John Irving – „Das Hotel New Hampshire“


Autor John Irving

Die Geschichte einer Familie von Träumern erzählt John Irving in "Das Hotel New Hampshire".

Die Geschichte einer Familie von Träumern erzählt John Irving in „Das Hotel New Hampshire“.

Titel Das Hotel New Hampshire
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1981
Bewertung

Charles Dickens und Günter Grass hat John Irving als Einflüsse benannt, als er 1981 zum Erscheinen von Das Hotel New Hampshire einen wahren Interviewmarathon absolvierte. Auch Gaetano Donizetti (einen italienischen Komponisten), Iwan Sergejewitsch Turgenew (einen russischen Schriftsteller) und Carl Emil Schorske (einen amerikanischen Kulturhistoriker) zählte der damals 39-Jährige als Inspirationsquellen für seinen fünften Roman auf. Und, nicht zu vergessen: Sigmund Freud.

Er ist zweifelsohne der wichtigste Einfluss. Es gibt gleich zweieinhalb Freuds in Das Hotel New Hampshire. Der halbe Freud ist ein Hund, der ganz am Ende des Romans beinahe den Namen „Freud“ verpasst bekommt. Der komplette Freud ist ein jüdischer Mechaniker, dessen Vorname wir nie erfahren. Und der allgegenwärtige Freud ist Sigmund, dessen Theorien der Äther sind, innerhalb dessen sich die gesamte Handlung entfaltet. Homosexualität, Traumdeutung, Sodomie, Körperkult, Inzest, Verdrängung, Wahrnehmung und Erinnerung – all diese Themen packt John Irving in Das Hotel New Hampshire.

Erzählt wird die Geschichte der Familie Berry. Der Vater lernt bei einem Ferienjob einen alten Juden namens Freud kennen, der sich sein Geld als Wanderkünstler verdient, indem er Hotelgästen an der US-Ostküste eine seltsame Nummer mit einem Bären und einem Motorrad vorführt. Win Berry kauft ihm den Bären ab, bringt ihm ein paar weitere Zirkusnummern bei und eröffnet schließlich in New Hampshire ein eigenes Hotel. Als das auf die Pleite zusteuert, geht die gesamte Familie auf Einladung Freuds (der mit dem Bären) nach Wien, um dort ein weiteres Hotel zu betreiben. Und als auch das kein gutes Ende nimmt, kehren die Berrys zurück in die USA, wo sie schließlich das Hotel in Maine kaufen, in dem der Vater einst Freud (den mit dem Bären) kennen gelernt hatte, und das ihm nun zum Alterssitz wird.

Das mag ein bisschen konstruiert klingen, und in der Tat leidet Das Hotel New Hampshire manchmal ein wenig an seiner eigenen Ausgetüfteltheit und Selbstverliebtheit. Es gibt den Leitsatz „Bleib bloß weg von den offenen Fenstern“, der geradezu penetrant gebraucht wird, und dazu das Leitmotiv mit Kummer, dem Hund der Familie, das ebenfalls überstrapaziert wird.

Auch die Idee, die drei Hotels als Metaphern für die Lebensabschnitte zu nehmen (Kindheit, Jugend, Erwachsensein) ist nicht gerade ultra-originell und ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr sich die Handlung hier den Referenzen, die Irving integrieren will, unterwerfen muss. Trotzdem ist Das Hotel New Hampshire weit davon entfernt, verkopft zu sein. Der Roman ist hoch intelligent, aber er ist dabei auch rührend, spannend und witzig.

Als Erzähler tritt John auf, das mittlere der fünf Kinder der Familie Berry. Seine älteren Geschwister sind Frank, ein Sonderling mit Vorliebe für Uniformen, der später seine Homosexualität entdeckt, und die wunderschöne und raubeinige Frannie, zu der John eine erst innige, dann inzestuöse Zuneigung empfindet. Die jüngeren Geschwister sind die kleinwüchsige Lily, die schließlich versucht, das Schreiben als Wachstumswundermittel zu probieren, und der schwerhörige Egg, der ein Faible für wilde Verkleidungen hat.

Es ist die Verbundenheit dieser so gegensätzlichen Figuren, die dem Roman seine Größe verleiht. Sein kunterbuntes Ensemble lässt Irving durch allerlei Katastrophen schlittern. Die alles durchdringende, fast unschuldige Sexualität der Pubertät mündet für Franny in einer Vergewaltigung. Die spontane, emotionale Begeisterung für einen Zirkusbären führt für Win Berry zu Jahren der Entbehrung fernab von seiner Familie. Und die Reise in eine Stadt, die für Kultur und Manieren zu stehen scheint, muss erst mit dem Tod der Mutter und einem der Kinder bezahlt werden, und dann endet sie um ein Haar im blutigen Terror. Trotzdem bleibt das Geschehen immer irgendwie durchströmt von Harmonie und Glück, getragen vom Wissen, dass nichts und niemand diese Familie auseinanderbringen kann.

Die Berrys treffen dabei mit Footballprofis, Prostituierten und Terroristen zusammen, sie fühlen sich Literaturgrößen wie Donald Justice ebenso verbunden wie den schillernden Herrschern des Hauses Habsburg. Seine Spannung bekommt das Buch aber nicht durch diese Handlungsfülle, sondern in erster Linie durch seine Perspektive: Das Hotel New Hampshire ist als Rückblick geschrieben. John, der als Erzähler auftritt, baut immer wieder kleine Ausblicke und Vorgriffe ein. Aber der Zeitpunkt des Erzählens bleibt offen. Der Leser weiß deshalb nie: Bis zu welchem Zeitpunkt wird diese Familiengeschichte erzählt? Und wie weit liegt das Erzählte zurück?

Auch sonst spielt John Irving virtuos mit der Zeit. Ganze Jahre werden übersprungen oder stark zusammengefasst, ohne dass man das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben. Andere Szenen werden ganz minutiös geschildert wie das grandiose Mini-Drama, in dem Chipper Dove, der Vergewaltiger von Franny, in eine Falle gelockt wird, um ihm Jahre nach der Tat eine Lektion zu erteilen. „Doch in uns allen war jenes ernste Gefühl einer Ernüchterung, das in jeder ehrlichen Untersuchung über Rache festgehalten werden sollte. Was immer wir getan haben mochten, es würde nie so schrecklich sein wie das, was er Franny angetan hatte – und wenn es so schrecklich gewesen wäre, dann wäre es zuviel gewesen“, heißt danach die Erkenntnis.

John äußert immer wieder solche weisen Gedanken, aber mit seiner Reflexion steht er allein. Er ist nach seiner zutreffenden Selbstbeschreibung der „Realist in einer Familie aus lauter Träumern, großen und kleinen“. Fast vier Jahrzehnte werden hier erzählt, aber so etwas wie ein historisches Bewusstsein entsteht in der Familie Berry nie. Frank ist zwar fasziniert von Wien und seiner reichen Geschichte, aber nur, weil er sich in vielen der zerrissenen Persönlichkeiten wiedererkennt, und nicht, weil er aus ihrem Schicksal irgendetwas lernen würde. Win nimmt niemals eine klassische Vaterrolle ein, sondern hängt ständig seinen Hirngespinsten und dem Traum vom perfekten Hotel nach. Er lebt, ganz ähnlich wie Der große Gatsby, der in Das Hotel New Hampshire ebenfalls zitiert wird, in seinem eigenen Ideal. Die Zukunft ist für ihn per se eine Verheißung, unabhängig davon, ob die Empirie womöglich eher schlechte Perspektiven andeutet, und auch die Realität ist im Zweifel bloß  lästig. Damit schafft Irving nicht zuletzt auch eine ebenso kritische wie romantische Metapher für Amerika.

Bestes Zitat: „Wenn die Welt aufhören würde, sich Kriege und Hungersnöte und andere Gefahren zu leisten, so wären die Menschen immer noch in der Lage, einander in tödliche Verlegenheit zu stürzen. Unsere Selbstvernichtung würde auf diese Weise vielleicht etwas länger dauern, aber ich bin überzeugt, sie wäre nicht weniger vollkommen.“

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