Corona-Musik 30 mit Santigold, Xiara, Der Assistent, Indigo Sparke, Panda Bear und Sonic Boom


Santigold Ain't Ready Review Kritik

Santigold will immer weitere Facetten ihres Schaffens erkunden. Foto: Foto: Cargo Records / Frank-Ockenfeld

Santigold hat in ihrer Karriere viel erlebt und neben ihrer musikalischen Laufbahn, die bisher drei Alben umfasst, beispielsweise auch die Welten von Literatur, Film und zuletzt Podcasts für sich erkundet. Auf die Erfahrung, Musikerin inmitten einer Pandemie zu sein und während eines Lockdowns an einem neuen Longplayer zu arbeiten, hätte sie aber sicher gerne verzichtet. „Plötzlich stand ich mit drei kleinen Kindern da, die nicht mehr zur Schule gehen konnten – zweijährige Zwillinge und ein sechsjähriges Kind – und kochte, putzte, wusch Wäsche und wechselte von morgens bis abends die Windeln, während drei kleine Kinder jede Nacht wie bei der Reise nach Jerusalem in meinem Bett ein und aus gingen. Ich verlor den Kontakt zu meinem Künstler-Ich und steckte in einem Teil von mir fest, der zu klein war. Ich hatte das Gefühl, die anderen Teile von mir würden schrumpfen, verschwinden“, schildert sie die Ausgangssituation. Natürlich war es die Musik und die Zusammenarbeit mit Kolleg*innen wie Rostam oder Boys Noize, die dazu beitrug, dieses Gefühl zu überwinden und eine Platte entstehen zu lassen, die am 9. September als Spirituals das Licht der Welt erblicken wird. „Die Aufnahme dieses Albums war ein Weg zurück zu mir selbst, nachdem ich in einem Modus festgesteckt hatte, in dem es bloß noch ums Überleben gegangen war. Erst als ich mir den Raum zum Kreativsein geschaffen hatte, wurde mir klar, dass ich nicht nur Musik, sondern auch eine Lebenslinie erzeugt hatte“, sagt sie. „Kalifornien stand in Flammen, wir versteckten uns vor einer Seuche, die Proteste für soziale Gerechtigkeit nahmen zu. Ich hatte noch nie in meinem Leben so schnell Texte geschrieben. Nachdem ich eine totale Schreibblockade hatte, sprudelten sie nur so aus mir heraus. Ich beschloss, die Zukunft zu gestalten, darauf zu schauen, wohin wir gehen, Schönheit zu schaffen und mich in Richtung dieser Schönheit zu bewegen. Ich brauche das für mich selbst, aber es ist auch für alle anderen da, die es brauchen.“ Ein Ergebnis dieses Prozesses ist die neue Single Ain’t Ready (***1/2), an der Illangelo, Dre Skull und Sbtrkt mitgewirkt haben. Dass der Track ebenso vielschichtig wie organisch klingt, ist kein Wunder angesichts der Entstehungsgeschichte. „Es war eines dieser Lieder, bei denen, sobald ich den Mund aufmachte, die ganze Melodie einfach heraussprudelte. Ich hatte noch keinen Text, aber das ganze Gefühl war da. Für mich klang der Song voller Kampf und Ausdauer. Er klang wie ein Kampf, und ich wollte, dass die Produktion hart klingt, um diese Härte widerzuspiegeln. Zuerst hatte ich Mühe, den richtigen Text zu finden, aber als ich ihn dann eines Abends in meinem Studio allein sang, musste ich weinen. Dieser Song war mein eigener Kampfsong. Es geht darum, die Schläge, die das Leben bringt, zu ertragen und wieder aufzustehen. Es geht um Veränderung und Fortschritt. Es geht um Glauben und Visionen. Und es geht darum, in die eigene Kraft zu gehen.“ Die Freude an Experimenten in Feldern außerhalb der Musik hat Santigold übrigens längst wieder gefunden: Zu Spirituals wird es neben Kurzvideos auch passende natürliche Hautpflegeprodukte und einen Tee geben.

Auch Panda Bear (Noah Lennox) und Sonic Boom (Peter Kember) nutzten die Zeit der Pandemie, um so etwas wie eine Transformation zu durchleben. Befreundet sind die beiden Musiker, am besten bekannt als Mitglieder bei Animal Collective respektive Spacemen 3, schon lange. So arbeitete Sonic Boom an Panda Bears Soloalbum Tomboy (2011) mit und hatte auch entscheidenden Anteil am Gelingen von Panda Bear Meets The Grim Reaper (2015). Kember ist 2016 sogar nach Portugal gezogen, wo auch Lennox seine Wahlheimat hat. Mit dem Album Reset, das am 12. August digital und am 18. November physisch erscheinen und neun Tracks enthalten wird, gibt es nun erstmals auch formal eine gemeinsame Veröffentlichung. Der Albumtitel ist bezeichnend, denn als der Lockdown begann, erkannten beide, dass sie durch die gemeinsame Arbeit an Songs nicht nur soziale Kontakte knüpfen, sondern auch ein bisschen Heiterkeit inmitten der Tristesse finden konnten. Besonders wirksam war dabei eine Sammlung amerikanischer Doo-Wop- und Rock’n’Roll-LPs aus den 1950er und 1960er Jahren, die sich in Sonic Booms Plattenschrank fand. Das hört man auch n der ersten Single Go On (***1/2), die ein Sample des Troggs-Songs Give It To Me aus dem Jahr 1967 enthält und damit einen hypnotischen Effekt erzielt, in dem man auch etwas von Beach-Boys-Verspieltheit und Sixties-Psychedelik erkennen kann. Das sehenswerte Video stammt von James Siewart.

„Ich machte eine intensive Trennung durch und verarbeitete all das in einem Strudel, in dem die ganze Welt zusammenzubrechen schien.“ So lautet die Erinnerung von Indigo Sparke an die Zeit, als sie mit der Arbeit an ihrem zweiten Album nach dem 2021er Debüt Echo beginnen wollte. Erschwerend hinzu kam, dass die in New York lebende Singer-Songwriterin in ihrer australischen Heimat in Quarantäne saß und nicht sicher sein konnte, ob und wann sie wieder ein Visum für die Rückkehr in die USA bekommen würde. „Ich durchlebte riesige Wellen der Trauer und versuchte, das Geschehen innerlich und äußerlich in Einklang zu bringen. Die Trauer öffnete ein Tor zur Vergangenheit, von der ich dachte, ich hätte meinen Frieden damit gemacht. Aber es gab Tage, an denen ich einfach nicht vom Boden aufstehen konnte. Es fühlte sich an, als ob alles durch dieses Loch in meiner Brust fallen würde. Es fühlte sich stark und ekelerregend an, eine solch immense Bodenlosigkeit zu spüren, während ich gleichzeitig all die verschiedenen Versionen meiner selbst betrachtete, die ich gewesen war. All die verschiedenen Kapitel, die ich erlebt hatte, von schwerem Drogenkonsum bis hin zu sexuellem Missbrauch, Liebe in all ihren Formen, komplexen Traumata und psychischer Gesundheit, Zeit, die ich in Indien und Bali verbracht hatte, auf der Suche nach etwas Tieferem, um all dem einen Sinn zu geben. Es war fast so, als würde mein Leben vor meinen Augen vorbeiziehen. Ich erkannte, dass ich mich in einem tiefgreifend veränderten Zustand befand, in dem alles um mich herum still stand und in meinem Inneren heftig blitzte“, sagt Indigo Sparke. Gemeinsam mit Produzent Aaron Dessner (The National) kanalisierte sie diese Gefühle in die 14 Songs des neuen Albums Hysteria, das am 7. Oktober herauskommt. Der Titel der Leadsingle Pressure In My Chest (***1/2) verweist auf die Krise, die am Beginn dieser Platte stand und vertont das mit viel Sensibilität in der Gitarrenarbeit, zartbitterem Gesang, der die Titelzeile wie ein Mantra wiederholt, und ein bisschen Drama durch die vorsichtigen Drums und den Hintergrundgesang (sowie durch einen sehr stimmungsvollen Videoclip von Madeline Clayton). „In der Geburt der Erinnerung gibt es den ewigen Moment der Zeit. Alle Dinge existieren hier. Durch nächtliche Träume und Wünsche, durch heiße Tränen und lachende Sterne habe ich mich in die Wüste getragen, um die Landschaft der Geschichte zu durchqueren und den allgegenwärtigen Druck in meiner Brust zu versöhnen“, sagt die Künstlerin zum Titel des Songs. Da darf man für das Album wohl reichlich Tiefgang erwarten.

Man könnte meinen, Der Assistent sei ein dämlicher Künstlername, doch bei genauerer Betrachtung wird klar, wie sehr wir alle (nicht nur während einer Pandemie) auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, und wie oft auch ein Lied die Aufgabe von Beistand in schweren Zeiten übernehmen kann. Tom Hessler, der als Sänger bei Fotos für sehr intelligenten Indie-Pop auf mittlerweile fünf Alben steht und unter dem Pseudonym Conga Fever schon seit 2016 auch elektronische Sounds veröffentlicht, hat diesen Namen für sein neues Soloprojekt gewählt, in dem er vor allem seine Vorliebe für Reggae, Dub und Soul ausleben möchte. Die Single Einsamkeit (***) blickt sehr geschmackvoll auf die sozialen Effekte der Corona-Einschränkungen und die weiteren Ausprägungen des Alleinseins, von der Sehnsucht nach emotionaler und körperlicher Nähe bis hin zur existenziellen Verzweiflung. Im November soll das erste Album von Der Assistent erscheinen.

Ganz ähnlich sieht das Thema der neuen Single von Xiara aus. Die Sängerin aus Oberhausen thematisiert in Alleine sein (***) aber nicht so sehr die Allgemeinheit, sondern ihre ganz persönliche Situation. Aus dem Ruhrgebiet war die 24-Jährige – auch um ihrer Karriere zusätzlichen Schwung zu verleihen – gerade nach Berlin gezogen, als Covid-19 plötzlich die bis dahin bekannte Normalität pulverisierte. All das musste sie ohne ihr vertrautes Umfeld bewältigen. „Ich war einfach lost, habe mich sehr alleine gefühlt und hatte eine depressive Phase, in der ich oft über das Leben nachgedacht habe. Ich mag es zwar, alleine zu sein, und liebe es, Zeit mit mir selbst zu verbringen. Ich bin der Meinung, dass das superwichtig ist, um sich selbst besser kennenzulernen und Energie zu tanken. Aber damals habe ich mich echt einsam gefühlt“, erzählt sie. „Weißt du, wie das ist, wenn du glaubst, dass jeder dich gerade vergisst? / Wenn du gut zu jedem bist, nur zu dir selber nicht – weißt du, wie das ist?“, lauten die entsprechenden Zeilen in Alleine sein, das ebenso feinfühlig wie prägnant daherkommt. Am Beginn des Videos, das sie mit ihrem Bruder in der Nähe der alten Hood in Oberhausen gedreht hat („Ich wollte ein persönliches Video zu diesem Song. Bei dem Video kommt alles von mir selbst.“) stellt sie die Frage „Wie lange kannst du alleine sein, bevor du dich einsam fühlst?“ Das passt natürlich bestens zum Erlebnis der Isolation durch Kontaktbeschränkungen und das weitgehende Verschwinden des sozialen Lebens über etliche Monate für sehr viele Menschen, es passt aber auch zum Gefühl, den Ansprüchen der Welt (oder den vorgegaukelten Idealen bei Social Media) auch jenseits davon nicht gerecht werden zu können.

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