Hingehört: Judas Priest – “Demolition”
| Künstler | Judas Priest |
| Album | Demolition |
| Label | SPV |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | * |
“Heavy Metal ist ein Faustschlag ins biedermännische Heilewelt-Lächeln, die Nachtseite des sozial verdrängten Schreckens – kurzum, der böse Geist, der stets das Gute schafft”, versucht Frank Schäfer in seinem kürzlich erschienenen Buch Heavy Metal, das Genre zu definieren.
Ob der Musik tatsächlich ein bestimmendes Element des Protests innewohnt, darüber lässt sich streiten. Fakt aber ist: Heavy Metal war immer eine Musik für Außenseiter. Und ist vor allem eine Musik der 1980er Jahre. Für diese Zeit trifft Schäfers Zitat zu; als Antipoden zu all den Duran Durans und Whams taugten die Schwermetaller allemal.
Zu deren Speerspitzen zählten von Anfang an Judas Priest, mit allem, was nun einmal dazugehört: Lederjacken, lange Haare, Motorräder. Mit Painkiller setzten sie sich fast pünktlich zum Ende der Dekade selbst ein Denkmal, dann wurde es erst einmal sehr ruhig um die Briten – und um Heavy Metal insgesamt. Das liegt zum Teil sicher daran, dass Protest durch Härte in den anything-goes-Zeiten seine Berechtigung verloren hat. Aber auch daran, dass das Genre musikalisch schon so lange auf der Stelle tritt, dass es wunde Füße haben müsste.
Auch Judas Priest beschwören vor der Veröffentlichung von Demolition die neuen Elemente, die Überraschungen und die Experimente. Doch wenn der Heavy-Metal-Fan gegen irgend etwas allergisch ist, dann sind es neue Elemente, Überraschungen und Experimente. Judas Priest wissen das natürlich. So ist trotz aller Beteuerungen auch alles beim Alten geblieben.
Sänger Ripper Owens, schon beim 1997er Comeback-Album Jugulator dabei, füllt die Fußstapfen von Rob Halford achtbar aus, mit Lost And Found gibt es auch die obligatorische Ballade, der Rest ist typisch Priest. Neue Impulse sucht man vergebens, und so werden sich Judas Priest und Heavy Metal allgemein weiterhin nur an der eigenen Vergangenheit betören können.
Grandios: Harald Schmidt lernt Heavy Metal.
Hingehört: Jimmy Eat World – “Bleed American”
| Künstler | Jimmy Eat World |
| Album | Bleed American |
| Label | DreamWorks |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | **** |
Fast sollte man Jimmy Eat World ein bisschen böse sein. Da nehmen sie mit Bleed American den perfekten Soundtrack zum Sommer auf, und dann erscheint die Platte erst Ende August. Doch man muss den vier Jungs aus Arizona wohl verzeihen. Denn erstens haben Weezer die vergangenen Monate auch nicht gerade schlecht beschallt, zweitens hatten Jimmy Eat World gewichtige Gründe für die Verzögerung.
Obwohl ihr letztes Album Clarity immerhin den Semi-Hit Lucky Denver Mint enthielt, flogen sie nämlich 1999 bei ihrer Plattenfirma raus. Das neue Werk entstand in Eigenregie, selbstfinanziert und wird nun von DreamWorks/Motor vertrieben.
Bleed American profitiert von der neuen Freiheit, verfeinert die alten Stärken, schlägt neue Wege ein und wagt auch mal einen Stilbruch.
Wie ihr Credo klingt der Text von The Middle: “Hey, don´t write yourself off yet / just try your best, try everything you can / and don´t you worry what they tell themselves when you´re away / hey, you know you´re all the same / you know you´re doing better on your own.” Überhaupt klingen die Stücke fast durchweg positiv bis kämpferisch. A Praise Chorus etwa, das im Refrain sogar Crimson And Clover zitiert, in den 1960-ern ein Hit für Tommy Roe.
Auch sonst haben Jimmy Eat World keine Berührungsängste. The Middle ist der beste Song, den die Manic Street Preachers seit fünf Jahren nicht geschrieben haben. Andere Lieder wie Your House oder Sweetness erinnern entfernt sogar an 1980er-Jahre-Bands der besseren Sorte, wie Crowded House oder Glass Tiger. Das traumhafte Hear You Me hätte perfekt auf den Soundtrack zum Film City Of Angels gepasst.
Doch bei all den Mainstream-Anleihen und Popzitaten bleibt dies natürlich immer noch Jimmy Eat World, also irgendwo Emo, also irgendwie Rock und Punk, und weiter mit herrlichen Balladen wie Cautioners oder My Sundown. Der wuchtige Titelsong, das eingängige If You Don´t, Don´t oder das grandiose Gitarrenbreak in Get It Faster werden auch den Liebhabern von Clarity gefallen.
Wenn das neue Label Ohren hat, wird die Zusammenarbeit diesmal länger halten.
So viel Spaß kann Schule machen, zumindest wenn man im Unterricht ein eigenes Video zu The Middle drehen darf:
Hingehört: Aerosmith – “Nine Lives”
| Künstler | Aerosmith |
| Album | Nine Lives |
| Label | Columbia |
| Erscheinungsjahr | 1997 |
| Bewertung | ***1/2 |
Sie können es nicht lassen mit diesen seltsamen Intros. Diesmal: Katzengejammer, ein Schrei von Steven Tyler, die ersten Takte von Nine Lives. Die Metapher ist nicht schwer zu verstehen: Wir sind immer noch da, und wenn ihr uns tot sehen wollt, müsst ihr euch schon ein bisschen was einfallen lassen.
Womit wir bei der Frage wären, warum ich mir eigentlich immer noch Aerosmith-Alben kaufe. Die Frage beantwortet das zweite Stück, Falling In Love (Is Hard On The Knees). Aerosmith sind nicht nur noch da, sondern sie sind auch immer noch eine gute Boogie-Rock-and-Roll-Band. Ein herrlicher Klischee-Text wie aus dem “Wie schreibt man radiotaugliche Stücke für amerikanische Bands”-Lehrbuch. Sometimes I´m good, but when I´m bad I´m even better.
Musikalisch hat sich seit Pump nicht viel geändert, Aerosmith sind immer noch eine grandiose – naja, in den 1980ern hat man Powerballaden-Band dazu gesagt. Hole In My Soul hat einen perfekten Refrain, die Verzweiflung wirkt immer noch echt. Ein bisschen ist es wie bei einem Fernseh-Krimi: Alles ist genau durchschaubar, man weiß schon, welcher Teil als nächstes kommt, aber dennoch bleibt es spannend, weil man ja sehen will, ob man Recht hat.
Dennoch bleibt, wie auf fast allen Aerosmith-Alben das Problem des Qualitätsgefälles. So ist Taste Of India leider eher unscharf ausgefallen. Eine halborientalische Melodie und eine Sarangi vertragen sich nunmal nicht mit amerikanischem Mainstream-Rock. Doch auf Authenzität haben die Amis ja selten Wert gelegt. Aerosmiths Stärken liegen woanders, nämlich in Tracks wie Full Circle: geradeaus und ohne Schwurbel, dazu ein kneipenseliger Mitsingrefrain. Something´s Gotta Give erinnert dann wieder an die schwächeren Stücke auf Get A Grip, hat also gute Ansätze, die aber nicht ganz ausgearbeitet wurden und versucht, sich im Sound zu retten, doch all die Gimmicks und Effekte helfen nichts.
The Farm handelt von Großstadtstress und Reizüberflutung und ist entsprechend überladen. I feel like New York City, take me to the farm. Ain´t That A Bitch ist viel inspirierter, mit jeder Menge Seele gesungen und gespielt. Herrlich, wie Steven Tyler das B beim “bitch” verzögert.Dann gehen Aerosmith kurz Punk. Zwar nicht Clash, aber immerhin Crash. Punkig ist aber nur der temporeiche Anfang. Dann versauen zu viele Gesangseffekte alles, 4:25 sind viel zu lang.
Ich kann mich an ein Aerosmith-Unplugged erinnern. Eher dröge Sache, mit viel Mundharmonika und bunten Tüchern, so um 1990. Die Show zeigte aber eins: Die besseren Songs von Tyler und Perry bestehen auch fast ohne Produktions-Politur. Weniger ist mehr, wie beim Intro von Kiss Your Past Goodbye. Gleiches gilt für das fast spartanisch gehaltene Pink. Natürlich denke ich bei diesem Song auch immer gleich an das wunderbare Video. Sehr stylisch. Offensichtlich sollten Aerosmith ihre Plattencover endlich mal von den selben Leuten designen lassen, die auch ihre Videos gestalten. Sie waren in puncto Plattenhüllen ja noch nie sehr stilsicher, aber das Artwork von Nine Lives übertrifft alle Hässlichkeits-Rekorde.
Falling Off klingt erstaunlich unfertig, fast wie ein Demo. Das liegt an zwei Sachen: 1. der Gesang von Joe Perry (dessen Metier nunmal eher die Gitarre ist). 2. Hier gibt es nur Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang. Dabei hätte gerade dieser (bis auf das Break sehr schwachbrüstige) Song ein bisschen Aufmotzen mit Streichern, Keyboards oder Bläsern gebrauchen können. Fast genauso verzichtbar ist Attitude Adjustment.
Bei Fallen Angels wundert man sich zunächst, dass es nicht schon längst einen Aerosmith-Song gibt, der so heißt. Dann wundert man sich, dass der Song nicht als Single ausgekoppelt wurde. Denn es ist wieder einer dieser patentierten Schmachtfetzen. Wenn mich jemand beauftragen würde, eine Aerosmith-Parodie zu komponieren, dann würde sie wohl so klingen. Und den Text könnte ich sogar unverändert übernehmen…
Das erwähnt schicke Video von Pink will ich hier natürlich niemandem vorenthalten:
Hingehört: The Beatles – “Yellow Submarine”
| Künstler | Beatles |
| Album | Yellow Submarine (Songtrack) |
| Label | EMI |
| Erscheinungsjahr | 2000 |
| Bewertung | **** |
Ich ordne das Album hier ein, weil der eigentliche Soundtrack zum Yellow Submarine-Film bereits 1968 erschienen ist. Dieses Album hier enthält den Soundtrack (klanglich aufgepeppt) und etliche Zusatzstücke (die an entsprechender Stelle besprochen werden, nicht hier), um die CD-Länge wenigstens annähernd auszuschöpfen. Dafür haben sich die Beatles-2000-Macher den etwas seltsamen Namen “Songtrack” ausgedacht. Vielleicht ein Fehler.
Keine Fehler hingegen wurden bei der klanglichen Aufbereitung und Restaurierung der Original-Aufnahmen gemacht. Yellow Submarine klingt klar wie ein Gebirgsbach, vollkommen transparent. Der Song selbst besticht durch einen angedeuteten 2/4-Takt und natürlich die Melodie, die so einprägsam ist, dass noch heute zahllose Fußballfans dazu “Zieht den Bayern die Lederhosen aus” singen.
In Hey Bulldog zieht John Lennon alle Register seiner einmaligen Stimme. Das Klavier dazu hämmert dermaßen, dass sich Honey von Moby wohl beschämt in der Ecke verstecken würde. Das Streicherarrangement von Eleanor Rigby stellt selbst die Celli von Yesterday in den Schatten. Keine Gitarren, kein Klavier, sehr effektiv. All the lonely people / where do they all come from?
In Love You To darf George Harrison dann mal wieder seine Sitar auspacken und seinen orientalischen Vorlieben huldigen. Schließlich All Together Now, klingt fast wie ein Outtake vom White Album: alles ist möglich, nur kein Sinn. Ay, ay, Sir!
Ein Clip aus dem Yellow Submarine-Film
Hingehört: Aerosmith – “Pump”
| Künstler | Aerosmith |
| Album | Pump |
| Label | Geffen |
| Erscheinungsjahr | 1989 |
| Bewertung | **** |
Wenn Permanent Vacation ein Gitarren-Album war, dann kann man das hier wohl ein Schlagzeug-Album nennen. Die Drums sind weit nach vorne gemischt und meist dominant, und einmal darf der Kessel- und Beckenklopper sogar zu einem Solo ansetzen.
Eine Parallele zu Permanent Vacation sind die seltsamen Sound-Versatzstücke, die hier fast jedem Lied vorangestellt sind. Es gibt also beispielswiese Lied 3.1. und Lied 3.2. Ich habe mir sagen lassen, dass ältere CD-Player das sogar noch als zwei Teile erkennen (über einen Index oder so), aber es ist aus der Mode gekommen. Besser so.
Ganz und gar nicht aus der Mode gekommen ist dieses Album, denn es ist ein (und enthält einige) Klassiker. Aerosmith scheinen sich gefunden zu haben. Alles ist markant und auf den Punkt, kaum mehr was geht daneben. Der schwächste Song ist gleich der erste: Young Lust ist zwar enorm schnell, hat aber keinen Pepp. Dann geht es sehr steil bergauf: F.I.N.E. ist ein unaufhaltsamer Stampfer, Love In An Elevator zwar hoffnungslos überproduziert, aber immer noch ein Hit.
Es folgt das erste Highlight: Janie´s Got A Gun. Wie fast immer bei Aerosmith ein klasse Video und dazu ein Mörder-Song. Diese Melodie ist Steven Tyler angeblich beim Billardspielen in einem Nebenraum des Tonstudios eingefallent. Und man kriegt sie in etwa genau so schwer aus dem Ohr, wie eine Billardkugel aus dem Arsch. Dazu dieser Stabreim! Der Hammer.
The Other Side steht dem in kaum etwas nach. My Girl (Rockabilly auf Koks) und das leicht gebremste Don´t Get Mad, Get Even sind dann etwas schwächer, werden (wie bei allen Klasse-Alben) aber durch den Kontext (= die Lieder davor und danach) aufgewertet. Der vorletzte Track ist Hoodoo Voodoo Medicine Man. Das Stück wird tatsächlich so schräg und unterschwellig bedrohlich wie dieser Name vermuten lässt.
Der Schluss ist das Beste: What It Takes, die Ballade. Steven Tyler singt mit unglaublich viel Soul und Einsatz, und – hey – der Mann ist verzweifelt. Eines der wenigen Lieder hierauf, bei denen der Text mit der Musik Schritt halten kann. Ich hatte dieses Album erst nur auf Kassette von jemandem überspielt. Auf der zweiten Seite war Tom Petty. Dieses Tape habe ich jedenfalls auf der Heimreise von unserer Abschluss-Klassenfahrt im 10. Schuljahr gehört. Eigentlich hat der Song ja nicht so recht zur Provence gepasst, obwohl sogar ein Akkordeon zu hören ist. Ich war auf der Busfahrt jedenfalls gerade dabei, mir einzureden, dass ich ein kalter Hund sei. Aber als ich dieses Lied gehört habe, hatte ich doch plötzlich Liebeskummer. Hat sich toll angefühlt. Solche Lieder vergisst man nicht.
Obwohl What It Takes mein Lieblingslied auf der Platte ist, gibt es hier das Video zu Janie’s Got A Gun, weil er der bessere Clip ist.
Hingehört: Tracy Chapman – “Tracy Chapman”
| Künstler | Tracy Chapman |
| Album | Tracy Chapman |
| Label | Elektra |
| Erscheinungsjahr | 1988 |
| Bewertung | **** |
Die 1980er Jahre haben, dafür dass sie im Prinzip genau so lang waren wie alle andere Dekaden, nicht gerade viele große Alben hervorgebracht, und noch weniger zeitlose. Dies ist eines der wenigen. Tracy Chapman stellt sich mit ihrem Debüt in die traditionsreiche Reihe von Frauen mit markanten Stimmen, Gitarren und sozialkritischen Texten. Joan Baez steht längst nicht am Anfang dieses Stammbaums, und Jewel längst nicht am Ende. Denn Protest ist stets aktuell, vor allem, wenn er in Songs wie diese gepackt wird.
Talkin´ Bout A Revolution durfte sie auch beim Nelson-Mandela-Konzert singen, das sie praktisch über Nacht weltweit bekannt gemacht hatte, und steht hier passenderweise am Beginn. “Poor people gonna rise up and get their share.” Das ist plakativ genug für den Aufruhr und ungemein echt gesungen. Noch wirkungsvoller ist das wunderbare Fast Car. Der Text deutet hier mehr an als er ausspricht, das Schlagzeug sorgt für die entsprechende Dramaturgie. “And I had a feeling that I belonged / and I had a feeling that I could be someone.”
Die Liebeslieder sind ohnehin die Glanzlichter. Allen voran Baby, Can I Hold You, nach fünf Songs schon der dritte Hit. Wie bei den meisten Tracks fast nur Gitarre und Gänsehaut-Gesang, voller Wärme und Weisheit.
Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten sind die zentralen Themen. Da hilft auch die Liebe (For My Lover) nicht immer, da ist auch die Karriere problematisch (Mountains O´ Things) und selbst die Flucht ist kein Ausweg (She´s Got Her Ticket). Across The Lines und Behind The Wall führen die scheinbaren Automatismen des Rassismus vor, auf beiden Seiten.
Stellvertretend für alle Stücke könnte Why? stehen, ein Aufschrei und ein Gebet. “Somebody´s gonna have to answer / the time is coming soon / when the blind remove their blinders / and the speechless speak the truth.” Genau das ist es: In Tracy Chapmans Songs steckt bei aller scheinbar ohnmächtigen Anklage immer auch etwas Trost. Und jede Menge Hoffnung.
Der Durchbruch: Tracy Chapman singt Talkin´ Bout A Revolution beim Konzert für Nelson Mandela:
Hingehört: Catatonia – “Equally Cursed And Blessed”
| Künstler | Catatonia |
| Album | Equally Cursed And Blessed |
| Label | Warner |
| Erscheinungsjahr | 1999 |
| Bewertung | **** |
Es ist ihre große Stärke. Diese Selbstverständlichkeit, dieses Runde, dieses WieAusEinemGuss. Als würden große Popsongs einfach so an den Bäumen wachsen. Und im bezaubernden Opener Dead From The Waist Down singt Cerys Matthews tatsächlich: “We stole the songs from birds and trees.” Dazu fast kein Schlagzeug, dafür um so mehr Seele. Umwerfend einfach.
Genau wie die Melodie von Londinium. Fünfmal hintereinander der selbe Ton, trotzdem schon im Intro unwiderstehlich. Und dann auch noch die Strophe: “London never sleeps, it just sucks / the life out of me / and the money from my pockets.” Die Glitzerwelt ist ihre Sache nicht, der schöne Schein weckt Misstrauen und Ekel. “If you live a lie, you´ll die a liar.” So sehen Catatonia die Dinge. Schauspielern zählt hier nicht, und Heuchelei ist nichts weniger als eine Todsünde. Das ist das Credo von Post Script und auch der Tenor von She´s A Millionaire.
Man ist dankbar für derlei Aufrichtigkeit. In Storm The Palace geht das Sendungsbewusstsein aber zu weit. Den Punk-Stomper nimmt man ihnen kaum ab. Überhaupt haben Catatonia diesmal musikalisch einiges gewagt. So wird Karaoke Queen zu einer echten Disco-Nummer, Bulimic Beats nur von Harfe und Streichern unterlegt, Valerian bekommt einen Folk-Touch, Shoot The Messenger wartet gar mit einer singenden Säge auf.
Dabei liegt ihre Stärke doch, wie gesagt, in der Einfachheit. Doch die manchmal etwas spinnerten Experimente können den Songs gerade deshalb nichts anhaben. Songs wie Nothing Hurts sind so robust, Lieder wie Dazed, Beautiful And Bruised haben so viel Klasse, die könnte man auch mit einer Maultrommel spielen. Sie wären immer noch groß.
So bezaubernd klingt es, wenn sich Waliser an Mediterranem versuchen: Der Clip zu Dead From The Waist Down:
Hingehört: All Saints – “Saints And Sinners”
| Künstler | All Saints |
| Album | Saints And Sinners |
| Label | London Records |
| Erscheinungsjahr | 2000 |
| Bewertung | **** |
Den Termin nachher muss ich wohl platzen lassen. Ich komm hier nicht weg. Diese vier jungen Damen sind eine so reizende Gesellschaft, ich kann mich einfach nicht von ihnen verabschieden. Sie erzählen mir gerade von unverfälschten Stränden. Schön muss es da gewesen sein, sonnig, entspannt und exotisch. William Orbit war ebenfalls da und hat den Aufenthalt auch noch ein bisschen geheimnisvoll gemacht.
Wie sie das alles erzählen! Wundervoll. Diese vier Stimmen, nie quasseln sie durcheinander, immer klingen sie genau so, wie sie klingen sollen. Zauberhaft! Ich glaube, ich verliebe mich gerade. In alle vier.
Sie wissen natürlich um ihre Klasse und haben das längst mitbekommen. “Don´t send me flowers, they won´t do / don´t give me diamond rings, ´cause I´ll take them and call you a fool”, warnen sie mich. Aber ich bin längst hoffnungslos ausgeliefert, All Hooked Up sagen sie dazu. Heute Nacht werde ich sicher von ihnen träumen, mit einem Akustikgitarren-Intro, einem etwas nervösen Beat und einem Hypnose-Refrain. Dreams I dream will at last come true. Das hoffen auch die vier Ladys. Denn sie träumen von zu Hause, wo wohl der Liebste wartet. Sie haben Heimweh, sie seufzen.
Kurz bevor die Stimmung umzukippen droht, schenken sie noch etwas Kaffee nach. Die jungen Damen trinken ihren Kaffee schwarz, das Kränzchen kommt wieder in Schwung. Die Sache wird wieder gut, richtig gut sogar. I wouldn´t wanna be anywhere else but here / I wouldn´t wanna change anything at all. Aus dem Radio kommt eine Madonna-meets-Edwyn-Collins-meets-Fatboy-Slim-Nummer.
Die Mädels drehen noch lauter. Sie springen auf und fangen an, um ich herum zu tanzen. Das sieht ganz schön sexy aus, und ich kann auch kaum die Füße stillhalten, aber mache mir natürlich einen Spaß daraus, den Sirenen zu widerstehen. “Okay, dann eben eine Nummer schärfer”, sagen die Mädels. Sie flüstern mir Liebesschwüre ins Ohr und mir ist, als würden im Hintergrund ein ganzer Chor dazu singen, Streicher jauchzen und Flöten jubilieren. Die Ladys lassen nicht von mir ab. “Gib endlich auf!”, insistieren sie, Surrender. Bevor das Spielchen langweilig wird, gebe ich nach. Ich stehe auf, die Ladys klatschen und lachen. Ha Ha. Sie legen eine extra schräge Nummer auf. Ein Klavier, ein Science-Fiction-Filmgeräusch und ein toller Beat. Ich tanze also, wohl ein wenig ungeschickt, doch die Mädels – stets charmant – helfen mir und zählen den Takt mit. Ab und zu kichern sie noch, aber schon als nächstes trauen sie mir eine richtige Disco-Nummer zu, sogar ein wenig lateinamerikanisch. Ich merke, wie sie mich um ihren kleinen Finger wickeln, aber ich habe gar keine Lust, mich dagegen zu wehren. I´m Ready, Willing And Able.
Der Termin ist längst geplatzt. Dafür bin ich hier mit den Ladys, singe, tanze und lache. Dann wollen sie noch wissen, ob ich ein Heiliger oder ein Sünder bin. So wie sie das fragen, sollte ich mir die Antwort besser ganz genau überlegen.
Das Video zu Pure Shores, verträumt und geheimnisvoll:
Hingehört: Aerosmith – “Get A Grip”
| Künstler | Aerosmith |
| Album | Get A Grip |
| Label | Geffen |
| Erscheinungsjahr | 1993 |
| Bewertung | *** |
Schon wieder dieser unselige Hang zu “ausgefallenen” Spielereien mit Sound-Versatzstücken und irgendwelchem Achtung!-ich-könnte-ein-Soundtrack-sein!-Kram. Diesmal unter anderem ein völlig überflüssiges Intro. Dafür geht es danach recht zünftig los, Eat The Rich und Get A Grip sind grundsolide Rocker.
Nach dem mittelmäßigen Fever gibt es dann den ersten Kracher: Livin´ On The Edge. Ein sehr ambitionierter und komplexer Song, der aber dennoch funktioniert. Wie fast bei allen Stücken auf diesem Album zudem ungewohnt virtuose Bassgitarren-Arbeit. Die ersten vier Songs machen also Hoffnung auf ein richtig großes Album, doch dann wird das große Manko dieser Platte deutlich: Die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Tracks sind riesig. Gleich fünf Stücke sind völlig verzichtbar, und hätte man sie weggelassen – Aerosmith wäre ein an Pump heranreichendes Album gelungen.
Doch so: Nach dem grandiosen Livin´ On The Edge kommt mit Flesh ein totaler Flop. Der Text handelt von – nunja, Fleisch eben und den damit verbundenen körperlichen Gelüsten, aber die Musik hat ungefähr so viel Sex wie Uwe Hübner. Walk On Down hat eine klasse Strophe, aber der Refrain ist Müll, auch Shut Up And Dance bleibt (der zwanghaft-programmatische Titel lässt es schon befürchten) schlaff.
Cryin´ rettet dann zunächst wieder die Stimmung. Zwei Ereignisse verbinde ich mit diesem Stück: 1. den Tag, an dem ich das erste Mal Alicia Silverstone gesehen habe. Uff. Uff. Kurz Luft holen. Was für ein Videoclip! Leider ist es mir unmöglich, den Song unabhängig von diesem tief prägenden Ereignis zu bewerten, deshalb kriegt er natürlich fünf Sterne. Vielleicht ist er auch schlecht, ich weiß es wirklich nicht, und Alicia ist schuld. 2. Während meiner Bundeswehr-Zeit hatte ich einen KAMERADEN auf meiner STUBE, der sehr virtuos Gitarre spielen konnte. Ich habe dann auch meine Klampfe geschnappt, und nachdem wir zu zweit eine flasche Tequilla getrunken hatten, haben wir die grandioseste Version intoniert, die man je von Cryin´ gehört hat. Es war auch Publikum zugegen, wer es nicht glaubt, kann sie ja fragen. Ach ja: Ich habe natürlich gesungen.
Soviel zu Cryin´. Danach wieder ein Auf und Ab. You Gotta Love It=Totalausfall, Crazy=klasse (im Clip diesmal Liv Tyler und schon wieder Alicia). Line Up bleibt trotz der Mitwirkung von Lenny Kravitz nur unteres Mittelmaß.
Can´t Stop Messin´ ist noch schlechter, doch der Abschluss (wenn man das Instrumentale Outro Boogie Man nicht mitzählt) glückt Aerosmith wie immer. Amazing ist eben das, und diesmal auch völlig unabhängig von Alicia Silverstone. Der Text wimmelt zwar wie immer von Rock-Klischees, bleibt aber dennoch glaubwürdig, also gelungen. Songtechnisch nicht mehr zu verbessern. Dazu beginnt das Stück mit einer Zeile, die man auf das Tracklisting für dieses Album anwenden kann: “I kept the right ones out / and let the wrong ones in.”
Als Clip gibt es, wer hätte es gedacht, natürlich Alicia. Ähm, ich meine natürlich: Cryin’.
Hingehört: Teddybears Sthlm – “Rock’N'Roll Highschool”
| Künstler | Teddybears Sthlm |
| Album | Rock’N'Roll Highschool |
| Label | Epic |
| Erscheinungsjahr | 2001 |
| Bewertung | ***1/2 |
Über Schweden gibt es eine ganze Menge Vorurteile. Dass es dort immer kalt und dunkel ist, etwa. Dass man alle 20 Minuten einem Elch auf den Fuß tritt. Oder dass die Frauen alle riesige Oberweiten haben und sehr blond sind. Dabei ist es in Stockholm, obwohl das schon ganz schön weit oben liegt in Schweden, gerade genau so warm wie hier, und mindestens so hell. Dabei sieht man dort auch nur ganz selten Elche. Und dabei haben die Schwedinnen im europäischen Durchschnitt den kleinsten Busen.
Man sagt von den Schweden auch, dass sie eine Musikszene und ein Popverständnis haben wie sonst höchstens noch die Briten. Das hingegen stimmt. Immer wieder gibt es dort hoch interessante Künstler zu entdecken, ob Sophie Zelmani, Brainpool oder The Hives. Stets wunderbare Musik, stets auch enorm stilvoll verpackt, was im Pop ja ebenso wichtig ist.
In diese Reihe fügen sich die Teddybears nahtlos ein. Vier nicht mehr ganz junge Herren aus Stockholm, im Hauptberuf Videoregisseure, DJs und Webdesigner. Für die Coolness ist also gesorgt, wovon auch das grandiose Video zur Single Rock’N'Roll Highschool zeugt, das sich in erweiterter Form sogar als Computerspiel mit auf ihrem aktuellen Album gleichen Titels befindet.
Auf ihrem bereits dritten Longplayer sind die Punk-Ursprünge der Teddybears zwar immer noch zu erkennen, im Vordergrund stehen inzwischen aber Reggae, HipHop und jede Menge Beeps und Fieps. Das kann dann schon einmal noch richtigem Techno klingen (Ahead Of My Time) oder auch nach Zeitlupen-Big-Beat (Digital Cowboy), vor allem aber sind die stets etwas antiquierten elektronischen Klänge ein spannender Gegenpol zum Fundament aus Gitarre, Bass und Schlagzeug.
So wird Punkrocker zu einem weiteren Highlight und genau so tanzbar wie Automatic Lover. Bestes Stück ist Yours To Keep, gesungen von Paola, der Frau des Gitarristen. Ein unwiderstehlicher beinahe-Blondie-Popsong und natürlich eine Liebeserklärung. Teddybären sind ja schließlich Kuscheltiere.
Cool und modern, irgendwie also doch sehr schwedisch: Ein Remix von Yours To Keep:










