Durchgelesen: Jonny Glynn – „Sieben Tage“


"Sieben Tage" ist ein Schocker, ein Psychogramm und die Diagnose einer kranken Welt.

"Sieben Tage" ist ein Schocker, ein Psychogramm und die Diagnose einer kranken Welt.

Autor Jonny Glynn
Titel Sieben Tage
Originaltitel Seven Days Of Peter Crumb
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2007
Bewertung ****

Man muss Sieben Tage gar nicht lesen, um zu wissen, dass das hier nichts für zarte Gemüter ist. Die FAZ warnt, der Debütroman von Jonny Glynn sei „sehr brutal“. Spiegel Online will die Lektüre allenfalls „Gewaltjunkies“ zumuten. Und auch der Klappentext lässt keinen Zweifel: „Eine grausame und rücksichtslosere Version von Raskolnikoff. Für alle, die es verkraften können: Der Teufel fleht euch an, dieses Buch zu lesen“, wird da Dazed And Confused zitiert.

In der Tat kann einen beim Lesen von Sieben Tage das kalte Grauen überkommen. Die Hauptfigur namens Peter Crumb ist ein Serienkiller, schizophren und entschlossen, sich am Ende der Woche das Leben zu nehmen. „Ich bin kein guter Mensch. Ich bin kein schlechter Mensch. In sieben Tagen bin ich tot“ – das ist sein Credo.

Erschreckend ist dabei nicht nur die blindwütige Gewalt, mit der Jonny Glynn seinen Protagonisten über seine Opfer herfallen lässt. Viele Passagen lassen an American Psycho denken oder erinnern an die Filme von Quentin Tarantino, wie dieses Beispiel: „Adrian starb ziemlich schnell, übertrieb die Sache allerdings maßlos. Ich hatte seine Drosselvene durchtrennt, und er verlor Unmengen von Blut. Es dauerte nur Minuten, aber er machte aus jeder Sekunde ein Drama – hustete und spuckte und … ganz ehrlich, ich hatte den Eindruck, als wollte er einen scheiß Oscar bekommen!“

Sogar noch in viel stärkerem Maße schockierend ist der fundamentale Zynismus dieser Figur, die keine Hoffnung mehr kennt und keine Reue, die sich auch nicht darum schert, bei ihrem mörderischen Treiben vielleicht von der Polizei erwischt zu werden. Wenn Jonny Glynn kurz das große Ganze betrachtet, dann kann man seinen Roman, erst recht angesichts der jüngsten Ausschreitungen in Großbritannien, als Diagnose einer kranken Welt lesen. „Seht euch doch um, Leute – das Blut fließt so munter wie Bier aus dem Zapfhahn – das ist das einundzwanzigste Jahrhundert. Großbritannien ist eine von Verbrechen verseuchte, in Auflösung begriffene und bis auf die Knochen verrottete Gesellschaft, übersät von Schorf und schwärenden Wunden (…). Ziemlich abgefuckt, würde ich meinen.“

Die Stärke von Sieben Tage ist es dabei, aus dieser Eiseskälte nicht nur einen blutigen Schocker zu machen, sondern ein faszinierendes Psychogramm von Peter Crumb zu liefern. Früh ahnt man, dass ein riesiger Schmerz die Quelle für seine Aggression sein muss, doch bis auf ein paar vage Andeutungen liefert Jonny Glynn lange Zeit nichts, was es irgendwie ermöglichen würde, seine Figur zu verstehen. Erst nach zwei Dritteln von Sieben Tage lüftet er diesen Schleier ein wenig, in einer rührenden Szene, als Peter Crumb seine Ex-Frau Valerie wieder trifft. Da wird deutlich: Dieser Killer ist kein herzloses Monster. Er kennt die Menschlichkeit durchaus – aber er hat sie in sich ebenso getötet wie die unzähligen anderen Opfer in seinem Blutrausch.

Dazu kommt der Kniff mit der gespaltenen Persönlichkeit. Crumb ist mal Peter Crumb, und mal „er“, ein zweites Ich, das ihm immer wieder den Spiegel vorhält, ihn zur Rechenschaft zwingt und ihm doch die finstersten seiner Pläne erst einzuflüstern scheint. „Zwecklos, ich kann nicht einschlafen … er lässt mich nicht. Seine Gedanken rasen wie wild, kochen über vor teuflischen Plänen, brodeln von bösen Absichten“, heißt es etwa an einer Stelle. Aus diesem Doppel-Ich erwächst in Peter Crumb die totale Reflexion, was einen erstaunlichen Effekt hat: Man weiß nicht, ob sein Hass auf die Welt größer ist oder der Hass auf sich selbst.

Zudem steigern diese von Glynn sehr geschickt komponierten Perspektivwechsel die Spannung von Sieben Tage beträchtlich: Nachdem man Peter Crumb ein paar Tage begleitet hat, sind nicht mehr seine Bluttaten das eigentliche Grauen, sondern deren Andeutung und Ankündigung – und die Ausweglosigkeit für die nichtsahnenden Opfer, deren Unschuld für den Täter völlig bedeutungslos ist. Entsprechend gespenstisch klingt es, wenn Peter Crumb räsoniert: „Ich verstehe mich selbst nicht und muss wohl begreifen, dass Kenntnis über den eigenen Zustand noch keine Gewähr dafür ist, dass man diesen kontrollieren kann.“

Peter Crumb erkennt, wenn er gedemütigt wird, er benennt jede Erniedrigung und er weiß um seine abgrundtiefe Einsamkeit, selbst dann noch, als ihm eine gekonnte Pointe kurz vor Ende des Romans einen Ausweg aufzuzeigen scheint. Er verachtet die Menschen, aber nicht aus einer Position der Hybris, sondern weil er sie kennt und Teil von ihnen ist. Passenderweise sind alle Opfer, die Crumb in seinen beinahe absurd grausamen Taten dahinmetzelt, ganz normale Leute, die ein bürgerliches Leben zumindest anstreben. Die einzige, die er verschont, nachdem er sie brutal misshandelt hat, ist eine cracksüchtige Prostituierte. Das ist der wirkliche Horror an Sieben Tage: Peter Crumb ahnt, dass alle Menschen so bestialisch sein könnten wie er – und dass er so normal sein könnte wie alle.

An der besten Stelle trifft Peter Crumb in einer Kneipe ehemalige Arbeitskollegen wieder, die sich über ihn lustig machen: „Ihre Gesichter bebten, warfen Falten, ließen mir ein Hohnlachen entgegenschlagen. Ich blieb ganz ruhig, lächelte sie an. Ihr könnt mir nicht wehtun, sagte ich mir immer wieder – ihr könnt mir nicht mehr wehtun, inzwischen kenne ich die Welt, habe einiges erlebt. Was zum Teufel wisst ihr schon? Auf dem Tisch lag eine Gabel und ich überlegte kurz, sie Paul in die Hand zu stoßen, beherrschte mich aber. Ziemlich würdevoll für jemanden in meiner Verfassung, wie ich dachte.“

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