Corona-Musik 28 mit Lucius, Guerilla Toss, Annie Hamilton, Wahnschaffe und S. Carey


Lucius Second Nature

Lucius überwinden den (Pandemie-)Schmerz. Foto: Cargo Records / Max Wanger

Good Grief hieß im Jahr 2016 das bisher letzte Album von Lucius. Holly Laessig und Jess Wolfe, die dieses Duo aus New York bilden, wissen also bereits, wie man schlechte Erfahrungen positiv verarbeiten kann. Das war eine Eigenschaft, die ihnen auch während der Corona-Pandemie und der Arbeit an ihrem dritten Album Second Nature geholfen hat, das heute digital und physisch am 22. April 2022 erscheint. Die zehn Songs wurden produziert von Dave Cobb und Brandi Carlile und größtenteils im legendären RCA Studio A in Nashville aufgenommen. Es geht darum um Herausforderungen und Niederlagen, um die Frage, wie man das Beste daraus macht, und um die Erkenntnis, dass es manchmal hilft, einfach aufzustehen und sich ein bisschen Ausgelassenheit zu erlauben. „Das Album fordert dich dazu auf, nicht in den schwierigen Momenten zu verharren, sondern sie zu durchtanzen“, sagt Jess Wolfe. „Es thematisiert alle Phasen der Trauer – und einige davon sind übrigens bahnbrechend. Die ganze Bandbreite der Erfahrungen, die wir gemacht haben, oder die ich bei meiner Scheidung gemacht habe, oder die wir gemacht haben, als unsere Karrieren sozusagen zum Stillstand gekommen sind. Ich glaube, man kann wirklich das ganze Spektrum der Gefühle hören und fühlen und hoffentlich die Freude in der Dunkelheit finden. Es gibt sie wirklich. Das ist der Grund, warum wir Second Nature gemacht haben und warum wir wollten, dass es so klingt, wie es klingt: Unser Fokus lag darauf, uns den Weg durch die Dunkelheit zu tanzen.“ Das ist natürlich ein schönes Motto für das Durchstehen der Pandemie. Dance Around It (***1/2) heißt entsprechend eine der Singles, sie ist ausgelassen, elegant und schillernd, aber nicht frei von Wehmut. Nicht nur Lucius selbst haben übrigens erfahren, wie gut dieses Prinzip funktioniert, sondern auch einige ihrer Mitstreiter*innen. Eine der Background-Sängerinnen auf Second Nature ist Sheryl Crow, eine andere ist die schon erwähnte Brandi Carlile. Sie sagt: „Lucius sind seit ihrem ersten Studioalbum eine meiner Lieblingsbands. Ich bin ihnen immer wieder auf Festivals über den Weg gelaufen und war fasziniert von ihrer Power. Dieses Album fühlt sich für mich und jeden wie ein Zuhause an, der mit dem Pop der 80er und 90er aufgewachsen ist. Aber irgendwie ist Second Nature der Beginn einer neuen Ära – nicht nur für Lucius, sondern für uns alle. Wir müssen wieder auf die Beine kommen, und das ist es, was dieses Album von uns verlangt.“ Na dann mal los.

Einen ganz ähnlichen Ansatz wählen Guerilla Toss. Seit ihrer Gründung im Jahr 2012 in Boston haben sie sich einen Namen als höchst kreative Art-Rock-Band gemacht. Mittlerweile sind sie in Upstate New York zuhause und bei Sub Pop unter Vertrag, dort ist auch das neue Album mit dem bezeichnenden Titel Famously Alive erschienen. Die Platte haben Kassie Carlson (Gesang), Peter Negroponte (diverse Instrumente) und Arian Shafiee (Gitarre) inmitten der Corona-Zeit in den Catskills geschrieben, was sich deutlich auf die Inhalte und den Entstehungsprozess ausgewirkt hat. „Während der Pandemie muss man die ganze Zeit mit sich selbst beschäftigt sein“, sagt Sängerin Kassie Carlson, die auch die Texte bei Guerilla Toss schreibt. „Ich musste einen Weg finden, mit meiner Angst umzugehen. Die Pandemie war hart, aber sie hat mir geholfen, mich in meinem eigenen Körper wohl zu fühlen. Mein Seelenfrieden kam dadurch zustande, dass ich in die tiefste Scheiße gestoßen wurde. Auf diesem Album geht es darum, glücklich zu sein, am Leben zu sein, stark zu sein. Es soll die Menschen inspirieren.“ Das hört man auch dem Titelsong von Famously Alive (***1/2) an, der entschlossen, eingängig und voller Überraschungen (wie dem in diesem Genre ungewöhnlichen Einsatz von Auto-Tune) ist. Den Titel haben Guerilla Toss einem Gedicht entnommen, das Jonny Tatelman geschrieben hat, ein enger Freund der Band. Kassie Carlson sieht auch darin eine perfekte Verbindung zur Zeit der Pandemie: „Für mich bedeutet Famously Alive die Umkehrung des Begriffs ‚berühmt sterben‘ in ‚berühmt leben‘. Ich sehe es auch als eine Möglichkeit, etwas Traumatisches zu durchleben und als stärkere, weisere Person daraus hervorzugehen.“

Bumm Bumm Bumm Bumm heißt die neue EP von Wahnschaffe. Das klingt nicht sonderlich tiefgründig, doch das Songwriting-Duo Sophia Wahnschaffe und Hanna Von Tottleben aus Köln schafft es, daraus einen Bezug zu den Erschütterungen durch Covid-19 und sogar einer ganz allgemeinen Sinnkrise (beziehungsweise zum Hinterfragen des Bisherigen und dem Suchen nach Möglichkeiten, die sich aus der Disruption ergeben) zu schaffen. „Alles fängt wieder von vorne an / es heilt Stück für Stück / und du gehst deinen Weg / bis die Sonne dreht“, heißt es in Von vorne, dem ersten der fünf neuen Songs auf der EP, die das Duo im eigenen Proberaum aufgenommen und mit dem Hamburger Produzent Monti komplettiert hat. Auch die Single Vermisse (***) thematisiert den Abschied von der bisherigen (emotionalen)  Normalität, zu einem Sound, der beispielsweise durch den Slap-Bass, die kluge Dramaturgie, den teilweise acappella eingesetzten Harmoniegesang und den selbstbewussten Blick auf Beziehungs-Wirrwarr die von Wahnschaffe benannten Vorbilder wie TLC und Destiny’s Child gut erkennen lässt und beispielsweise auch zu Blond passen würde. „Es geht darum, zu sich zu stehen“, sagt Sophia Wahnschaffe. „Sich und sein Herz in seiner Gänze zu zeigen und nicht nur die Schokoladenseiten. Das kann manchmal ganz schön blutig und brutal sein, weil man sich so verletzlich macht.“

Drei Dinge, die man in einer Pandemie nicht unbedingt gebrauchen kann: Eine Ehe, die zerbricht. Ein Vater, der stirbt. Kinder, bei denen man sich angesichts der eigenen Defizite und des Zustands der Welt nicht sicher ist, ob man ihnen wirklich den Weg weisen kann. All das hat S. Carey zuletzt in der Zeit erlebt, die er die „zwei herausforderndsten Jahre meines Lebens“ nennt. Wie es sich im notorisch optimistischen Amerika gehört, reagiert er darauf mit viel Demut, Dankbarkeit und zehn neuen Songs, die das Album Break Me Open bilden, das am 22. April herauskommt. Der langjährige Mitstreiter bei Bon Iver, der zuletzt auch mit Sufjan Stevens und Low zusammengearbeitet hat, holte für die neue Platte etliche Kollaborateure an Bord, etwa Rob Moose für die Streicherarrangements und diverse Co-Autoren für die einzelnen Lieder. Beim sehr rührenden, zerbrechlichen und feinfühligen Titeltrack (****) ist CJ Camerieri (CARM) mit von der Partie, der die Bläser arrangiert hat, außerdem Zach Hanson (ja, einer von den Mmmbop-Brüdern), der Bass und Schlagzeug beisteuert und gemeinsam mit Chris Messina auch Co-Produzent des Albums ist. „Veränderung ist gut. Verfickt hart, aber gut“, sagt S. Carey zum Ausgangspunkt des Stücks. „Für viele wäre es eine Untertreibung zu sagen, die letzten zwei Jahre seien schwierig gewesen. Der Stress und die Ungewissheit über das Leben im Allgemeinen, die Familie, die Freunde, die Kinder und sogar über Mutter Erde sind exponentiell gewachsen. Das menschliche Bewusstsein ist im Moment sehr schwer, eine Dunkelheit an der Oberfläche. Break Me Open handelt von der Liebe – der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Es geht um Vaterschaft – das überwältigende Gefühl tiefer Liebe zu meinen Kindern und die Melancholie, sie vor meinen Augen aufwachsen zu sehen. Es geht darum, meine Fehler und Verfehlungen zu akzeptieren, mich selbst zu entlarven und zu versuchen, mich besser zu kennen als am Tag zuvor. Aber über all der Dunkelheit steht eine Botschaft der Hoffnung, der Ehrlichkeit und des Wachstums. Es ist ein Aufruf, verletzlich zu sein: Break Me Open.

Wenn die Welt durch Covid-19 plötzlich eine ganz andere geworden ist, dann muss auch das eigene Werk ein ganz anderes werden. Diese Erkenntnis hatte Annie Hamilton, als sie zu Beginn der Pandemie tabula rasa machte, alle bereits in Arbeit befindlichen Demos für ihr geplantes Debütalbum verwarf und noch einmal bei Null begann. Von einer „weißen Leinwand“ zu sprechen, die sie somit wieder zu befüllen hatte, ist hier besonders treffend, dann die Musikerin aus Sydney ist auch als bildende Künstlerin und Designerin aktiv. Das Ergebnis heißt The Future Is Here But It Feels Kinda Like The Past und wird am 20. Mai veröffentlicht. Die Platte entstand mit den Co-Produzenten Pete Covington und Jake Webb (Methyl Ethel), Gastbeiträge wird es von Jenny McCullagh und Rosie Fitzgerald (I Know Leopard), Matt Mason (DMA’s) und Luke Davison (The Preatures) geben. Wie das klingt, zeigt die Single Night Off (****), die Energie und Mystik vereint und in der Stimme von Annie Hamilton an Liela Moss (The Duke Spirit) denken lässt. Bei einer Künstlerin, die so bewandert im Visuellen ist, gibt es dazu natürlich auch ein sehr sehenswertes (One-Shot-)Video, das Jordan Kirk (XingerXanger) gedreht hat und wohl ebenfalls als Ausblick in die Zukunft interpretiert werden kann.

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