Hingehört: Funny van Dannen – “Trotzdem Danke”

Juli 29, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Funny van Dannen grantelt, von sozialkritisch bis banal.

Künstler Funny van Dannen
Album Trotzdem Danke
Label JKP
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung **1/2

Funny van Dannen ist natürlich nur ein Künstlername für den Mann, den Charlotte Roche einmal “Deutschlands größten Songwriter” genannt hat. In Wirklichkeit heißt der 49-Jährige Franz-Josef Dajka-Hagmanns. Das ist freilich noch lustiger als sein Synonym. Und es zeigt: Das wahre Leben hält oft die größten Absurditäten parat.

Eine Einsicht, um die auch Funny van Dannen weiß, der für die Toten Hosen etwa die Hits Bayern und Walkampf geschrieben hat. Und so tummelt sich auch auf seinem zehnten Album Trotzdem Danke wieder Sozialkritisches und Banales. Poduziert hat diesmal sein Sohn, ein Hip-Hop-Fan. Doch am Sound hat sich nichts verändert: Meist gibt es Funny zur Gitarre, sonst nichts.

Auch die Sicht, mit der er auf die Welt blickt, ist die immergleiche. Funny van Dannen ist ein Grantler. Unzufrieden mit der Welt, enttäuscht vom System – dabei dem Treiben und den Menschen um sich herum doch stets liebe- und respektvoll begegnend. Die Globalisierung (das clevere Tanja Schmidt), der Terrorimus (das irre Dickes Ticket) und der allgemeine Sittenverfall (die potenzielle Hymne Integrieren) werden so hübsch aufs Korn genommen.

Am besten kann er aber noch immer Liebeslieder: Angenommen ich wäre die Gesellschaft ist ein Volltreffer, Schornsteinfeger zum Heulen traurigschön.

Natürlich findet man einige der 24 Songs beim vierten Hören nicht mehr ganz so lustig. Die Platte ist auch wieder ein Stück zu lang, und einiges (Zubehör für Whirlpools) ist bloß komplett gaga. Doch für einen netten Abend reicht es. Und die Enttäuschten dieses Landes werden wieder in Scharen Trost in diesen Liedern suchen. Ihnen geht es wie Funny van Dannen, der einmal von sich sagte: “Ich bin Optimist. Aus Verzweiflung vielleicht.” In diesem Sinne: Trotzdem, danke!

Auch hier: Nur Funny und die Gitarre, Angenommen ich wäre die Gesellschaft live:

Funny van Dannen bei MySpace.

Skandalöse Zahlen

Juli 26, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Vor der Erholung im Urlaub kommt der Stress auf der Autobahn. Jahr für Jahr bewahrheitet sich diese Regel und stellt die Nerven der Autofahrer auf eine harte Probe. Allein im vergangenen Jahr summierten sich die Staus in Deutschland während der Ferienzeit laut ADAC auf eine Länge von 13.850 Kilometer – das entspricht einer Blechkarawane von Paris bis Peking.

Doch Staus bedeuten nicht nur Ärger für die, die drin stecken und ein erhöhtes Unfallrisiko für die, die sich nähern. Staus verursachen auch volkswirtschaftliche Schäden in elfstelliger Höhe, wie nun die EU-Kommission ermittelt hat. Zudem sind sie für große Umweltschäden verantwortlich: Bei Stop-and-Go verbrauchen einige Autos bis zu 40 Mal so viel wie im fließenden Verkehr. Doch trotz solch skandalöser Zahlen hat die Politik noch immer keine Antwort auf die Frage, wie sich Staus vermeiden oder zumindest reduzieren lassen.

Vielleicht hofft mancher Verkehrsminister darauf, dass sich das Problem von selbst löst: Der Verband der Autohändler hat gestern mitgeteilt, dass in Deutschland künftig wohl pro Jahr eine halbe Million Autos weniger verkauft werden als zuletzt, weil die jungen Leute fehlen, die sich einen Wagen anschaffen.

Doch allein darauf zu setzen, wäre fahrlässig. Denn viele Staus entstehen nicht durch zu hohes Verkehrsaufkommen, sondern durch schlechtes Verkehrsmanagement. Baumaßnahmen werden zu Unzeiten umgesetzt, Tempolimits anscheinend willkürlich festgelegt und jede dritte Stauwarnung im Radio erweist sich als falsch. Kein Wunder, dass der Verkehr dann nicht nur nach Unfällen, sondern auch regelmäßig zu Stoßzeiten und an Knotenpunkten zusammenbricht.

Dazu kommt das immer weiter wachsende Lkw-Aufkommen. Trotz aller lobenswerten Anstrengungen, den Transport auf die Schiene zu verlagern: Bis zum Jahr 2050 soll der sowieso schon viel zu umfangreiche Güterverkehr auf der Straße noch einmal um 50 Prozent zunehmen.

Warum die Bundesregierung angesichts dieser Situation nicht verstärkt auf Verkehrsleitsysteme setzen will, ist ein Rätsel. Die elektronischen Helfer, die bei Bedarf den Standstreifen als Fahrspur freigeben, Geschwindigkeitsbeschränkungen dem Verkehrsfluss anpassen oder zeitweilige Überholverbote für Lkw erlassen, haben sich bewährt. Gegen einen flächendeckenden Einsatz können aus Sicht der Politik eigentlich nur Kostengründe sprechen.

Doch das ist ein fadenscheiniges Argument. Unzählige Kilometer Autobahn, von denen jeder allein im Bau den Steuerzahler bis zu 12 Millionen Euro kostet, wurden in den vergangenen Jahren vor allem im Osten als Pseudo-Konjunkturprogramm gebaut. Statt Asphalt in die Landschaft zu schütten, wo keiner ihn braucht, wäre es sinnvoller, das Geld dort zu investieren, wo viele Menschen unterwegs sind.

Durchgelesen: Sandro Veronesi – “Bingo!”

Juli 21, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · Comment 

Spezielle Themen und spezielle Blickwinkel: "Bingo".

Autor Sandro Veronesi
Titel Bingo!
Verlag Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ***

Ein Lehrstück fürs Reportageschreiben ist dies nicht. Dafür sind die Themen zu speziell, dafür ist der Blickwinkel zu individuell und die Schreibe ein wenig zu eitel. Doch amüsant gerät diese Sammlung von Zeitungsbeiträgen Sandro Veronesis allemal.

Gekonnt und treffsicher beschreibt er die Eigentümlichkeiten Italiens, die nicht immer zu verstehen sind, die aber den Charakter des Landes klar hervortreten lassen.

Am stärksten ist Veronesi, wenn er Klischees bedient, die er aber nicht nur selbst als Klischees erkennt, sondern deren wahren Kern er auch treffend offen legt wie in “Hundert kleine Tottis”. Oder wenn er, noch so ein Klischee, in einem historischen Moment seiner ganzen südländischen Emotionalität und seinem Gockelstolz freien Lauf lässt und das Ergebnis so stark ist wie “Bomben”.

Beste Stelle: “Auch die zeitgenössische Kunst sollte ernst genommen werden. Es ist sogar vorteilhaft, dies zu tun, denn wenn man sie wirklich ernst nimmt, wird alles zur Kunst.”

Schamlos und verlogen

Juli 19, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Im Zweifel soll man bekanntlich für den Angeklagten entscheiden. Einen Generalverdacht darf es ebenso wenig geben wie eine Sippenhaft. Doch der Profi-Radsport ist gerade dabei, diese juristischen Grundsätze vergessen zu machen. Egal, welche Anstrengungen die Teams und Verbände in den vergangenen Wochen unternommen haben, um ihre Sportart sauber zu machen (oder sie zumindest sauber erscheinen zu lassen) – die positive A-Probe bei Patrik Sinkewitz macht alles zunichte. Sollte sich der Dopingbefund erhärten, wäre dies vermutlich der Sargnagel nicht nur für die Karriere des 26-jährigen Pilgerzellers, sondern auch für die Radsportbegeisterung in Deutschland.

Mitleid ist dabei nicht angebracht. Nicht mit Sinkewitz, dem klar war, welche Konsequenzen ihm drohen, wenn er dopt und dabei erwischt wird. Auch nicht mit den Teams. Sie wussten genau, dass sie während der Tour de France mit Argusaugen beobachtet werden. Doch statt die Chance zu einem Neuanfang zu nutzen, gab es nur Lippenbekenntnisse. Wäre es den Rennställen wirklich Ernst, würden sie ihre Fahrer selbst testen. Doch das passiert nicht einmal beim T-Mobile-Team, dem selbst ernannten Vorreiter für einen sauberen Radsport. Betrug wird vielleicht nicht mehr propagiert, aber offensichtlich weiterhin in Kauf genommen.

Dass es ausgerechnet Sinkewitz getroffen hat, der einer jüngeren, scheinbar weniger belasteten Fahrer-Generation angehört, und ausgerechnet das T-Mobile-Team, das am energischsten aufräumen wollte, zeigt, wie tief der Sumpf in der Szene ist. Ermittlungsbehörden kommen erst nach und nach dahinter, wer wen betrügt, wer dahinter steckt und wer profitiert.

Dass Dopingtäter ihre Geständnisse medial inszenieren und dafür auch noch zu Rettern ihrer Sportart stilisiert werden wollen, führt vor Augen, wie durch und durch verlogen das Geschäft ist. Sollte die B-Probe das Doping bei Sinkewitz bestätigen, muss sich auch der Pilgerzeller diesen Vorwurf gefallen lassen. Anfang Juni in den Pyrenäen mit einem sechsfach zu hohem Testosteron-Wert unterwegs zu sein und knapp vier Wochen später in einem Interview zu erzählen, man halte nichts von Doping: Das ist schamlos.

Dass ARD und ZDF sofort aus der Live-Berichterstattung ausgestiegen sind, ist lobenswert konsequent. Schließlich haben die Enthüllungen der vergangenen Wochen auch das klar gemacht: Die stattlichen Gehälter der Rad-Idole, die ihre Höchstleistungen nur durch verbotene Stimulanzen erzielt haben, wurden jahrelang auch mit GEZ-Gebührengeldern finanziert. Das nicht mehr mitzumachen, sollten nicht nur die Sender, sondern auch die Zuschauer als selbstverständlich empfinden. Auch die Telekom, zu einem Drittel noch immer ein Staatsunternehmen, muss sich fragen, ob sie Sportkriminalität weiterhin sponsern will – zum Teil aus Steuergeldern.

Natürlich ist Sinkewitz kein Einzelfall. Natürlich wird auch in anderen Sportarten gedopt. Doch gerade deshalb sollte es keine mildernden Umstände geben. Denn es war schließlich der Sport, der die Idee der Fairness in der Welt verbreitet hat. Auch heute macht dieser Gedanke noch einen großen Teil seiner Faszination aus. Jeder Fan – auch jeder Anhänger von Sinkewitz – sollte sich das klar machen. Wer schon von den alltäglichen Tricksereien in Politik und Wirtschaft genug hat, der will nicht auch noch im Sport betrogen werden.

Durchgelesen: Thomas Mann – “Der Zauberberg”

Juli 18, 2007 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 

"Der Zauberberg" ist ein grandioses Spiel mit der Zeit. Und noch mehr.

Autor Thomas Mann
Titel Der Zauberberg
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 1924
Bewertung *****

Würde man jemandem erzählen wollen, worum es im “Zauberberg” geht, würde die Antwort wahrscheinlich ziemlich langweilig klingen. Ein junger Mann will einen Verwandten in einem Sanatorium in den Schweizer Alpen besuchen und bleibt dann sieben Jahre lang da.

Doch die Stärke dieses Romans ist es gerade, dass hier nicht gehandelt wird, sondern gedacht, beobachtet – und verstanden. Und was macht Thomas Mann aus seinem scheinbar schlichten Plot! Im “Zauberberg” wird das Spiel mit der Erzählzeit zum Spiel mit der erzählten Zeit, es führt zu ebenso selbstverständlichen wie tiefgründigen Betrachtungen über den Lauf und Kern der Dinge.

Hans Castorps famose Vision im Schneesturm ist so ein Fall. “Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie. Vornehmer als der Tod, zu vornehm für diesen, – das ist die Freiehit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben, zu vornehm für dieses, – das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen.”

Dabei ist das Ganze in einem famosen Tonfall gehalten, der auf beinahe paradoxe Weise funktioniert: Selbst die banalsten Dinge werden so umständlich beschrieben, dass die Erzählung etwas wunderbar Leichtes bekommt. Settembrini und Naphta sind zwar etwas schwatzhaft und werden als Figuren womöglich nur eingeführt, um die philosophischen Diskurse und die politische Dialektik des Autors unterzubringen. Aber wie meisterhaft werden diese Antipoden eingeführt! Was für Gedanken äußern sie! Und wie genial sind sie schließlich mit Hans Castorps Werdegang verknüpft!

Die wechselseitige Verbindung und Beeinflussung ist am Ende so stark, dass das Duo auf einmal doch ganz natürlich in die Handlung zu passen scheint, zu einem elementaren Bestandteil von ihr wird.

Es ist diese perfekte Symbiose von Inhalt und Form, die den “Zauberberg” so grandios macht. Und es ist die Pointe, auf die der Autor hinarbeitet. All die Gedanken um Leben und Tod, um Zeit und Welt, die auch für sich bedeutsam genug wären, gewinnen dadurch noch eine ganz neue, erschütternde Dimension. Sagenhafte 980 Seiten sind nur das Vorspiel, führen hin zu einem einzigen Moment. Nach dem nichts mehr war wie zuvor.

Beste Stelle: “Was aber sei denn der Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und damit sei er auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, was die Idee des Menschen besudele und entwürdige. Man habe ihm eine übertriebene Schätzung der Form zum Vorwurf gemacht; aber auch die schöne Form pflege er lediglich um der Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze zum Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und Aberglauben, sondern auch in schimpflicher Formlosigkeit versunken gewesen sei, und von allem Anbeginn an habe er die Sache des Menschen, die irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit und Lebensfreude verfochten und dafür gehalten, dass der Himmel billig den Spatzen zu überlassen sei.”

Hingehört: Ash – “Twilight Of The Innocents”

Juli 13, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Auch ohne Charlotte liefern Ash wieder grandiosen Powerpop.

Künstler Ash
Album Twilight Of The Innocents
Label Infectious
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Wenn der Lehrer dem Klassenzimmer den Rücken kehrt, flippen die Schüler aus. Wenn der Trainer kurz mal nicht hinguckt, macht kein Mensch mehr die albernen Aufwärmübungen. Und wenn Angela Merkel die Kabinettsrunde verlässt, atmet der eine oder andere Minister sicherlich hörbar auf.

Bei Ash ist dieses Phänomen nicht zu beobachten. Die bezaubernde Charlotte Hatherley hat die Band verlassen – doch wer erwartet hätte, dass die drei Jungs, die nun wieder unter sich sind, in der Folge kräftig auf die Pauke hauen, der sieht sich getäuscht. Stattdessen liefern die Nordiren auf ihrem fünften Album Twilight Of The Innocents wieder das, wofür man sie schätzt: famosen Powerpop, der die Härte von Thin Lizzy mit der Raffinesse von Abba unter einen Hut bringt.

Der einzige Unterschied zu früher: Ash sind plötzlich entspannt geworden. Vielleicht muss Bandleader Tim Wheeler – jetzt, wo das Mädchen weg ist – niemandem mehr etwas beweisen. Deshalb gibt es keine DJ-Einlagen mehr wie auf Nu-Clear Sounds, keine Schau-Mal-Wie-Hart-Ich-Rocken-Kann-Passagen wie auf dem Vorgänger Meltdown und keine todsicheren Hits wie auf dem grandiosen Free All Angels.

Erstmals im eigenen Studio und ohne Produzent besinnt sich das Trio bei diesem Album auf seine Stärken. “Auf diese Weise konnten wir es uns erlauben, mehr Risiken einzugehen und mehr zu experimentieren. Deshalb klingt das Album jetzt genau so, wie wir es haben wollten”, sagt Drummer Rick McMurray. Das bedeutet: ebenso frisch wie souverän.

Blacklisted ist eines der Lieder, bei denen man sich fragt, wie man bisher überhaupt ohne sie leben konnte. I Started A Fire und You Can’t Have It All sind euphorisierend und mitreißend, End Of The World und Shadows haben diese großen kleinen Melodien, wie sie außer Wheeler nicht sehr viele Songwriter hinbekommen. Für den Gitarrensound im Intro von Ritual hätten Duran Duran wohl ihren Schminktisch hergegeben, der grandiose Titelsong lehrt Muse, wie man gekonnte Theatralik mit unbändigem Optimismus verbinden kann.

Der Höhepunkt ist jedoch Polaris. Um ein paar Piano-Töne herum gebaut, wird das Lied immer schöner, himmlischer, erhebender. Es gibt nicht viele Bands, die nach fünf Alben noch so viel Schwung und so gute Ideen haben.

Wenn man sieht, wie gut Blacklisted schon beim Soundcheck klingt, bekommt man einen Eindruck vom Talent dieser Band:

Ash bei MySpace.

Hingehört: Art Brut – “It’s A Bit Complicated”

Juli 13, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 

"It's A Bit Complicated" wimmelt von charmanten Zweizeilern.

Künstler Art Brut
Album It’s A Bit Complicated
Label Fierce Panda
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Wenn man Eddie Argos in diesen Tagen auf einer Festival-Bühne sieht, beispielsweise beim Southside, dann wird zweierlei klar. Zum einen: Niemand sonst kann die Kombination aus Strickjacke und geborenem Popstar zu solcher Harmonie führen wie der Sänger von Art Brut. Zum anderen: Beim Blick ins Publikum wundert er sich heimlich noch immer selbst, warum er ausgerechnet hier in Deutschland eine große Nummer ist, während Art Brut daheim in England noch immer bloß eine von vielen leidlich bekannten Indie-Bands sind.

Es könnte an der Vorliebe deutscher Studentinnen für enorm behaarte Oberkörper liegen. Wahrscheinlicher ist jedoch ein anderer Grund: In Großbritannien hat man seit gut zehn Jahren (damals trat Paragraf 4 des Oasis-Gesetzbuchs zur Erlangung der Weltherrschaft in Kraft) ein Problem mit Bands, die sich nicht mindestens als das geilste Ding betrachten, seit Moses das Meer geteilt hat. Wer sich – wie Art Brut – selbst nicht allzu ernst nimmt, ist erst einmal suspekt. In Deutschland hingegen ist man spätestens seit NDW oder den Ärzten gewohnt, dass Rockmusik auch mit einem breiten Grinsen daherkommen kann. Und nicht zuletzt hat man hierzulande wohl einfach ein bisschen schneller entdeckt, dass Art Brut eine großartige Band sind.

Auch ihr zweites Album It’s A Bit Complicated macht das klar. Eddie Argos feuert tolle Zweizeiler noch immer mit einer sagenhaften Frequenz und Präzision heraus. “Life is what you make it / and I made mine a mess”, ist so ein Fall. Und noch besser: “People in love lie around and get fat / I didn’t want us to end up like that.” Dazu kommt eine wunderbare Verspieltheit. Das fängt beim Cover an, das aussieht, als sei es in einer langweiligen Biologie-Stunde entstanden. Und das kommt vor allem in einer unbändigen Liebe zum Pop zum Ausdruck. Pop nicht nur als Sound und Herangehensweise, sondern auch als Thema, als way of life. Alles dreht sich um Mixtapes und Kopfhörer, um das Auswendiglernen von Songtexten und die richtigen Verweise – ein Fest.

Die Musik klingt noch immer, als würden Franz Ferdinand im Zimmer nebenan die Songs von Thin Lizzy proben. Doch das ganze wird mit so viel Charme und Feuer dargeboten, dass daraus auch ganz ohne Melodie Hits werden wie, ähm, Direct Hit oder das grandiose People In Love.

Die Höhepunkte sind Post Soothing Out (in dem ein angedeuteter HipHop-Beat mit einer faszinierenden Gitarrenfigur kämpft) und die superbe Single Nag Nag Nag Nag. Und das unsagbar charmante St. Pauli. Er habe seine Deutschkenntnisse nur von einer 7″-Platte, entschuldigt sich Eddie Argos für den holprigen Refrain “Punkrock ist nicht tot.” Es gibt ein tolles Wort dafür, aber blöderweise nur auf Englisch: hillarious.

Das offizielle Video zum Direct Hit:

Art Brut auf MySpace.

Die Höhle des Löwen

Juli 13, 2007 · Posted in Artikel, Weltgeschehen · 1 Comment 
Für Oldtimer-Fans ist das Peugeot-Museum eine Fundgrube.

Für Oldtimer-Fans ist das Peugeot-Museum eine Fundgrube.

Seltsame Brüder müssen das gewesen sein. Vor fast zweihundert Jahren, als Napoleon gerade auf dem Weg nach Russland war, träumten sie hier schon von der Großindustrie. Mitten in einer Landschaft, die reichlich Wald zu bieten hatte und viel Wasser, aber wenig Rohstoffe und nur einen Hauch von Infrastruktur. Und dennoch hatten Jean-Frédéric und Jean-Pierre Peugeot die Vision, dass hier, in der Gegend, in der sie aufgewachsen sind, einmal Fließbänder rotieren und Stahlpressen lärmen würden. Mehr noch: Sie scheinen wohl sogar vor sich gesehen zu haben, dass man dem Werk, das sie begonnen haben, einmal ein Denkmal errichten würde.

Im Juli 1988 ist das tatsächlich geschehen. Die Gebrüder haben davon zwar nichts mehr mitbekommen. Doch das damals eingeweihte Musée de l’Aventure Peugeot zeugt trotzdem vom Stolz des zweitältesten Autoherstellers der Welt. Die Höhle des Löwen, die jedes Jahr etwa 90.000 Besucher anzieht, hat reichlich Faszinierendes zu bieten. Mehr als 200 Fahrzeuge aus drei Jahrhunderten gibt es auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern vor den Toren der Fabrik in Sochaux zu bestaunen.

Am meisten beeindruckt dabei nicht der mehr als 600 PS starke Formel-1-Bolide oder der historische Feuerwehrwagen. Am meisten beeindruckt die Summe des Ganzen, genauer gesagt: die Vollständigkeit. Denn von Anfang an, seit Jean-Frédéric und Jean-Pierre Peugeot aus ihrer Kornmühle ein Stahlwerk machten, sammelten sie alles, was sie herstellten. Von jedem Produkt wurde ein Exemplar aufgehoben, für die Nachwelt. Und das ist bis heute so.

Es sind gerade die Kleinigkeiten aus der Anfangszeit wie Nägel, Stahlfedern und Sägeblätter, die am deutlichsten vor Augen führen, wie größenwahnsinnig die Idee in den Augen der Zeitgenossen gewirkt haben muss, als die Gebrüder zu Beginn mit der neuen Technik zu kämpfen hatten. Vielleicht mischten sich Jean-Frédéric und Jean-Pierre auch deshalb regelmäßig selbst unter die Arbeiter und machten sich höchstpersönlich die Finger schmutzig – auch dann noch, als sie schon längst wohlhabende Fabrikbesitzer waren.

Denn ihre Produkte wurden schnell zum Erfolg und zudem immer ausgereifter. Bügeleisen kamen hinzu und Metallringe, die dem Saum der Röcke den damals modischen Umfang verliehen. Und wenig später Pfeffer- und Kaffeemühlen, die man von Hand betreiben konnte – und die noch heute zu den Exportschlagern aus dem Hause Peugeot zählen.

Kaffeemühlen zählten zu den ersten Verkaufsschlagern aus dem Hause Peugeot.

Kaffeemühlen zählten zu den ersten Verkaufsschlagern aus dem Hause Peugeot.

In dieser Zeit wurde auch der Löwe zum Wappentier. Er sollte die Stärke und Qualität des Stahls aus der Grafschaft Montbéliard symbolisieren. Auch ein Elefant hatte zwischenzeitlich diese Funktion gehabt, selbst mit einem Stern schmückte sich die Firma eine Weile lang. Doch der Löwe setzte sich durch. Seit 1858 ist er ein eingetragenes Warenzeichen.

Dass er später auch als Kühlerfigur zu Ehren kam, liegt an einem anderen Träumer der Familie. Ende des 19. Jahrhunderts erschien die Idee, ein Auto zu bauen, nicht weniger verrückt als die Pläne der Firmengründer. Armand Peugeot war es, der aus dieser Vision Wirklichkeit machte. Weil das Geschäft mit den Kaffeemühlen und mittlerweile auch Fahrrädern so gut lief und sichere Erträge brachte, hatte er Mühe, seine Pläne durchzusetzen. Doch die Faszination Automobil hatte Armand Peugeot, der in England studiert hatte, längst gepackt. In seinem Bruder Eugène fand er einen nicht minder begeisterten Mitstreiter.

1890 kam das erste Peugeot-Automobil auf den Markt, damals noch mit einem Motor von Daimler-Benz. Ein Jahr später begann die Serienherstellung. “Aus heutiger Sicht mag das gewagt wirken. Aber es war keine Familie von Träumern. Die Peugeots waren immer auch knallharte Geschäftsleute”, sagt Heinzrudolf Oberhauser, der seit der Gründung 1988 im Museum für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Vorher hatte er in Sochaux an der Entwicklung des Geländewagens P4 mitgearbeitet. Seit 1912 rollen dort die Peugeot-Autos vom Band, nachdem das Stammwerk im Nahe gelegenen Audincourt zu klein geworden war.

In Sochaux ist Peugeot heute allgegenwärtig: Rund 15.000 Mitarbeiter hat die Fabrik. Mindestens jedes zweite Auto auf der Straße ist ein Peugeot – oder zumindest ein Citroën, der ebenfalls zum PSA-Konzern gehört, dem momentan sechstgrößten Autohersteller der Welt.

Dass hier heute ein Museum zur Reise in die Vergangenheit einlädt, ist einem weiteren Vordenker der Familie zu verdanken: Auf Pierre Peugeot geht die Initiative zur Gründung des Aventure Peugeot zurück. Und ein Abenteuer ist es wirklich: In einem Kinosaal erzählt Inspektor Columbo (natürlich aus seinem legendären Peugeot 403 heraus) die Geschichte des Unternehmens. Zu jeder Epoche gibt es die entsprechenden Dekorationen. Zeitgenössische Werbetafeln preisen die Vorzüge von Peugeot-Produkten an. Dazu erklingen Musik aus der Zeit, historischer Straßenlärm – und natürlich authentischer Motorensound.

Der Stand mit Autos aus der Zeit der Jahrhundertwende (hier ist beispielsweise der berühmte Vis á vis zu sehen) ist im Jugendstil gestaltet. Art Déco prägt die Umgebung der Abteilung für die Jahre 1905 bis 1918, in der unter anderem der erste echte Kleinwagen aus dem Hause Peugeot zu sehen ist: der damals enorm beliebte Typ 69, genannt Bébé. Ein besonderer Hingucker ist der 1934 gebaute Eclipse. Als weltweit erstes Cabrio mit einem Blechdach war er seiner Zeit sehr weit voraus. Das Lieblings-Exponat von Heinzrudolf Oberhauser kommt aus der Flower-Power-Ära. “Der 504 Coupé ist mein Favorit. Das Auto ist einfach harmonisch”, sagt er über das seit Ende der 1960er Jahre gebaute Modell.

Der Motorsport-Geschichte des französischen Herstellers ist ein eigener Bereich gewidmet. Auch die Fahrräder, die Peugeot zum Leidwesen vieler Franzosen seit 1987 nicht mehr produziert, bekommen ihren gebührenden Platz.

Dazu gibt es ein Restaurant und seit kurzem auch einen speziell auf Kinder abgestimmten Rundgang mit Spielen, süßen Leckereien und Fahrtsimulatoren. Auch die Großen können sich auf diese Weise am Steuer versuchen: Im Cockpit des 206 WRC kommt Rallye-Feeling auf. Notfalls stehen noch mehr Modelle zur Verfügung: 95 Prozent der Fahrzeuge im Museum sind noch fahrtüchtig. Sechs Angestellte, vom Tischler bis zum Sattler, halten den Fuhrpark in Schuss. Eine Ausfahrt in historischen Modellen gibt es allerdings nur für Ehrengäste. Alle anderen können zumindest davon träumen. Wie weit man auch damit kommen kann, hat die Familie Peugeot bewiesen.

Hingehört: Jeff Cascaro – “Soul Of A Singer”

Juli 13, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 

Null Substanz: "Soul Of A Singer" ist nicht einmal Klangtapete.

Künstler Jeff Cascaro
Album Soul Of A Singer
Label Herzog Records
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung *

Keine Frage: Singen kann dieser Mann. Er hat es bewiesen, bei der Unplugged-Tour der Fanta 4 und im Ray-Charles-Programm des Hessischen Rundfunks. Er hat sogar versucht, es anderen Leuten beizubringen, als Stimmtrainer bei Deutschland sucht den Superstar.

Dieser Hinweis führt schon in die richtige Richtung. Ein “gereifter Entertainer” ist er laut Presse-Info, der hier “elf Ausnahmestücke” interpretiert. Das trifft auch zu. Allerdings nur in dem Sinne, dass hier Leute, die eine Menge von ihrem Handwerk verstehen, einer Sache nachgehen, die sie sehr gerne tun. Doch keiner von ihnen muss diese Musik machen. Sie alle haben schon als Söldner gearbeitet in anderen Genres und für Kanaillen wie Stefan Raab. Was Soul Of A Singer deshalb fehlt, ist eine eigener Wille, eine eigene Richtung, ein eigenes Gesicht. Und, ausgerechnet: Seele.

Holler oder Do You Believe klingen geschmackvoll im Sinne von 70er-Softporno-Geschmack. Waiting ist nicht einmal eine Klangtapete, sondern höchstens noch der schmierige Kleister, der die Wand herunterglitscht. Das bisschen Substanz von I’m Talking To You Baby wird von der klinischen Professionalität aller Beteiligten mühelos zerquetscht.

Nicht alles ist ganz schlecht. I’ll Be Fine ist trotz des unangenehm gepressten Gesangs ganz hübsch, aber viel zu lang. Das Cover von Lionel Richies Love Will Find A Way wird immerhin recht funky, das Titelstück hat eine schlimme Schwüle, aber auch eine gewisse Lässigkeit. Und das beste Stück der Platte (was bedeutet: das einzig erträgliche), Summerlove, ist erstaunlich smooth.

Dennoch ist die Platte ein einzigartig klarer Beweis für die These, dass Kunst eben nicht von Können kommt: So viele Klischees und so wenig Inspiration hat man selten von so guten Musikern gehört.

Jeff Cascaro erklärt im Interview, warum er so toll ist:

Jeff Cascaro bei MySpace.

Hingehört: Die Ärzte – “Bäst Of”

Juli 11, 2007 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 

Die Ärzte: Musik für den 13-Jährigen in uns allen.

Künstler Die Ärzte
Album Bäst Of
Label Hot Action Records
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung ****

Gerade haben Die Ärzte aus Berlin angekündigt, im Herbst eine neue Platte zu veröffentlichen. Daran ist eigentlich nichts Besonderes. Es wird ungefähr das 18. Album seit 1984 sein, es wird eine Single davor geben und eine Tour danach. Das Einzigartige daran ist nur: Wie jedes Werk davor wird auch dieses Ärzte-Album wieder die Plattenschränke (oder meinetwegen iPods) der Dreizehnjährigen dieses Landes erobern. Und das ist für alte Säcke schon reichlich speziell.
Die Ärzte sind cool, sie bleiben cool und sie waren immer cool.

Wahrscheinlich fragt sich mittlerweile so manch anderes Duo aus einem notorischen Anti-Alkoholiker mit Milchbubi-Gesicht und einem Tattoo-Monster mit Playmate-Freundin, wie sie das bloß anstellen. Und dieser Rückblick auf die Ärzte-Jahre nach dem Comeback, der sich 30 Wochen nach Veröffentlichung übrigens noch immer in den deutschen Top 100 tummelt, gibt vielleicht sogar eine Antwort auf dieses Mysterium.

Da ist zunächst die Art und Weise des Comebacks. Von niemandem erwartet, von wenigen erhofft, war DieBesteBandDerWelt auf einmal wieder da, und zwar ausgerechnet mit einem Lied gegen Neonazis. Politik! Ein Statement! Wie peinlich das hätte werden können, wird einem rückblickend erst klar, wenn man sich noch einmal anhört, was andere zu diesem Thema verzapft haben, die der Meinung waren, ihre Meinung sei gefragt. Wo Die Toten Hosen daneben waren, Udo Lindenberg krude und BAP peinlich, brachten die Ärzte die ganze Thematik sofort und schlüssig auf den Punkt: oh oh oh, Arschloch.

Viel aktueller und treffender hätte Schrei nach Liebe nicht sein können. Zumal die alte Klasse sofort wieder da ist. In einer Zeile wie “Zwischen Störkraft und den Onkelz spielt ‘ne Kuschelrock-LP” steckt nicht nur eine famose Beobachtungsgabe. Stets ist hier auch ein Augenzwinkern dabei, der Bierernst ebenso ausschließt wie Feuereifer (aus deren Kombination meistens Peinlichkeit entsteht). Und mehr noch: Die Zeile zeigt so etwas wie Respekt, selbst vor dem Gegner. Auch in einem Neonazi steckt schließlich ein Mensch, und die Ärzte würdigen das.

Schließlich ist diese eine Band, daran kann es keinen Zweifel geben, für Verlierer und Außenseiter. Wer das nicht glaubt, kann ja mal beim offiziellen Ärzte-Fanclub nachfragen. Der nennt sich selbst “Spackenfront”.

Kein anderer Ärzte-Song führt das so gut vor Augen wie Rebell. Für einen Teenager könnte es kein besseres Sprachrohr geben als dieses Lied, das Farin Urlaub “von all meinen ‘adoleszenten’ Lieder am besten” gefällt. Der Schlüssel ist auch hier: reinverstehen, respektieren, artikulieren. Und es wird klar: Die Ärzte sind große Humanisten.

Deshalb ist diese Sammlung so sympathisch, beeindruckend wird sie aber noch aus anderen Gründen. In der Musik von Mach die Augen zu steckt eine irre Spannung, ein Leidensdruck, der sich schließlich in Selbstauslieferung entlädt: Es ist mir absolut egal / tu was Du willst. Darin steckt ein weiteres wichtiges Element: Im Sich-selbst-nicht-allzu-ernst-nehmen sind Die Ärzte die Größten. Sie zeigen Schwäche, sie lassen die Hosen runter, und sie vermitteln damit die Botschaft: Wir sind genauso wie ihr. Diese Message steckt auch im herzzerreißenden Wie es geht, das gerade so romantisch wird, weil es so ehrlich ist (und darüber hinaus ein scheißverdammter Hit).

Quark, Unrockbar und Hurra sind unerreicht albern und eingängig. Kopfüber in die Hölle ist musikalisch packend und mitten aus dem Leben. Der unbezwingbare Schunder-Song klingt tatsächlich, als ob er einem “immer mitten in die Fresse rein” schlägt – und dabei auch noch grinst. Um all die ironischen Brechungen des Macho-Vorwurfs im grandiosen Männer sind Schweine zu berechnen, müsste man schon Einstein sein. In Rods 1/2 Lovesong und Nichts in der Welt sind der Text (und der Gesang) etwas schräg, aber echt sind die Gefühle und die Verzweiflung. Die Live-Version von Elke ist härter als Manowar und lustiger als alles, was im Fernsehen als Comedy angeboten wird.

Keine andere Band im Universum hätte ein Lied wie Manchmal haben Frauen aufnehmen können – geschweige denn, es selbstverständlich klingen lassen und auch noch einen Hit daraus machen. Und Komm zurück von den Sessions in der Rock’N'Roll-Realschule ließ plötzlich sogar die reichlich ausgelutschte Unplugged-Idee wieder spannend wirken.

Ganz wenig geht daneben: Friedenspanzer ist ein ganzer Song, der um eine einzige Idee herum gebaut ist, und diese Idee war leider nicht gut. Dinge, von denen ist textlich etwas platt, aber zumindest schmackhaft instrumentiert. Yoko Ono, Rock’N'Roll Übermensch, Die Banane und Goldenes Handwerk sind nicht per se schlecht, aber zumindest seltsame Auswüchse der Narrenfreiheit, die sich BelaFarinRod spätestens mit Le Frisur erobert hatten.

Jaja, “ein Konzeptalbum über Körperbehaarung” (Bela B.). Und was für eines. 3-Tage-Bart vereint die textliche Schärfe von Wiglaf Droste mit der melodiösen Eingängigkeit von Weezer. Mein Baby war beim Frisör ist schlicht famos (und hat ein Ö im Titel!).

Weil Die Ärzte nicht nur nett sind, sondern auch um den Wert von sauer verdientem Taschengeld wissen, liefert Bäst Of zudem sagenhaften value for money. Die Singles-Sammlung ist randvoll, dazu gibt es auf einer zweiten CD auch noch eine Kollektion von B-Seiten, die in der Tat “die ganze abstruse künstlerische Bandbreite der Gurkentruppe demonstriert” (Managerin Axel Schulz). Das reicht von witzigem Punkrock (der allerdings tausendmal eleganter klingt als alles, was die Toten Hosen in diesem Genre anzubieten haben) wie Wahre Liebe über einige schlüpfrige Stücke bis hin zur bekannten morbiden Seite des Trios.

Manches ist völlig irre und genial (Saufen, Backpfeifengesicht, Rettet die Wale), einiges ist auch bloß irre. Dazu gibt es weitere erhellende Einblicke ins Ärzte-Universum: Die Wunderbare Welt des Farin U. ist nur scheinbar harmlos, nimmt aber in Wirklichkeit den Star-Kult und den Rummel um die eigene Person aufs Korn. Das Cover des Erbauungs-Schlagers Danke für jeden guten Morgen macht sich nicht über Orientierungssuchende lächerlich, erkennt aber genau die Gefahren, die lauern, wenn sich das Individuum in der Gemeinschaft verlieren will. Aus dem Tagebuch eines Amokläufers entlarvt wunderbar all die notorischen Nörgler, deren Sätze meist mit “früher” oder aber “heutzutage” beginnen.

Zum Abschluss gibt es eine fast viertelstündige Zusammenfassung, die von Techno bis Ethno, von Metal bis Rockabilly elfmal die Botschaft vermittelt: “Das war harter Stoff.” Fürwahr.

Wenn wir Lara Croft schon erwähnen, dann soll hier auch das Video mit ihr zu sehen sein: Männer sind Schweine.

Eine Ärzte-Fanpage bei MySpace.

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