts als eine Illusion. Schon lange vor der industriellen Revolution hielt der Homo sapiens den traurigen Rekord als dasjenige Lebewesen, das die meisten Tier- und Pflanzenarten auf dem Gewissen hat. Wir haben die zweifelhafte Ehre, die mörderischste Art in der Geschichte des Lebens zu sein.“
Harari zeigt die Macht und Gestaltungskraft, die uns innewohnt, aber auch die Fragilität unseres Lebens, erst recht im 21. Jahrhundert. Eine „erfundene Ordnung“ wie die Gesellschaft, in der wir leben, laufe „ständig Gefahr, in sich zusammenzufallen wie ein Kartenhaus, weil sie auf Mythen gebaut ist, und weil Mythen verschwinden, wenn niemand mehr an sie glaubt“. Wie aktuell dieser Gedanke ist, machen die aktuellen Erfolge von Rechtspopulismus und Verschwörungstheoretikern klar, worauf der Autor im Nachwort dieser aktualisierten und erweiterten Taschenbuchausgabe aus 2024 auch eingeht. Auch die von ihm immer wieder gestellte Frage, ob all der zivilisatorische und technologische Fortschritt uns als Menschen eigentlich glücklicher gemacht hat, passt wunderbar in die Zeit.
Besonders reizvoll sind seine „Was wäre wenn?“-Gedankenspiele, die in der Frühgeschichte beginnen und auch die Zukunft unserer Gesellschaft tangieren. Manchmal wird er dabei tatsächlich fast etwas zu populär, wenn er zum Ziele der Verständlichkeit oder Drastik zu gewagt anmutenden Bildern oder Vergleichen greift. Umgekehrt zeigt er einen außergewöhnlich offenen Umgang mit all dem, was wir nicht wissen, nicht wissen können und sogar mit dem, was wir uns nicht einmal vorstellen können (zumal für jemanden, der den Titel „Universalhistoriker“ führt). Auch mit vielen klugen Gedanken über Geschichte und Geschichtsschreibung als Fachdisziplinen (etwa die kognitive Revolution als „der Moment, an dem die Geschichte ihre Unabhängigkeit von der Biologie erklärte“) räsonniert er immer wieder reizvoll über das Leistungsvermögen und die Grenzen seines eigenen Metiers.
Vor allem aber treibt Sapiens. Eine kurze Geschichte der Menschheit mit seiner radikalen Rationalität uns allen jede Versuchung einer Selbstüberhöhung der Menschheit aus. Dieses Buch bringt ins Grübeln, eröffnet neue Horizonte und entlarvt gleich reihenweise Lebenslügen unserer Gattung. Dass all dies auch noch zu so einer packenden Lektüre wird, ist kein Manko, sondern eine außergewöhnliche Leistung. Es ist nicht schlimm, wenn man in einem Buch so viel dazu lernen und auch noch so viel Spaß dabei haben kann.
Bestes Zitat: „Eines der ehernen Gesetze der Geschichte lautet, dass ein Luxus schnell zur Notwendigkeit wird und neue Zwänge schafft. Sobald wir uns an einen Luxus gewöhnt haben, verkommt er zur Selbstverständlichkeit. Erst wollen wir nicht mehr ohne ihn leben, und irgendwann können wir es nicht mehr.“


