Die Träumer


Film Die Träumer

Die Träumer Film Kritik Rezension

Matthew (Michael Pitt, links), Isabelle (Eva Green) und Theo (Louis Garrel) genießen das Leben ohne Eltern.

Produktionsland Italien, Frankreich, Großbritannien
Jahr 2003
Spielzeit 115 Minuten
Regie Bernardo Bertolucci
Hauptdarsteller Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel
Bewertung

Worum geht’s?

Der 20-jährige Matthew aus Kalifornien ist zum Studium in Paris. Mit den Einheimischen hat er wenig Kontakt, denn die meiste Zeit verbringt er im Kino, zudem sind seine Kommilitonen im Sommer des Jahres 1968 vor allem mit politischem Protest beschäftigt. Als er die Zwillinge Isabelle und Theo kennenlernt, fühlt sich Matthew bald deutlich weniger fremd in der Stadt. Die Geschwister laden ihn nach Hause ein, als ihre Eltern für längere Zeit nicht in der Stadt sind. Matthew, Theo und Isabelle diskutieren, lachen und kommen sich näher. Bald ist ihr Verhältnis so innig, dass sie kaum noch das Haus verlassen, während draußen die Studentenrevolte an Fahrt aufnimmt.

Das sagt shitesite:

Der Direktor eines Filminstituts wird abgesetzt, das löst Protest aus, der bis zum Generalstreik führt – kein Wunder, dass dieser reale historische Hintergrund für Filmemacher wie ein Traum erscheinen muss. In dieser Ausgangssituation steckt bereits die zentrale Idee von Die Träumer: Der Utopie des Kinos werden hier die Utopien eines neuen Zusammenlebens gegenübergestellt, sowohl im Privaten als auch für die gesamte Gesellschaft. Natürlich ist das ein zutiefst romantischer Ansatz – der Glaube, dass Kunstwerke die Welt verändern können, findet sich hier beispielsweise auch in den Debatten über Literatur oder im Soundtrack mit Songs beispielsweise von Bob Dylan, Janis Joplin oder Jimi Hendrix.

Wie naiv dieser Glaube womöglich war, lässt Regisseur Bernardo Bertolucci offen. Ihm geht es in Die Träumer offensichtlich in erster Linie darum, das Lebensgefühl der 1968er einzufangen, nicht ihre Errungenschaften und Verfehlungen zu bewerten. Dass sein Fazit tendenziell positiv ausfällt, ist dennoch unschwer zu erkennen: Zu schön sind die Protagonisten, zu tiefgründig ihre Gespräche, zu betörend die Erotik, um hier den Verdacht aufkommen zu lassen, es handle sich um eine Abrechnung mit dem Scheitern der eigenen Generation. Trotz des Übermuts und Leichtsinns, den vor allem Theo und Isabelle mit ihrer Liebe zur Provokation und Grenzüberschreitung vorleben, und trotz des Filmtitels sind die Figuren auch keineswegs bloß Träumer: Zumindest Matthew ist auch vernünftig, und selbst in den Debatten um Kunst und Kino gilt es innerhalb dieses Trios stets, nicht nur ästhetisch zu urteilen, sondern eine Einschätzung auch intellektuell zu untermauern.

Dabei tauchen durchaus Widersprüche auf, die der Film nicht verschweigt: zwischen Überzeugung und Pragmatismus, Wort und Tat. Diese Träumer wollen sich eine eigene Welt mit eigenen Regeln schaffen, müssen sich dazu aber immer weiter aus der echten Welt zurückziehen: erst ins Kino, dann in ihre Wohnung, dann in einen einzigen Raum innerhalb der Wohnung. Die Zwillinge Theo und Isabelle mit ihrer beinahe inzestuösen Verbindung suchen die totale Symbiose und stehen nicht nur vor der Herausforderung, mit Matthew einen Dritten einzubinden, sondern auch vor der Frage, wie sie ihre Bindung und ihr Weltbild vom Leben als Inszenierung ein ganzes (Erwachsenen-)Leben lang aufrechterhalten sollen und zugleich ihre Persönlichkeit und Individualität weiterzuentwickeln. Dass dieses Dilemma kaum aufzulösen ist, deutet das Ende des Films zumindest an.

Auch deshalb entsteht allerdings eine erhebliche Diskrepanz zwischen Form und Inhalt: So meisterhaft der Film optisch daherkommt (selbst die zahlreichen Zitate aus diversen Kinoklassikern fügen sich sehr organisch ein), so sehr vermisst man am Ende doch eine Positionierung, einen Appell oder zumindest ein Indiz dafür, worin Bertolucci (neben der Erinnerung an die Zeit, die er als die schönste seines eigenen Lebens bezeichnet) die Aktualität des Werks sieht. Letztlich bleibt Die Träumer ein wenig wie seine Protagonisten: hochgradig privilegiert, sehr eitel und rettungslos nostalgisch.

Bestes Zitat:

„Before you can change the world, you must realize: You yourself are part of it. You can’t stand outside looking in.“

Der Trailer zum Film.

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