Corona-Musik 23 mit Casper, Parcels, Tori Amos, Sam Evian und The Damned Don’t Cry


Sam Evian Time To Melt

Sam Evian lebt jetzt im Wald. Foto: verstaerker.com / Josh Goleman

Gleich in vielfacher Hinsicht ist Time To Melt (***1/2), die neue Single von Sam Evian, von der Covid-19-Pandemie beeinflusst. Erstens ist der Künstler aus New York ein Experte darin, Musik ganz alleine in den eigenen vier Wänden zu erschaffen, was in Zeiten von Kontaktbeshränkungen ja eine überaus hilfreiche Kompetenz ist. Genau dazu wurde er von Spencer Tweedy interviewt, der verschiedene Acts für sein Buch Mirror Sound dazu befragt hat, wie selbst aufgenommene Musik funktioniert. Um das während des Gesprächs an einem Beispiel zu demonstrieren, startete Sam Evian einen Drumcomputer und improvisierte etwas. Die entstehende Skizze gefiel ihm so gut, dass daraus Time To Melt wurde, was nun zugleich der Titeltrack seines neuen Albums ist, das am 29. Oktober herauskommt. „Wer sich mit Tarot auskennt, kann es so verstehen, als würde man die Todeskarte auf eine positive Art und Weise ziehen. Es ist, als würde man sich mit dem Tod auseinandersetzen, und ich glaube, jeder hat im vergangenen Jahr viel darüber nachgedacht, vielleicht mehr als sonst“, sagt Sam Evian und stellt damit gleich den zweiten Corona-Kontext für den Song her. Das Stück ist retro und modern zugleich, wie man das von ihm kennt, und wirkt erstaunlich mellow und heiter angesichts von Zeilen wie „It’s time to melt away / It’s time, I feel the days are numbered / And I don’t know what’s inside them.“ Dass aus Time To Melt gleich ein ganzes Album wurde, hat auch mit Lockdown & Co. zu tun. Denn Sam Evian war zuletzt recht häufig als Produzent tätig gewesen und hat in dieser Funktion beispielsweise mit Big Thief, Cass McCombs, Cassandra Jenkins und Widowspeak gearbeitet. Diese Laufbahn wollte er, neben seinem eigenen künstlerischen Schaffen, gerne fortsetzen und hat sich dafür ein eigenes Studio eingerichtet, aber wegen Corona konnte sich dort niemand mehr einmieten. Also warf er stattdessen einen Blick in sein Archiv mit nicht ausgearbeiteten Ideen und nutzte das Studio, um daraus doch noch fertige Songs zu machen. Virtuell waren daran seine Partnerin Hannah Cohen, Spencer Tweedy, Chris Bear, Jon Natchez von The War On Drugs und sogar Fans beteiligt, die er in den Entstehungsprozess eingebunden hat, indem sie ihm über Instagram Sprachnotizen schicken konnten. Nicht zuletzt dürften auch beim Konzept für das Video, das unter Regie von John TerEick entstanden ist, die Rahmenbedingungen der Pandemie eine Rolle gespielt haben. Denn der Clip wurde im Freien gedreht (genauer gesagt: in den Wäldern rund um das Haus von Sam Evian in seiner neuen Heimat in den Catskills) und die einzige andere Person, die man neben dem Künstler vor der Kamera sieht, trägt einen Ganzkörperschutzanzug. „Ich treffe einen einsamen Außerirdischen in den Wäldern und er bringt mir einen Jig bei. Im Laufe der Nacht werde ich dann überredet, ein spezielles Insektenspray zu schnüffeln, das einen Wurmlochwirbel in eine andere Dimension öffnete“, erklärt Sam Evian die Idee. So kann man der deprimierenden Corona-Realität natürlich auch entfliehen.

Ganz ähnliche Effekte hatte die Pandemie bei The Damned Don’t Cry, dem neuen Projekt von Carlos Ebelhäuser (Bassist bei Blackmail aus Koblenz) und Ingo Drescher (Frontmann bei Cuba Missouri aus Münster). Auch sie suchten während der unfreiwilligen Isolation nach neuen künstlerischen Möglichkeiten, griffen dafür ebenfalls auf bereits vorhandene Ideen zurück, die nie vollständig realisiert wurden, und setzten auf digitalen Austausch. Gemeinsam identifizierten sie die Entwürfe mit dem größten Potenzial, in vielen Fällen konnte einer die fehlenden Elemente und Mosaiksteinchen zum Song-Fundament des anderen liefern oder dessen Ideen ergänzen und weiterentwickeln. Erstes Ergebnis ist die am 1. Oktober erscheinende EP Doing, Making, Saying Things, produziert von Kurt Ebelhäuser, der auch schon das Cuba Missouri-Debüt This Year’s Lucky Charms (2006) betreut hatte. Die schon jetzt verfügbare Single Disconnect Myself (***1/2) zeigt, wie organisch die Ergebnisse trotz des ungewöhnlichen und vergleichsweise unpersönlichen Entstehungsprozesses klingen, zugleich wird deutlich, wie zeitlos der Sound des Duos bereits ist, der dabei insbesondere durch die anscheinend ewig junge Stimme von Ingo Drescher eine sehr frische Komponente bekommt. Benannt haben sich The Damned Don’t Cry nach der gleichnahmigen Single von Visage aus dem Jahr 1982. Ein Album ist bereits in Arbeit, auch die Zusammenstellung einer Liveband ist geplant – für die Zeit nach der Pandemie.

So kann man das Social Distancing und unverhofft viel Zeit zuhause natürlich auch nutzen: Casper hat zu Beginn des Lockdowns ein Buch gelesen, nämlich Slaughterhouse-Five von Kurt Vonnegut. Dem 1969 veröffentlichten Roman hat er nun die Zeile entnommen, nach der sein viertes Album (kommt am 25. Februar 2022) benannt sein wird: Alles war schön und nichts tat weh. Es geht auf dem Nachfolger von Lang lebe der Tod (2017) unter anderem um Mental Health und Erfolgsdruck, die gleichnamige Single (****) unterstreicht das mit der cleveren ersten Zeile „Ich hab‘ heute wieder dran gedacht / dass ich mir zu viel‘ Gedanken mach'“, das Video inszeniert des Innenleben von Casper schon in den ersten Sekunden als Schlangengrube und Morast voller Gewürm. Dass daraus aber ein Blumenmeer erwachsen kann, macht der Clip ebenso klar, denn natürlich geht es in diesem „Postrock-Gospel-Rap-Monster“ (so die zutreffende Umschreibung aus dem Presseinfo) um Aushalten und Widerstand, um Erlösung und Befreiung, wie so oft bei Casper. Entsprechend dramatisch ist der Sound, mit Klavier-Basis und Chor-Unterstützung, ebenso mit überraschenden Details wie einem Banjo oder der kurzen E-Gitarre vor dem letzten Refrain. Die Wörter „Ich explodier'“, die diesen einläuten, bedeuten nach den Worten des Künstlers „natürlich auch, dass ich mich frei mache von all diesen Dingen. Es ging mir darum, mich aus der Schale zu pellen. Dieser Song ist für mich wie eine Katharsis – und blickt insofern gleichermaßen zurück wie nach vorne.“ Am 21. März 2022 ist er in Leipzig im Felsenkeller live zu erleben (bereits ausverkauft), am 27. November 2022 dann im Haus Auensee.

Reichlich auf Tour ist normalerweise auch Tori Amos, und zwar schon seit drei Vierteln ihres Lebens. Umso härter traf die 58-Jährige das Fehlen von Konzertreisen, auch ihre zwei Wohnsitze (in Cornwall und Florida) sind in Pandemiezeiten schwierig zu vereinen. Entsprechend hat sie unter der Pandemie gelitten. Die damit verbundenen Sorgen und die daraus entstandenen Erkenntnisse sind ins Album Ocean To Ocean (Erscheinungstermin: 29. Oktober) geflossen. „Es ist eine Platte über deine Verluste und wie du mit ihnen umgehst“, sagt sie. „Wenn man lange genug gelebt hat, kann man zum Glück erkennen, dass man sich nicht wie die Mutter fühlt, die man sein möchte, die Ehefrau, die man sein möchte, die Künstlerin, die man sein möchte. Mir wurde klar, dass man von dem Ort aus schreiben muss, an dem man sich befindet, um das zu ändern. Ich befand mich in meiner eigenen privaten Hölle, also sagte ich mir, dann schreibst du eben von dort aus – du hast es ja schon mal gemacht…“ Damit spielt Tori Amos auf ihr Debütalbum Little Earthquakes (1992) an, das ähnlich introspektiv war wie es die neuen Platte sein soll, die in Cornwall entstanden ist. „Beunruhigende Dinge habe ich normalerweise durch das Reisen verarbeitet. Das war jetzt keine Option mehr“, sagt sie. „Mein Schema war es bisher, in ein Flugzeug zu springen und in die Staaten zu reisen. Ich wollte nur reisen, um neue Erfahrungen zu machen. Stattdessen musste ich mir einen Stuhl suchen und ‚reisen‘, wie ich es mit fünf Jahren getan habe – in meinem Kopf.“ Der Titelsong (***1/2) greift mit der Metapher eines verknoteten Fischernetzes das Thema der Entwurzelung auf, sowohl emotional als auch geografisch. Ebenso sanft wie souverän sehnt sich Tori Amos hier nach Beistand und Kontinuität – im Refrain auch mit einem Hauch von Aggressivität, die vielleicht aus der Frustration des Lockdowns erwachsen ist.

Noch viel unmittelbarer waren Parcels durch die Corona-Auswirkungen gefangen. Das aus Byron Bay in Australien stammende Quintett ist schon seit 2015 in Berlin ansässig. Als die Pandemie ausbrach, wollten sie gerne nach Hause zu ihren Familien. Doch wegen des weitgehend zusammengebrochenen internationalen Flugverkehrs und der strengen Abschottung Australiens gegen Einreisende erwies sich das als ziemlich schwierig. Zu Weihnachten 2020 klappte es dann doch noch, und die Lockdown-Monate zuvor hatten Parcels genutzt, die Erfahrungen aus Verunsicherung und Krise (sowohl persönlich als auch beim Blick auf die Welt insgesamt) in 19 neue Songs zu verwandeln, die nun das am 5. November erscheinende Doppel-Album Day/Night bilden, das die Band selbst produziert hat. Somethinggreater (****) ist bereits die dritte Vorabsingle, schwingt sich zu immer neuen Indiepop-Höhen auf und wird von einer als Videoclip getarnten Gucci-Modenschau begleitet. Die entscheidende Zeile im Refrain bringt nicht nur die Sehnsucht nach den Liebsten in der Heimat auf den Punkt, sondern auch das Lockdown-Gefühl insgesamt: „Until we’re back together / I’ll be alone.“

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