Blood Red Shoes – „Ghosts On Tape“


Künstler*in Blood Red Shoes

Blood red Shoes Ghosts On Tape Review Kritik

Das Cover von „Ghosts On Tape“ könnte auch ein Fahndungsplakat sein.

Album Ghosts On Tape
Label Jazz Life
Erscheinungsjahr 2022
Bewertung

Der Boom von True Crime scheint einfach kein Ende zunehmen. Als Auslöser der aktuellen Renaissance des Genres gilt aus Sicht vieler Fachleute der 2014 gestartete Podcast Serial, der 300 Millionen Downloads allein für seine erste Staffel erzielte. Es folgten Serien wie Making A Murderer auf Netflix, mittlerweile Zeitschriftenableger wie Stern Crime und Audio-Formate wie Zeit Verbrechen, das in Deutschland zu den drei beliebtesten Podcasts bei Spotify gehört. Und jetzt gibt es mit Ghosts On Tape auch noch ein True-Crime-Album der Blood Red Shoes.

Um diesem Format treu zu bleiben, sollten wir also vielleicht zunächst den Tathergang rekonstruieren, auf Basis der vorliegenden Ermittlungsergebnisse.

Die Täter: Steven Ansell und Laura-Mary Carter, damals beide in Brighton zuhause, sind seit 17 Jahren eine Band. Ghosts On Tape ist ihr sechstes Album seit dem Debüt im Jahr 2008. Weiterhin setzt sie in diesem Duo als Tatwaffe vor allem die Gitarre ein, während er seine Gewaltausbrüche vor allem am Schlagzeug auslebt. Beide wechseln sich beim Gesang ab. Sie sind zudem – vielleicht nicht verwunderlich bei diesem Bandnamen – große Fans von True-Crime-Podcasts. Viele der Lieder auf dem neuen Album sind, inspiriert von diesem Genre, aus der Perspektive von Serienmördern geschrieben.

Der zeitliche Ablauf: Blood Red Shoes sind bekannt für ihre Live-Qualitäten. Covid-19 machte die Chance auf Konzerte allerdings auch für diese Band zunichte. In der freien Zeit war das Duo aber nahezu so aktiv wie Bonnie & Clyde. Laura-Mary Carter, die mittlerweile in Los Angeles lebt, hat den Podcast Never Meet Your Idols gestartet, eine Interviewreihe, für die sie beispielsweise mit Mark Lanegan oder Chvrches gesprochen hat, zudem ihr Solo-Minialbum Town Called Nothing veröffentlicht. Steven Ansell hat zuletzt reichlich elektronische Musik für andere Künstler geschrieben und produziert. Im vergangenen Sommer brachte das Duo die EP Ø heraus, nachdem sie so viel zusätzliche Zeit im Proberaum verbracht hatten, dass neues Material wie im Flug entstanden war. Ghosts On Tape ist bereits vor dieser EP entstanden: Es sollte eigentlich auch schon längst veröffentlicht sein, doch weil die Möglichkeit zu einer begleitenden Tournee fehlte, lag die Platte lange auf Eis.

Die besonderen Tatumstände: Nicht nur chronologisch, sondern auch geografisch wich das Duo diesmal von seinem bekannten Schema ab. Heckt sonst zunächst jeder lange Zeit für sich die Pläne aus, sodass man kaum beide an einem Ort antreffen kann, um ihrer habhaft zu werden, war diesmal Ansell in Los Angeles vor Ort, wo beide gemeinsam das Material erarbeiteten. Dann flog das Duo nach Hause ins UK, um dort ins Studio zu gehen – und dort steckten sie wiederum beide fest, als der Lockdown begann.

Das Motiv: Blood Red Shoes entziehen sich schon seit ihren Anfangstagen den typischen Ermittlungsmustern von Indie-Polizei, Punk-FBI oder Rock-Staatsanwaltschaft. Ihre Musik ist zugleich tanzbar, melodisch und heavy – und jetzt offensichtlich auch noch gothic. „Es ging bei diesem Album darum, dass wir uns voll und ganz als unsere eigene kleine Insel behaupten“, erklärt Steven Ansell. „Wir haben unsere ganze Karriere damit verbracht, dass man uns gesagt hat, was wir ’nicht‘ sind, dass wir abgelehnt wurden, weil wir nirgends dazugehören. Mit diesem Album drängen wir ganz bewusst in unsere Fremdartigkeit und betonen all die Dinge, die uns anders machen.“

Die Spurenlage: Wir finden 13 Tracks vor, 3 davon sind rätselhafte Instrumentalstücke, die jeweils den Titel Seque mit einer Nummer und einem weiteren kleinen Zusatz tragen. Wahrscheinlich sollen damit Spuren verwischt werden. Die übrigen zehn Songs zeigen, wie gnadenlos das Duo seinen Plan verfolgt, und wie verdächtig wohl sie sich in der Rolle als Serienkiller fühlen.

Die Klaviermelodie im Album-Auftakt Comply könnte von Slasher-Großmeister John Carpenter stammen. die zentrale Zeile „I will not comply“ greift sogleich ihre schon im Verhör geäußerte Verweigerungshaltung auf. Das wird später auch in I Am Not You artikuliert: „I’m nothing like you“, singt Steven Ansell darin voller Überzeugung, um dann sogleich den Beweis anzutreten mit Überraschungen, Brüchen und vor allem ganz viel Charakter.

Songtitel wie Morbid Fascination (die Band benennt Tears For Fears als Einfluss, aber bei dieser elektronisch erzeugten Härte, Tanzbarkeit und ganz viel Attitüde kann man natürlich auch an Garbage denken), Murder Me (das Lied wird packend und kurzweilig, der gewaltige Beat hat daran den größten Anteil, aber bei weitem nicht den einzigen) oder Dig A Hole (das wundervoll Energie und Inspiration, Kraft und Eleganz verbindet) beweisen, wie eingehend sich Blood Red Shoes im Mord-Metier umgeschaut haben.

Auch die vermeintlich harmloseren Inhalte können sich als brutal erweisen. Das reduzierte Begging könnte man sich gut von The Kills (!) vorstellen, das sehr starke I Lose Whatever I Own ist schockierend sexy und clever angesichts der Tatsache, dass es hier womöglich um eine Beziehungstat geht. Die Aggressivität und Bedrohlichkeit von Give Up kommen nicht aus der Berechnung, sondern zunächst anscheinend aus dem Chaos und dann hinterrücks aus der Versuchung. Rhythmus und auch Klavier in Sucker sind vergleichsweise eintönig, aber daraus spricht letztlich eine Entschlossenheit und Unerbittlichkeit, wie sie der hier besungene Blutdurst wohl mit sich bringt.

Den Abschluss der Ghosts On Tape macht Four Two Seven, das geheimnisvoll zurückgenommen ist, auch durch seinen LoFi-Charakter, im Text aber ebenfalls auf menschliche Abgründe verweist. Denn der hier vertonte Gedanke lautet: Wenn man den so innig geliebten Menschen schon nicht mehr an seiner Seite hat, dann sollte man wenigstens noch den Schmerz bewahren, von ihm verlassen worden zu sein.

Die Opfer: Praktisch keine Chance aufs Überleben haben nach diesen rund 39 Minuten alle, die weiterhin versuchen sollten, diese Band in eine Schublade zu stecken.

Das Urteil: Es ist davon auszugehen, dass die Akte „Blood Red Shoes“ mit Ghosts On Tape noch längst nicht geschlossen ist. „Letztlich ist dieses Album eine Einladung“, sagt Steven Ansell. „Wir wollen damit sagen: Das ist unsere Welt, das sind unsere dunkelsten Gedanken und Gefühle – unsere Geister – die wir auf Band festgehalten haben. Ihr seid willkommen, euch uns anzuschließen. Kommt und umarmt das Fremde!“

Der Horror: das Video zu Comply.

Website von Blood Red Shoes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.