Der Vorleser


Film Der Vorleser

Einen Sommer lang haben Hanna (Kate Winslet) und Michael (David Kross) eine Affäre.

Einen Sommer lang haben Hanna (Kate Winslet) und Michael (David Kross) eine Affäre.

Produktionsland USA, Deutschland
Jahr 2008
Spielzeit 124 Minuten
Regie Stephen Daldry
Hauptdarsteller Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes, Jeanette Hain, Bruno Ganz, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Lena Olin, Alexandra Maria Lara, Burghart Klaußner, Sylvester Groth, Jürgen Tarrach
Bewertung

Worum geht’s?

Neustadt 1958: Der 15-jährige Michael ahnt noch nicht, dass er sich mit Scharlach angesteckt hat. Als er mitten auf der Straße einen Schwächeanfall hat, hilft ihm eine fremde Frau. Als er Wochen später, inzwischen genesen, wieder zu ihr geht, um sich zu bedanken, beginnt eine seltsame Affäre. Michael entdeckt gemeinsam mit der älteren Frau die Wonnen des Sex, dazwischen soll er ihr immer wieder aus seinen Büchern vorlesen. Dann verlässt Hanna die Stadt, ohne ein Wort zu sagen. Erst Jahre später trifft Michael seine Jugendliebe wieder und entdeckt ihre schockierende Lebensgeschichte: Hanna war einst KZ-Wärterin und steht nun vor Gericht, weil sie für den Tod von 300 Juden verantwortlich sein soll.

Das sagt shitesite:

Viele haben versucht, diesen Film zunächst moralisch zu beurteilen. Ist es legitim, den Holocaust bloß als dramatischen Hintergrund für eine Liebesgeschichte zu nutzen? Darf man eine Massenmörderin als verführerische Geliebte inszenieren? Sollen hier die Täter rückwirkend entschuldigt werden? Die Antwort auf diese Fragen kann wohl nur „kommt darauf an“ lauten.

Handwerklich jedoch ist Der Vorleser ein sehr guter Film, und auch dramaturgisch hat er unbestrittene Stärken. Der wichtigste Bestandteil dabei ist die Leistung von Kate Winslet, die derart facettenreich und seriös spielt, dass man kaum glauben mag, es hier mit derselben Schauspielerin wie in Titanic zu tun zu haben. Sie ist hemdsärmelig und dennoch erotisch, sie verführt und bemuttert den Knaben zugleich.

Vor allem der Beginn von Der Vorleser gerät dadurch äußerst eindrucksvoll: Der heranwachsende Michael entdeckt in der Wohnung der Straßenbahnschaffnerin seinen Hunger nach Sex als Tor zu sich selbst. Die längst erwachsene, aber in mancherlei Hinsicht unbedarfte Hanna entdeckt ihren Hunger nach Bildung als Tor zur Welt. Sie ist ebenso überwältigt von der Schönheit, Größe und Vielfalt der Kultur wie er es von den Freuden der körperlichen Liebe ist.

Auch als sich das einstige Paar nach Jahren wieder sieht, ist es in keinem Moment eine Beziehung auf Augenhöhe. Das ist die Konstante, mit der Der Vorleser den Zeitsprung und den thematischen Bruch geschickt überbrückt. Denn aus einer Liebesgeschichte entwickelt sich ohne große Vorwarnung ein Film über Schuld und Scham, Menschlichkeit und Moral. „Wer bin ich, wer möchte ich sein, und inwieweit stimmt beides überein?“ – diese Frage ist eine weitere Klammer zwischen den beiden Hälften des Dramas.

Der Wechsel zwischen den Zeitebenen ist dabei ein wichtiges Element, um den brisanten Gedanken von der Scham der Täter und der womöglich noch größeren Scham der nachfolgenden Generation nicht allzu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Der Vorleser stellt geschickterweise eher Fragen als dass es in dieser Romanverfilmung Antworten geben würde, und zwar zu grundsätzlichen Themen wie Verantwortung, Härte, Vergebung. Nur das misslungene Ende des Films weicht von diesem Prinzip ab und landet in seinem Versuch, das Verhältnis von Holocaust-Tätern und -Opfern mit dem von Verführerin und Verlassenem einer Liebesbeziehung auf eine Ebene zu stellen und auch noch alle miteinander zu versöhnen, dann tatsächlich auf moralisch nicht mehr tragbarem Terrain.

Bestes Zitat:

“Du hast gar nicht die Macht, mich zu kränken. Du bedeutest mir nicht genug, um mich zu kränken.”

Der Trailer zum Film:

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