Durchgelesen: Brandy Dunn – „Die Männer auf meiner Couch“ 1


Fremdgeher und Fetischisten zählen zu den Stammkunden bei Therapeutin Brandy Dunn.

Fremdgeher und Fetischisten zählen zu den Stammkunden bei Therapeutin Brandy Dunn.

Autor Brandy Dunn
Titel Die Männer auf meiner Couch
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

Charles ist besessen von einem Rollenspiel. Steve ist verheiratet, schaut sich aber mit größter Lust die Sexvideos an, die ihm seine Sekretärin schickt. Bill ist sexsüchtig und hat innerhalb eines Jahres mehr als 200.000 Dollar für Prostituierte ausgegeben. Hank will sich scheiden lassen, weil seine Frau Oralsex verweigert. Und Mark ist ein bekennender Sadist, der sich auch noch in die Therapeutin verliebt.

Die Namen sind geändert, aber die Fälle sind echt. All diese Männer kamen in die Praxis von Brandy Dunn in Manhattan, um sich sexualtherapeutische Hilfe zu holen. Über ihre Erfahrungen hat die Amerikanerin nun ein Buch geschrieben: Die Männer auf meiner Couch.

Die Bereitschaft, sich Hilfe vom Experten zu holen, nimmt auch in Deutschland zu, sagt Prof. Dr. Uwe Hartmann, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft. Wie viele Männer sich hierzulande pro Jahr behandeln lassen, ist nicht bekannt. Fest steht aber, was die häufigsten Gründe sind, wenn sich deutsche Männer wegen Schwierigkeiten im Bett auf die Couch legen: Erektionsprobleme, vorzeitiger Samenerguss und Unlust. «Sexsucht ist das vierte große Problem. Diese Männer gehen fremd oder nutzen Pornos. Wenn die Partnerin dann eine verdächtige SMS, ein Kondom oder Fotos auf dem Rechner findet, fällt die meistens aus allen Wolken», erzählt Hartmann.

Allein vom vorzeitigen Samenerguss sind 15 bis 30 Prozent aller Männer betroffen. «Die sehen das aber meist eher medizinisch und gehen dann zum Urologen statt zum Therapeuten», sagt Hartmann. Auch Brandy Dunn braucht meist eine Weile, bis sich ihre Patienten eingestehen, dass die Ursache ihrer Probleme eher im Kopf als in den Lenden zu suchen ist. Die Männer auf meiner Couch ist dabei ein gewollt zweideutiger Titel. Denn neben den Erfahrungen mit ihren Patienten berichtet die Autorin auch freimütig über ihr eigenes Liebesleben.

Es ist gerade dieses Zusammenspiel, aus dem Die Männer auf meiner Couch seinen Reiz bezieht. Brandy Dunn zeigt offen ihre eigene Unsicherheit. Sie ist parteiisch, emotional, sie scheint sich mitunter selbst zu therapieren. Manchmal ist sie auch angeekelt, wenn ihr schon wieder ein Mann seine Untreue beichtet, und sie ihm eigentlich helfen soll. Dass Männer sich deshalb lieber nicht von Frauen behandeln lassen sollten, ist trotzdem ein Trugschluss, betont Professor Hartmann. «Das Geschlecht des Therapeuten spielt keine Rolle, sondern nur die therapeutische Bindung.»

Brandy Dunn zeigt sich in ihrem Buch vor allem geschockt, wie pervers, gestört und vor allem durchtrieben die Männer sind, die da vor ihr sitzen. Das macht ihr Buch ein bisschen eindimensional, und zudem muss man sich wundern, wie notorisch erfolglos die Therapeutin mit ihrer Arbeit ist: In den meisten Fällen kommen die Patienten einfach irgendwann nicht mehr zu ihr. Die Ärztin sieht diese Situation aber auch als Chance zum Lernen: «Wie viele Frauen sind schon in der Lage, in ihrem Beruf die Untiefen von Liebe und Sex aus Sicht des Mannes zu erkunden? Wie viele hören die Wahrheit über Männer von Männern; Wahrheiten, die sie sonst nie erfahren würden, geschweige denn sich auszumalen imstande wären?», fragt sie sich. Sie gerät aber zwangsläufig auch ins Grübeln, wie es wohl in dem Mann aussieht, mit dem sie selbst zusammen ist.

Zwischendurch kommt die Therapeutin an einen Punkt, an dem sie alle Männer für Schweine hält, sich in einem etwas nervigen Lamento auf Sex & The City-Niveau ergeht und sogar befürchtet, die Liebe sei vom Aussterben bedroht. Da kann Professor Hartmann eindeutig Entwarnung geben: «Die Liebe stirbt garantiert nicht aus. Wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen. Selbst bei den Paaren, die zu mir kommen und um Hilfe bitten, mangelt es meist nicht an Liebe», sagt er. Die Schwierigkeit liege eher darin, Liebe und Sex zusammenzubringen. «Es gibt schöne Studien über Paare, die 20 bis 30 Jahre zusammen sind. Bei denen sind dieselben Hirnareale wie bei Frischverliebten aktiv, es gibt aber auch eine starke Ausprägung in den Arealen, die für eine feste Bindung stehen.» Das könne an einem sehr leidenschaftlichen Sexleben liegen, aber auch andere Ursachen haben. «Wir erforschen gerade, wie die das schaffen.»

Bestes Zitat: «Die sexuelle Identität ist ein Mikrokosmos des Selbst.»

Diese Rezension gibt es mit einer Fotostrecke zur Sexsucht auch bei news.de.


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