Corona-Musik 7 mit Fotos, Oliver Polak, Madsen, Dream Nails und Till Seifert


Oliver Polak Erobique Corona Forever Review

Oliver Polak (rechts) und Carsten Meyer haben eine Corona-Hymne gemacht. Foto: Community Promotion / Gerald von Foris

Oliver Polak, sonst als Komiker und Autor bekannt, bleibt von den Folgen der Pandemie natürlich auch nicht verschont. Vielleicht ein erstes Symptom bei ihm: Als er kürzlich in Hamburg spazieren ging (das ist ja noch erlaubt), fielen ihm ein Basslauf und eine Melodie ein. Kurz darauf stellte er diese beiden Elemente seinem Buddy Carsten Meyer (alias Erobique) vor, in dessen Studio am Fischmarkt machten sie dann umgehend einen Song daraus. „Das ist bei uns immer so“, erzählt Polak. „Ich singe was, und Carsten fängt an zu spielen.“ Corona Forever, Forever Corona (**1/2) zeigt, dass Oliver Polak kein begnadeter Sänger ist, der Text hätte bei dieser Ausgangssituation und bei jemandem, der sonst für gute Gags und Provokation gefeiert wird, auch gerne etwas origineller werden dürfen. Aber insbesondere der Refrain, bei dem zwei Sängerinnen aus Hamburg als Mini-Chor unterstützten, hat Ohrwurmqualität. Die Single erscheint morgen, ein gemeinsames Album von Oliver Polak und Erobique ist in Arbeit.

So dankbar wir alle in diesen Zeiten für Wohnzimmerkonzerte oder sonstige Livestreams als Ersatz für reguläre Shows sind, so offenkundig ist nach fünf Monaten Pandemie auch: Es fehlt nicht nur das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Publikums, sondern auch das Privileg, für 90 Minuten eine ganz besondere, beinahe persönliche Beziehung zu den Künstlern auf der Bühne aufbauen zu können. Für dieses Problem haben Dream Nails mit dem Konzept des „Gig In A Box“ eine spannende Idee entwickelt. Bei einer feministischen Punkband ist es zwar ungewöhnlich, dieses Format durch einen Mann (und auch noch den Boss ihrer Plattenfirma Alcopop! Records) erklären zu lassen, trotzdem lassen wir Jack Clothier gerne dieses originellen Ansatz umreißen: „Livestreams und Social-Distancing-Konzerte haben uns in den vergangenen Monaten und Wochen über Wasser gehalten. Aber wir hier bei Alcopop! machen die Dinge gern etwas anders. Also haben wir mit unseren Freunden von Signature Brew und INNERJI gesprochen, um das ursprüngliche Live-Erlebnis so echt wie möglich direkt in dein Zuhause zu bekommen. Mit Getränken, Stickern, Setlisten, Ohrstöpseln und vielen weiteren Überraschungen. Das Herzstück ist aber natürlich das echte Stück Fußboden aus einem Venue – genau so, wie wir es vor der Pandemie immer unter unseren Schuhen gespürt haben! Wir sind unglaublich stolz auf den Gig In A Box!“ Konkret bedeutet das: Wer für 11£ den „Gig In A Box“ erwirbt, erhält Zugang zu einer livegestreamten Show von Dream Nails, bei dem sie ihr komplettes Debütalbum live spielen. Danach können Fans die vier Musikerinnen in einem Q&A ausquetschen, sie erhalten exklusives Merchandise, Bier und Tonic von den erwähnten Sponsoren, ein echtes Konzertticket samt Einlassbändchen, weitere Goodies und das unverzichtbare Stück eines original-versifften Fußbodens aus einem Venue. Was die Fans musikalisch erwartet, zeigt unter anderem die Single Vagina Police 2.0 (***1/2): Rasanz, Energie und durchaus auch eine gute Dosis Humor, wie nicht zuletzt das Video beweist. Wer das selbstbetitelte Album vorbestellt hat, das seit 28. August draußen ist, bekommt auch automatisch Zutritt. Die erste „Gig In A Box House Party“ wird am 5. September 2020 über die Bühne gehen.

Till Seifert gehört offensichtlich zur Kategorie der Menschen, denen im Lockdown schnell die Decke auf den Kopf fällt. Am 17. August hat er deshalb (natürlich mit einem Livestream) seine neue Tour gestartet, die so viel Aktivität und Bewegung bieten wird, dass sie für die ganze Zeit seit März entschädigen soll. Der Weg führt von Flensburg bis zur Zugspitze, und der Mann aus Hannover legt sie mit dem Fahrrad zurück. „Ich war es leid, in diesen ganzen letzten Monaten nicht wirklich in Bewegung sein zu können. Gerade für uns Musiker sind die Auswirkungen durch ausgefallene Konzerte existentiell schlecht. Ich wollte, dass ich selber und vielleicht auch wir alle wieder in Bewegung kommen“, sagt Seifert. Entlang der 1400 Kilometer langen Strecke wird er 15 Konzerte spielen, abgeschlossen mit einem Trail auf die Zugspitze am 5. September, zu dem ein Konzert in Garmisch und ein Livestream vom Gipfel gehören werden. „Ich würde mir wünschen, dass wir alle merken, welchen Schatz wir an der Musik, an Kultur, an Konzerten haben. Mit meiner Musik-Marathon-Tour möchte ich ein Konzerterlebnis in jede Stadt bringen, in der ich übernachte. Einfach gratis, ohne Eintrittt. In jedem Ort ein kleines Fest, dass wir wieder in Bewegung kommen und in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam Musik genießen können, natürlich mit allen Regeln, die es einzuhalten gilt. Und ich wünsche mir, dass die Öffentlichkeit merkt, dass wir Musiker nicht einfach die Hände in den Schoß legen und auf bessere Zeiten hoffen. Wir sollten alle nicht einrosten, jetzt, wo wir doch schon so weit gekommen sind.“ Sicher wird auf den meisten der 15 Stationen auch die Single Mein Herz gehört dir (***) erklingen. Im Video ist Seifert im Astronautenanzug unterwegs, der ihn natürlich auch nicht vor gebrochenem Herzen schützt, begleitet von einer Flugblattaktion Das Album Der beste Ort sind Wir wird am 18. September erscheinen.

Madsen haben Corona-bedingt nicht nur das eigentlich geplante Album auf Eis gelegt, das im Sommer 2020 aufgenommen werden sollte. Sie haben die Auszeit auch genutzt, um eine Punkrock-Platte namens Na gut dann nicht zu machen, die am 9. Oktober erscheinen wird und jetzt schon vorbestellt werden kann. In den 13 darauf enthaltenen Songs wird die Pandemie natürlich auch immer wieder thematisiert. Dazu gehört die Single Quarantäne für immer (****), in der jedes Bandmitglied eine Strophe singt. Das Video entstand komplett in Eigenregie zuhause im Wendland: selbst konzipiert, selbst gedreht, selbst geschnitten. Der lila Saft, den dabei alle in der Hand haben, ist ganz offensichtlich ein Punkrock-Zaubertrank.

Erst im neuen Jahr (am 22. Januar) wird das neue Album von Fotos namens Auf zur Illumination! erscheinen. Auch darauf wird Covid-19 zumindest indirekt sehr deutliche Spuren hinterlassen haben, denn Frontmann Tom Hessler hat die Zeit des Lockdowns genutzt, um in seinem Heim-Studio noch intensiver an neuen Songs zu arbeiten, bevor die Band im Kreuzberger Radio Buellebrueck Studio wieder zusammen kommen durfte und die Sessions abschloss. Mit Das Verlangen (***) gibt es einen ersten Ausblick, der Song ist nach Aussagen der Band stark von Ariel Pink inspiriert, samt dessen Eigenheit, Songs auf Musikkassette aufzunehmen. Anders als in vielen von dessen Lo-Fi-Collagen kann man hier aber einen klaren Fokus ebenso erkennen wie echte Leidenschaft. Auch die anderen acht Stücke des Albums sollen sich laut Fotos vor allem an psychedelischen Klängen der 1960er, 70er und 80er Jahre orientieren.

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