Durchgelesen: Belinda McKeon – „Zärtlich“


Autor Belinda McKeon

Belinda McKeon Zärtlich Kritik Rezension

„Zärtlich“ ist der erste Roman von Belinda McKeon.

Titel Zärtlich
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Auf keinen Fall! So lautet die Antwort, als Catherine ihre Eltern fragt, ob sie übers Wochenende ihren guten Freund James in dessen Heimatdorf besuchen kann. Zwar ist Catherine schon vor einem Jahr vom Land zum Studieren nach Dublin gegangen und lebt dort ihr eigenes Leben. Aber sie ist erst 19, katholisch, behütet. Ein Besuch bei einem jungen Mann, über Nacht, kommt da gar nicht in die Tüte, meinen ihre Eltern. Noch nie hat sie ihnen Widerworte gegeben, doch diesmal muss es sein: Das Verbot sei albern und die Sorge um die Unbeflecktheit der Tochter zudem unbegründet. Denn James ist schwul.

Das senkt die Empörung im Hause Reilly nicht gerade. Mit solchen Leuten umgebe sich die Tochter also, statt sich eifrig ihren Büchern zu widmen? Catherines Eltern sind fassungslos – und die Tochter merkt, wie wenig die konservativen Vorstellungen ihres Heimatdorfs noch mit ihrem Leben in der Hauptstadt zu tun haben, wo sie in einer WG lebt, für eine Studentenzeitung schreibt und mit James einen Freund gefunden hat, wie sie ihn nie in ihrem Leben hatte: schlagfertig, kultiviert, loyal, einfühlsam, intelligent. Ein Seelenverwandter.

Die Szene spielt im Jahr 1997 und verweist damit auf das erste wichtige Thema im Debütroman von Belinda McKeon. Zärtlich zeigt, wie homophob große Teile der Gesellschaft vor 20 Jahren im Vergleich zu heute waren. In Großbritannien, wo man seinen FußballBierKumpels-Machismo noch ein bisschen eifriger pflegt als anderswo, gilt das erst recht. Bis 1993 war Homosexualität in Irland noch strafbar, entsprechend exemplarisch ist die Reaktion von Catherines Eltern. Entsprechend groß sind auch die Schwierigkeiten für James, selbst im vergleichsweise liberalen Studentenmilieu der Hauptstadt, zu seiner sexuellen Orientierung stehen oder gar ein unbeschwertes Leben, womöglich in einer glücklichen Liebesbeziehung, führen zu können.

Interessant ist dieser Aspekt nicht nur, weil er indirekt verdeutlicht, wie viel sich seitdem verbessert hat. Belinda McKeon, die im ländlichen Irland groß geworden ist, dann am Trinity College in Dublin studierte und Essays und Reportagen etwa in der der New York Times und im Guardian veröffentlichte, lässt auch ihre Hauptfigur an diesem Wandel teilhaben. Catherine kämpft mit ihren eigenen Vorbehalten, überwindet sie schließlich, um die Tatsache, dass James schwul ist, dann doch wieder empörend zu finden. Denn nach einem gemeinsam verbrachten Sommer verliebt sie sich in ihn. Zuerst will sie sich ihre Gefühle nicht eingestehen. Als sie dann mit James schläft, der sich eher aus Einsamkeit denn aus Experimentierfreude darauf einlässt, steuert die einst so innige Freundschaft auf ein verhängnisvolles Ende zu.

Die Frage, wo sich die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe, zwischen Zuneigung und Begehren ziehen lässt, ist der Kern dieses Romans. Catherine und James schwirren im Verlauf der knapp 450 Seiten eifrig zwischen diesen Polen hin und her. Einen „Fiebertraum von Freundschaft, Liebe und Besessenheit, so emotional ungeschützt wie meisterhaft ins Werk gesetzt“, hat Booklist darin erkannt. Die Irish Times lobt Zärtlich als „ein Werk voller Weisheit, Wahrheit und Schönheit“.

In der Tat brilliert Belinda McKeon als Stilistin: Sehr gekonnt und poetisch erzählt sie vom Erwachen einer Persönlichkeit, als Catherine aus der Provinz an die Uni kommt, ebenso von den Qualen, die der eigentlich extrovertierte James erduldet, weil er seine Sexualität nicht ausleben kann. Als die Harmonie zwischen ihnen in die Brüche geht, bietet Zärtlich viele sehr kurze Absätze, mit großen Lücken – ein unverbundenes Stakkato, das sehr gut die Aufgewühltheit und Konfusion von Catherine illustriert.

Allein: So richtig zünden will der Roman nicht. Das liegt zum einen an der Hauptfigur, die schlicht nicht sonderlich sympathisch ist. Eine gute Portion Egozentrik bringt Catherine schon aus ihrem Heimatdorf mit nach Dublin. Als sie dann James kennen lernt, kommen Kontrollzwang und Eifersucht hinzu. Zuerst will sie diese Freundschaft ganz für sich haben und in vollen Zügen auskosten, dann will sie ihren Liebhaber am liebsten vom Rest der Welt, von potenziellen Konkurrentinnen und Konkurrenten, abschotten. Das macht es dem Leser schwer, sich mit ihr zu identifizieren. Was schwerer wiegt: Es offenbart einen Mangel an Empathievermögen, der die Intensität dieser Freundschaft letztlich unglaubwürdig macht. In keinem Moment versteht Catherine wirklich, in welchem Dilemma James steckt, weil sie sich meist gar nicht für seine Gemütslage interessiert.

Genau deshalb fehlt auch dem Changieren zwischen Freundschaft und Liebe die nötige Spannung. Belinda McKeon versucht zwar, ihren Plot beispielsweise mit der Geschichte vom Ende des IRA-Terrors oder mit Bezügen auf die Ehe von Sylvia Plath und Ted Hughes anzureichern, aber auch das kann den dominierenden Effekt von Zärtlich nicht kaschieren: Genau wie seine Hauptfigur ist der Roman zwar hübsch und wohlmeinend, aber auch anstrengend und ermüdend.

Bestes Zitat: „Sie hatte es in diesem Jahr im College gemerkt: Wenn man der Welt den Eindruck vermittelte, dass man jeder Schwierigkeit gelassen gegenübertreten würde, entpuppten sich die meisten als wenig spektakulär. Im Gegenteil, sie erwiesen sich als auf eine lustige Weise beherrschbar.“

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