Durchgelesen: Heinz Strunk: „Junge rettet Freund aus Teich“


Heinz Strunk wird in "Junge rettet Freund aus Teich" eher melancholisch als nostalgisch.

Heinz Strunk wird in „Junge rettet Freund aus Teich“ eher melancholisch als nostalgisch.

Autor Heinz Strunk
Titel Junge rettet Freund aus Teich
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Man könnte versucht sein, diesen Roman für den ersten Band einer verkappten Autobiografie zu halten. Schließlich heißt die Hauptfigur Mathias Halfpape (das ist der bürgerliche Name von Heinz Strunk), es wir in Junge rettet Freund aus Teich von einer Kindheit im Süden Hamburgs erzählt (wo Heinz Strunk aufgewachsen ist) und auf der Rückseite des Buchumschlags ist ein Schwarz-Weiß-Foto eines lachenden Jungen auf einem Dreirad zu sehen, das Heinz Strunk (oder damals wohl eher noch: Mathias Halfpape) zeigt.

Die Frage, wie viel von den hier erzählten Abenteuern der Autor (Fleisch ist mein Gemüse) wirklich erlebt hat, ist allerdings vernachlässigbar. Denn egal, ob das auf eigener Erfahrung basiert oder auf literarischem Vermögen: Junge rettet Freund aus Teich ist ein enorm authentischer, liebevoller, rührender Roman über das Heranwachsen.

Zu Beginn, im Jahr 1966, ist Mathias sechs Jahre alt, lebt mit seiner allein erziehenden Mutter im Haus der Großeltern und macht das, was Kinder machen: spielen, träumen, staunen. Das erste Kapitel wirkt wie eine Postkarte aus dem Ferienlager, so echt, dass man geradezu die krakelige Schrift des Schulanfängers vor sich sieht. Die Handlung springt dann ins Jahr 1970 und schließt, nach einem erneuten Sprung, noch einmal vier Jahre später mit dem mittlerweile 14-jährigen Helden.

Mathias ist kein Vorzeigeknabe, nicht der Strahlemann, der von der Verpackung der Kinder-Schokolade sonnenscheint, aber auch nicht der träge Bengel aus der Sanostol-Werbung, der am liebsten alleine in Pfützen herumsteht. Er ist ein ganz normaler Junge, der seine Oma liebt, seine Nachbarin misstrauisch beäugt und sich um seine Mutter sorgt, der genauso weltoffen und intolerant ist, wie Kinder es nun einmal sind. Er erkundet das Zusammenwirken von Luftgewehren und Singvögeln, Morphiumtropfen und öffentlich-rechtlichem Fernsehprogramm, Taschengeld und Zigaretten.

Was das Buch dabei so gut macht, ist nicht nur das Flair einer vergangenen Ära, als Mecki der Igel und Wolfgang Kleff noch die persönlichen Helden waren, man Bluna trank und Navy Cut rauchte. Sondern vor allem ein feiner, eher von Melancholie als Nostalgie geführter Blick auf das Wesen der Kindheit. Heinz Strunk fängt in Junge rettet Freund aus Teich ihre Wehrlosigkeit ein und den Horror, wenn man als Zehnjähriger plötzlich erkennt, dass die Erwachsenen nicht nur älter, sondern sogar alt werden. Er baut immer wieder Hinweise ein auf die Macht, mit der die Mechanismen aus der Welt der Erwachsenen (die sich verkrachen, für einen neuen Job die Stadt verlassen oder für ihre Kinder einen unpassenden Schulzweig bevorzugen) die sozialen Bindungen zerreißen, von denen man als Kind noch meint, sie würden ewig halten. Und er hat ein famoses Gespür für die kleinen Lügen der Kindheit, die sich im Rückblick aus der Erwachsenenperspektive als große erweisen, und für die großen Abenteuer, bei denen es umgekehrt ist.

Mathias spielt Fußball mit seinen Freunden, er sammelt heimlich Vampirromane und er verbringt die Ferien bei seiner Oma Emmi (die nicht seine Oma, sondern seine Großtante ist). Die eigentliche Geschichte von Junge rettet Freund aus Teich, das eigentliche Leben, spielt sich dabei ganz woanders ab – doch für dessen Tragik hat der kleine Mathias noch keinen Blick. Und er ahnt nicht, wie glücklich er sich deshalb schätzen darf.

Bestes Zitat: „Es ist seltsam, jemanden, den man nur aus dem Fernsehen kennt, plötzlich inmitten von ganz normalen Menschen zu sehen, so als wäre er einer von ihnen. Zwischen ihm und den anderen besteht aber ein himmelweiter Unterschied. Von wegen, alle Menschen sind gleich! Sind sie eben nicht. Es gibt nichts Ungleicheres als Menschen.“

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