Corona-Musik 15 mit Man On Man, Fury In The Slaughterhouse, Blaudzun, Ryan Downey und Ilja Ruf


Man On Man Stohner Review

Haare an den falschen Stellen: Man On Man zeigen queer ohne Katalog-Ästhetik. Foto: Fleet Union / Jack Pierson

Gleich mit ihrer ersten Single haben Man On Man für einen Mini-Skandal gesorgt: Das Video zu Daddy wurde von YouTube gelöscht, weil es angeblich gegen die „sex and nudity policy“ der Plattform verstieß. Allerdings war da wohl ein nicht allzu cleverer Algorithmus am Werk, denn der Vorwurf erwies sich schnell als unbegründet, sodass Daddy wieder erlaubt wurde und mittlerweile auf rund 200.000 Aufrufe kommt. Für Joey Holman und Roddy Bottum, die hinter der Band stehen und im Clip in Unterwäsche miteinander kuscheln, war diese Panne womöglich ein Glücksfall, den dem Ziel, ihre schwule Liebe möglichst öffentlich als ganz normal zu feiern, kamen sie so einen guten Schritt näher. „Es gibt schon jede Menge Repräsentation in der schwulen Gemeinschaft von jungen, haarlosen, hübschen Männern“, sagte Bottum, der zuvor bei Faith No More und Imperial Teen aktiv war, dem Rolling Stone, und die Besonderheit von Man On Man ist offensichlich, dass sie nicht diesen Kriterien entsprechen, genauso wenig wie ihre Musik zu gängigen Gay-Klischees aus Disco oder House passt. Mit der neuen Single Stohner (***1/2) gibt es einen zweiten Vorgeschmack auf das selbstbetitelte Debütalbum, das am 7. Mai auf Big Scary Monsters erscheinen wird und gemeinsam mit den Produzenten Carlos de la Garza (M83, Paramore, Jimmy Eat World) und Mike Vernon Davis (Foxing, Great Grandpa) entstanden ist. Diesmal ist der Song von Corona inspiriert. Sie haben das Lied „geschrieben, um die Paranoia aus den ersten Phasen der Quarantäne abzuschütteln. Wir wollten etwas Mutiges und Performatives machen, das unseren Zuhörern eine vertraute Welt zeigt, während wir völlig neue Sounds und Visuals präsentieren“, sagen sie. Erstere kann man als Shoegaze mit Mitteln des Stoner-Rock betrachten, Letztere haben sie gemeinsam mit Regisseur Brendan McGowan in einem Clip umgesetzt, in dem sie sich vervielfacht haben und natürlich erneut ihre sehr besondere Zweisamkeit inszenieren. „Stohner ist eine Abrechnung; es ist ein Aufbruch aus der Isolation in die Zweisamkeit. Da wir weiterhin die Geschichte von queerer Liebe und Zärtlichkeit erzählen, war es uns wichtig, unsere Zuneigung auf neue und aufregende Weise zu zeigen. Mit unserem Video haben wir die Frage beantwortet, die wir uns als Künstler oft stellen: Wie zeigen wir den Leuten etwas, das sie noch nie gesehen haben?“, sagen Man On Man. Dass dabei auch Augenzwinkern dabei ist, schadet in diesen schweren Zeiten natürlich keinesfalls.

Seit ein paar Tagen ist das erste Album von Ilja Ruf draußen, passend zum Alter des Künstlers heißt es Ilja_19 (diese Idee hat sich ja schon bei Adele bewährt). Die Single Living My Life (**) zeigt, dass man auch im Sound hier Ähnlichkeiten entdecken kann: Klavier und Stimme dominieren, das Tempo ist getragen, die Gefühle sind umso größer, auch eine Nähe zu E-Musik (und damit zum Affektiert-Blasierten) ist nicht ganz von der Hand zu weisen, schließlich kommt Ruf aus einer Musikerfamilie (sein Vater ist Dirigent, sein älterer Bruder ist Klarinettist) und schreibt auch Stücke weit über den Pop-Kontext hinaus. Noch mehr als Adele passt dabei Jamie Cullum als Vorbild, wie Ilja Ruf selbst sagt: „Wie er mit Musik umgeht, spielt, singt, das reißt mich jedes Mal mit. Als ich ihn zum ersten Mal live erlebte, wusste ich: Das möchte ich auch machen.“ Der Musiker aus Lübeck hat dabei in gewisser Weise von der Pandemie profitiert: Das per Crowdfunding umgesetzte Album hat er im August 2020 im Kolosseum seiner Heimatstadt aufgenommen. Der Konzertsaal samt des großen Steinway-Konzertflügels stand nur deshalb zur Verfügung, weil der Lockdown das reguläre Programm dort lahmgelegt hatte. „Hier aufzunehmen war richtig beflügelnd,“ sagt Ilja Ruf, zugleich weiß er, wie schwierig es für junge Menschen in diesen Tagen ist, sich zu verwirklichen: „Ich bin so glücklich, dass ich die Musik, die sich über die Jahre in mir aufgestaut hat, noch vor meinem 20. Geburtstag veröffentlichen kann. Das macht mich frei für einen neuen, noch unbekannten Weg.“

Bei Ryan Downey erscheint schon der Titel seiner aktuellen Single in Corona-Zeiten wie eine verbotene Idee: Contact (****1/2) heißt der wundervolle neue Song des Australiers, der auch auf dem Album A Ton Of Colours enthalten sein wird, das am 14. Mai herauskommt. „Wenn uns das vergangene Jahr irgendetwas in Erinnerung gebracht hat, dann die Tatsache, dass nichts in unserem Leben so bedeutungsvoll ist wie die Beziehungen, die wir miteinander haben. Contact habe ich schon vor der Covid-Zeit geschrieben, und es fühlte sich dann ziemlich verrückt zu beobachten an, wie es immer mehr an Relevanz gewann, als die Welt zusehends dichtgemacht wurde und wir in Selbst-Isolation auf Begegnungen mit und Berührungen von anderen verzichten mussten. Als wir den Song schließlich aufgenommen haben, hatte er sich in eine Bestie einer ganz anderen Kategorie entwickelt“, sagt Downey. Im Video ist er passenderweise in einer Weltraumkapsel zu sehen, seine Band und seine Managerin vervollständigen in ihren jeweils eigenen Kapseln (vorbildlich hinsichtlich der Hygienevorschriften!) die Weltraum-Crew, die sich auf etwas offensichtlich Bedeutendes vorbereitet und dabei voller Sehnsucht nach Verbindung zu denen ist, die auf dem Heimatplaneten auf sie warten. Das Lied setzt dieses Gefühl mit einer sehr direkten, beinahe rohen Wirkung um, die aber durchaus auch Verspieltheit und Geheimnis kennt, und kann sich hinsichtlich der angestrebten Emotionalität ganz auf den Bariton des Sängers verlassen. Die Science-Fiction-Idee des Clips, die gemeinsam mit Co-Regisseur Alex Badham umgesetzt wurde, ist natürlich ebenfalls eine Metapher für die Zeit der Pandemie, wie Ryan Downey sagt: „Wir wollten die Gefühle einfangen, die viele von uns während des Lockdowns durchmachen.“

Auch Blaudzun hat schon vor der Corona-Plage einen Song geschrieben, der jetzt eine neue Bedeutung erlangt hat. Real Hero (***1/2) war eigentlich an den kleinen Sohn eines seiner besten Freunde gerichtet, der tapfer gegen eine schwere Krankheit kämpfte, und er sollte auch seiner Schwester und seinen Eltern etwas Hoffnung machen. Der Junge, der nun auch auf dem Cover der Single zu sehen ist, verlor seinen Kampf allerdings im November und starb. Die Idee, eine Hymne an die kleinen Helden des Alltags (für die es im putzigen Video eine schöne Würdigung gibt) und die nicht immer im Rampenlicht stehenden Helden der Pandemie zu singen, fand der Niederländer, der in seiner Heimat bereits ein Nummer-1-Album vorzuweisen hat, dann umso einleuchtender. „Als die Welt im vergangenen Jahr mehr und mehr von Hass und Krankheit überschwemmt zu werden schien, fand ich immer noch, dass es im Chaos viel Schönes zu entdecken gab. Menschen, die wissen, wie man zueinander findet, wenn Gegensätze unüberbrückbar erscheinen. Menschen, die in Zeiten der Pandemie die Liebe entdecken. Menschen, die sich nicht mit Verlust und Einsamkeit abfinden und für sich und ihre Mitmenschen einstehen. Das sind meine wahren Helden“, sagt Blaudzun. Der Song ist entsprechend hoffnungsvoll, heiter und leicht, passend dazu hat der Künstler auch eine Hashtag-Kampagne gestartet: Unter #RealHero sollen sich seine Fans bei ihren ganz persönlichen Held*innen bedanken – oder einfach kurz zeigen, dass man an sie denkt.

Für ihr Comeback und das 14. Studioalbum hätten sich Fury In The Slaughterhouse sicher angenehmere Rahmenbedingungen gewünscht als eine weltweite Pandemie. Um den Anlass doch noch gebührend feiern zu können, hat die 1987 gegründete Band aus Hannover ein paar spezielle Formate entwickelt. Erstens wird es am Tag vor der Veröffentlichung von NOW – dem ersten neuen Album seit der Auflösung 2008 – ein interaktives Livestream-Event mit einem exklusiven Konzertmitschnitt, Fragestunde für Fans und Thees Uhlmann als Special Guest (mit dem auch ein Song performt wird) geben. Das Ganze steigt am 22. April (in der Nacht vom 9. auf den 10. Mai um 01:15 Uhr wird das Konzert auch im WDR-Fernsehen zu sehen sein) bei Facebook und YouTube, die Show wurde zuvor im Rahmen der Reihe „Rockpalast OFFSTAGE“ in der Historischen Stadthalle Wuppertal aufgezeichnet. Rockpalast-Redakteur Peter Sommer hat Fury In The Slaughterhouse „zum ersten Mal in den Neunzigern beim Schüttorf Open Air gesehen und war begeistert. Nachdem wir die Band dreimal für den WDR aufgezeichnet haben, freue ich mich ganz besonders darüber, dass der Rockpalast auch den Neuanfang begleitet.“ Die Wertschätzung ist eindeutig gegenseitig, wie Sänger Kai Wingenfelder bestätigt: „Wir freuen uns wahnsinnig, dass wir mit dem WDR, mit dem wir 2020 bereits eine wunderschöne Time To Wonder-Videoaktion umgesetzt haben, wieder etwas gemeinsam auf die Beine stellen werden. Wir proben wie die Wilden und sind sicher, dass es ein schönes Format werden wird.“ Das gilt sicher auch für die 10 Corona-konformen Shows mit Hygeniekonzepten, die unter dem Banner „NOW or NEVER 2021“ geplant sind. Wenn alles gut geht, soll es im Sommer außerdem Open-Air-Shows im Rahmen der regulären NOW-Tour geben, darunter am 18. Juni auf der Parkbühne in Leipzig. Wer wissen will, wie Fury anno 2021 klingen, kann sich an der Single Sometimes (Stop To Call) (**1/2) orientieren: Das ist nach wie vor nicht frei von Peinlichkeiten (einschließlich Basecap und Sonnenbrille im Video), aber halbwegs kompetent und im Refrain nicht ohne Charme. Natürlich hat das auch das etwas gestrig anmutende Selbstverständnis einer vergangenen Rock-Ära, in der noch Stadionkonzerte und Weltverbesserung für realistisch galten, aber das wirft U2 ja auch niemand vor.

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