Durchgelesen: Ian Mortimer – „Zeiten der Erkenntnis“


Autor Ian Mortimer

Cover des Buchs Zeiten der Erkenntnis von Ian Mortimer bei Piper

„Zeiten der Erkenntnis“ ist ein Wettbewerb der Jahrhunderte.

Titel Zeiten der Erkenntnis. Wie uns die großen historischen Veränderungen bis heute prägen
Originaltitel Centuries Of Change. Which Century Saw The Most Change And Why It Matters To Us
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Ian Mortimer hat immer wieder sehr originelle Formate gefunden, um Geschichte (vor allem des Mittelalters) an den Mann zu bringen. Historische Romane zählen ebenso dazu wie ein Touristenführer für Zeitreisende. Selbst wenn man das weiß, ist der Ansatz überraschend, den er für sein neustes Werk wählt: Der 48-jährige Engländer lässt die Jahrhunderte miteinander in einen Wettbewerb treten. Es geht darum – das englische Original macht das im Gegensatz zur deutschen Ausgabe bereits im Titel deutlich –, welcher Abschnitt des vergangenen Jahrtausends am meisten Veränderung für die westliche Welt gebracht hat.

Das birgt einige Gefahren. Erstens muss ein schlüssiges Koordinatensystem gefunden werden, um den Buchdruck mit synthetischem Dünger oder Handfeuerwaffen mit der Dampfmaschine konkurrieren lassen zu können. Zweitens gilt es, ein überholtes teleologisches Geschichtsbild zu vermeiden, das die Geschichte der Menschheit als quasi zwangsläufigen und womöglich linearen Weg hin zu immer mehr Fortschritt zeichnet. Drittens ist bei einem solch quantitativen Ansatz ein vorsichtiger Umgang mit der oft schwierigen Quellenlage zu zentralen Kenngrößen wie Bevölkerungszahl oder Einkommen essenziell. Viertens muss die Herangehensweise sowohl dem widerstehen, was Mortimer selbst die „Illusion der Modernität“ nennt, also dem Glauben, unser Zeitalter sei dynamischer und bedeutender als frühere, als auch einer heimlichen Vorliebe des Mediävisten für die Epoche, die sein Leib- und Magenthema ist.

All das gelingt in Zeiten der Erkenntnis vortrefflich. Mortimer zeigt Kolumbus-Momente auf, die einen Durchbruch darstellen, dessen Bedeutung schon den Zeitgenossen klar ist, und zeichnet langsame Prozesse nach, die oft noch größere Veränderungen umfassen. Immer wieder springt er in seiner chronologischen Betrachtung der Jahre 1000-1999 aus der Zeit heraus, mit expliziten Appellen an den Leser: Machen Sie sich klar, wie das 200 Jahre vorher noch war! Vergleichen Sie das mit heute! Stellen Sie sich vor, so etwas wäre im 13. Jahrhundert geschehen! Er setzt genau das Ziel in den Mittelpunkt seines Buchs, das man sich im besten Fall immer von Geschichtswissenschaft erwarten sollte: Er weitet den Horizont und rückt die Perspektive zurecht.

„Man darf nicht nur auf die reine Neuheit einer Sache schauen, um die größeren Veränderungen zu bewerten, die in der Gesellschaft stattfanden, und um jene Erfindungen, die das Leben im Westen grundlegend veränderten, von jenen zu unterscheiden, die uns einfach erlaubten, etwas leichter zu tun als bisher“, lautet eine seiner zentralen Maximen. Immer wieder findet er bei seiner Reise durch die Jahrhunderte interessante Blickwinkel und faszinierende Messgrößen wie im Tortendiagramm, das zeigt, wie viele Menschen in welchem Jahrhundert wie viele Tage lang gelebt haben. Es wird deutlich: Weil in früheren Jahrhunderten viel weniger Menschen gelebt haben als heute und sie zudem eine viel geringere Lebenserwartung hatten, entfallen mehr als 50 Prozent der gesamten menschlichen Lebenszeit im vergangenen Jahrtausend (und damit Erlebnisse, und damit Material für Geschichte) in die Zeit nach 1800.

Der Ausgangspunkt von Zeiten der Erkenntnis war überaus alltäglich: Eine Nachrichtensprecherin ließ sich an Silvester 1999 über die bahnbrechenden Veränderungen des 20. Jahrhunderts aus und brachte den Autor damit auf die Idee zu diesem Buch, wie er erklärt. Die Erkenntnisse sind allerdings tiefgreifend: Mortimer geht es um nichts weniger als Einblicke in das Wesen der Menschheit. Passend dazu leitet er in seinem Buch einige allgemeine Gesetze her wie „Beständigkeit an sich ist ein destabilisierender Faktor“ oder findet etliche Argumente für die Gültigkeit bereits etablierter Modelle zu diesem Thema wie der Bedürfnishierarchie, die der US-Psychologe Abraham Maslow 1943 formuliert hatte, oder den ökonomischen Theorien von Thomas Robert Malthus.

Makellos ist Zeiten der Erkenntnis freilich nicht. Einen Fokus auf England zu legen, dessen Geschichte Mortimer nun einmal am besten kennt, ist plausibel, aber auch ein wenig bequem. Als deutscher Leser muss man trotzdem nicht befürchten, der eigene Nationalstolz könne zu kurz kommen: Am Ende jedes Kapitels benennt Mortimer die Person, die das jeweilige Jahrhundert in seinen Augen am stärksten geprägt hat, und darunter sind immerhin drei Deutsche (und nur zwei Engländer).

Wenn der Autor in seiner Bilanz am Ende dann tatsächlich eine Punkteskala und eine Auswertung in Tabellenform liefert, werden seine Zahlenspiele allerdings doch fragwürdig: Da wird Gesundheit mit Ideologie verrechnet und Zugehörigkeit mit Krieg, ohne die methodische Reflexion, die es zuvor an vielen Stellen des Buches gegeben hatte.

Nicht zuletzt kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, Zeiten der Erkenntnis wäre ein besseres Buch geworden, hätte Ian Mortimer der Versuchung eines Ausblicks widerstanden. Er liefert auf den letzten Seiten sehr düstere Prognosen („Das politische Lächeln der Demokratie, das das Wirtschaftswachstum selbstsicher als das ‚Normale’ präsentiert, verwandelt sich immer deutlicher in die gepeinigte Fratze der Desillusionierten und Enttäuschten.“), die teilweise so konkret sind und so weit in die Zukunft reichen, dass man sie von einem Mann, der um die Unwägbarkeit der Zeiten wissen sollte, in dieser Form kaum erwartet hätte.

Vielleicht ist das mit Mortimers Motivation zu erklären: Er will das Stabile innerhalb der Veränderung finden, das Wesenhafte als Extrakt der Fakten. Sehr oft gelingt das in Zeiten der Erkenntnis, selbst die etwas gewagteren Zahlenspiele und Rankings fallen dabei nicht so sehr ins Gewicht bei all den Erkenntnisse, die er in den Kapiteln zuvor geliefert hat. Der große Pluspunkt bei Ian Mortimer ist auch diesmal: Er berichtet – unterhaltsam, anschaulich und reflektiert – nicht nur von Zeiten der Erkenntnis. Sondern auch von den Erkenntnissen der Zeiten.

Bestes Zitat: „Geschichte hilft uns, die ganze Palette unserer Fähigkeiten und Defizite als Menschen zu sehen; sie ist nicht einfach ein nostalgischer Blick zurück. Man kann die Gegenwart nicht in Perspektive setzen, ohne auf die Vergangenheit zu schauen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.