Durchgelesen: Daniel Price – „Hype“ 1


Daniel Price wirft mit "Hype" einen schonungslosen Blick auf die PR-Branche.

Daniel Price wirft mit „Hype“ einen schonungslosen Blick auf die PR-Branche.

Autor Daniel Price
Titel Hype
Originaltitel Slick
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

PR ist eine schlimme Sache. Man muss nicht allzu sehr übertreiben, um darin die Geißel der Menschheit zu erkennen. Und das sage ich nicht nur als Journalist, für den PR per se so etwas wie der Erzfeind ist. Es gilt auch als Verbraucher, als Bürger, als Mensch.

PR macht nichts anderes als: lügen. Nicht immer im strengsten Sinne des Wortes, sondern oft auch in abgewandelter Form, durch Auslassungen, Ablenkungsmanöver, Agenda Setting. Aber niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass es die Aufgabe von PR ist, von der Wirklichkeit abzulenken, also von der Wahrheit.

In Form von Marketing setzt sie die (an sich wunderbar fairen und transparenten) Spielregeln des Marktes außer Kraft. Marketing gibt denen Macht, die schon groß oder besonders clever sind und hilft ihnen so, kleinere oder unscheinbarere Konkurrenten aus dem Blickfeld (und somit letztlich vom Markt) verschwinden zu lassen. Marketing generiert zudem eine Nachfrage, die es ohne Marketing gar nicht gebe (also für Sachen, die kein Mensch braucht). Unterm Strich heißt das: Es schadet dem Verbraucher bei seinem Versuch, das beste Produkt oder die beste Dienstleistung zum besten Preis für sein Geld zu bekommen.

In Form von Spindoctors wird mit PR in der Politik systematische Augenwischerei betrieben. Es werden Debatten gelenkt oder abgewürgt, Themen gesetzt oder ignoriert, Experten erfunden und Statistiken so zurechtgebogen, wie man sie braucht. Unterm Strich heißt das: Sie schadet dem Bürger bei seinem Versuch, sich eine objektive Meinung zu bilden.

Mit Hype wirft Daniel Price einen schonungslosen, sehr erhellenden Blick auf die Macht und Machenschaften der PR. Er tut das nicht in Form eines investigativen Sachbuchs (wie beispielsweise Sheldon Rampton und John Stauber, die mit ihren Werken sehr deutlich gemacht haben, wie mit PR gezielte Desinformation betrieben wird), sondern als Roman. Das entspricht nicht nur besser seinen Fähigkeiten (der gebürtige New Yorker hat unter anderem Drehbücher geschrieben). Es ist auch in punkto Marketing ein cleverer Schachzug.

Denn statt einer langweiligen Betrachtung über die durchaus komplexe Materie hat Price hier ein hoch unterhaltsames Buch voller irrer Wendungen vorgelegt. Er erzählt die Geschichte des PR-Profis Scott Singer. Der ist mit allen Wassern gewaschen, was ihm den Spitznamen „Slick“ einbringt (wie der Originaltitel des Romans lautet). Doch diesmal hat er einen besonders heiklen Auftrag: Nach einem Amoklauf an einer Schule soll er Hunta, einen berühmten HipHop-Star, vom Vorwurf reinwaschen, mit seiner Musik für das Massaker verantwortlich zu sein.

Das Buch könnte also kaum mehr Pop sein, zumal der Autor sich auch auf echte Ereignisse (Columbine und die anschließende Hexenjagd auf Marilyn Manson) und echte Personen (Hunta wird als Zögling von Tupac Shakur eingeführt) bezieht.

Price versteht es (ebenso wie seine Hauptfigur Scott Singer) nicht nur geschickt, mit den Ängsten und Vorurteilen der Öffentlichkeit zu spielen. Er seziert auch das Musikbusiness, seine skrupellose Gier, seinen unbarmherzigen Konkurrenzkampf, seinen eklatanten Mangel an Loyalität. Und natürlich die perfiden Methoden der PR-Branche. Damit wird Hype enorm doppelbödig und findet so die perfekte Form für die Materie. An einer Stelle erklärt Scott Singer recht eindrücklich seine Philosophie: „Das ist der Unterschied zwischen einem Zyniker und einem Skeptiker. Zyniker glauben blind jede Information, die ihr mangelndes Vertrauen in die Menschheit bestätigt. Skeptiker stellen alles infrage, sogar die schlechten Nachrichten. Zyniker sind von den Medien leicht zu kontrollieren. Skeptiker nicht.“

Gelegentlich wird die Abgewichstheit der Charaktere zwar nervig (und vor allem unglaubwürdig), denn kein Mensch hat in jeder Situation einen derart passenden coolen Spruch auf den Lippen wie Scott Singer. Das macht Price aber wett, indem er eine Parallelhandlung inszeniert, die schließlich ebenso spannend wird wie Singers dienstlicher Auftrag. Der Mann, der in seinem Job nicht nur die Medien, sondern quasi eine ganze Nation manipuliert, ist in seinem Privatleben selbst in höchstem Maße anfällig für Manipulation. Das Buch gewinnt am Ende seine enorme Spannung gerade dadurch, dass Scott Singer immer stärker schwankt zwischen Vernunft und Gefühl. Das macht ihn menschlich – und Hype zu einem enormen Vergnügen.

Beste Stelle: „Als ich die Tür schloss, schaltete Jean die Innenbeleuchtung ein. Sie trug eine ärmellose weiße Bluse, eine türkise Caprihose und alte weiße Turnschuhe. Ihr kurzes schwarzes Haar hatte sie mit einem grünen Plastikband zurückgebunden. Sie war eher für den Frühjahrsputz als für einen Abend in der Stadt gekleidet. Okay, sie war also nicht gerade modebewusst, aber die Art, wie sie in ihrem eigenen Kontinuum lebte, völlig außer Reichweite von Marie Claire oder Laura Ashley, hatte was Wunderbares. Keine ihrer Unsicherheiten, keine ihrer Neurosen wurde von den Medien genährt. Sie war eine ganz eigenständige Chaotin.“


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