Die fünf besten WM-Momente


Sebastian Kehl wurde Vize-Weltmeiste 2002. Foto: obs/Adveniat

Heute geht die Fußball-WM in Südafrika los. Und das ist eine große Freude. Denn nun ist nicht nur ein großer Teil der Vorab-Berichterstattung zu Ende, die zwischen westlicher Betroffenheit und guck-mal-so-schlimm-ist-dieser-Kontinent-gar-nicht schwankte. Und stattdessen gibt es das, worum es geht: Fußball. Ich freu mich drauf (übrigens: Spanien wird Weltmeister!) und habe aus aktuellem Anlass meine fünf schönsten WM-Momente zusammengestellt.

Platz 5. WM 1990. Das Turnier in Italien ist in meinem Fall ein schönes Beispiel dafür, wie sehr inzwischen auch unsere Erinnerung medial geprägt ist.  Einen persönlichen Moment, den ich mit der WM 1990 verbinde? Gibt es quasi nicht. Ich habe den offiziellen WM-Song (Un’Estate Italiana von Gianna Nannini und Edoardo Bennato, wer es genau wissen will), auf Kassette aufgenommen. Freunde meiner Eltern haben mir eine Sporttasche im offiziellen DFB-Design (die ich zunächst mit etwas Unbehagen trug, weil mir Nationalstolz suspekt war – das blieb sogar noch bis 2006 so, als ich mich beim Southside-Festival über all die jungen Männer wunderte, die „Deutschland, Deutschland“ riefen). Aber das war’s. Vielleicht habe ich damals noch lieber selbst auf dem Bolzplatz gekickt, statt im Fernsehen den Stars zuzuschauen. Vielleicht war ich auch zu beschäftigt damit, dass es in meiner Welt plötzlich Worte wie „Fernbedienung“, „Markenjeans“ und „Arbeitslosigkeit“ gab. Und deshalb ist alles, was ich mit dieser WM verbinde einfach das, was danach als kollektive Erinnerung inszeniert wurde. Im Prinzip ist das meine Goodbye, Lenin-WM: die Sat-Schüsseln an den Fenstern, die Wir-sind-wieder-wer-Feiern, der Elfmeter von Brehme: Das hat wohl alles stattgefunden, ich kann mich aber nur medial daran erinnern.

Platz 4. WM 1998, Viertelfinale Deutschland – Kroatien 0:3. Das Spiel an sich war wohl eine der schwärzesten Stunden in der deutschen WM-Historie. Auch ich war schwer geknickt, nachdem erst Christian Wörns vom Platz geflogen war und wir dann völlig chancenlos ausgeschieden waren. Trotzdem wurde das Spiel noch zu einer schönen Erinnerung. Denn ich habe es in Amsterdam gesehen, wo ich mit ein paar Freunden war, um das Ende von Bundeswehr (bei mir)/Zivildienst (bei den anderen) zu feiern. Und erstens kann man in Amsterdam ganz wunderbar seinen Fußballkummer wegfeiern, was wir dann auch gemacht haben. Zweitens war es irre, die Holländer beim Feiern zu beobachten. Sie haben am selben Tag Argentinien aus dem Turnier geworfen. Die ganze Stadt war Oranje, ein paar zahnlose Kiffer schwärmten stundenlang vom „Ajax-System“, in der Innenstadt war selbst mit dem Fahrrad praktisch kein Durchkommen mehr. Und es war ganz leicht, sich von dieser Begeisterung einfach mitreißen zu lassen. So viel Euphorie, Harmonie und Ausgelassenheit gab es dann erst wieder acht Jahre später zum Sommermärchen.

Platz 3. WM 1994, Schweden – Bulgarien 4:0. Meine Begeisterung für Schweden war damals schon uralt, wurde bei der WM in den USA aber ins fast Unermessliche gesteigert. Vor dem Turnier hatte ich meinem Englischlehrer noch angekündigt, dass Schweden diesmal Dritter werden würde. Er hatte natürlich gelacht, und es war auch nur halb im Ernst gemeint. Aber dass sie es dann tatsächlich schafften, war ein Traum. Ich hatte mir bei einem Urlaub in Kalmar das Trikot der Trekronors gekauft und trug es nun stolz bei jedem Spiel, in dem Brolin, Dahlin und Larsson wirbelten und Ravelli hinten für Sicherheit sorgte. Das 4:0 im Spiel um Platz 3 gegen Bulgarien setzte dem Ganzen die Krone auf. Nicht nur, weil es eine Demütigung für Bulgarien war (schon zur Pause stand es 4:0), das vorher Deutschland aus dem Turnier geworfen hatte. Sondern auch, weil zwei Tore nach schnell ausgeführten Freistößen in meinen Augen der endgültige Beweis für die Überlegenheit der schwedischen Spielkultur waren.

Platz 2. WM 2002, Brasilien – Deutschland 2:0. Natürlich war es eine schmerzhafte Niederlage. Deutschland hatte das ganze Turnier über nicht gut gespielt, war aber dank Ballack und Kahn ins Endspiel gekommen. Und dort zeigten die Jungs von Rudi Völler dann endlich eine starke Leistung (obwohl Ballack gesperrt war) – bis Kahn patzte. Ironie des Schicksals. Das Finale ist mir trotzdem in angenehmer Erinnerung. Wir haben es in riesiger Runde im Garten eines Freundes geschaut. Die Idee war, dass wir ins Endspiel reinfeiern, also von Samstagmittag bis Sonntagmittag durchmachen. Ich habe mich frühzeitig von dieser Idee verabschiedet und war deshalb einer der wenigen, die einen ordentlichen Schlafplatz hatten. Als ich dann morgens wieder wach war, bot sich mir ein herrlicher Anblick: Keiner hat die Idee mit dem Durchmachen wirklich durchziehen können, und nun waren überall im Garten schlafende Leute verstreut. Pünktlich zum Anpfiff waren aber alle wieder hellwach – und ich war froh, dass ich nicht zu wild gefeiert hatte. Denn nach dem Spiel musste ich dienstlich kurzfristig Reaktionen zur Niederlage sammeln, vom Erzbischof bis zum Oberbürgermeister. Das echte Highlight der WM-Nachspielzeit kam aber noch: Als die Mannschaft von Rudi Völler wieder in Deutschland war, sollte sich Lokalmatador Sebastian Kehl ins Goldene Buch der Stadt Fulda eintragen. Als der entsprechend pompöse Empfang fast vorüber war, ging ich dann auch noch auf die Bühne, um Interviews zu machen. Und als ich wieder runterkam, hielten ein paar japanische Touristen offensichtlich mich für den Fußballer, der gerade Vize-Weltmeister geworden war. Ich habe minutenlang versucht, ihnen das auszureden – vergeblich. Also habe ich doch ein paar Autogramme gegeben und für Fotos posiert. Ich frage mich noch heute, was sie zuhause erzählen, wer dieser berühmte deutsche Fußballer sein soll, den sie getroffen haben.

Platz 1. WM 1986, Argentinien – England 2:1: Das ist eine meiner ersten Fußball-Erinnerungen überhaupt. Wie jeden Sommer war ich mit meinen Eltern beim Camping an der Ostsee. Natürlich gab es dort keinen Fernseher im Zelt. Aber es gab eine Imbissbude, in der hinter dem Tresen ein kleiner Apparat stand, mit schwarz-weiß-Bild. Zu den großen Spielen versammelten sich dort viele Urlauber. Ich war eigentlich nur da, um Eis zu kaufen. Und dann sah ich diesen kleinen Mann mit wilden dunklen Locken, ein bisschen pummelig, aber verflixt schnell. Er holte sich in der eigenen Hälfte den Ball, legte einen Wahnsinns-Sprint mit gefühlt 1000 Körpertäuschen und vier Millionen Tricks hin, und traf. Der kleine Mann war Diego Armando Maradona, und dieses Solo gegen England wurde später zum „Tor des Jahrhunderts“ gewählt. Für einen Achtjährigen wie mich war es ein Erweckungserlebnis: all die Faszination, Eleganz und Dramatik von Fußball, komprimiert auf 30 Sekunden. Unvergesslich.

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