Das Wunder von Leipzig


Film Das Wunder von Leipzig

Das Wunder von Leipzig Review Filmkritik

Eine kunterbunte Opposition stellt sich in Leipzig gegen das DDR-Regime.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2008
Spielzeit 90 Minuten
Regie Sebastian Dehnhardt, Matthias Schmidt
Hauptdarsteller Jan Baake, Klaus-Dieter Klebsch
Bewertung

Worum geht’s?

Leipzig im Oktober 1989: Parallel zur Flüchtlingsbewegung über Ungarn und die Prager Botschaft kulminiert hier das Aufbegehren in der DDR. Am 9. Oktober protestieren schließlich 70.000 Menschen, ausgehend vom Friedensgebet in der Nikolaikirche, gegen die Zustände im Land und für Freiheit, Bürgerrechte und Reformen. Mit einer Mischung aus Archivmaterial, Interviews mit Zeitzeugen und nachgestellten Szenen zeichnet das Dokudrama diese entscheidenden Tage nach, die wenige Wochen später zur Grenzöffnung und schließlich zur deutschen Wiedervereinigung führen sollten.

Das sagt shitesite:

Zwei Dinge zeichnet Das Wunder von Leipzig besonders gelungen nach. Erstens die Tatsache, dass es sich bei der Friedlichen Revolution, deren entscheidende Phase hier nacherzählt wird, um eine demokratische Bewegung im Wortsinne handelte. Das Volk entdeckte seine Macht und brachte sie zum Ausdruck, jeden Montag ein wenig entschlossener und mutiger. Abgesehen von oft übertrieben dramatischer Musik verzichten die Macher passend dazu weitgehend auf Zuspitzung oder Melodrama und erliegen auch nicht der naheliegenden Versuchung, die Ereignisse anhand eines Helden zu erzählen. Statt einer charismatischen Führungsfigur sind es quasi Namenlose, die hier Geschichte gemacht haben und danach weitgehend wieder vergessen wurden. „Wir sind das Volk“ – diesem Slogan wird der Film durch seinen Fokus auf persönliche Erlebnisse statt auf Prominenz in den Interviewstatements sehr gut gerecht.

Gerade dadurch wird auch die zweite große Stärke unterstrichen, nämlich die Erinnerung daran, wie unwahrscheinlich ein Erfolg dieses Aufbegehrens damals erscheinen musste. Inmitten des womöglich ausgeklügelsten staatlichen Überwachungsapparats aller Zeiten bildet sich eine kunterbunte Opposition aus Friedensbewegung, Bürgerrechtlern und Umweltaktivisten. Obwohl sie praktisch keinerlei Ressourcen hatten (die wichtige Rolle der Westmedien als Unterstützung wird hier in Erinnerung gebracht) und obwohl deren Vertreter inhaltlich keine allzu großen Schnittmengen (und fast durchweg mit Religion nichts am Hut) haben, finden sie in den Montagsgebeten in der Nikolaikirche ein gemeinsames Forum. Sie trotzen der Übermacht von Polizei und Staatssicherheit, die ihrerseits wie gelähmt erscheint. Das Wunder von Leipzig wurde auch möglich durch Kompetenz-Wirrwarr und Verantwortungsverweigerung in der SED-Führung, gipfelnd in der hier dokumentierten Ansage an den Leipziger Polizeichef: „Mach, was du willst.“

Die Sicherheitskräfte spielen wenig überraschend eine zentrale Rolle im Geschehen, sehr eindringlich zeigt der Film auch, wieso das so ist. Das Szenario vom Platz des Himmlischen Friedens war bei allen Beteiligten noch sehr präsent, am 7. Oktober gab es tatsächlich massive Polizeigewalt, bei der Großdemo zwei Tage später standen 10.000 bewaffnete Polizisten bereit. Die Angst vor einer Eskalation war an diesem Abend riesig und wird im Film noch einmal greifbar. Gespeist wurde sie nicht nur durch die Sorge vor einem rigiden Vorgehen der Staatsgewalt, sondern auch durch mögliche Unbesonnenheit auf Seiten der Demonstranten. Nicht zuletzt zeigt Das Wunder von Leipzig noch einmal, dass die Friedliche Revolution anfangs keineswegs die deutsche Wiedervereinigung anstrebte. Gerade die Entscheidung, sich nicht für Flucht zu entscheiden, sondern für Protest im eigenen Land, zeigt das eigentliche Ziel der Bewegung: eine demokratische Erneuerung der DDR.

Bestes Zitat:

„Die großen Wahrheiten des Lebens sind keine Überraschungen.“

Der Trailer zum Film.

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