Chvrches – „Love Is Dead“


Künstler Chvrches

Love Is Dead Chvrches Review Kritik

Auf „Love Is Dead“ haben Chvrches erstmals auf externe Unterstützung gesetzt.

Album Love Is Dead
Label Vertigo
Erscheinungsjahr 2018
Bewertung

„Es macht mehr Sinn als alles, was wir zuvor gemacht haben, denn es repräsentiert uns zu 100 Prozent“, sagt Martin Doherty über Love Is Dead. „Wir hatten immer diese sehr schwierige Seite an uns – künstlerisch, introspektiv und wütend – und dann haben wir am Ende dennoch sehr kommerzielle Musik daraus gemacht. Als wir im Vorfeld über das dritte Album sprachen, machten wir uns diese beiden Seiten unserer Band klar.“

Wie Chvrches das meinen, macht die gestern erschienene Platte schon beim ersten Hören deutlich: Das Trio aus Glasgow hat beide Komponenten noch ein bisschen extremer gemacht. Die Pop-Facette entwickeln sie beispielsweise in Get Out bis zum Maximum: Der Refrain ist eingängig, die Atmosphäre ist jugendlich bis hin zu infantil, sodass man sich an die Anfänge von Avril Lavigne erinnert fühlen kann „Es geht darum, aufzuwachsen und zu realisieren, dass die Dinge sich nicht so entwickelt haben, wie du es erwartet hattest“, sagt Sängerin Lauren Mayberry.

Sie weiß davon, im Wortsinne, mehr als ein Lied zu singen, erzählt sie: „Ich war 24, als wir die Band gründeten. Jetzt bin ich 30. Ich bin quasi vor den Augen der Leute aufgewachsen. Mich hat die Angst immer begleitet. Als Frau in der Öffentlichkeit, und vor allem als Frau in der Entertainmentbranche. Ich weiß, wie die Menschen über dich reden, wie sie dich wahrnehmen. Noch bevor die erste Platte auf den Markt kam, konnte ich all die Monster in den Bäumen sehen. Einige von ihnen wurden real, andere nicht.“

Ähnlich plakativ wie Get Off ist die Single Graffiti, die neben viel Spektakel auch echtes Gefühl (und die alten Keyboards von OMD) bietet. Graves vereint einen New-Order-Bass mit etwas, das 13-jährige Mädchen in ihrem ersten Weltschmerz abzuholen wollen scheint, und hätte Kim Wilde in der besten Phase ihrer Karriere wohl sehr glücklich gemacht. Der Album-Abschluss Wonderland ist tatsächlich eine Powerballade, etwa in der Nähe der Bangles, und bietet genau das, was eine gute Powerballade braucht, nämlich einen großen, pompösen, leidenschaftlichen Refrain.

Für die eher introspektiven Momente steht beispielsweise Deliverance, dessen Strophe den ersten Moll-Moment des Albums bringt (passend zu einem Text, der die Heuchelei von Religion anprangert), im Refrain dann aber wiederum knallig genug wird, um beispielsweise zu Katy Perry zu passen. Herausragend in dieser Hinsicht ist Really Gone, der beste Song des Albums, der nur Synthies und Gesang braucht, um einen sehr eindringlichen Blick auf Unsicherheit, Vertrauen und Bedauern zu eröffnen.

Ernsthaftigkeit und Eingängigkeit schließen sich bei Chvrches auch diesmal keineswegs aus. So ist auch der Albumtitel Love Is Dead keineswegs (nur) persönlich gemeint, sondern entspringt einer Analyse unserer Welt. „Wir leben in einer Zeit, in der das Ende der Empathie ziemlich offensichtlich ist. Du schaltest das Fernsehen ein und siehst eine Geschichte nach der anderen von selbstbezogenen, unfreundlichen Menschen, aber auch Geschichten von Stärke und Widerstand. Wie gehen wir mit diesen beiden Seiten der Welt um?“, fragt sich Lauren Mayberry und skizziert damit zugleich das wichtigste Themenfeld des Albums. Iain Cook bringt das noch etwas prägnanter zum Ausdruck: „Wir werden gefickt, die Welt ist gefickt. Aber am Ende ist alles eine Ellipse.“

Wohl auch wegen dieser Perspektive hat Mayberry diesmal versucht, „weniger über die romantische Liebe im Speziellen zu schreiben, und mehr über das Konzept der Liebe im Allgemeinen“, sagt sie. Auch sonst gibt es bei Love Is Dead einige Neuerungen in der Herangehensweise. Schon im Entstehungsprozess haben Chvrches enger zusammengearbeitet als bisher, teilweise sogar beim Schreiben der Texte. „Dadurch fühlt sich das Album zusammenhängender an als die beiden davor“, sagt Lauren Mayberry. Während das Trio die beiden Vorgänger The Bones Of What You Believe (2013) und Every Open Eye (2015) komplett in Eigenregie umgesetzt hat, wurden diesmal drei Viertel der Lieder von Greg Kurstin (Adele, Pink, Lily Allen) coproduziert. Weitere Unterstützung gab es von Dave Stewart (Eurythmics), der so etwas wie der Spiritus Rector für Love Is Dead war und im Booklet ein Dankeschön „for pushing us to take our chances“ bekommt.

Trotz dieser Verstärkungen hat die Platte allerdings auch einige Schwächen. My Enemy wird trotz des Gastauftritts von Matt Berninger (The National) in erster Linie überflüssig, Heaven/Hell ist nicht schlecht, aber vollkommen beliebig, auch weil die Stimme so stark manipuliert ist – am Ende mag man kaum entscheiden, ob das besser zu Kylie Minogue oder Cyndi Lauper gepasst hätte. Etwas zu kalkuliert kommt auch Miracle daher: Der Ohoho-Refrain funktioniert zwar, platzt aber ziemlich unerwartet herein und wirkt vor allem, als hätte jemand den Auftrag bekommen, schleunigst etwas im Stil von „Coldplay feat. The Chainsmokers“ zu fabrizieren. Wie ein Fremdkörper wirkt God’s Plan, nicht nur, weil hier plötzlich Martin Doherty singt, sondern auch, weil der Sound sich sehr stark in Richtung Electro und Ambient bewegt.

In den besten Momenten der Platte gelingt es Chvrches allerdings tatsächlich, ihre beiden Kernkompetenzen nicht nur zum Strahlen, sondern zur Symbiose zu bringen. Never Say Die ist ein gutes Beispiel für eine dieser besonderen Dramaturgien, die durch das Zusammenspiel von Wucht und Finesse entstehen. Auch Forever gehört in diese Reihe und erweist sich als sehr guter, sogar besonderer Popsong durch die Wut der Zeile „I’ll always regret the night I told you I would hate you ‚til forever“ und die Erkenntnis, dass der Zorn damals ebenso zu groß war wie es jetzt vielleicht das Bedauern ist. Diese emotionale Reife ist letztlich das größte Pfund auf dem dritten Album von Chvrches: Sehr viele Lieder kreisen darum, dass die Aufrichtigkeit bezüglich der eigenen Gefühle vom Gegenüber nicht nur gespürt, sondern auch zum Ausdruck gebracht werden soll – und genau aus dieser Erforderung ziehen die Songs eine Stärke und Tiefe, die sie vom üblichen Chartsfutter abheben.

Chvrches spielen Get Out akustisch und plaudern über die Entstehung.

Website von Chvrches.

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