Draufgeschaut: Scoop

Januar 31, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Die Studentin Sondra (Scarlett Johansson) und der Zauberer Splendini (Woody Allen) sind einem Mörder auf der Spur.

Die Studentin Sondra (Scarlett Johansson) und der Zauberer Splendini (Woody Allen) sind einem Mörder auf der Spur.

Film Scoop
Produktionsland Großbritannien/USA
Jahr 2006
Spielzeit 96 Minuten
Regie Woody Allen
Hauptdarsteller Woody Allen, Hugh Jackman, Scarlett Johansson, Ian McShane
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Joe Strombel ist einer der berühmtesten Journalisten in England. Immer auf der Suche nach einer spannenden Enthüllungs-Story, unerbittlich und mit besten Beziehungen. Nun bekommt er einen sehr brisanten Tipp: Ein angesehener Adeliger soll hinter einer geheimnisvollen Mordserie stecken. Joe will dem Hinweis gerne nachgehen, doch er hat ein klitzekleines Problem: Er ist gerade gestorben. So erscheint er als Geist der Studentin Sondra, die von einer großen Karriere im Journalismus träumt. Sie soll sich für ihn auf die Spur des verdächtigen Peter Lyman machen. Doch Sondra verliebt sich prompt in das Ziel ihrer Recherche. Und der Zauberer Splendini, der ihr zur Seite steht, ist auch keine große Hilfe.

Das sagt shitesite:

Trotz sehr spitzfindiger Dialoge und einiger Seitenhiebe auf das englische Klassensystem, die auch schon dem Vorgänger Match Point eigen waren, ist Scoop ein vergleichsweise harmloses Werk von Woody Allen. Doch das gleicht der Film locker aus mit einer gesunden Dosis Spannung in durchaus klassischer Whodunnit-Manier. Und vor allem mit seinen Hauptdarstellern. Scarlett Johansson ist natürlich bezaubernd als naiver Grünschnabel mit Zahnspange und Kassenbrille. Woody Allen inszeniert sich selbst in all seiner sympathischen Eitelkeit (“Ich wurde geboren im hebräischen Glauben. Aber als ich älter wurde, bin ich konvertiert zum Narzissmus”, sagt er tatsächlich an einer Stelle). Und Hugh Jackman ist perfekt als aalglatter Gentleman und geübter Verführer.

Das Beste an diesem Ensemble: Keiner der Figuren nimmt man ihre Rolle ab. Splendini ist ein mehr als amateurhafter Magier, Sondra weit entfernt von einer knallharten Reporterin und Peter würde kein Mensch zutrauen, ein Serienkiller zu sein. Gerade daraus bezieht Scoop seine Faszination.

Bestes Zitat:

“Ich nehme kein Gramm zu. Meine Angstneurose wirkt wie Aerobic. Das ist wie ein Fitnesstraining.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Heidi Spencer & The Rare Birds – “Under Streetlight Glow”

Januar 31, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · Comment 
"Under Streetlight Glow" klingt wie ein romantischer, trauriger Film.

"Under Streetlight Glow" klingt wie ein romantischer, trauriger Film.

Künstler Heidi Spencer & The Rare Birds
Album Under Streetlight Glow
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung **1/2

Heidi Spencer schreibt Songs, seit sie ein Teenager ist. Und schon wenig später hatte sie einen Traum: Sie wollte, dass ihre Lieder in einem Film zu hören sind. Als niemand ihre Songs für einen Soundtrack wollte, besuchte Heidi Spencer schließlich selbst eine Filmakademie, um ihren Wunsch zur Wahrheit werden zu lassen. Dann zog sie quer durch die USA, träumte weiter, spielte und schrieb.

Hört man Under Streetlight Glow, bekommt man einen ziemlich guten Eindruck davon, wie der Film in ihrem Kopf wohl aussieht: sehr klassisch, authentisch, romantisch, traurig. Aki Kauriskmäki wäre sicher ein geeigneter Regisseur für diese Streifen.

Heidi Spencers Stimme ist eher rau als klassisch schön (irgendwo zwischen Edie Brickell, Cerys Matthews und Joana Newsom), und ihre Lieder erzählen streng akustisch vom Leben als moderner Troubadour.

Alibi ist ein höchst interessanter Auftakt, nimmt ganz oft Anlauf, stirbt dann aber immer wieder ab, bevor der stets angedeutete Schwung Realität wird. Auch der Titelsong spielt mit dieser Start-Stop-Dynamik und einem versonnenen Pfeifen – trotzdem kommt hier nirgends Leichtigkeit auf. Das kann schwelgerisch werden wie im Beinahe-Country von Hibernation, untröstlich wie beim Rausschmeißer Whiskey oder manchmal auch wie der letzte Tanz des Abends (Go to France). Heiter wird es nie.

Über den Liedern der Singer-Songwriterin liegt, ähnlich wie bei den ebenfalls geistesverwandten Sophie Zelmani oder Eleni Mandell, stets so etwas wie ein Schleier von Bedrücktheit. “It’s totally not a sad record”, behauptet Heidi Spencer trotzdem im Interview mit AV Club. Immerhin gesteht sie aber auch: “I won’t say it’s happy. Like, the first one’s devastating, the second one’s pretty sad — this one’s a step up, you know?

Under Streetlight Glow ist nämlich schon das dritte Album von Heidi Spencer, aber das erste, das auch international vertrieben wird. Warum die netten Damen und Herren von Bella Union die Notwendigkeit verspürt haben, Heidi Spencer ein größeres Forum zu verschaffen, erschließt sich freilich nicht. Das ist sehr feine Musik, aber mit nicht einmal einem Quantum Unbedingtheit oder gar Unverwechselbarkeit.

Die Chance, damit einen Überraschungserfolg oder gar eine Weltkarriere hinzulegen, ist wohl denkbar gering. Andererseits: Sowas soll ja immer wieder mal passieren. Zumindest in Filmen…

Endlich, ein Film! Das Video zu Alibi ist sehr putzig und bietet passend zum Albumtitel sogar eine Straßenlaterne:

Heidi Spencer & The Rare Birds bei MySpace.

Draufgeschaut: James Bond – Casino Royale

Januar 30, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
James Bond (Daniel Craig), will nicht nur das Pokerspiel gewinnen, sondern auch Vesper (Eva Green).

James Bond (Daniel Craig), will nicht nur das Pokerspiel gewinnen, sondern auch Vesper (Eva Green).

Film James Bond 007 – Casino Royale
Produktionsland Großbritannien/USA
Jahr 2006
Spielzeit 139 Minuten
Regie Martin Campbell
Hauptdarsteller Daniel Craig, Eva Green, Mads Mikkelsen, Judi Dench, Jeffrey Wright, Giancarlo Giannini
Bewertung ***

Worum geht’s?

Im Dienste Ihrer Majestät ist Geheimagent James Bond diesmal hinter einem besonders eleganten Gangster her: Le Chiffre ist so etwas wie der Bankier des Terrors. Er legt das Geld von Verbrechern überall auf der Welt in Aktien an. Doch diesmal hat er sich verspekuliert – und nun hat er nur eine Chance, das Geld wieder aufzutreiben: Er veranstaltet ein Pokerturnier, bei dem es um 100 Millionen Dollar geht. Natürlich wird James Bond zu seinem härtesten Gegenspieler – nicht nur am Pokertisch.

Das sagt shitesite:

Casino Royale setzt mitunter auf etwas zu viel Körperlichkeit (als wolle Daniel Craig in seinem ersten Auftritt als James Bond all jene Lügen strafen, die ihm vorab die Rolle als harter Geheimagent nicht zugetraut hatten) und bietet zudem erstaunlich viele Szenen in sanitären Anlagen (womöglich eine weitere, sehr subtile Form von Product Placement). Auch Logik darf man natürlich längst nicht mehr erwarten, wenn es um ausgefallene Actionszenen geht, die Casino Royale vor allem am Beginn reichlich bietet.

Trotzdem steht am Ende ein guter James Bond. Vor allem, weil es hier zum Ende hin eine erstaunlich hohe Schlagzahl an überraschenden Wendungen gibt. Und weil Casino Royale es schafft, innerhalb von gut zwei Stunden quasi alles infrage zu stellen, wofür James Bond steht. Am Beginn werden Zweifel laut, ob er wirklich ein erbarmungsloser Killer ist, dann gibt er völlig freiwillig seine Tarnung auf und hat schließlich sogar genug vom Junggesellendasein. Dazu wird in einer ziemlich seltsamen Folterszene auch noch seine Potenz bedroht – und auf die Frage “gerührt oder geschüttelt” antwortet er tatsächlich (und sehr cool): “Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?” Das ist mehr, als man erwarten durfte.

Bestes Zitat:

“Man spielt beim Poker nicht seine Karten aus. Man spielt sein Gegenüber aus.”

Der Trailer zum Film:

Draufgeschaut: New York für Anfänger

Januar 28, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Der Klatschreporter Sidney (Simon Pegg, links) schwärmt für die Schauspielerin Sophie (Megan Fox).

Der Klatschreporter Sidney (Simon Pegg, links) schwärmt für die Schauspielerin Sophie (Megan Fox).

Film New York für Anfänger
Originaltitel How To Lose Friends And Alienate People
Produktionsland Großbritannien
Jahr 2008
Spielzeit 110 Minuten
Regie Robert B. Weide
Hauptdarsteller Megan Fox, Simon Pegg, Kirsten Dunst, Gillian Anderson, Jeff Bridges
Bewertung ***1/2

Worum geht’s?

Sidney Young ist Klatschreporter. “Den Leuten ans Bein pinkeln – das ist es, was ich am besten kann”, lautet sein Motto. Er hält sich für ein journalistisches Genie, doch seine Zeitschrift ist chaotisch geführt und fast pleite. Da erscheint ihm ein Angebot aus New York wie ein Wink des Schicksals: Er soll für das berühmte Sharps-Magazine schreiben. Doch seine Hoffnungen werden schnell enttäuscht. Der neue Job erweist sich als frustrierend – dabei wäre eine tolle Karriere die einzige Möglichkeit für Sidney, um an seine Traumfrau Sophie Maes heranzukommen.

Das sagt shitesite:

Mediensatire, Starbesetzung und Culture Clash – das ist das Erfolgsrezept von New York für Anfänger. Wie aus dem Möchtegern-Casanova, der in England bloß ein Tollpatsch war, im erfolgsbesessenen New York plötzlich ein Freak wird, ist sehr putzig inszeniert. Dazu gibt es in New York für Anfänger einen famosen Soundtrack und die Erkenntnis, dass im Medienbusiness letztlich diejenigen am schnellsten Erfolg haben, die sich am meisten korrumpieren lassen. Einziger Wermutstropfen: Diese Botschaft wird mit sehr wirkungsvollen, aber recht brachialen Gags rübergebracht, statt auf etwas Subtilität zu setzen. Und Jeff Bridges als launischer Chefredakteur sowie Gillian Anderson als intrigante PR-Beraterin bleiben leider viel blasser als man erwarten durfte.

Bestes Zitat:

“Wenn ich das tue, heißt das flirten. Wenn Sie es tun, heißt es sexuelle Belästigung.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Kaizers Orchestra – “Violeta Violeta Vol. 1″

Januar 28, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · 2 Comments 
Die "Violeta Violeta"-Trilogie soll Ende 2012 abgeschlossen sein. Der Auftakt ist famos.

Die "Violeta Violeta"-Trilogie soll Ende 2012 abgeschlossen sein. Der Auftakt ist famos.

Künstler Kaizers Orchestra
Album Violeta Violeta Vol. 1
Label Petroleum Records
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

Angeblich kann der erste Eindruck ja schon alles entscheiden. Insofern haben Kaizers Orchestra bei mir schlechte Karten. Denn der erste Eindruck, das war bei Rock am Ring. Ich war, wie sich das für ein Rockfestival gehört, ein bisschen desorientiert. Und ich war, wie sich das für den Sommer 2003 gehört, voller Vorfreude auf den Auftritt der Libertines.

Doch die wollten und wollten nicht auf die Bühne kommen. Um zumindest zu wissen, wie viele Bands ich noch überstehen musste bis zu Horror Show, fragte ich den Mann am Mischpult, wer das da gerade sei auf der Bühne. „Kaizers Orchestra“ antwortete er. Er glaubte wohl, ich sei ganz begeistert und wolle unbedingt den Namen der Band erfahren. Doch ich wollte eigentlich bloß wissen, wie lange ich noch bis zu den Libertines warten muss. Und mit jeder Minute gingen mir Kaizers Orchestra ein bisschen mehr auf die Nerven.

Auch jetzt stehen die Vorzeichen nicht gut. Obwohl sie mittlerweile zu den erfolgreichsten Musik-Exporten Norwegens gehören (ihr Album Ompa til du dor ist mit mehr als 100.000 verkauften Exemplaren das erfolgreichste Rock-Debüt aller Zeiten in Norwegen), habe ich seitdem nicht mehr viel mit Kaizers Orchestra zu schaffen gehabt. Und nun kündigt das Presse-Info auch noch an, Violeta Violeta Vol. 1 sei der erste Teil einer Trilogie und das „wohl ehrgeizigste Projekt“ in der zehnjährigen Bandgeschichte von Kaizers Orchestra. Kann das gut gehen?

Es geht. Violeta Violeta Vol. 1 (Teil 2 soll Im Januar 2012 folgen, Teil 3 dann Ende des nächsten Jahres) ist ein Panoptikum von allem, was man mit Rock anstellen kann, wenn man bereit ist, ihn auch ein wenig unorthodox zu interpretieren. Orchester, HipHop, Zwölftonmusik, Gypsy – all das verschmilzt hier zu einem Riesenspaß.

Wie gut das alles funktioniert, merkt man vor allem, wenn man Violeta Violeta Vol. 1 im Shuffle-Modus abspielt: Das zweifelsohne fein austarierte Tracklisting wird dann zwar ausgehebelt, aber trotzdem bleibt das Album enorm spannungs- und abwechslungsreich. Wer Bezugspunkte für so viel Offenheit und Kreativität sucht, der muss wohl schon das Weiße Album der Beatles oder zumindest die Irren von Bonaparte heranziehen.

Philemon Arthur & The Dung klingt zum Auftakt wie eine schräge Ballade von den Hives – und spätestens seit Diabolic Scheme wissen wir, dass das keine schlechte Idee ist. Diamant til kull wird von Sänger Janove „The Jackal“ Kaizer fast gerappt, die Femtakt Filosofi (wer es erst jetzt merkt: Kaizers Orchestra singen auf Norwegisch) ist mit einiger Wahrscheinlichkeit von Kurt Weill erdacht.

Din kjole lukter bensin mor und der Rausschmeißer Sju botter tare er nok Beatrice scheinen einer schrägen Revue entsprungen. Mit En for orgelet, en for meg beantragen die Red Hot Chili Peppers ganz offensichtlich Asyl in Skandinavien. So ähnlich wie das vergleichsweise geradeaus rockende Tumor i ditt hjerta würden Mando Diao klingen, wenn sie ihren Liedern ein paar Science-Fiction-Elemente und Opernstimmen angedeihen lassen würden. Psyco under min hatt degradiert Gogol Bordello zu Madonnas Schoßhündchen, Svarte Katter & Flosshatter erinnert mit seinem wuchtigen Orchester an Paul McCartneys Live And Let Die.

Das Beste daran: Kaizers Orchestra zeigen gerne, wie viele Stile, Takte und Stimmungen sie beherrschen. Aber das Ergebnis klingt nie nach Muckertum, sondern hat immer auch den Hörer im Blick. Bestes Beispiel ist die Single Hjerteknuser. Ganz viel Sehnsucht in der Stimme, reichlich Schmackes in der Strophe, ein betörender Refrain – das kriegen Hard Fi auch nur in ihren absolut besten Momenten so gut hin.

Violeta Violeta Vol. 1 ist so gut, dass man beinahe Norwegisch lernen möchte, um bei der Tour im Sommer auch mitsingen oder Kaizers Orchestra persönlich für diese Musik danken zu können. Wenn man sie mal treffen sollte, und dann bloß auf Deutsch irgendetwas von „genial“ oder „abgefahren“ stammelt – das wäre echt ein schlechter erster Eindruck.

Wenn mich mein Schwedisch nicht täuscht, dann bedeutet Hjerteknuser irgendetwas mir Herz. Könnte aber auch “Staubwischen” heißen, wenn man das Video so sieht:

Kaizers Orchestra bei MySpace.

Draufgeschaut: Miffo

Januar 27, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Tobias (Jonas Karlsson) verliebt sich in Carola (Livia Millhagen).

Tobias (Jonas Karlsson) verliebt sich in Carola (Livia Millhagen).

Film Miffo
Produktionsland Schweden
Jahr 2003
Spielzeit 98 Minuten
Regie Daniel Lind Lagerlöf
Hauptdarsteller Jonas Karlsson, Livia Millhagen, Ingvar Hirdwall, Kajsa Ernst, Liv Mjönes
Bewertung ***

Worum geht’s?

Tobias ist 29 – und nicht zufrieden mit seinem Dasein. Sein Liebesleben ist so katastrophal, dass er problemlos als Untermieter bei seiner Ex-Freundin einziehen kann. Und auch sein Beruf als Pfarrer beschert ihm keine Erfüllung – bis er sich in einen sozialen Brennpunkt versetzen lässt, wo “die Leute die Kirche wirklich brauchen”, wie er glaubt. Doch eine aktive Gemeinde aufzubauen, ist schwerer als gedacht. Als er die behinderte Carola kennen lernt, hat er noch ein zusätzliches Problem. Tobias steht vor der Frage: Kann er sich in ein Mädchen verlieben, das im Rollstuhl sitzt?

Das sagt shitesite:

Ein Film über das Verschwinden der Religion ist Miffo nur am Rande. Natürlich gibt es eindringliche Bilder von leeren Kirchen, und dass die Kamera immer wieder von ganz weit oben auf das Geschehen blickt, ist wohl auch kein Zufall. Aber viel mehr handelt Miffo vom Schweigen – nicht nur gegenüber Gott, sondern auch gegenüber den Mitmenschen. Alles versuchen die Protagonisten hier mit sich selbst auszumachen, und wenn sie dann doch endlich den Mund aufbekommen, dann wirkt ihr Handeln längst unglaubwürdig – wie die pure Verzweiflung. Das ist nicht besonders spannend oder bewegend, aber recht unterhaltsam und vor allem sehr lebensnah. Gott hin oder her: Miffo zeigt, wie sehr wir uns von Feigheit und Konventionen leiten lassen.

Bestes Zitat:

“Das ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Das ist das reale Leben.”

Ein Ausschnitt aus dem Film:

Auferstanden aus Ruinen

Januar 27, 2011 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 

Menderes ist bei Deutschland sucht den Superstar so oft gescheitert, dass seine Karriere eigentlich ein großes schwarzes Loch und sein Ego eine Ruine sein müsste. Doch ein schwarzes Loch und eine Ruine – das trifft beim Sisyphos des deutschen Castingwesens nur auf die Frisur und das Gebiss zu. Sein Traum von der Gesangskarriere ist hingegen unkaputtbar.

Im achten Anlauf hat er es nun tatsächlich in den Recall geschafft. Womöglich hofft die Jury um Dieter Bohlen sogar, dass er am Ende in die Top15 kommt – dann dürfte die Nervensäge sich laut Reglement nie mehr bei DSDS bewerben. Vorerst allerdings ist Menderes einfach bloß begeistert nach dem gestrigen Erfolg mit einem Lied von Kool & The Gang: “Ich freu mich voll.”

Die komplette Rezension der gestrigen Folge von Deutschland sucht den Superstar mit einer Fotostrecke von Bohlens bösen Sprüchen gibt es bei news.de.

Draufgeschaut: Maria voll der Gnade

Januar 26, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Maria (Catalina Sandino Moreno, rechts) und Blanca (Yenny Paola Vega) verdienen ihr Geld als Drogenkuriere.

Maria (Catalina Sandino Moreno, rechts) und Blanca (Yenny Paola Vega) verdienen ihr Geld als Drogenkuriere.

Film Maria voll der Gnade
Produktionsland Kolumbien
Jahr 2004
Spielzeit 97 Minuten
Regie Joshua Marston
Hauptdarsteller Catalina Sandino Moreno, Yenny Paola Vega, Guilied Lopez, Patricia Rae, Orlando Tobon, John Alex Toro
Bewertung ***

Worum geht’s?

Maria lebt in einem kleinen Ort in Kolumbien. Sie ist 17, ihr Job ist langweilig, ihr Freund ist unsensibel, ihre Familie voller Kleingeister. Als sie auch noch schwanger wird, tritt ihr die Perspektivlosigkeit ihres Lebens noch deutlicher vor Augen. Als sie den lebenslustigen Franklin kennen lernt, weist der ihr einen verlockenden, aufregenden Ausweg: Sie könnte ein Vermögen verdienen, wenn sie Drogen schluckt und sie so in die USA schmuggelt. Doch Maria hat keine Ahnung, in welche Gefahr sie sich dabei begibt.

Das sagt shitesite:

Für Maria voll der Gnade griff Regisseur Joshua Marston wahre Begebenheiten auf. Das ist fast schon der Schlüssel zum Erfolg für diesen Film. Denn so banal die Geschichte von der verzweifelten Dorfschönheit auch ist, die sich von einem zwielichtigen Typ auf einem Motorrad auf die schiefe Bahn bringen lässt: Maria voll der Gnade ist ganz nah dran an der Problematik, ohne jemals zu melodramatisieren. Der Film lässt die Bilder sprechen, die Momente des Schweigens sind hier oft am eindrucksvollsten – auch, weil nicht übertrieben, sondern einfach dargestellt wird. So entsteht eine Botschaft, die neben der starken Leistung von Hauptdarstellerin Catalina Sandino Moreno am meisten beeindruckt: Alle handeln hier so schlüssig und aus so großer Notwendigkeit heraus, dass es am Ende von Maria voll der Gnade zwar einige Opfer gibt, aber keine Schuldigen.

Bestes Zitat:

“Ich werde nie vergessen, wie es war, als ich zum ersten Mal zum Postamt gegangen bin, um meiner Familie Geld zu schicken. Dein Herz fühlt sich so groß an, als würde es nicht mehr in die Brust passen.”

Der Trailer zum Film:

Hingehört: Hercules & Love Affair – “Blue Songs”

Januar 25, 2011 · Posted in CD-Regal, Musik · 3 Comments 
Nur noch mal zur Info: Das zweite Album von Hercules & Love Affair heißt "Blue Songs".

Nur noch mal zur Info: Das zweite Album von Hercules & Love Affair heißt "Blue Songs".

Künstler Hercules & Love Affair
Album Blue Songs
Label Moshi Moshi
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

„Grundprinzip der Discomusik war das permanente Animieren zu rhythmischer Körperbewegung. (…) Schicker Hedonismus war in Kleidung wie Gestus en vogue. Der Producer hatte bei der Herstellung von Discomusik den wichtigsten Part, Sänger und Spieler schienen austauschbar.“

So lautet ein Auszug aus der Definition von „Disco“ in Das neue Rocklexikon von Barry Graves, Siegfried Schmidt-Joos und Bernward Halbscheffel. Machen wir also mal die Probe aufs Exempel. Mit Hercules & Love Affair.

Permanente Bewegung? Auf jeden Fall. Wer Hercules & Love Affair schon einmal live gesehen hat, etwa unlängst im Vorprogramm der Europatour von Gossip, der weiß genau, dass bei ihnen die Bühne einem Ameisenhaufen gleicht – wenn Ameisen auch springen und zudem Afros und goldene Anzüge ihr Eigen nennen würden.

Besondere Betonung des Outfits? Zweifelsohne. Hercules & Love Affair haben schon bei der Mailänder Fashion Week für Donatella Versace gespielt. Painted Eyes, der Opener des neuen Albums Blue Songs, wurde eigentlich für eine Chanel-Modenschau in New York geschrieben.

Und die Austauschbarkeit der Sänger? Lässt sich auch nicht leugnen. Antony Hegarty, der auf dem Debütalbum noch dem Hit Blind seine Stimme lieh, ist diesmal nicht mehr dabei. Dafür arbeiten Hercules & Love Affair mit Kele Okereke von Bloc Party als Gaststar zusammen – und haben auch zwei neue Stimmen in ihren eigenen Reihen.

Die Kriterien sind also alle erfüllt. Und doch will sich Andy Butler, der Kopf von Hercules & Love Affair, nicht so recht auf die Kategorisierung als „Disco“ einlassen. „Es gibt auf jeden Fall Elemente in unserem Sound, die sich auf Disco beziehen und von Discomusik inspiriert sind. Aber wir sind keine Discoband im Sinne von ,get on the funk train’”, erklärt er mir im Interview.

Disco sei für die Musik von Hercules & Love Affair ein viel zu eng gefasster Begriff. „Auch viele Discokünstler hatten so komplexe Einflüsse und einen so vielseitigen Sound, dass man das kaum mit einem Schlagwort charakterisieren kann.“

Butler, der eigentlich aus der klassischen Musik kommt, hat eine bessere Alternative parat, um den eigenen Sound zu umschreiben: „Wir machen Tanzmusik, die zugleich künstlerischer Pop sein will. Wir legen Wert auf Substanz, vor allem in den Texten, die bei uns möglichst emotional sein sollen. Es ist emotionale Dance-Pop-Musik.“

Hört man das am Freitag erscheinende Blue Songs, kann daran kein Zweifel bestehen. Das zweite Album von Hercules & Love Affair ist ebenso clever wie tanzbar, rührend wie abwechslungsreich. Das schon erwähnte Painted Eyes, laut Butler eine ganz gute Zusammenfassung des ganzen Albums, hat einen klassischen Discobeat, dazu Streicher, Bongos und ein Blue Monday-Keyboard. „Elegant“ heißt das erste Wort des Textes – sehr treffend.

Die Single My House klingt mit Scat-Elementen und einem wirren, glitschigen Bass fast so, wie Dancemusic vor 20 Jahren klang, als noch Technotronic oder C&C Music Factory die Charts beherrschten. Answers Come In Dreams ist danach Funk, der an sich selbst zweifelt – und trotzdem Spaß hat. Falling hat das Zeug zum Hit, I Can’t Wait kombiniert die besten Momente von Neneh Cherry mit amüsanten Computerspielsounds.

Kele Okereke klingt auf Step Up betörend, wenn auch etwas sanfter als auf seinem Soloalbum The Boxer. „Kele sounds like a great 80s British singer, that kind of classic painful boy voice. And he’s not afraid to let it crack and show a lot of emotion, which I love”, lobt Butler.

Daneben ist Butler selbst zu hören, und drei weitere Stimmen. Kim Ann Foxman war schon beim Debüt vor gut zwei Jahren dabei. Sie sorgt für das definitive Highlight von Blue Songs, ganz am Schluss. Ihre Version von It’s Alright (bekannt als Hit für die Pet Shop Boys, aber im Original 1986 von Sterling Void veröffentlicht) setzt fast nur auf Klavier und Gesang – und wird traumhaft.

Neu dabei im Team von Hercules & Love Affair: Aerea Negrot aus Venezuela, die bei Visitor glänzt. Der Song lässt erahnen, warum Andy Butler schon einen Remix für Lady Gaga machen durfte: Er beamt Giorgio Moroder ins 21. Jahrhundert. „No time to stand / it’s time to jump“, lautet der extrem coole Refrain.

Der Amerikaner Shaun Wright hat seinen großen Auftritt bei Boy Blue. Mit akustischer Gitarre und ohne Beat wird hier ein gewagter Kontrapunkt gesetzt wie es Zoot Woman einst mit Losing Sight getan haben. Das Ergebnis ist vortrefflich, irgendwo zwischen Hurts und Spandau Ballett.

Gerade dieser Song und auch das danach folgende Blue Song, das mit seinem Mix aus Ambient-Atmosphäre und Klarinetten-Experimenten ein wenig an die Gorillaz gemahnt, lassen aufhorchen. “Ich verstehe die Bedenken gegenüber dem Begriff des Authentischen”, sagte Andy einmal in einem Interview mit Intro, “aber meine Musik ist dennoch zutiefst persönlich, obwohl sie fast völlig aus Zitaten zusammengesetzt ist. All diese Zitate sind ja Teil meiner Biografie, beziehen sich auf Musik, die ich liebe. Und ich behandle diese Zitate mit sehr viel Herzblut, nie ironisch oder distanziert.”

Hercules & Love Affair nutzen den Baukasten der Elektronik, ergänzen ihn aber um eine enorme Emotionalität, ein großes musikhistorisches Wissen und eine für Tanzmusik ganz und gar ungewöhnliche Dosis Intelligenz. “If I didn’t have this release, I probably would have been a very dark and sad character”, gesteht Butler im Angesicht von Blue Songs sogar. Hier geht es also nicht nur um Flirt, Glitzer und Schweiß. Hercules & Love Affair sind viel mehr als Disco.

My House klingt nicht nur ein bisschen wie Technotronic. Auch das grandiose Video lässt das MTV der ganz frühen 1990er wieder auferstehen:

Hercules & Love Affair bei MySpace.

Draufgeschaut: IQ – Liebe ist relativ

Januar 24, 2011 · Posted in Bewegtbild, DVD-Regal · Comment 
Albert Einstein (Walter Matthau) will seine Nichte Catherine verkuppeln.

Albert Einstein (Walter Matthau) will seine Nichte Catherine verkuppeln.

Film I.Q. – Liebe ist relativ
Originaltitel I.Q.
Produktionsland USA
Jahr 1994
Spielzeit 92 Minuten
Regie Fred Schepisi
Hauptdarsteller Tim Robbins, Meg Ryan, Walter Matthau, Lou Jacobi, Gene Saks, Joseph Maher, Stephen Fry
Bewertung **1/2

Worum geht’s?

Catherine ist eine begabte Mathematikerin. Kein Wunder bei diesem Stammbaum: Die junge Frau ist die Nichte von Albert Einstein. Kurz vor der geplanten Hochzeit mit dem Verhaltensforscher James, dem unspontansten Menschen der Welt, lernt sie durch einen Zufall den Automechaniker Ed kennen. Der verliebt sich sofort in Catherine, doch die will davon nichts wissen. Der berühmte Onkel eilt deshalb dem Science-Fiction-Fan Ed zur Hilfe: Einstein ahnt, dass dies der richtige Mann für seine Nichte ist. Gemeinsam entwickeln sie einen Plan, um Catherine zu beeindrucken. Und der sorgt nicht nur für Chaos in ihrem Gefühlsleben, sondern auch für eine wissenschaftliche Sensation.

Das sagt shitesite:

Die Geschichte ist selbst für eine romantische Komödie ein wenig zu vorhersehbar und auch die Besetzung misslungen: Weder nimmt man Meg Ryan die Wissenschaftlerin mit Minderwertigkeitskomplex ab noch Tim Robbins den hemmungslosen Romantiker. Auch die Moral von IQ – Liebe ist relativ ist eher platt: Auch Otto Normalbürger kann Ideen haben, die sich als genial erweisen, umgekehrt sind selbst die hellsten Köpfe ihrer Generation auch nur Menschen. Letztlich ist die Liebe doch die größte, womöglich einzige Inspiration – und für jeden von uns wohl auch das Einzige, das wirklich weltbewegend ist. Dass IQ – Liebe ist relativ trotzdem noch amüsant wird, liegt vor allem an den alten Herren, die sich hier als Amor im Viererpack versuchen. Albert Einstein, Kurt Gödel, Boris Podolsky und Nathan Liebknecht als ewige Lausbuben und zänkische Eminenzen zu zeigen, ist ein köstlicher Einfall. Sie treten quasi als Statler und Waldorf hoch zwei auf – und retten damit diese Komödie.

Bestes Zitat:

“Ich behaupte, dass alles gut gehen wird. Weil ich lieber ein Optimist und ein Trottel bin als ein Pessimist, der recht hat.”

Der Trailer zum Film:

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