Durchgelesen: Helge Schneider – „Arschfahl klebte der Mond am Fenster“ 1


Alle Kommissar-Schneider-Romane in einem Band. Nicht zu fassen.

Autor Helge Schneider
Titel Arschfahl klebte der Mond am Fenster. Die Kommissar-Schneider-Romane 1-4
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Pflichtlektüre. Ich weiß noch genau, wie ich Schneiders Debüt „Zieh dich aus du alte Hippe“ (****) an einer Bahnhofsbuchhandlung erstand und dann sogleich im Zug mit dem Lesen begann. Nach zwei Seiten konnte ich mich nicht mehr beherrschen und musste laut lachen, mitten im Zug, die Leute hielten mich für bekloppt. Macht aber nichts. So unmittelbaren und unverbrauchten, natürlich auch unkoventionellen Humor bekommt man sonst nämlich selten in Buchform.

Eine klasse Idee also, zum zehnten Geburtstag von Kommissar Schneider seine vier ersten Abenteuer in einem Band herauszubringen, zu einem Spottpreis zudem und mit Illustrationen des Autors. Die Sammlung führt vor allem Schneiders Methode und Stilistik vor Augen: von verwirrenden Einstiegen über rasante Ortswechsel (am besten nachzulesen im „Mörder mit der Strumpfhose“, ****) bis hin zu beliebigen Wortneuschöpfungen.

Was einem beim einzelnen Roman entgeht, wird hier klarer: Die Kommissar-Schneider-Romane sind grandiose Persiflagen. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Originale (Jerry Cotton und Edgar Wallace wären mindestens zu nennen) dabei nicht bloß überzeichnet werden. Vor allem setzt eine so gekonnte Verarschung nämlich genaue Kenntnis voraus, im besten Falle sogar Bewunderung.

Man merkt das an Schneiders famoser Übersteigerung der Virilität seines Helden, der natürlich die schnellsten Autos fährt, unbesiegbar und unwiderstehlich ist. Die Gewaltexzesse, vor allem in „Das scharlachrote Kampfhuhn“ (***1/2), sind dabei ebenso brutal wie harmlos. Actionreichen Fernsehserien wird das tagelange Nichtstun in Kommissar Schneiders Büro entgegengesetzt.

Doch auch andere Genres bekommen ihr Fett weg. Am hinterfotzigsten ist der Autor, wenn er die Manierismen der sogenannten Hochkultur auf die Schippe nimmt (unerreicht: das Klavierkonzert, das in der Entführung durch Beethoven endet). Seine Imitationen von Landschaftsbeschreibungen sind ergötzlich, steigern sich nich selten in einen psychedelischen Rausch und bereiten Schneider selbst wohl mindestens ebenso viel Spaß wie dem Leser.

Gerade hier kann der Autor das ausleben, was die Kommissar-Schneider-Romane so einzigartig macht: Seine unerschöpfliche Fantasie und sein absoluter Wille zur Anarchie. Die völlige Abwesenheit von Logik – bis hin zu der Tatsache, dass Kommissar Schneider in jedem der Romane stirbt, in „Der Scheich mit der Hundehaarallergie“ (****) sogar schon auf der dritten Seite – in einer Literaturgattung, die sonst von exaktem Beobachten und schlüssigem Kombinieren lebt, ist es, was diese Geschichten so erfrischend macht. Und die Geburt des Kommissars Schneider zu einer Sternstunde.


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