Draufgeschaut: Zivilcourage


Film Zivilcourage

Zivilcourage Film Kritik Rezension

Peter Jordan (Götz George) wird von einer Gang in seiner Nachbarschaft bedroht.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2010
Spielzeit 90 Minuten
Regie Dror Zahavi
Hauptdarsteller Götz George, Carolyn Genzkow, Arnel Taci, Maria Simon, Marko Mandić, Thomas Arnold
Bewertung

Worum geht’s?

Im Rahmen der Projektwoche an ihrer Schule muss Jessica Lorenz ein Praktikum im Antiquariat von Peter Jordan in Berlin-Kreuzberg absolvieren. Sie hat wenig Interesse daran, den ganzen Tag ohne Bezahlung zwischen staubigen Büchern zu verbringen, ebenso wenig Lust hat der zurückgezogen lebende alte Mann auf die Zusammenarbeit mit einer unzuverlässigen, aufmüpfigen Schülerin. Jessica ist aber auf sein Wohlwollen angewiesen, denn wenn sie die Projektwoche nicht durchzieht, fliegt sie von der Schule. Als Jordan abends beobachtet, wie ein Jugendlicher einen Obdachlosen halbtot schlägt, wird das Verhältnis zu Jessica in ein neues Licht gerückt, denn der Täter ist Jessicas Freund. Peter Jordan zeigt ihn bei der Polizei an und zieht damit den Groll von Jessica auf sich, zu der er gerade ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. Schlimmer ist allerdings die Tasache, dass die Gang und die Familie des Täters den alten Mann bedrohen. Sie wollen Jordan dazu bringen, seine Aussage zurückzuziehen.

Das sagt shitesite:

Zu Beginn wirkt Zivilcourage, auch wegen des sehr programmatischen Titels, ein wenig zu pädagogisch. Auch die Schwarz-Weiß-Zeichnung in der Exposition, in der die Kamera Peter Jordan auf dem Weg durch Kreuzberg in sein Antiquariat begleitet, missfällt: Draußen gibt es HipHop, Kanak Sprak und hartes Pflaster; drinnen erleben wir Jazz, Teetrinken und das Refugium eines Geistesmenschen.

Gerade wegen dieser ersten Minuten überrascht der Film danach umso mehr: Regisseur Dror Zahavi zeichnet eine sehr stimmungsvolle Milieustudie, ist sehr fokussiert auf seinen Kernkonflikt und verzichtet ebenso auf politische Korrektheit wie auf Vereinfachung. Zivilcourage vereint den Blick auf die Sorgen des Kiez und die Krisen der Welt, thematisiert das Wegschauen, wenn plötzlich Gewalt und Selbstjustiz in einem Wohnviertel regieren, ebenso wie die Folgen von Einwanderung ohne Integration. Die kleinen Kompromisse und die großen Prinzipien, die Sicherheit der eigenen Familie und das Wohl der gesamten Gesellschaft – sehr geschickt und ohne klare Feindbilder deckt der Film all dies ab.

Mit Peter Jordan gelingt eine sehr eindrucksvolle Figur, die sechs Jahre nach der Premiere des Films, in Zeiten von Flüchtlingskrise, Terrorverdacht und AFD, noch relevanter geworden ist. Er lebt schon immer in dieser Straße, die einst in einer gutbürgerlichen Gegend war, in der aber mittlerweile längst Migranten das Bild prägen. Der Antiquar versucht, vor der Veränderung vor seiner Tür zu fliehen in eine Welt der Bücher und der Erinnerung an alte Zeiten, die er bei einem guten Glas Wein mit alten Freunden teilt. Als er von Jessicas Freund bedroht wird, wäre es ein Leichtes für ihn, einfach zu kapitulieren und seine Anzeige zurück- und/oder aus der Gegend wegzuziehen. Aber als alter 68er will er für seine Überzeugungen kämpfen.

Gerade aus dieser Konstellation gewinnt der Film seine moralische Stärke: Hier schimpft nicht ein verkappter Nazi auf die feindliche Übernahme seiner Heimat durch Ausländer. Hier kämpft ein Mann für seine Prinzipien, für Miteinander, Menschlichkeit, Rechtsstaat. Dass ihm niemand dankt, was er tut (nicht einmal das Opfer der Prügelattacke, dem er mit seinem Eingreifen das Leben gerettet hat), ist vielleicht die schockierendste Pointe in diesem aufrüttelnden, schonungslosen Film.

Bestes Zitat:

„In welche Welt lebst du eigentlich? – In derselben wie sie.“

Der komplette Film.

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