Durchgelesen: Joseph O’Connor – „Die wilde Ballade vom lauten Leben“


Autor Joseph O’Connor

Cover des Romans "Die wilde Ballade vom lauten Leben" von Joseph O'Connor

Im Popgeschäft der Achtziger spielt „Die wilde Ballade vom lauten Leben“.

Titel Die wilde Ballade vom lauten Leben
Otiginaltitel The Thrill Of It All
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Robbie Goulding, Jahrgang 1963, war Gitarrist bei The Ships. Die wilde Ballade vom lauten Leben hat er seine Autobiographie genannt. Der in den Achtzigern gefeierte Rockstar beginnt seine Memoiren mit einer Danksagung an die Leute, aus deren Interviews er zitieren darf, um seine eigenen Gedächtnislücken aufzufrischen. Und er beteuert am Ende des Vorworts: „Nichts in diesem Buch ist erfunden.“

Natürlich stimmt das nicht. Die wilde Ballade vom lauten Leben ist der achte Roman von Joseph O’Connor, die Memoiren sind ebenso fiktiv wie die Leute, denen die Danksagung gilt, die Interviews, aus denen zitiert wird, die „Discographien, Konzertlisten, Biographien der vier Bandmitglieder“, die der Erzähler später heranzieht, und nicht zuletzt Robbie Goulding und The Ships selbst. Aber daran muss man sich während der Lektüre dieser 480 Seiten immer wieder erinnern, so witzig, einfühlsam und poetisch ist dieser Roman geschrieben. „The Ships ist die beste Band, die es nie gab. Und dieses Buch der bestmögliche Ersatz“, hat Ocke Bandixen das bei NDR Kultur in Worte gefasst.

Ein paar Funken Wahrheit (oder biografische Parallelen) stecken natürlich auch in einer fingierten Lebensbeichte. Wie sein Ich-Erzähler wurde auch Joseph O’Connor 1963 geboren, ist in Dublin aufgewachsen und hat mittlerweile sogar ein paar Songs geschrieben (für das 2013er Tanztheater Heartbeat Of Home). Anders als sein Romanheld (und anders als seine jüngere Schwester Sinead) hat er es zwar nie zum Rockstar gebracht. Aber wie gerne er einer gewesen wäre, daran lässt Die wilde Ballade vom lauten Leben keinen Zweifel.

„Mit so viel Leidenschaft, Witz und Präzision kann nur ein wahrer Rock’N’Roll-Besessener schreiben“, hat Bob Geldof über das Buch angemerkt. Ulrich Deuter hat dem Autor im Kulturmagazin K.West „die nötige Großmäuligkeit, Lakonie, Ironie, Melancholie, die sich für (Ex-)Rock-Stars gehört“ attestiert. Man kann sich nur anschließen: Der Roman ist eine Hymne auf die Jugend, die sich in der mitreißenden Kraft des Pop manifestiert. Jeder, der Musik liebt, sollte dieses Buch lesen. Und wer einfach gute Literatur liebt, liegt damit selbstverständlich auch nicht falsch.

Denn neben einer Geschichte über den Rock’N’Roll ist dies vor allem die Geschichte einer Freundschaft. Robbie, der Gitarrist, und Fran, der Sänger, sind zuerst beste Freunde, dann Bandkollegen, dann Konkurrenten im Werben um Trez, die Bassistin/Cellistin der Ships, und schließlich derart verkracht, dass sie nur noch über ihre Anwälte miteinander kommunizieren. Es ist ein Topos von Aufstieg und Fall, von Gemeinschaft und Zwist, den man als Musikfan bestens kennt, von den Everly Brothers über die Dire Straits bis zu Oasis, und er funktioniert nicht nur in der Musikpresse und Boulevardmagazinen bestens, sondern auch in Romanform.

Es gibt viele solcher fast prototypischen Elemente in Die wilde Ballade vom lauten Leben: die an Blutsbruderschaft erinnernde Intensität der Freundschaft aus gemeinsamen Jugendtagen, die Zeit als Straßenmusiker, die Ochsentour durch die amerikanische Provinz, die turbulenten  Plattenaufnahmen mit exzentrischen Produzenten, der Heureka-Moment eines Anrufs von John Peel, die Aufregung vor dem ersten (Beinahe-)Auftritt bei Top Of The Pops. Dass all dies nicht wie ein Klischee wirkt, liegt an der Sensibilität, mit der Joseph O’Connor seine Figuren behandelt, und am schelmischen Sound des Buchs, der auch in der sehr originellen Übersetzung von Malte Krutzsch erhalten bleibt (leider wurden dabei auch die Songtexte der Ships, die gelegentlich zitiert werden, ins Deutsche übertragen).

Es gibt reichlich Sätze in diesem Buch, die man sich einrahmen möchte (bei einem Popsong nennt man so etwas wohl: einen Hook). Und es gibt viele wunderbarer Szenen wie die Passage, in der Robbies rechtschaffener irischer Vater ihn zur Minna macht, als der Sohn betrunken, 18-jährig und sein Studium vernachlässigend nach Hause kommt. Die Schimpftirade, die sich über zwölf Seiten zieht, ist (zumindest für all jene, deren eigene Erinnerung an derlei Szenen noch nicht ganz verblasst ist) vielleicht das Lustigste, was man in diesem Sommer lesen kann.

All das sorgt für eine herrlich unterhaltsame, oft anrührende Lektüre und zeigt: Joseph O’Connor ist jemand, der die Musik nicht nur liebt, sondern ohne sie nicht leben kann (The Thrill Of It All lautet bezeichnenderweise der Originaltitel des Romans). Er ist jemand, der weiß, dass er ohne sie niemals der Mensch geworden wäre, der er ist. Auch das hat er wohl mit seinem Helden gemeinsam.

Bestes Zitat: „Hoffnung ist wie Abba. Sie vergeht nicht. In den Tagen und Wochen danach hakte sie sich manchmal bei mir ein, wenn wir an der Bushaltestelle warteten oder am See spazieren gingen. Wir unterhielten uns über Musik, über unsere Kindheit, über Fran, über uns selbst mit einer Offenheit, die ich so noch nie erlebt hatte und nur aus großen Songs kannte. (…) Jeder Song, den ich im Radio hörte, handelte von Sarah Sherlock. Wie das so ist mit neunzehn.“

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