Hingehört: The Head And The Heart – “The Head And The Heart”
| Künstler | The Head And The Heart |
| Album | The Head And The Heart |
| Label | Sub Pop |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Nevermind kommt demnächst noch einmal neu heraus. Zum 20. Jubiläum, mit Bonustracks und edler Verpackung. Ein bisschen seltsam muss es sich da womöglich anfühlen, wenn man gerade auf eine Bilderbuchkarriere zurückblickt, wenn man auf Sub Pop sein Debütalbum veröffentlicht hat und jüngst zu „Seattles bester neuer Band“ gewählt wurde, nicht von irgendjemandem, sondern vom City Arts Magazine aus Seattle.
Josiah Johnson, einer der beiden wichtigsten, nunja: Köpfe und Herzen bei The Head And The Heart, lebt trotzdem gerne in der Stadt, die Nirvana hervorgebracht hat, Jimi Hendrix und, ähm, Jennifer Warnes. „I know why Seattle has produced so much great music. It’s an extension of how much attention Seattle pays to music. It’s embraced by the entire city. It feels like we’re all in this together”, schwärmt er. Johnson nimmt das vielleicht besonders intensiv wahr, denn ebenso wie Jonathan Russell, der andere Songwriter und Frontmann bei The Head And The Heart, ist er ein Zugezogener. Johnson stammt aus Kalifornien, Russell zog es aus Virginia in den Nordwesten der USA.
Dort fanden sie im Sommer 2009 zusammen, spielten unzählige Konzerte, hatten beachtlichen Erfolg mit ihrem selbst produzierten Debütalbum, und bringen eben dieses nun erneut raus. Für den Re-Release auf Sub Pop wurde Sounds Like Hallelujah neu aufgenommen, Rivers And Roads (ein Song, der bei den offensichtlich phänomenalen Konzerten des Sextetts stets besonders gut ankommt) kam dazu, alles wurde neu gemastert. Der Titel der Platte blieb: The Head And The Heart.
Woher der Name stammt, ist nicht überliefert. Vielleicht spielte Woody Allen dabei eine Rolle. Der kommt zwar nicht aus Seattle, sondern bekanntlich aus New York, hat aber mal sehr treffend festgestellt, es sei das Schwierigste im Leben, “Herz und Kopf dazu zu bringen, zusammenzuarbeiten. In meinem Fall verkehren sie noch nicht mal auf freundschaftlicher Basis.” Kriegen The Head And The Heart das auf ihrem Debüt hin? Oder, wenn es womöglich kein konstruktives Miteinander zwischen Verstand und Gefühl gibt: Gewinnt dann wenigstens der richtige Körperteil, im Sinne von Friedrich Nietzsche (der pietätvollerweise schon lange vor Kurt Cobains Tod festgestellt hat: „Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert.“)?
Zunächst: Das Herz kommt hier nirgends zu kurz. The Head And The Heart machen Musik voller Wärme, mit tollem Harmoniegesang von Josiah Johnson, Jonathan Russell und Charity Rose Thielen (Geige). Der Sound ist in Americana verwurzelt, gerne schwelgerisch, ohne den Beat zu vernachlässigen – perfekt zum Autofahren. Der Gesang lässt mal an Fleet Foxes denken, ganz oft auch an Pedro The Lion. Die Themen sind natürlich das Leben, die Liebe, die Einsamkeit, das Heranwachsen, die Heimat und die Rastlosigkeit. Es gibt Schmachtfetzen wie das herrliche Rivers And Roads und mit Honey Come Home auch genau die Sorte Song, zu der man nach ein paar Redhook Ales (angeblich das beliebteste Bier in Seattle) plötzlich sogar tanzen kann.
Das alles könnte sich allerdings auch leicht in belanglosem Wohlklang verflüchtigen. Doch erfreulicherweise kitzeln The Head And The Heart auch den Verstand. Der Opener Cats And Dogs ist ebenso robust und funky wie das Cake früher gut hinbekommen haben, und baut im Break ein cleveres Beinahe-Zitat von Little Lion Man ein, dem Hit der durchaus geistesverwandten Mumford & Sons. Coeur d’Alene setzt ebenfalls auf eine kluge Dramatik und hat zudem ein packendes, leidenschaftliches Ende zu bieten. Ghosts verbindet Klavier-Komplexität mit einem höchst eingängigen Refrain, wie das auch The Blood Arm wunderbar beherrschen. Und gerade, als The Head And The Heart dann doch Gefahr läuft, ein bisschen zu gefällig zu werden, schwingt sich Sounds Like Hallelujah in nur gut drei Minuten zu einer kleinen Pop-Oper auf.
Einer Fortsetzung des Siegeszugs steht damit fast nichts mehr im Wege. The Head And The Heart müssen nur noch das schaffen, woran Nirvana gescheitert sind: auch in ihrer Karriereplanung ein ausgewogenes Zusammenspiel von Bauch und Kopf hinbekommen.
Wir lernen: Wenn The Head And The Heart ihren Song Lost In My Mind im Studio eines Radiosenders spielen, sind die Köpfe öfter im Bild als die Herzen:
The Head And The Heart bei MySpace.
Draufgeschaut: Leo und Claire

Leo Katzenberger (Michael Degen) und seine Frau Claire (Suzanne von Borsody) müssen gleich in mehrfacher Hinsicht um ihre Existenz bangen.
| Film | Leo und Claire |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2001 |
| Spielzeit | 103 Minuten |
| Regie | Joseph Vilsmaier |
| Hauptdarsteller | Michael Degen, Suzanne von Borsody, Alexandra Maria Lara, Jasmin Schwiers, Franziska Petri, Jochen Nickel, Andrea Sawatzki, Axel Milberg, Dietmar Schönherr |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Seit Jahrzehnten ist Leo glücklich mit Claire Katzenberger verheiratet. Er betreibt ein erfolgreiches Schuhgeschäft in Nürnberg. Doch als die Nazis ihm als Juden das Leben immer schwerer machen, droht nicht nur sein Geschäft zu zerbrechen, sondern auch seine Ehe. Seine einzige Rettung scheint ausgerechnet die junge Irene zu sein, mit der ihm eine Affäre nachgesagt wird.
Das sagt shitesite:
Leo und Claire ist ein bedrückendes Beispiel für Willkür-Justiz, beruhend auf wahren Tatsachen. Der Film überzeugt aber auch durch die exzellente Besetzung und dadurch, dass er die Zerrissenheit einer jüdischen Familie zwischen Fluchtgedanken und Heimatverbundenheit, Anpassung und Stolz zeigt.
Leider gibt es keinen Trailer zum Film.
Futter für die Ohren mit Robyn, Cat’s Eyes und den Junior Boys
Wieder einmal ein bisschen Musiknervennahrung für die anstehende Woche. Diesmal gibt es gleich drei sehr reizvolle Nebenprojekte. Jede Menge Deftiges. Und zum Start unser aller liebste Pop-Prinzessin beim Fremdgehen. Alles von mir aufgestöbert – und für Euch kostenlos zum Download.
Eine Kombination, die nicht gerade auf der Hand liegt: Robyn trifft Coldplay. In diesem Fall: Every Teardrop Is A Waterfall von der gleichnamigen, Ende Juni erschienenen EP der Herren Chris Martin & Co. Im Vergleich zum Original nimmt Robyn ein bisschen das Tempo raus und zeigt sich, wie zuletzt auch live, eher von ihrer emotionalen Seite denn als bedingungslose Powerfrau. Bei Stereogum kann man das Ergebnis kostenlos runterladen. Spannend. ***1/2
Am Freitag in den Läden: Get Nice, das neue Album von Zebrahead. Die Vorab-Single Ricky Bobby verschenken die Jungs aus Kalifornien auf ihrer Homepage, zudem stehen im August einige deutsche Festivals für Zebrahead an. Das dürfte zum Pflichttermin für alle werden, die – wie im Falle von Ricky Bobby – schon immer von einer Mischung aus Blink 182, Manowar und den Toten Hosen geträumt haben. **
Noch nicht hart genug? Dann sollte man dringend die Wolves Like Us kennen lernen. In England hat ihr Debütalbum Late Love reichlich Applaus geerntet, seit ein paar Wochen ist die Scheibe nun auch hierzulande zu haben. Wer trotz Lobeshymnen von Visions bis Metal Hammer noch einen Vorgeschmack braucht, kann ihn in Form von We Speak In Tongues auf der Homepage ihres Labels Prosthetic Records kostenlos herunterladen. Und wird feststellen: Für Wucht braucht man kein Tempo, wenn man eine so herrische Harcore-Stimme, so laute Drums und eine vergleichsweise komplexe Komposition hat. **1/2
Auch die Black Lips mögen es bekanntlich heftig. Die Single Modern Art (vom neuen Album Arabia Mountain) gibt es bei Spin zum kostenlosen Download. Einen packenden Refrain ein Glockenspiel und, wenn mich nicht alles täuscht, sogar ein Theremin fahren die Black Lips auf – und klingen trotzdem noch ein bisschen wie die Hives ohne Politur. Und das ist als Kompliment gemeint. ***1/2
Schon ihr viertes Album haben die Junior Boys fertig (teilweise übrigens in Berlin aufgenommen). It’s All True verspricht der Titel, und neben einer gerade abgeschlossenen Deutschland-Tour wollen die beiden Kanadier auch mit dem (im Austausch gegen eine E-Mail-Adresse) kostenlosen Download des Songs mit dem hübsch irreführenden Titel EP Lust darauf machen. Der Track klingt ein wenig, als hätte jemand die Coolness von Zoot Woman mit einem guten Schuss R’n’B-Hormonen gekreuzt. Kein Hit, aber nicht ohne Reiz. **1/2
Wer sich angesichts des katastrophalen Sommers gerne in Selbstmitleid suhlen möchte: Fink haben den perfekten Soundtrack dazu gemacht. Er heißt Perfect Darkness und ist im Kern das Projekt von DJ/Produzent Fin Greenall. Den Titelsong verschenkt er auf der Homepage von Fink. Sensible Gemüter sollten allerdings gewarnt sein: Das Schlagzeug bleibt hier ganz schüchtern, die Gitarre könnte man fast expressionistisch nennen und der Text kennt „Hoffnung“ nicht einmal aus dem Wörterbuch: „A perfect darkness / is all I can see“ – das ist die Botschaft. Bald das neue Lieblingslied im Leonard-Cohen-Fanclub. ***
Noch ein Nebenprojekt: Emirsian. Wer diesen Namen seltsam findet, dem kann geholfen werden. Hinter Emirsian steckt Aren Emirze, Sänger und Gitarrist der Frankfurter Noiserock-Band Harmful. Als Emirsian lebt er seine ruhigere Seite aus und hat mit Accidentally In Between gerade sein drittes Album veröffentlicht (eine Hälfte ist auf Englisch, die andere in seiner Muttersprache Armenisch). Gemixt hat das Ganze unter anderem Dave Sardy (ja, der Typ, der gerade mit Noel Gallagher an dessen Solodebüt arbeitet). Den Song Friends kann man dankenswerterweise hier gratis downloaden und wird eine gute Dosis Melancholie und eine noch größere Portion Songwriterkunst finden. ***
Nebenprojekt, Teil 3: Für Faris Baldwan läuft es mit Cat’s Eyes so gut, dass inzwischen erste Gerüchte aufgetaucht sind, er werde seine Ursprungsband The Horrors beerdigen. Kein Wunder: Im Duo mit der Ex-Opernsängerin Rachel Zeffira macht er derart herrliche Musik, dass man kaum glauben mag, er sei mal ein Rabauke gewesen. Das verträumte Not A Friend verschenken Cat’s Eyes auf ihrer Homepage – schräge Streicher und Italo-Western-Beat inklusive. ****
Draufgeschaut: Les Misérables
| Film | Les Misérables – Gefangene des Schicksals |
| Originaltitel | Les Misérables |
| Produktionsland | Deutschland/Frankreich |
| Jahr | 2000 |
| Spielzeit | 205 Minuten |
| Regie | Josée Dayan |
| Hauptdarsteller | Gérard Depardieu, Christian Clavier, John Malkovich, Virginie Ledoyen, Enrico Lo Verso, Charlotte Gainsbourg, Veronica Ferres, Steffen Wink, Otto Sander, Vadim Glowna |
| Bewertung | **1/2 |
Worum geht’s?
Weil er ein paar Brote gestohlen hat, um hungernden Kindern etwas zu essen geben zu können, sitzt Jean Valjean im Gefängnis. Inspektor Javert ist überzeugt, dass Valjean – ebenso wie alle anderen Kriminellen – von grundauf böse und unverbesserlich ist. Er wird zur Zielscheibe für die Wut Valjeans, und lässt den Häftling seinerseits seine Verachtung spüren. Als Valjean entlassen wird und es unter falschem Namen zu Ansehen und Vermögen bringt, kreuzen sich die Wege der einstigen Gegner wieder. Für den Polizisten wird die Jagd nach Valjean zur Lebensaufgabe. Für den einstigen Sträfling wird die Flucht zum Kampf um seine eigene Würde.
Das sagt shitesite:
2000 Seiten hat die Romanvorlage von Victor Hugo. Das vielleicht größte Verdienst an der Verfilmung von Josée Dayan war deshalb die Detailtreue: Mit immerhin sechs Stunden Spielzeit konnte der als Vierteiler angelegte Film die meisten der Handlungsstränge von Les Misérables aufgreifen.
Deshalb macht es wenig Sinn, dass Sat.1 den Film für diese Version von Les Misérables – Gefangene des Schicksals noch einmal auf knapp dreieinhalb Stunden zusammenkürzte. Fast alles wirkt nun überzeichnet: Die Figuren sind extrem mildtätig, extrem hoffnungslos oder extrem habgierig. Immerhin wird die Handlung trotz der Zeitsprünge und der erneuten Konzentration nicht allzu holprig. Und natürlich beeindrucken auch in dieser Fassung von Les Misérables die großartige Ausstattung und das Staraufgebot, das selbst in kleineren Rollen noch große Namen wie Otto Sander oder Vadim Glowna zu bieten hat und aus dem John Malkovich als Inspektor Javert noch herausragt, den er als gerechtigkeitsfanatischen Bluthund spielt.
Nicht zuletzt schafft es auch diese Mini-Version von Hugos Meisterwerk, eine beeindruckende Geschichte zu erzählen, in deren Zentrum zwei Männer stehen, die sich gegenseitig ihr Leben zerstören und doch vereint sind durch ein übersteigertes Pflichtgefühl. Zumindest in Ansätzen zeigt Les Misérables – Gefangene des Schicksals auch das Spannungsverhältnis von Solidarität unter den Armen und der Missgunst der noch Elenderen. Und schafft es schließlich auch, die Moral der Geschichte zu transportieren: Es geht im Leben nicht um Stand, sondern um Anstand.
Bestes Zitat:
“Manchmal ist es gefährlicher zu denken als zu stehlen.”
Eine Szene aus dem Film:
Hingehört: Cat’s Eyes – “Cat’s Eyes”
| Künstler | Cat’s Eyes |
| Album | Cat’s Eyes |
| Label | Loog Records |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | **** |
Ein Manifest. Nichts weniger erwartet man von einem Lied, das so heißt wie das Debütalbum, das so heißt wie die Band. Und auch noch mit den Worten „Let me tell you something“ beginnt.
Cat’s Eyes, das erste Lied auf Cat’s Eyes, dem Debütalbum von Cat’s Eyes, erfüllt all diese Bedingungen, ist aber trotzdem weit davon entfernt, die klangliche Definition dieser Band zu sein. Vielmehr führt der Opener in die Irre. Eine düstere Bassfigur, stoische Drums, eine kaputte Männer- und eine kokette Frauenstimme – genau so hatte man sich das Ergebnis vorgestellt, wenn sich The-Horrors-Sänger Faris Baldwan mit einer kanadischen Opernsängerin namens Rachel Zeffira zusammen tut. Die Raveonettes lassen da grüßen, und natürlich Nick Cave und Kylie Minogue.
Aus den Kombinationen „Die Schöne und das Biest“, „die Virtuosin und der Autodidakt“ oder auch „Tradition und Avantgarde“ könnte man bei Cat’s Eyes in der Tat ein paar wunderhübsche Klischees stricken. Doch das Duo zeigt schon mit dem zweiten von zehn Liedern, dass es keine Lust hat, sich am Erwartbaren zu orientieren. Best Person I Know ist eine zauberhaft sanfte Liebeserklärung im Stile von Saint Etienne. „You’re the best person I know, it’s true / all my best times are with you“, heißt die Erkenntnis. So simpel ist das manchmal, und Cat’s Eyes wollen genau diese Einfachheit in ihren Songs erhalten. “We wanted the musical arrangements to evolve quite a bit, but to keep the lyrics simple and unaffected”, sagt Rachel Zeffire. Und Faris Baldwan hat ebendies im Sinn. “They’re direct, and most people can connect with them”, erklärt er die Texte – und betont zugleich: “I don’t think they’re throwaway.”
Über gemeinsame Freunde lernte sich das Duo 2009 kennen. Faris schickte eine Mix-CD mit seinen liebsten Girlgroup-Songs an Rachel. Sie schickte ihm als Antwort ein Demo, aus dem dann The Lull wurde, eine Traummusik mit vielen Holzbläsern und Geigen, und schließlich eine kongeniale musikalische Partnerschaft.
Bis auf einige Orchester-Parts, die in den Abbey-Road-Studios eingespielt wurden, haben Rachel und Faris alles an Cat’s Eyes (aufgenommen übrigens im Studio von Peter Gabriel) selbst gemacht. Rachel spielt unter anderem Klavier, Geige und Oboe und hat für ihre Gesangsleistungen schon reichlich Preise eingeheimst. Faris hat in punkto Virtuosität nichts dergleichen zu bieten, steuert bei Cat’s Eyes aber den Part der kreativen Dekonstruktion bei. “I was always interested in having a project that makes heavy use of electronics, but still sounds warm and human,” erzählt der Horrors-Sänger. Mit Cat’s Eyes hat er dieses Projekt gefunden und sorgt nun (am deutlichsten in Sooner Or Later, dem einzigen Track, der in den Fußstapfen des düsteren Openers wandelt) mit allerlei Effekten, Zerstückelung und Verfremdung dafür, dass hier vieles elegant und hübsch, aber nichts zu glatt oder gar kitschig klingt.
„You know I’m not the prettiest girl / I’m realistic”, singt Rachel im herrlichen I’m Not Stupid, dazu erklingen eine Oboe, Streicher, ein müdes Ragtime-Piano und etwas, das wie eine Kirchenglocke aus Marzipan klingt – und das Ergebnis ist so betörend schön, dass man ihr diese Zeile einfach nicht abkaufen kann. Face In The Crowd tobt sich irgendwo zwischen Edwyn Collins’ A Girl Like You und dem Charme der Pipettes aus und kommt mit seinem verspielten Refrain dem ursprünglichen Cat’s-Eyes-Ziel, Girlgroups wie den Shangri-Las oder Ronettes nachzueifern, am nächsten von allen hier versammelten Stücken.
Not A Friend spielt mit Country-Elementen, Bandit lässt erahnen, wie ein James Bond-Soundtrack aus der Feder von Ennio Morricone hätte klingen können. Over You hat ebenfalls reichlich Opulenz zu bieten, aber noch mehr Schmiss, wie The Stars oder die Moonbabies in ihren kraftvollsten Momenten. Und spätestens beim zartbitteren Rausschmeißer I Knew It Was Over möchte man einfach nicht mehr glauben, dass die eine Hälfte dieses Duos jahrelange vor sitzenden Langweilern gesungen hat und die andere Hälfte einer Band entstammt, die Videos mit explodierenden Genitalien drehte.
Das ist, neben vielen guten Songs und einer traumhaften Atmosphäre, das Beste an Cat’s Eyes: Keine einzige Sekunde dieses Album klingt wie ein Vanity-Project. Stattdessen wirkt die Kombination perfekt, sogar zwangsläufig. Hier haben sich zwei gefunden, die sich tatsächlich gegenseitig bereichern – und wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir dabei zuhören dürfen.
Kein schlechter Ort für den ersten Gig: Cat’s Eyes spielen (dank der Klassik-Connections von Rachel Zeffire) I Knew It Was Over live im Petersdom:
Draufgeschaut: Die Affäre
| Film | Die Affäre |
| Originaltitel | Partir |
| Produktionsland | Frankreich |
| Jahr | 2009 |
| Spielzeit | 86 Minuten |
| Regie | Catherine Corsini |
| Hauptdarsteller | Kristin Scott Thomas, Sergi Lopez, Yvan Attal |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
15 Jahre lang hat Suzanne nicht gearbeitet und sich stattdessen um die Erziehung ihrer Kinder gekümmert. Nun will sie eine Praxis als Physiotherapeutin eröffnen. Sie verliebt sich in Ivan, einen der Bauarbeiter, der mit dem Ausbau der Praxisräume beauftragt ist, und beginnt eine Affäre mit ihm. Das Fremdgehen lässt sie aufblühen, doch zugleich ist sie selbst entgeistert von dem Gedanken, Mann und Kinder zu verlassen. Sie entschließt sich, ihrem Mann Samuel alles zu erzählen. Doch auch danach kommt sie nicht von Ivan los.
Das sagt shitesite:
Das erste Bild in Die Affäre ist ein nacktes Bein, das erste Geräusch des Films ist ein Schuss. Das zeigt schon: Hier geht es nicht um Subtilität, sondern um Gefühle in ihrer extremsten Ausprägung.
Trotzdem verfällt Die Affäre trotz einiger Liebesdrama-Klischees nicht in Schwarz-Weiß-Malerei. Das ist originellen Ideen zu verdanken wie der Tatsache, dass Ivan kein stattlicher Bauarbeiter ist, als Suzanne ihr Techtelmechtel mit ihm beginnt, sondern ein Versehrter, der auf Krücken laufen muss. Oder dem Kniff, den ersten Kuss zwischen Suzanne und Ivan nur in der Totalen, mit ganz viel Abstand zu zeigen und so selbst beim Zuschauer die Frage aufkommen zu lassen: Was war das jetzt eigentlich?
Es liegt auch an den drei sehr starken Hauptdarstellern. So versteht es Kristin Scott Thomas eindrucksvoll, Suzannes Zerrissenheit zwischen dem perfekten, womöglich flüchtigen Glück in den Armen Ivans und der bequemen, aber leeren Sicherheit im Leben an der Seite Samuels einzufangen.
Besonders stark ist Yvan Attal als zunächst gekränkter, dann rachsüchtiger Gatte. Er reagiert mit Kontrollwahn auf das Geständnis seiner Frau und findet dann schnell ein Druckmittel, um sie zur Vernunft zu zwingen: Er lässt sie finanziell ausbluten. Wie er eiskalt die Daumenschrauben anzieht und Suzanne sich immer mehr Knochenjobs suchen muss, um den Traum vom sorgenfreien Leben mit Ivan am Leben erhalten zu können, das ist das Beste, weil Ungewöhnlichste an Die Affäre: Samuel geht es in der Beziehung um Besitz, und genau damit zwingt er sie, zurückzukehren. Suzanne geht es um Leidenschaft, und genau die wird ihr zum Verhängnis.
Bestes Zitat:
“Meinst Du, Du kannst hier abends für uns kochen und dann gehen, um dich dicken zu lassen?”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: My Morning Jacket – “Circuital”
| Künstler | My Morning Jacket |
| Album | Circuital |
| Label | V2 |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Man muss das beinahe putzig nennen. Da leben wir in Zeiten, in denen in Arabien die Autokraten gestürzt werden, in denen eine schwarz-gelbe Bundesregierung den Atomausstieg beschließt und in denen es schon als Sommer gilt, wenn es mal einen Tag lang nicht regnet. Aber trotz all dieses Wandels gibt es immer noch scharenweise junge Männer, die dem Reiz von Gitarre, Schlagzeug, Bass erliegen. Den elementaren Zutaten von Rockmusik. So wie My Morning Jacket. Auf den Promo-Fotos zu Circuital erinnern sie an das legendäre Bohemian Rhapsody-Video von Queen oder an den Rolling-Stones-Sampler Hot Rocks. Klassischer geht es fast nicht mehr.
Wobei man natürlich ehrlicherweise ergänzen muss: My Morning Jacket beschränken sich keineswegs auf das Grundprinzip des Rock, sondern haben ihren Sound schon immer gerne mit Elementen aus Country, Soul und Psychedelia angereichert. Und ganz jung sind sie auch nicht mehr. Das Quintett erlebt gerade des dritte Jahrzehnt seiner Karriere, Circuital ist immerhin schon das sechste Album der Band aus Louisville, Kentucky (übrigens die Geburtsstadt von Chuck Berry und somit mit einiger Berechtigung die Wiege des Rock’N’Roll).
Da liegt es durchaus nahe, ein bisschen zurückzublicken, sich seines Weges und seiner Selbst zu besinnen. Genau das tun My Morning Jacket auf Circuital, dem Album und dem gleichnamigen Lied. “On that song I sing about ending up in the same place where you started out. And that makes a lot of sense for this album… I hate the phrase ‘going back to our roots’, but for this record we came home and made it in Kentucky. And it just felt a lot like it did when we were first starting out”, erklärt Frontmann Jim James. Der Song beginnt geheimnisvoll, holt dann mit einer Pinball Wizzard-Gitarre vermeintlich Schwung, nimmt aber erst bei deren zweiten Anlauf eine Strophe später wirklich Fahrt auf. Da klingt die Komplexität von Arcade Fire durch, die Gitarrenverliebtheit von Neil Young, auch die Ursprünglichkeit von Clap Your Hands Say Yeah. Viel mehr Kreativität kann man in gut sieben Minuten kaum packen.
“The album’s like a rolling, gentle soundwave”, findet James, und das ist ein treffendes Bild. Der Auftakt Victory Dance ist düster und hart wie der Black Rebel Motorcycle Club oder Queens Of The Stone Age, aber ohne deren Betonung von Männlichkeit. Beim Siegestanz scheint James nur der Zuschauer zu sein, und am Ende meint man sogar ein ganzes Leben der Erniedrigung aus ihm herausbrechen zu hören.
Immer wieder beeindruckt auf Circuital vor allem sein Gesang. The Day Is Coming verleiht er eine faszinierende Leichtigkeit. Im akustischen Wonderful (The Way I Feel) singt er höchst zerbrechlich, am Ende klingt sein Tenor fast wie eine singende Säge. Auch am Ende von Circuital brilliert er: Der Rausschmeißer Movin Away wird zauberhaft, davor steht mit Slow Slow Tune eine herbe Ballade im Stil von Nick Cave oder Glasvegas. Wieder ist da der Schmerz von Victory Dance, aber Gram wird hier durch Souveränität ersetzt, an die Stelle von Trotz ist ein blendender Stolz getreten.
Dazwischen darf auch die Band glänzen. Alles an Circuital haben My Morning Jacket in einer Turnhalle in Louisville live aufgenommen. “We wanted to capture the sound of us just playing, being in the same place and just feeding off each other”, erklärt Jim James diese Arbeitsweise. So bekommt Outta My System (dessen Melodie sich in der Strophe allerdings arg nah an Jerry Lee Lewis’ Breathless anlehnt) eine feine Dynamik. Holdin On To Black Metal ist keineswegs eine Brachial-Attacke, sondern dank Fuzz-Gitarre, Frauenchor und Bläsern äußerst funky. Auch das beinahe ausgelassene You Wanna Freak Out und First Light mit seinem luftigen Beat werden reizvoll. Unterm Strich ist das durchaus beeindruckend – und ein gutes Zeichen dafür, dass das Rezept von Gitarre, Schlagzeug, Bass wohl noch eine ganze Weile funktionieren wird.
My Morning Jacket spielen den Titelsong Circuital live in Los Angeles:
My Morning Jacket bei MySpace.
Draufgeschaut: Nackt
| Film | Nackt |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2002 |
| Spielzeit | 100 Minuten |
| Regie | Doris Dörrie |
| Hauptdarsteller | Heike Makatsch, Benno Führmann, Alexandra Maria Lara, Jürgen Vogel, Nina Hoss, Mehmet Kurtulus |
| Bewertung | *** |
Worum geht’s?
Charlotte und Dylan haben zum Essen eingeladen. Eigentlich hat niemand richtig Lust auf einen gemeinsamen Abend, aber das befreundete Pärchen Susanne und Boris und das Ex-Paar Emilia und Felix kommen trotzdem. Bald dreht sich das Gespräch um die Frage, ob der Partner unverwechselbar oder austauschbar ist. Mit einer gewagten Wette wollen die drei Pärchen das herausfinden.
Das sagt shitesite:
Nackt ist ein Quasi-Kammerspiel, etwas nervig über-ästhetisiert, aber mit guten Dialogen und starkem Ensemble.
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Alessi’s Ark – “Time Travel”
| Künstler | Alessi’s Ark |
| Album | Time Travel |
| Label | Bella Union |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | ***1/2 |
Vielleicht sagt es eine Menge aus über das Vertrauen der Menschheit in sich selbst, dass Zeitreisen fast immer die Vergangenheit zum Ziel haben. Ob Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit, Zurück in die Zukunft, Terminator oder 12 Monkeys – immer zieht es die Protagonisten in längst vergangene Epochen. Wie die Zukunft aussehen wird, das will man wohl lieber nicht wissen.
Time Travel heißt nun auch das zweite Album von Alessi’s Ark, und auch dieses Werk ist eher in der Vergangenheit verwurzelt denn futuristisch. Für den Albumtitel gibt es aber einen anderen Grund. Time Travel wurde aufgenommen in Brighton (mit Marcus Hamblett vom Wilkommen Collective) und in Wales mit David Wrench (Beth Orton, Bat For Lashes). “In Brighton, we did 12 hour days and had no idea what was going on in the outside world. In Wales, there was no phone signal, and it felt far away from everything”, erklärt Alessi Laurent-Marke die Tatsache, dass sie sich während der Aufnahmen wie aus der Zeit gefallen fühlte.
Wo wir gerade bei Erläuterungen sind: Dass sie ihre Musik unter dem Namen “Alessi’s Ark” veröffentlicht, soll Verwechslungen (oder rechtlichen Ärger) mit anderen Künstlern verhindern. Dahinter steckt aber auch der Ansatz, unter diesem Moniker möglichst viele Freunde und Mitstreiter vereinen zu können. Auf ihrem Debüt Notes From The Treehouse (2009) hatte gleich ein ganzer Schwung von Bright-Eyes-Musikern mitgewirkt. Auch bei Time Travel herrschte ein reges Kommen und Gehen in den beiden Studios.
Dass insgesamt tatsächlich 15 verschiedene Musiker an dieser Platte mitgewirkt haben, hört man Time Travel aber keineswegs an. Es ist ein intimes, unschuldiges, schüchternes Album. Die 21-Jährige präsentiert auch auf Time Travel bezaubernden Folkpop. Dass sie auf Tour unter anderem mit Laura Marling und Mumford & Sons war, kann der Einordnung dienen. Dass Neil Young ein Fan von ihr ist, sollte aufhorchen lassen. Dass der Guardian in Time Travel “a talent that’s on the verge of becoming something special” erkennt, macht ebenfalls Hoffnung.
Und die Musik von Alessi’s Ark enttäuscht dann auch nicht. Der Opener Kind Of Man braucht bloß Akustik-Gitarre, Bass, eine Pedal Steel und ganz dezente Streicher, um träge und doch betörend zu werden. Wenn in On The Pain dann Schlagzeug und eine Trompete dazu kommen, dann klingt das ein bisschen wie Kate Nash auf dem Heimweg nach einer harten, aber lehrreichen Woche. Im recht zupackenden Must’ve Grown legt Alessi’s Ark die gespielte Naivität ab, die sonst einigen der Stücke auf Time Travel eigen ist.
Vor allem aber gelingt ihr ein Album, das trotz des recht eindimensionalen Konzepts im Laufe der Zeit genug Facetten offenbart, um spannend und reizvoll zu bleiben. Der Titelsong, mit knapp vier Minuten das mit Abstand längste der zwölf Stücke auf Time Travel, entwickelt eine tolle Dramaturgie. The Fever ist ein asiatisch angehauchtes Instumental. Ein echtes Highlight wird Maybe I Know – jawohl: ein Cover von Lesley Gore, die mit dem Song 1964 einen Top20-Hit hatte. The Robot klingt wunderbar warm und organisch, der Rausschmeißer The Bird Song herrlich schräg. Das ist so hübsch, dass man wirklich gerne auf die Zukunft verzichten kann – und sich am besten ganz dem Moment hingibt.
Gespielte Naivität? Die gibt es bei Alessi’s Ark auch im Video zu Maybe I Know:
Draufgeschaut: Nikita
| Film | Nikita |
| Produktionsland | Frankreich |
| Jahr | 1990 |
| Spielzeit | 117 Minuten |
| Regie | Luc Besson |
| Hauptdarsteller | Anne Parillaud, Tchéky Karyo, Jean Reno |
| Bewertung | ***** |
Worum geht’s?
Nikita ist ein Junkie. Gemeinsam mit ihren Freunden überfällt sie eine Apotheke, wird geschnappt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die jähzornige und hoch aggressive junge Frau kann dem Gefängnis entgehen, wenn sie sich dem Geheimdienst als Killerin zur Verfügung stellt. Sie willigt ein und durchläuft die knüppelharte Ausbildung. Doch noch schwieriger wird es für Nikita, danach ihr Doppelleben zu ertragen.
Das sagt shitesite:
Tolle Story, klasse Action, feine Ästhetik und famos gespielt. Selten waren Thriller auf so vielen Ebenen derart packend wie Nikita.
Der Trailer zum Film:









