Corona-Musik 2 mit Mae Muller, Theodor Shitstorm, Östro 430, No Joy und Ivy Flindt


Theodor Shitstorm Tanz die soziale Distanz

Das mit dem Mindestabstand müssen Theodor Shitstorm noch üben. Foto: Staatsakt

Hinter Theodor Shitstorm verbergen sich Desiree Klaeukens (Singer/Songwriterin) und Dietrich Brüggemann (Regisseur). Nach dem vor zwei Jahren erschienenen Debütalbum Sie werden dich lieben nutzen sie Corona als Anlass für ihr nächstes musikalisches Lebenszeichen. Tanz die soziale Distanz (*****) lautet der wunderbare Titel des wunderbaren Songs. “Die gesamte Welt – oder zumindest der Teil davon, der es sich leisten kann – sitzt zuhause und schreibt Songs über Corona. Eigentlich wollten wir uns da auf keinen Fall beteiligen“, sagt Brüggemann, der zu seinen Filmen öfter auch schon die Musik selbst geschrieben hat. Erst der tragische (und womöglich Pandemie-korrelierte) Tod von Gabi Delgado (DAF) änderte etwas an diesem Entschluss. „Im Radio kamen Nachrufe, danach lief immer der Mussolini, und wir hörten immer nur: ‚Beweg deinen Hintern / und wasch dir die Hände‘, und da war es nicht mehr zu stoppen. Es musste sein. Es musste raus. Wir tanzen jetzt die soziale Distanz und hoffen, dass wir damit nicht allein bleiben.“ Im Video ging dieser Wunsch schon in Erfüllung, dort tanzen etwa Martin Bechler (Fortuna Ehrenfeld) und, famos, eine Rolle Klopapier mit, der dazugehörige Sound macht DAF alle Ehren. Wenn Corona mal irgendwann überstanden ist, wird das zwar kein Mensch mehr verstehen, aber für den Moment ist es großartig.

Eigentlich hatte I Don’t Want Your Money (****) von Mae Muller keinen unmittelbaren Bezug zur Pandemie. Den Song hat die Künstlerin aus London vor zwei Jahren mit Jimmy Napes (Sam Smith, Khalid, Alicia Keys) geschrieben, der das Stück auch produziert hat. Inhaltlich geht es um ihre Rolle als selbstbewusste Frau, die ein gutes Einkommen hat und von Männern, die sie beeindrucken wollen, deshalb mehr verlangt als bloß eine stattlich gefüllte Brieftasche. „Ich brauche nichts als Liebe und Zuneigung. Behandle mich mit Respekt, und alles ist gut“, fasst sie das zusammen. Corona wirkte sich dann beim Videodreh mit Regisseurin Sophie Muller (Rihanna, Selena Gomez, Beyoncé) aus. Sie musste aus der Ferne inszenieren, Mae Muller wurde in der Isolation kurzerhand selbst zur Kamerafrau, Bühnenbildnerin und Stylistin. Die Aufnahmen im Badezimmer oder im Pyjama wurden mit ein paar netten Animationen angereichert, die Autofahrt unter Palmen (und nicht zuletzt die Verweise auf Dates, die Corona-bedingt derzeit ja auch ausfallen müssen) deuten die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit vor dem Lockdown an. Auch die Perspektive ihrer Texte passt gut in die Pandemie, findet Mae Muller: „Ich weiß, was ich sagen will, und ich weiß, was die Botschaft ist, die ich vermitteln möchte: Ich will, dass Frauen und junge Mädchen, die durch harte Scheiße gehen, meine Songs auflegen und sich besser fühlen. Wir stehen das zusammen durch.“

Auch Ivy Flindt haben an einem schon länger fertigen Stück durch Corona eine neue Bedeutungsebene entdeckt. Die Single Give It A Break (***1/2) stammt aus dem aktuellen Album In Every Move und wurde aufgenommen mit Cardigans-Produzent Per Sunding. „Wir haben das Stück natürlich gewählt, weil es zur gegenwärtigen Situation insofern passt, als dass wir alle mit etwas Neuem konfrontiert werden, das auch Angst machen kann. Und was macht man eigentlich, wenn eine Routine nicht mehr greift oder schlichtweg versagt? Das gibt einem eben auch die Möglichkeit, sich zu besinnen und Auswege oder neue Wege zu finden“, sagt Cate Martin, Sängerin des Duos aus Hamburg. Umgesetzt wird das mit viel Romantik, nonchalanter Klasse und Zeilen wie „Give it a break / let it go / (…) / Now that you’ve seen what you’re frightened of / don’t fight it, it’s friendly.“ Angesichts geplatzter internationaler Auftritte beispielsweise bei SPOT, MUSEXPO und Great Escape dürfte dieser konstruktive Blick auf die Folgen von Corona vielleicht noch schwer fallen. Auch Ivy Flindt mussten außerdem die ursprünglichen Pläne für das Video wegen Covid-19 über den Haufen werfen. Eigentlich sollte in Los Angeles mit dem dort lebenden Musiker und Videokünstler Peter Winfield gedreht werden. Als das nicht mehr möglich war, wurde das Konzept angepasst. Mit Kamerafrau Ariane von Bethusy-Huc ist nun eine Collage aus mehr als 1000 Szenen entstanden, die erstaunlicherweise nicht die Isolation des Lockdowns zeigen, sondern das Leben draußen. Die meisten stammen aus dem Archiv von Peter Winfield, dazu kommen eigene Aufnahmen der Band, die auf Tour entstanden sind, sowie in der Nähe von Hamburg neu gedrehte Szenen. „Die Regie erfolgte bei all dem sozusagen über WhatsApp und Skype-Telefonate“, erzählt Micha Holland. „Pete wollte für die Aufnahmen von uns eine Naturkulisse, die eine große Weite ermöglicht, ohne dass man Elemente von Zivilisation im Bild sieht. Und im Kontrast dazu Bilder, die nah sind. Diese Einstellungen jetzt im Video zu sehen, mag gerade bisweilen schmerzhaft sein, sie schüren vielleicht eine gewisse Wehmut, aber trösten auch.“ Betrachtet man das Virus als Naturgewalt, was wohl nicht ganz falsch wäre, stellen die Bilder einen weiteren Bezug zur Pandemie her, hat Cate erkannt: „Diese massiven Wolkenbewegungen, die oft im Bild sind oder die Elemente wie Wasser und Wind, mit denen man im rasenden Tempo konfrontiert wird, werfen ja immer die Frage auf: Wie verorte ich mich eigentlich als Mensch zwischen diesen gewaltigen Kräften?“ Passend zu den reduzierten Möglichkeiten während der Corona-Zeit wird Give It A Break auch als Akustikversion erscheinen.

Schlechtes Timing: Fünf Jahre lang hat Jasamine White-Gluz alias No Joy an ihrem neuen Album Motherhood gebastelt, und jetzt wo es die gebührende Aufmerksamkeit bekommen soll und mit der Single Birthmark (***) ein erster Vorgeschmack verfügbar ist, ist die Welt mit Social Distancing beschäftigt. Als Reaktion darauf hat die Künstlerin aus Montréal für den Videodreh während der Quarantäne eine ganz eigene Lösung gefunden: „Ich habe mich zu Hause gefilmt und meinen sehr talentierten Freund Jordan gebeten, beim Aufbau einer Welt rund um das Filmmaterial zu helfen“, sagt Jasamine White-Gluz über die Zusammenarbeit mit Regisseur Jordan „Dr. Cool“ Minkoff, dem Tänzer Diavion Nicolas und, ähm, einer Ziege namens Piquette, die auch auf dem Albumcover von Motherhood zu sehen sein wird. „Diavion hatte auf seinem Instagram-Profil zu No Joy getanzt und ich war ein großer Fan, also habe ich mit ihm Kontakt aufgenommen und ihn gebeten, eine Choreografie für dieses Lied zu entwickeln. Während ich im Studio war, wollte ich die Energie und den Spaß erhalten und mit Ideen herumspielen. Am Ende sahen wir uns das Video zu Puff Puff Give von Hannah’s Field an, holten ein paar Bongos und eine kaputte Klarinette heraus, tranken 12 Flaschen Sake und sangen Gruppengesänge“, erzählt sie. Der Song vermischt Shoegaze mit Nineties-Dance-Rock à la Garbage oder Republica mit sehr harten Passagen, die verschiedenen Bildschirme im Clip kann man wohl als Entsprechung dieser sehr unterschiedlichen Ebenen sehen. Das von Jorge Elbrecht (Ariel Pink, Sky Ferraira, Japanese Breakfast) co-produzierte Album erscheint, wenn die Menschheit bis dahin noch nicht ausgestorben ist, am 21. August 2020.

 

Keine Krise kann mich schocken. Der Titel passt natürlich wunderbar in unsere Zeit, doch als Östro 430 ihre ersten Songs veröffentlichten, war noch nicht SARS-Covid 19 die angesagte Pandemie-Ursache, sondern eher Influenza-A/H3N2 (Hongkong-Grippe) und Influenza-A/H1N1 (Russische Grippe). Wir reden vom Jahr 1979 und von einer der ersten weiblichen Punkbands in Deutschland. Das Quartett aus Düsseldorf legte 1981 die EP Durch dick & dünn vor, im Frühjahr 1983 folgte das Debütalbum Weiber wie wir, 1984 löste sich die Band um die Gründerinnen Martina Weith und Bettina Flörchinger (die heute wieder gemeinsam Musik machen und auftreten) nach einem Abschiedskonzert auf. „So simpel die Songs letztendlich gestrickt sind, so groß ist ihre Wirkung auch heute noch. Martina Weiths Texte über die Sexualität aus weiblicher Sicht waren und sind selbstbewusst, provokant, demonstrativ, ehrlich, schonungslos und radikal“, hat Sounds & Books über sie geschrieben, und ein Song wie S-Bahn (***1/2) zeigt sehr unmittelbar, wie schmerzhaft Diskriminierung, Bigotterie und fehlende Toleranz im Alltag sich damals wie heute anfühlen. Was das alles mit Corona zu tun hat? Gerade ist eine Compilation mit dem Gesamtwerk von Östro 430 erschienen, die den erwähnten Titel Keine Krise kann mich schocken trägt. Und im Lockdown ist bestimmt genug Zeit, diese Band zu entdecken.

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