Hingehört: De La Soul – “Three Feet High And Rising”
| Künstler | De La Soul |
| Album | Three Feet High And Rising |
| Label | Tommy Boy Records |
| Erscheinungsjahr | 1989 |
| Bewertung | **** |
Diese Platte hat für den HipHop das getan, was Sgt. Pepper oder Blonde On Blonde für die Rockmusik getan haben: Sie alle haben die Sprache des Genres noch einmal neu erfunden.
Change In Speak heißt eines der Stücke auf Three Feet High And Rising ganz treffend, und es strotzt mit virtuosem Beat, punktgenauen Bläsern und fließenden Rhymes nur so vor Stil, Geschmack und Selbstvertrauen.
De La Soul prügeln auf diesem Album “die historische Entwicklung des HipHop mit einer unablässigen Salve unverblümter, unverfälschter, ungemein inspirierter Verrücktheiten zu Tode”, nannte das der NME. Für Q war das Album “auf Anhieb ein Meilenstein”. Der Rolling Stone erkannte: “Studenten-Spinner verulkten mit dialektischem Dadaismus den Separatismus der Straße. Sie begründeten damit die New School, das Neue Testament des HipHop, der damit zum Pop wurde.”
Wie revolutionär diese Platte 1989 klang, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. De La Soul nahmen den Rap zwar ernst, aber nicht dessen Mythen und Klischees. So waren sie “immer noch eine Spur abgedrehter als der Rest der HipHop-Welt” (Rolling Stone). Statt Klassenkampf riefen sie ein Daisy Age aus und bewiesen derlei Lust an der Innovation auch musikalisch: Schon die Auswahl der Samples (von französischen Sprachkursen über Johnny Cash bis hin zu Steely Dan im überdrehten Hit Me, Myself And I) macht staunen. In der Tat feiert die Platte den “Luxus, im eigenen Kopf zu Hause zu sein, zusammen mit ziemlich aufregenden Sound- und Ideenwelten” (Musikexpress).
Eine fiktive Game-Show bietet die Rahmenhandlung, die Hauptgewinne gibt es allerdings dazwischen. The Magic Number ist ebenso entspannt wie zwingend, Jenifa Taught Me ebenso albern wie groovy. Ghetto Thang nimmt Crack, Gangs und brennenden Mülltonnen auch die letzte Pseudo-Romantik, De La Orgee ist eine herrliche Karikatur.
Das famose Eye Know ist herrlich laid back und extrem eingängig, Tread Water geht noch schneller in die Beine, und als man es gerade schon für vollkommen durchgeknallt halten möchte, folgt Potholes In My Lawn und setzt dem ganzen mit einer Jodel-Einlage noch einen drauf. Auch wenn es mal verhältnismäßig straightforward bleibt, wie bei Say No Go, Plug Tunin’ oder Buddy (mit den Jungle Brothers und Q-Tip), zeigen die drei Plugs ihre Klasse. Es gibt kein anderes HipHop-Album, das durchweg ein so hohes Qualitäts-Level hält, nicht mal von den Beastie Boys.
Zum 20. Geburtstag von Tommy Boy gibt es die Platte übrigens in einer speziellen Ausgabe mit Bonus-CD. Die überzeugt mit zusätzlichem Material und gekonnten Remixes ebenfalls und bietet zudem einen höchst amüsanten Gastauftritt von Mack Daddy (Kriss Kross). In einem klasse Dialog mit dem Zwerg erklären die Riesen, warum sie so groß sind und nehmen auch dabei die Rolle ein, die ihnen der Rolling Stone zugesprochen hat: als “Nestbeschmutzer und Bewahrer des HipHop.”
Nicht nur die Samples sind irre: Der Clip zur Single Me, Myself And I:
Durchgelesen: Hermann Hesse – “Wanderung”
| Autor | Hermann Hesse |
| Titel | Wanderung |
| Verlag | Suhrkamp |
| Erscheinungsjahr | 1920 |
| Bewertung | ***1/2 |
Hesse auf dem Weg nach Italien. Natürlich sucht der Wanderer keine touristischen Attraktionen, sondern Heimat, immer wieder auch im Leitmotiv der Mutter. In kurzen Skizzen umreißt er trefflich das Hin- und Hergerissensein zwischen Lebensfreude und Trübsal.
Die eingestreute Lyrik variiert diese Themen und den ewigen Kreislauf der Dinge, den Hesse einerseits feiert, der ihn andererseits aber zur Rastlosigkeit verdammt. Am besten vereint wird diese Thematik in “Bewölkter Himmel”, klar leuchtend vor reiner Selbsterkenntnis.
Weitere Lesetipps: “Bergpass”, “Die Brücke”, “Kapelle”.
Durchgelesen: E.L. Doctorow – “Das Leben der Dichter”
| Autor | E. L. Doctorow |
| Titel | Das Leben der Dichter |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 1984 |
| Bewertung | *** |
Ein Band mit Erzählungen, meist aus der Kindheit und Jugend Doctorows, also aus den 1950er Jahren. Mitunter sind es nur Schnappschüsse (wie das später zum Roman erweiterte “Das Wasserwerk”), mitunter auch brutale Einblicke, als hätte jemand einfach wahllos ein paar Seiten aus der Biografie der Protagonisten herausgerissen.
Das kann faszinierend sein, wie der kleine Junge, der “Der Dichter in der Familie” ist, verstörend wie “Die ausländische Gesandtschaft” oder rührend und todtraurig wie “Willi” und das sprachlich famose “Der Jäger”.
In der Gegenwart, also (bei Erscheinen des Bandes) den 1980er Jahren spielt lediglich “Das Leben der Dichter”, die bei weitem umfangreichste und auch beste Erzählung des Buchs. Manchmal ein wenig zu selbstverliebt bietet Doctorow darin seinen Blick auf New York. Oder besser: Einen Blick auf sich selbst, bei dem New York als Spiegel dient, samt seiner intellektuellen Cliquen, Versuchungen und Abgründen. Quasi eine Art “Sex in the city” der 1980er. Bloß, dass der Erzähler hier ein Mann ist – und jenseits der 50.
Beste Stelle: “Für mein Leben wünsche ich mir jetzt, dass es schlicht ist, ohne Geheimnisse, ich möchte jedem gegenüber immer der sein, der ich wirklich bin. Ich möchte, dass die Person, die ich liebe, auch die Person ist, mit der ich das treibe, was zur Liebe gehört. Ich erlebe die Liebe, oder die Liebe zu ihr, als einen Zustand der Klarheit, der Ichwerdung. Wer ich bin und wer ich sein sollte, wird zu einem.”
Hingehört: Incubus – “A Crow Left Of The Murder”
| Künstler | Incubus |
| Album | A Crow Left Of The Murder |
| Label | Epic |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | *** |
Man ahnte schon beim Vorgänger Morning View, dass sich Incubus in der Nu-Rock-Schublade nicht so ganz wohl fühlen. Das Album brachte die Band um Frontman Brandon Boyd in eine neue Richtung, sorgte für mehr Vielfalt – und nach guten Verkäufen und einer erfolgreichen Welttournee offensichtlich auch für reichlich Selbstvertrauen.
Das hört man ihrer neuen Platte an. A Crow Left Of The Murder ist das bisher schlüssigste Werk des Quintetts. Es gibt zwar noch ein paar Längen und auch ein paar Missgriffe, doch die Experimente werden besser integriert und der rote Faden nie verloren: Incubus haben ihren Stil gefunden.
Zwar sind noch genug Spurenelemente ihres bisherigen Sounds enthalten, um die alten Fans nicht zu verprellen, wie im Refrain der Hit-Single Megalomaniac. Doch mit Nu-Rock hat A Crow Left Of The Murder nur noch am Rande zu tun. Die Vorbilder heißen eher Led Zeppelin als Linkin Park, und so präsentieren die Kalifornier fast schon klassizistische Rocksongs, mit denen sie die Red Hot Chili Peppers durchaus vom Thron als populärste aktuelle Rockband stoßen könnten. Sie klingen etwa in Zee Deveel oder im Titeltrack an, der mit dem hysterischen Gesang im Refrain ebenso auf Jimmy Eat World verweist.
Auch sonst glänzt Brandon Boyd wieder als mehr als kompetenter Rock-Sänger und fügt seiner Stimme sogar noch ein paar neue Facetten hinzu. Die tiefen Passagen, etwa im zupackenden Agoraphobia, lassen an Ed Kowalczyk von Live denken, auch an Pearl Jams Eddie Vedder. Das ohnehin schon wunderbare Talk Shows On Mute wird von diesen Vocals gekrönt.
Bei der Ballade Southern Girl, dem besten Stück des Albums, ruft er sogar Erinnerungen an Chris Cornell zu Soundgarden-Zeiten hervor. Wenn Incubus noch ein paar mehr Songs von dieser Güte hätten, könnten sie deren legitime Erben werden.
Wer noch nicht geahnt hatte, dass Bongos und Basecaps eine gefährliche Mischung sind, der weiß es jetzt: Megalomaniac, live bei Rock am Ring 2008:
Hingehört: The Electric Soft Parade – “The American Adventure”
| Künstler | Electric Soft Parade |
| Album | The American Adventure |
| Label | BMG |
| Erscheinungsjahr | 2004 |
| Bewertung | **** |
Geld haben sie genug. Mädels wohl auch. Ruhm finden sie spätestens seit der hinter ihnen liegenden Welttournee ein bisschen zu anstrengend und lächerlich. Alex und Tom White sind Überzeugungstäter. Die Brüder aus Brighton machen ihre Musik, weil sie nichts besseres zu tun haben und nichts anderes tun wollen. Diese Herangehensweise machte ihr Debütalbum Holes In The Wall vor gut zwei Jahren zu einem aufregenden Kaleidoskop aus famosen Rocksongs, runderneuertem Britpop und wehmütigen Grunge-Nachwehen. Mit ihrem neuen Werk setzen sich The Electric Soft Parade nun erst recht zwischen alle Stühle.
Die Songs auf The American Adventure sind zu gut fürs Radio, aber zu komplex für den Club. Selbst mitten in der Nacht wird man diese Stücke nicht über den Äther schicken. Selbst ein der Electric Soft Parade freundlich gesinnter DJ wird sich schwer tun, auf der Platte einen tanzbaren und massenkompatiblen Kracher zu finden, wie sie Holes In The Wall durchaus noch zu bieten hatte. Auf das hiesige Musikfernsehen wird man bei wenig extrovertierten Kerlen wie den White-Brüdern ebenfalls kaum hoffen dürfen.
Wo wird man sie also überhaupt zu hören kriegen, die Songs auf The American Adventure? Das kraftvolle Things I’ve Done Before wahrscheinlich im Auto von sympathischen Menschen, auf dem Weg zu einem Konzert, meinetwegen vom Teenage Fanclub oder den wieder vereinten Pulp. Merklich gezeichnete Ghettoblaster werden spätnachts auf Festivalzeltplätzen Bruxellisation erklingen lassen – und selbst die Batterien werden noch einmal alles aus sich herausholen, um dieses Zusammenspiel von Cello und Gitarre erleben zu dürfen.
An lauen Sommerabenden wird jemand beim Picknick im Park eine Gitarre hervornehmen und The Wrongest Thing In Town spielen, jemand anders wird mitsingen bei der Zeile “twenty-five and wide awake”. Beim Frühstück nach einer wilden Party wird Existing den Soundtrack bilden, und mit dem Refrain das erste Lächeln des Tages ins erschöpfte Gesicht zaubern. In schrecklichen Spelunken wird eine erstaunlich gut aussehende Band das fantastische Lose Yr Frown zum Soundcheck spielen.
Den Titelsong wird man eines Tages sogar auf dem Plattenteller des Schwiegervaters finden, der gerne herausfinden möchte, wie es wohl geklungen hätte, wenn The Who bei den Smile-Sessions von Brian Wilson mitgemacht hätten. Mit dessen Musik haben die Stücke auf The American Adventure nicht nur die Hingabe an die Melodie und den Willen zum Experiment, sondern auch die unerschöpfliche Wärme und Harmonie gemeinsam. Und so wird man das Album vielleicht selten zu hören kriegen, aber schnell ins Herz schließen. Und schwören, dass man sich stets die Zeit nehmen wird, “Electric Soft Parade” zu sagen. “E.S.P.” hieß schließlich das schlimmste Album der Bee Gees.
Klingt wie ein Soundcheck, und im Dunkeln gehen sie auch als gutaussehend durch: Lose Yr Frown live in Exeter:
The Electric Soft Parade bei MySpace.
Durchgelesen: Michel Faber – “Die Weltenwanderin”
| Autor | Michel Faber |
| Titel | Die Weltenwanderin |
| Verlag | KiWi |
| Erscheinungsjahr | 2000 |
| Bewertung | ***1/2 |
“Wenn Genforscher jemals versucht hätten, einen Schriftsteller zu erschaffen – Michel Faber wäre das Ergebnis”, hat “Booksellers” über den gebürtigen Holländer geschrieben, der in Australien aufwuchs und mittlerweile in Schottland lebt.
In der Tat beweist Faber in seinem ersten Roman eine ganze Fülle von Qualitäten: “Die Weltenwanderin” ist originell, spannend und unterhaltsam, aber bei weitem nicht bloß leichte Kost. Denn in der Geschichte von Isserley, die im schottischen Hochland männliche Anhalter aufsammelt und diese “Wotzel” nennt (mehr sollte man nicht verraten), steckt eine Fabel, die von wunderbarer Fantasie zeugt und die Schönheit der Welt feiert.
Das macht die nicht immer sehr appetitlichen Szenen auch in Zeiten des Kannibalen von Rotenburg oder der “Körperwelten” erträglich – und ist für die Moral, die Faber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit viel Witz und aus einer geschickt gewählten Perspektive vermittelt, sogar unerlässlich. Damit ist “Die Weltenwanderin” natürlich noch kein “‘Animal Farm’ für das neue Jahrtausend” (“The Face”), aber dennoch ungemein rührend und clever.
Beste Stelle: “Nachdem sie gewendet hatte, fuhr sie ein drittes Mal auf ihn zu. Er hatte lockiges, widerspenstiges rotes Haar und trug einen dicken Strickpullover aus Wolle in vielen verschiedenen Farben. Alle Wotzel mit dick gestrickten Pullovern, die Isserley bisher kennen gelernt hat, waren arbeitslos und führten das Leben eines Paria. Offenbar gab es da irgendeine Behörde, die sie zwang, derartige Kleidungsstücke zu tragen, vielleicht als ein Merkmal ihrer niedrigen gesellschaftlichen Stellung.”
Hingehört: Ryan Adams – “Love Is Hell, Part 1″
| Künstler | Ryan Adams |
| EP | Love is hell, part one |
| Label | Lost Highway |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | ***** |
Es ist kaum zu fassen. Derselbe Luke Lewis, der als Chef von Universal für Landplagen wie Shania Twain verantwortlich ist, war einst Initiator von Lost Highway. Und dieses Label erlaubt (nach zähem Ringen, wie man hört) seinem hyperproduktiven Aushängeschild Ryan Adams nun eine Veröffentlichungspolitik, die gemessen an den herkömmlichen Maßstäben des Geschäfts kommerziellem Selbstmord nahekommt. Kurz nach dem regulärem neuen Album Rock’N'Roll legt der Meister nämlich noch zwei EP’s mit dem schönen Titel Love Is Hell nach und lebt darauf seine andere Seite aus: die ruhigere, akustischere, rührendere. Mehr Blood On The Tracks als Highway 61.
Den Auftakt macht Political Scientists, von Beginn an verloren und verletzt, im Break eine kurze Eruption. Und dann, schon mit dem zweiten Song, hebt diese Platte völlig ab. “Look at this ocean / with everyone drowning / idiots screaming / and everyone sinking in slowly / we’re surrounded”, beginnt ein wie von Schmerz betäubter Adams in Afraid Not Scared. Das Schlagzeug ist bloß getupft, doch am Schluss sorgt eine Picking-Gitarre für reichlich Dramatik und Adams’ Stimme bohrt sich dazu ins Herz.
Zum Heulen schön ist auch This House Is Not For Sale, ein eindringliches Dokument der Hilflosigkeit, das unter der Oberfläche um sich schlägt, beißt und kratzt, nach außen aber seinen Trost in der Erinnnerung sucht. Dann der Titelsong, fast beschwingt, mit einer famosen Bridge und einem göttlichen Refrain: Love Is Hell. Was soll man machen, als Ryan Adams Recht geben, aus dem ganzen vernarbten Herzen mitgrölen, sich den Slogan auf ein T-Shirt drucken?
Als wäre das alles noch nicht genug, liefert Adams danach: eine Coverversion von Wonderwall, vollkommen unglamourös und dezent neu interpretiert. Keine Vorfreude mehr, kein Lobpreis des Moments wie bei Oasis. Stattdessen ist ihm das Fabelwesen längst entglitten, bloß noch eine im Nebel verschwindende letzte Hoffnung. Dann The Shadowlands, nur drei Akkorde und eigentlich bloß ein einziger, lyrischer Seufzer. World War 24, das auch ohne den cleveren Beat (samt Enjambements) schon eine Hölle von einem Song wäre. Avalanche, das um den Verlust weiß, um das schwarze Loch und die schmerzenden Souvenirs.
In Caterwaul, dem ersten von zwei Bonus-Tracks, verliert Adams anschließend völlig die Fassung, pfeift in der unerhörten Bridge und dem lärmenden Outro auch auf das Songgefüge. Heiser quält er sich den Gesang heraus, im Refrain stimmt Leona Naess mit ein, es tut weh, so schön klingt es. Schließlich Halloween, fast so etwas wie ein Hoffnungsschimmer. Gitarre und Piano umspielen sich heiter, Strokes-Drummer Fab Moretti schlägt einen ausgelassenen Rhythmus. Dazu Bilder, die sich einbrennen – nicht bloß ins Gedächtnis, sondern direkt ins Herz. She is dancing but not singing / is it, maybe, that she doesn’t know the words?
Mein Gott, wieviel Schmerz und Seele, wieviel Leben und Trost steckt in diesen Songs! Unendlich mehr als noch auf Rock’N'Roll. Und ein Universum mehr als bei Shania.
Als Video gibt es natürlich die Coverversion von Wonderwall:
Hingehört: Ryan Adams – “Rock’N'Roll”
| Künstler | Ryan Adams |
| Album | Rock’N'Roll |
| Label | Lost Highway |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | **1/2 |
“Let me sing a song for you that’s never been sung before” heißt die erste Zeile. Dieser Auftakt ist eine dreiste Lüge. Songs wie diese wurden schon tausendfach gesungen. Es ist einfach Rockmusik (zumindest der Albumtitel ist also nicht irreführend), und Rock’N'Roll könnte genauso gut die neue Platte von Springsteen, Mellencamp oder Petty sein. Ryan Adams betätigt sich also wieder einmal als Klassizist.
Im Gegensatz zu seinen beiden ersten Soloalben setzt er dabei aber diesmal fast ausschließlich auf Uptempo-Nummern. Das kann etwas lärmen, wie im Neil-Young-Tribut Note To Self: Don’t Die, verstohlen Richtung Radio schielen wie das urwüchsige Shallow oder sogar einen Touch von Muckertum bekommen, wie im programmatisch betitelten 1974.
Das Problem wird sehr schnell deutlich: Man staunt, was der Adams alles draufhat, wie er sich mit erstaunlicher Kompetenz und Souveränität den Gin Blossoms und Aerosmith annähern kann. Doch man fragt sich: Wieso will er uns das beweisen? Warum hat er diese Songs aufgenommen?
Eine Antwort darauf ist nicht leicht zu finden, auch nicht in den Texten. Nicht selten klingt die Platte wie die Erfüllung einer Hausaufgabe, die da lautete: Mach doch mal ein typisches Rock’N'Roll-Album. Die Aufgabe ist gut gelöst, keine Frage, handwerklich sind das meist klasse Stücke. Doch es fehlt das, was Ryan Adams bisher eigentlich stets im Überfluss verschüttet hat: Herzblut. Wollte man bösartig sein, müsste man feststellen: Noch nie war er so nahe an dem Mann mit dem B im Namen.
Freilich gibt es auch Ausnahmen. Wish You Were Here drosselt zu Beginn Tempo und hätte sich auch auf Gold nicht verstecken brauchen. Der Rausschmeißer Hypnotixed steckt voller Energie und Inbrunst.
Und dann sind da noch ein paar Songs, die erstaunliche Assoziationen wecken, nämlich an die besseren Bands der 1980er Jahre. Die feine Single So Alive erinnert an The Cure. Das herrlich larmoyante Anybody Wanna Take Me Home gemahnt mit kokettierendem Gesang und eigentümlichem Gitarrensound an die Smiths. Burning Photographs könnte einem der düstereren Momente von Crowded House entsprungen sein.
Schließlich der Titelsong. Rock’N'Roll (ausgerechnet) beschränkt sich auf Piano, Gesang und ein schmerzhaftes Telefonat und bringt die einzigen Strahlen von Seele in das Album. Den Rest davon hat sich Ryan Adams offensichtlich für die Love Is Hell-EPs aufgespart.
Eines der Highlights: Das Video zur Single So Alive:
Durchgelesen: Fjodor M. Dostojewski – “Die Brüder Karamasow”
| Autor | Fjodor M. Dostojewksi |
| Titel | Die Brüder Karamasow |
| Verlag | Komet |
| Erscheinungsjahr | 1880 |
| Bewertung | ***** |
Für Sigmund Freud ist dies “der großartigste Roman, der je geschrieben wurde” und in der Tat ist “Die Brüder Karamasow” ein famoses, begeisterndes Buch. Dostojewski bringt hier die Stärken, die er auch im “Idiot” und “Jüngling” zeigt, zur Vollendung.
Doch diesmal ist die Geschichte nicht bloß interessant oder faszinierend, sondern in der Tat spannend. Die Szenen sind viel lebendiger und so oft voller Rührung, dass man ganz schnell in die komplexe Struktur der Handlung hineinfindet.
Die erste Hälfte ist dabei eigentlich nichts anderes als eine kluge, kompetente und sogar kurzweilige Abhandlung über Religion. Es fasziniert, wie Dostojewski dabei in die Rolle des frommen Mönchs, des zerrissenen Zweiflers und des verbitterten Nihilisten schlüpft, und alle drei Positionen mit Vehemenz und Glaubwürdigkeit vertritt.
Dann wird das Buch plötzlich zu einem Kriminalroman, einer beeindruckenden Milieustudie und, nunja: einem Justiz-Thriller, in dessen Kern natürlich ebenfalls die Frage nach der Moral steht – und die Sorge für das Mütterchen Russland. Nirgends hat Dostojewski die Russen so gut erkannt wie hier. Sie sind Idealisten, haben die höchsten Ansichten von Moral, Ehrlichkeit und Mitgefühl. Doch sie werden durchtrieben, gierig und heuchlerisch, weil sie auch unendlich stolz sind – und deshalb keine Diskrepanz zwischen Sollen und Sein ertragen können.
Die beste Stelle ist der vor Witz, Weisheit und Süffisanz strotzende Dialog zwischen Iwan Karamasow und dem Teufel. Der Teufel, von dem Iwan weiß, dass er bloß eine Halluzination ist, erzählt dabei: “Ich bin arm, aber … ich will nicht gerade sagen sehr ehrenhaft, aber … in der Gesellschaft gilt es als ein Axiom, dass ich ein gefallener Engel sei. Bei Gott, ich kann mir das nicht vorstellen, wie ich jemals ein Engel habe sein können. Wenn ich es jemals gewesen bin, so ist es so lange her, dass es keine Sünde ist, es vergessen zu haben. Jetzt halte ich nur auf den Ruf eines anständigen Menschen, und ich lebe, wie es kommt, indem ich mich bemühe, anständig zu sein. Ich liebe die Menschen aufrichtig – o, in vieler Hinsicht hat man mich verleumdet! Hier, wenn ich zuzeiten zu euch übersiedle, fließt mein Leben dahin in der Art, als wäre es in der Tat etwas. Das gefällt mir am meisten. Denn ich selbst, wie auch du, leide an Phantasmen, und daher liebe ich euren irdischen Realismus. Da ist bei euch alles vorgezeichnet, da gibt es Formeln, da gibt es Geometrie. Bei uns aber ist das alles wie unbestimmte Gleichungen! Hier gehe ich einher und sinne. Ich liebe das Sinnen. Dazu werde ich auf Erden abergläubisch, – lache nicht, ich bitte dich. Gerade das gefällt mir, dass ich abergläubisch werde. Ich nehme hier alle eure Gewohnheiten an: ich habe Gefallen daran gefunden, in die öffentlich Badestube zu gehen, kannst du dir das vorstellen? Ich liebe es, mit Kaufleuten und mit Popen Schwitzbäder zu nehmen! Mein Lieblingswunsch aber ist, – mich zu verkörpern, und zwar, damit es endgültig und unabänderlich sei, in irgendeine dicke dritthalbzentnerschwere Kaufmannsfrau, und an alles zu glauben, woran sie glaubt. Mein Ideal ist, – in die Kirche zu gehen und dort aus Herzensgrunde ein Licht anzuzünden. Bei Gott, so ist es. Dann haben meine Leiden ein Ende.”
Hingehört: Dover – “The Flame”
| Künstler | Dover |
| Album | The Flame |
| Label | Capitol |
| Erscheinungsjahr | 2003 |
| Bewertung | *** |
Heroismus war bisher eigentlich Männersache. Die Rettung des Rock galt als Aufgabe des starken Geschlechts. Damit ist Christina Llanos ganz und gar nicht einverstanden. Rock’n'Roll sei ihre wahre Leidenschaft, vielleicht sogar das Einzige, wofür es sich zu sterben lohne, sagt die Sängerin von Dover.
Zwar hat der Rock derlei Märtyrer momentan Gott sei Dank gar nicht nötig. Doch wenn man hört, wie Christina Llanos (nicht nur) Die For Rock’N'Roll singt, glaubt man ihr sofort, dass sie sich für ihre Musik in jeden Abgrund, jedes Flammenmeer und mit Sicherheit in jede Kneipenschlägerei stürzen würde.
The Flame heißt das neue Album der vier Spanier, und der Titel hätte kaum treffender sein können. Denn Dover brennen. Sie legen stets all ihre Kraft und Leidenschaft in einen Song, sparen sich nichts auf, sind nach jedem einzelnen Stück mit Sicherheit verschwitzt und außer Atem.
Solcher Einsatz ist freilich noch kein Erfolgsgarant und sollte – wie im Fußball – eigentlich selbstverständlich sein. Dazu muss – wie im Fußball – der Spielwitz kommen, die Kondition, auch die Abgeklärtheit. Dover lassen es auch daran nicht fehlen. Die Stimme von Christina Llanos deckt die ganze Bandbreit von No Doubt bis Sleater Kinney ab, und innerhalb dieser Koordinaten bewegt sich auch die Musik.
Der Titelsong geht zu Beginn ordentlich in die Beine, Honest hat eine famose Dramaturgie, All My Money ist klasse komponiert. Überhaupt findet sich auf The Flame kein einziger schlechter Song. Was allerdings fehlt, ist ein bisschen Originalität und Glamour, was vor allem an der biederen Produktion von Rick Will liegt. Die Platte klingt nicht neu (also, in Zeiten wie diesen: nicht alt) genug, um wirklich aufregend zu sein.
So haben Dover mit diesem Album den Rock zwar nicht gerettet, aber immerhin gebührend gefeiert. Insofern könnte Christina Llanos fast als der weibliche Frank Black durchgehen. Nur dass der nicht über seine Figurprobleme singt.
Der Clip zu Honest wirft die Frage auf, ob es in Spanien keine Friseure gibt:










