Elena Ferrante – „Meine geniale Freundin“


Autor Elena Ferrante

Meine geniale Freundin Elena Ferrante Kritik Rezension

„Meine geniale Freundin“ ist der Auftakt einer vierteiligen Saga.

Titel Meine geniale Freundin
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Zur Sicherheit weist der Verlag gleich doppelt darauf hin, im Klappentext und auf einem Einleger im Buch: Meine geniale Freundin ist der erste Roman einer vierteiligen Saga von Elena Ferrante. Die drei Nachfolger erscheinen hierzulande im Frühjahr und Herbst. Wer den Auftakt, schon 2011 in Italien erschienen und nun in der deutschen Übersetzung von Karin Krieger vorliegend, gelesen hat, wird die weiteren Bände kaum erwarten können. Meine geniale Freundin ist ebenso intensiv wie leicht zu konsumieren, ebenso realistisch wie ein großer poetischer Entwurf, ebenso engagiert wie getragen von einer Atmosphäre, die den Leser förmlich in das Buch hineinsaugt.

Die Kritik ist begeistert, und zwar weltweit. „Das beste Porträt einer Frauenfreundschaft, das einem in der Literatur jemals begegnet ist“, hat der Guardian in Meine geniale Freundin erkannt. Iris Radisch lobt den Roman in der Zeit als „ein epochales literaturgeschichtliches Ereignis“. Ihre Figuren preist El País als „wahre Meisterwerke“. Le Monde hat beobachtet: „Ferrante wirkt wie eine Droge.“ Für La Vanguardia ist dieses Buch „Mit völliger Sicherheit das größte Werk der europäischen Literatur der letzten Jahrzehnte.“ Die Washington Post stellt fest: „Elena Ferrante ist für Neapel, was Charles Dickens für London gewesen ist.“

In dieses Neapel und in die Jahre ihrer Jugend versetzt sich Elena, die Ich-Erzählerin des Romans, in Meine geniale Freundin zurück. Zu Beginn des Buches erhält sie einen Anruf von Rino. Seine Mutter Raffaela, 66 Jahre alt, ist verschwunden. Elena ist ihre beste Freundin und soll helfen, sie zu finden. Doch sie hat wenig Interesse daran, den nichtsnutzigen Rino zu unterstützen („Er hatte nichts im Kopf, und am Herzen lag ihm nur er selbst.“) oder gar in Aktionismus zu verfallen. Stattdessen erinnert sie sich an die Freundschaft zu Raffaela, der sie vor langer Zeit den Spitznamen Lila verpasst hatte. Sie erkennt zum einen, dass dieses Verschwinden durchaus typisch für Lila ist, die sie schon als ganz kleines Mädchen kannte. Und sie ahnt, dass sich im Rückblick auf die gemeinsame Geschichte vielleicht ein Hinweis offenbart, wo Lila nun stecken könnte.

Zu Beginn dieser Erzählung sind die beiden Mädchen noch im Vorschulalter, am Ende von Meine geniale Freundin sind sie junge Frauen. Die weiteren Bände werden sie durch weitere Jahrzehnte begleiten. Dass man es hier mit einer Freundschaft zu tun hat, die ein Leben lang halten wird, ist auch ohne die Hinweise des Verlags auf die Romane, die demnächst folgen werden, offenkundig: Elena und Lila verbindet eine ganz besondere Beziehung, deren Stärke gerade in ihrer Asymmetrie liegt. „Ich beschloss, mir an diesem Mädchen ein Beispiel zu nehmen und sie nie aus den Augen zu verlieren, auch dann nicht, wenn sie ärgerlich werden oder mich wegjagen sollte“, lautet das Ziel von Elena, als sie auf die vorlaute Schusterstochter aufmerksam geworden ist.

Lila wird für sie zum Vorbild, zu einer Lokomotive für ihren Lebensweg. Elena folgt ihr ebenso freiwillig wie zwangsläufig, ohne eine Chance (und ohne Ambitionen), selbst einmal die Führungsposition einzunehmen. Zwischen den Mädchen entwickelt sich ein Wettstreit aus Mutproben und intellektuellen Kraftproben, in dem für beide von vornherein feststeht, wer gewinnen wird. Dennoch haben sie riesigen Spaß daran, sich zu messen – und merken, wie sie beide daran wachsen. Es gibt Konkurrenz und Abhängigkeit in dieser Freundschaft, aber auch sehr viel Wärme und Zuneigung, die sich ebenso sehr aus den Persönlichkeiten der beiden Mädchen wie aus dem Umfeld speist, in dem sie aufwachsen, und vor allem aus unzähligen Situationen, in denen sie die gegenseitige Verbundenheit einander auch unter schwierigsten Umständen beweisen konnten.

Der Blick auf dieses Milieu ist, neben dem faszinierenden Figurenensemble, das bei weitem nicht nur Lila und Elena zu bieten hat, und der meisterhaft ausgestalteten magischen Kraft dieser Mädchenfreundschaft, die dritte große Stärke von Meine geniale Freundin. Elena Ferranta, die in Neapel geboren wurde, 1992 ihren ersten Roman veröffentlichte und seitdem weitgehend von der Bildfläche verschwunden ist, blickt hier auf die Nachkriegsjahre in ihrer Heimatstadt. Lila und Elena sind umgeben von Armut, Gewalt und verfeindeten Familien. In diesen prekären Verhältnissen zwei Kinder zu den Helden der Handlung zu machen („Kinder kennen die Bedeutung von gestern, vorgestern und auch von morgen nicht. Alles ist hier und jetzt: Hier ist die Straße, hier ist der Hauseingang, hier ist die Treppe, hier ist Mama, hier ist Papa, hier ist der Tag, hier ist die Nacht.“), auch noch zwei Mädchen, denen im Neapel der 1950er Jahre niemand so etwas wie Selbstbestimmung, Aufbegehren oder gar einen eigenen Lebensentwurf zugestehen möchte, sorgt für die Fallhöhe dieses Romans, für eine prickelnde Spannung, bei der man bereits jetzt ahnt, wie viel Konfliktpotenzial sie noch bieten wird.

Bestes Zitat: „Es lag etwas Unerträgliches in den Dingen, in den Menschen, in den Wohnhäusern und in den Straßen, etwas, das nur annehmbar wurde, wenn man wie in einem Spiel alles neu erfand. Entscheidend war aber, dass man auch fähig war zu spielen, und sie und ich – nur sie und ich – waren dazu fähig.“

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