Durchgelesen: Arne Dahl – „Hass“


Autor Arne Dahl

Mit "Hass" schließt Arne Dahl die vierteilige Opcop-Reihe ab.

Mit „Hass“ schließt Arne Dahl die vierteilige Opcop-Reihe ab.

Titel Hass
Otiginaltitel Sista paret ut
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Viel mehr Komplexität geht wohl kaum. Die ersten fünf Kapitel von Hass bringen gleich fünf Handlungsstränge an fünf verschiedenen Orten der Welt, nämlich Stockholm, Rom, Madrid, einer geheimnisvollen Südseeinsel und einem Vernehmungsraum, von dem der Leser erst ganz am Ende dieser knapp 600 Seiten erfahren wird, wo er sich befindet. Bis dahin sind als Schauplätze unter anderem auch noch Den Haag, New York und Shanghai hinzugekommen.

Viel mehr Aktualität lässt sich ebenfalls kaum in einen Thriller packen. Die Themen, die Arne Dahl in seinem neuen Buch behandelt, sind unter anderem Biotechnologie, Internet-Überwachung, die Eurokrise, die Protestbewegungen Los Indignados in Spanien und Occupy Wall Street in den USA sowie die Bedrohung durch chinesische Wirtschaftsspionage.

Arne Dahl verlangt dem Leser damit einiges ab, auch weil es in Hass keine klare Hauptfigur gibt. Die Handlung oszilliert zwar um Paul Hjelm, der eine FBI-ähnliche Spezialeinheit von Europol namens Opcop leitet (und der in den Romanen von Arne Dahl schon seit 1998 ermittelt), aber selbst Hjelm verschwindet immer wieder für ganze Kapitel, während sich das Geschehen mit ganz anderen Protagonisten weiter entwickelt und vor allem zuspitzt.

Der Plot ist so ausgefeilt, dass Arne Dahl zur Sicherheit am Ende von Hass noch einmal eine knapp zehnseitige Rekapitulation der Ereignisse gibt und als kleinen Anhang eine Übersicht der 17 wichtigsten Figuren mitliefert. Auch zwischendurch gibt es immer mal wieder Zusammenfassungen, und das ist ein durchaus wichtiger Service für den Leser. Zwar erkennt man nach und nach die Zusammenhänge, die Zahl der Fragezeichen  wird dadurch aber nicht kleiner – weder für die Ermittler noch für den Leser, dem Arne Dahl praktisch keinen Informationsvorsprung gönnt. Trotzdem kommt nie Unbehagen oder Ungeduld auf, denn erstens ist Hass beinahe rasend spannend, zweitens merkt man als Leser schnell, dass man sich diesem Autor anvertrauen kann, dass Arne Dahl das nötige Können hat, all diese Fäden plausibel und spektakulär zusammenzuführen.

Dazu trägt sein reizvolles Ensemble bei, das viel Spielraum für Betrachtungen zum Menschlich-Allzumenschlichen lässt („Sara Svenhagen hatte schon so viel erlebt, dass jedes Ereignis sie an ein anderes erinnerte. Bedeutete das, dass sie alt wurde? Oder gar klug? Oder nur zynisch?“, ist ein Beispiel dafür). Der vierte und letzte Teil der Reihe um die Opcop-Gruppe profitiert aber auch von einer enormen Rechercheleistung (wenn es um die Strategien der Mafia geht, kann man sich dabei an Roberto Saviano erinnert fühlen, das eine oder andere Standardwerk zur Molekularbiologie dürfte Dahl zur Vorbereitung ebenfalls gewälzt haben). Und letztlich von einer ungeheuren Bildhaftigkeit. Man merkt, dass Dahl einer dieser Autoren ist, die mit einem Notizbuch durch die Welt gehen, in jedem Hotelzimmer, bei jedem Spaziergang Material für ihr Werk finden können, und sei es bloß ein Vermerk zum ganz besonderen Lichteinfall an einem bestimmten Ort.

Um die Verbindung zwischen all seinen Handlungssträngen zu halten, setzt der Schwede noch auf einen ganz besonderen Kniff: Er lässt seine Figuren genüsslich all die Möglichkeiten der modernen Überwachungstechnologie und die neusten Kommunikationswerkzeuge benutzen und schafft es so auch als Erzähler, die verschiedenen Schauplätze auf der ganzen Welt zu verschmelzen, Rückblenden zu ermöglichen oder eine wichtige Zeugenaussage, die zum ersten Mal vor 200 Seiten in einem ganz anderen Kontext erwähnt wurde, noch einmal im Wortlaut zu bringen.

Der Plot ist dabei so vielschichtig und überraschend, dass man ihn kaum nacherzählen mag, um künftigen Lesern nicht die Freude zu nehmen. Nur so viel: Es geht unter anderem um eine Entführung, synthetische Drogen, private Sicherheitsdienste und Gentherapie. Dass Arne Dahl diesen Roman als Opus Magnum angegangen ist, zeigen auch die Reflexionen zur Lage der Welt, die er gelegentlich einflicht. Sie sind allerdings eher ein Manko dieses Buchs: Manchmal ist er etwas arg plump, explizit und pathetisch beim Wettern gegen Raubtierkapitalismus und Korruption. Auch seine Gedanken über das angebliche Ende des Humanismus, die vermeintlichen Ursachen für die Entstehung eines neuen europäischen Prekariats oder die unterstellten Skrupel, die selbst die Ermittler bekommen, wenn sie sich das Ausmaß der digitalen Überwachungsmöglichkeiten vergegenwärtigen, wirken wie Fremdkörper in diesem Thriller.

Deutlich besser integriert er eine andere zentrale Aussage: Hass ist, mit Ermittlern aus den verschiedensten Ecken des Kontinents, die alle an einem Strang ziehen und erkannt haben, dass die Bedrohungen für ihre Heimat und ihre Werte eher globaler denn nationaler Natur sind, ein entschieden pro-europäisches Buch. Über den „immer wiederkehrenden Traum vom Nationalstaat, vom wahren Zuhause, der dem Phänomen der Globalisierung vorausgegangen war“, sinniert eine Polizeipsychologin an einer Stelle. „Wie viele Übel diese Idee im Laufe der Geschichte hervorgebracht hatte. Wenn es doch möglich wäre, dass es plötzlich ein Wir gäbe. Ein Wir ohne Wir-gegen-sie.“ Dieser Gedanke ist die vielleicht stärkste Kraft in diesem Buch. Hass ist eine Liebeserklärung an Europa, seine Landschaften, Städte, Kultur und Geschichte – wissend, dass all das eben auch vom Verbrechen geprägt wurde, quer durch die Jahrhunderte.

Bestes Zitat: „Wir befinden uns auf dem besten Weg zurück ins Mittelalter. Im Zeitalter des Superindividualismus ist das Gruppendenken in einer historisch-ironischen Umkehr wieder auf dem Vormarsch. (…) Niemand darf mehr ein echtes Individuum sein. Alle müssen in Gruppen eingeteilt werden können – Weiße und Schwarze, Muslime und Christen, Einwanderer und Einheimische, ja auch Männer und Frauen. Und diese Gruppen hassen einander und setzen dafür eine minderwertigere Intelligenz ein, als sie dem Individuum zur Verfügung stehen würde.“

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