Corona-Musik 16 mit Genetikk, Donots, Danger Dan, Modern Life und Someone


Genetikk German Angst

Ich bin nicht sicher, ob das als Mund-Nasen-Schutz durchgeht. Foto: verstaerker.com / Varvara Kandaurova

Rio Reiser kann sich ja nicht mehr wehren. Die neue Single von Genetikk beginnt mit einem Sample, in dem er für Ton Steine Scherben Der Traum ist aus singt, danach legt Kappa los mit einem Rap, der oft gefährlich nahe an Narrativen von Querdenkern und anderen Spinnern ist. German Angst! (**) heißt das Stück, mit dem das Duo einen weiteren Vorgeschmack auf das schon lange angekündigte und nun wohl tatsächlich kurz vor der Veröffentlichung stehenende Album MDNA gibt. Da wird zu einem Monsterbeat von Produzent Sikk von „Freedom statt zu dienen“ gefaselt, als gebe es hierzulande irgendeine Form von ideologischer Unterdrückung, auch die Zeile „Achtung, Achtung, hier komm’n die Mutanten, die ihr braucht“ deutet auf den Glauben an eine Corona-Verschwörung. Das Video stützt diese These mit einem Splitscreen, in dem links die angeblich paradiesische Vergangenheit und rechts die angeblich apokalyptische Pandemie-Gegenwart zu sehen ist. Ob Genetikk mit so dubiosen Inhalten an die Zeiten von D.N.A. (2013) anknüpfen können, auf die der Albumtitel unverkennbar anspielt, ist fraglich. Vielmehr muss man den Eindruck haben, dass da jemand die Fakten der Pandemie nicht einmal zu einem Drittel verstanden hat, sich aber zum vermeintlichen Propheten einer geheimen Wahrheit aufschwingt, weil er – ähnlich wie Attila Hildmann – mit der eigenen Ohnmacht und der Unfähigkeit, die eigene Selbstentfaltung mal eine Weile zum Wohle der Allgemeinheit einzuschränken, nicht klar kommt. Immerhin: Die Einnahmen des Videos zu German Angst werden an Intensivpflegekräfte gespendet.

Ihre runden Jubiläen feiern die Donots ja bekanntermaßen stets auf besondere Weise. In diesem Jahr steht zwar kein kalendarischer Meilenstein an, dafür ist Mitte April aber die Biografie der Band aus Ibbenbüren in Buchform erschienen. Heute Pläne, morgen Konfetti heißt das Werk von Ingo Neumayer, die Veröffentlichung feiern die Donots nun mit einem Livestream-Event, das natürlich auch dafür entschädigen soll, dass es seit fast anderthalb Jahren (genauer seit dem 28. Dezember 2019) kein Konzert der Donots mehr gab. „So eine lange Livepause hat es in unserer Bandgeschichte niemals gegeben. Es wird einfach Zeit, mal wieder die Instrumente in die Hand zu nehmen“, sagen die Donots. Deshalb wird es morgen ab 18:30 Uhr einen interaktiven Livestream geben, der aus Konzert, Lesung, Live-Podcast und einer Fragerunde mit Fans besteht. Das Ganze wird in Berlin auf die Beine gestellt und für 48 Stunden verfügbar sein. Als Gäste sind Frank Turner, Leoniden, Danger Dan und Thees Uhlmann dabei, ebenso Ingo Neumayer als Autor der Biografie und Nilz Bokelberg, der das dazugehörige Hörbuch eingesprochen hat. Die Gelegenheit, gemeinsam mit Fans und Wegbegleitern auf 27 Jahre Donots zurückzublicken, ist natürlich ein brauchbarer Lückenfüller in Corona-Zeiten, als besonderes Schmankerl hat sich die Band zudem ein auf 444 Stück limitiertes Interaktiv-Ticket ausgedacht, das einen direkten Kanal zur Band und zu Songs wie Calling (**1/2) den Sprung ins virtuelle Moshpit eröffnet – ohne Gefahr von blauen Flecken oder schlimmeren gesundheitlichen Folgen.

„Ich vermisse dich und hätte dich jetzt gerne in meiner Nähe.“ Es gibt natürlich unzählige Lieder mit dieser Botschaft, aber in Zeiten von Kontaktbeschränkung und Reiseverbot ist das eindeutig noch wirkungsvoller. Solch ein Lied hat Modern Life mit How Ya Been? (***) gemacht, und zwar während des ersten Lockdowns 2020 in seiner Heimatstadt London. Frank Colucci, der Produzent hinter diesem Act, hat auch reichlich für andere Künstler wie Viva Brother oder Sea Girls gearbeitet, lebt als Modern Life aber ganz und gar seine eigenen Ideen aus. „Es ist die erste und einzige Sache, bei der ich mich komplett selbst verwöhnen kann“, sagt er. Das scheint dann vor allem leichte Clubsounds mit Tendenz zu Extravaganz und Melancholie à la Caribou mit sich zu bringen. Wer genauer wissen will, wie das klingt: Am 3. Juni erscheint die EP Hard Copy.

Auch Tessa Rose Jackson alias Someone hat mit Strange World (****) ihre Gefühle während des ersten Lockdowns zu Papier gebracht. Die niederländisch-britische Musikerin blickt in ihrer neuen Single verwundert darauf, wie sehr sich das Leben verändert hat und wie schnell die scheinbar unverrückbare Normalität ins Wanken gerät, zu einem verträumt-herben Sound, der ein bisschen an eine betrübte Stella Donnelly denken lässt. „Ich konnte nicht aufhören, es zu spielen, und in meinem Kopf begann sich das Bild eines weiten, ausgestreckten Strandes zu formen“, erzählt Someone über die ersten Ideen für den Song. „Der Strand ist verlassen, bis auf eine Person. Dies ist ihr Ort; dies ist der Ort, an den sie immer wieder zurückkehrt. Aber er ist nicht real. Und so begann die Geschichte nach und nach Gestalt anzunehmen. Der Song handelt davon, in eine alte, liebgewonnene Erinnerung zurück zu kehren. Und obwohl sie einen jedes Mal willkommen heißt, wird einem, je öfter man sie besucht, bewusst, wie sehr sich die Dinge verändert haben. Es wird zu einer Erinnerung daran, dass nichts konstant ist, nicht einmal du selbst.“ Das Video zu Strange World wurde ebenfalls während des Lockdowns in London gedreht, und zwar gemeinsam mit Regisseur David Spearing. Demnächst kommt das Debütalbum Shapeshifter.

Dass die Antilopen Gang ein waches Auge für brisante gesellschaftliche Entwicklungen hat, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Dass Danger Dan als Mitglied der Band auch eine Vorliebe für Klavierballaden hat, dürfte sich mittlerweile auch herumgesprochen haben. Nudeln und Klopapier (****) ist ein schon etwas älteres Beispiel dafür, gehört aber aus mindestens drei Gründen zwingend in die Corona-Musik: Erstens besingt Danger Dan hier eines der auffälligsten (und unerfreulichsten) Phänomene aus der ersten Welle der Pandemie. Zweitens ist es ein ebenso kluger wie humorvoller Blick auf die Effekte der Mangelwirtschaft und die falschen Prioritäten. Drittens ist der Song tatsächlich nur durch Corona überhaupt zustande gekommen, denn der Künstler hat ihn in Isolation bei sich zu Hause geschrieben und aufgenommen, und zwar auf dem Klavier, das er eigentlich in der geplanten Tournee der Antilopen Gang spielen wollte.

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