Durchgelesen: Klaus Zeyringer – „Fußball. Eine Kulturgeschichte“


Vor allem die globale Perspektive macht das Buch von Klaus Zeyringer so lohnend.

Vor allem die globale Perspektive macht das Buch von Klaus Zeyringer so lohnend.

Autor Klaus Zeyringer
Titel Fußball. Eine Kulturgeschichte
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Der kostenlose WM-Planer, der jedem Kasten Bier aus der Brauerei Ihrer Wahl beiliegt, das Deutschlandfähnchen, das vor dem Elektronikmarkt verschenkt wird, und das Playboy-Dreamteam mit barbusigen Repräsentantinnen verschiedener WM-Teilnehmer: Die Kombination aus Fußball und bedrucktem Papier nimmt in diesen Tagen, kurz vor Beginn des Turniers in Brasilien, durchaus erstaunliche Dimensionen an. Ein ganz besonders exquisites Exemplar dieser Gattung legt nun Klaus Zeyringer vor. Der Germanistik-Professor aus Österreich hat eine Kulturgeschichte des Fußballs geschrieben.

Für alle, die eine Fußball-WM in erster Linie als Event erleben, ist sein Buch wenig geeignet. Für alle, die sich intensiv mit den historischen, gesellschaftlichen und politischen Komponenten des Fußballs auseinandersetzen wollen, wie es beispielsweise Nils Havemann in Samstags um halb 4 getan hat, ist es hingegen eine sehr lohnende Lektüre. Zeyringer zeichnet die Entwicklung des Sports nach, von den elitären Anfängen im England des 19. Jahrhundert bis zur bevorstehenden Weltmeisterschaft, die Fußball wieder einmal als beliebteste Sportart der Welt feiern wird.

Wie früh die mediale Inszenierung des Sports einsetzte und wie wichtig die Rolle von Zeitungen, später von Radio und Fernsehen als treibende Kräfte und Promotoren des Siegeszugs von Fußball waren, gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen in diesem Buch. Noch wertvoller ist Zeyringers Anspruch, den Fußball wirklich als weltweites Spiel zu begreifen: Afrika, Südamerika oder Japan werden in Fußball. Eine Kulturgeschichte nicht nur gestreift, sondern kommen mit ihren jeweils eigenen Charakteristika zur Geltung. Mit der Milieuoffenheit des Fußballs (das gilt für die Spieler und die Zuschauer) und den überraschenden Spielverläufen auf dem Platz gelingt es Zeyringer sogar, die beiden wahrscheinlich wichtigsten Faktoren für den Erfolg dieses Spiels herauszuarbeiten.

Sehr überzeugend zeichnet der Autor nach, dass Fußball der richtige Sport zur richtigen Zeit war, als vor allem Industrialisierung und Urbanisierung die Gesellschaft veränderten. „Das ‚stahlharte Gehäuse’ der Moderne habe sich, wie Max Weber erklärt, mit ihrem Prinzip der Rationalität als strikte Regelgebundenheit und Disziplinierung zu schließen begonnen. Dem kamen die Regeln der Football Association sowie die Organisation der Ligen entgegen und ließen zugleich Platz für die Lust am Spiel. Dadurch vermochten sich schließlich alle Schichten auf diesem Feld zu bewegen, ohne sich in einem Korsett merklich beengt fühlen zu müssen“, schreibt er.

Seine Analyse der Anfangsjahre zeigt auch, dass Fußball damals schlicht und ergreifend cool war, mit heutigen Begriffen beinahe als „Trendsport“ bezeichnet werden könnte: „Seine Verbreitung zwischen 1880 und 1930 fand sich dadurch begünstigt, dass er den English Way Of Life repräsentierte, der weltweit für viele Männer der Ober- und Mittelschicht ein Inbegriff der Modernität war. Die Kolonial- und Industriemacht Großbritannien stand für Marktwirtschaft und Parlamentarismus, für den erfolg von Gentlemen, die als liberal, unternehmensdurstig und interessant exzentrisch galten. Wenn es solches Leben ein kämpferisches Spiel und ein spielerischer Kampf war, und sei es, indem man einem Lederball nachlief, dann laufe man eben auch einem Lederball nach.“

Manchmal wird hier, das ist dem Genre der wissenschaftlichen Monographie geschuldet, zwar reichlich kompliziert ausgedrückt, was jeder unmittelbar selbst erfahren hat, der einmal Fußball gespielt hat. So heißt es etwa: „Die Moderne verhandelte die Vorstellungen von Subjekt und Identität, von Raum und Zeit neu. Der Mannschaftssport zwingt nicht einfach das Subjekt in eine Formation wie die Armee, sondern gibt im Team durchaus einen individuellen Freiraum und stützt zugleich eine kollektive Identität.“ Mit Blick auf das Spiel auf dem Rasen bietet Zeyringer auch weniger Tiefgang und intellektuelle Überhöhung als beispielsweise Klaus Theweleit in Tor zur Welt. Oft ist Fußball. Eine Kulturgeschichte bloß ein chronologischer Abriss der Entwicklung des Fußballs in einzelnen Ländern, aber gerade durch die globale Perspektive entstehen in der Synthese trotzdem Leitlinien, Parallelen und Grundprinzipien.

Zudem glänzt der Germanistik-Professor mit vielen szenischen Elementen, mit denen er bevorzugt den Beginn seiner Kapitel gestaltet, und mit einem riesigen Fundus an Quellen. Er zitiert reichlich namhafte Dichter und Denker: Albert Camus, Theodor Adorno, Jürgen Habermas oder Franz Kafka gehören dazu. »Etwas Interessanteres zum Thema kann ich mir nicht vorstellen. Lesen Sie das. Im Ernst: Lesen Sie das!«, hat, vielleicht auch wegen solcher Referenzen, der bekennende Nicht-Fußballer Daniel Kehlmann über dieses Buch gesagt.

Doch auch für Insider bietet das Werk immer wieder Überraschendes: Zeyringer geht auf die Wurzeln des FC Barcelona in der Schweiz ein. Er weist nach, dass die berühmte Leichtigkeit des brasilianischen Jogo Bonito zu Beginn quasi staatlich angeordnet war, um die brasilianische Identität zum Ausdruck bringen. Er legt dar, dass die legendäre Dribbelkunst der Südamerikaner wohl auch daher rührt, dass sie in den Anfangsjahren, als erstmals farbige Spieler eingesetzt wurden, besonders geschickt den Beinen der Gegenspieler ausweichen mussten, weil Fouls an Farbigen oft nicht gepfiffen wurden. Er zeichnet nach, warum es wohl die speziellen Vorlieben der Universität von Harvard waren, die dafür sorgten, dass Fußball in den USA nicht besser und viel eher Fuß fassen konnte. Und er berichtet immer wieder von ebenso skurrilen wie exemplarischen Szenen wie der im Mai 1980, als einige Spieler von Hajduk Split und Roter Stern Belgrad weinten, als kurz vor der Halbzeitpause ihres Aufeinandertreffens die Durchsage im Stadion ertönte, Tito sei gestorben.

Womit wir beim wichtigsten Thema des Buches wären: der Verquickung von Fußball und Politik. Sie zieht sich – längst nicht nur unter der Herrschaft von Hitler, Stalin oder Videla – wie ein roter Faden durch die Geschichte des Spiels, meist in Form einer politischen Vereinnahmung des Fußballs, oft unterstützt durch naive oder ignorante Funktionäre. Wenn Zeyringer beispielsweise ausführt, wie oft Stadien als Gefängnis, Internierungslager oder Hinrichtungsstätte genutzt wurden, dann ist das nichts weniger als schockierend. Und wenn er gegen Ende seines Buches klare Worte gegen das Gebaren der Fifa als Staat im Staate findet, dann ist das einer der stärksten Momente dieses Werks. Nicht nur wegen der aktuellen Proteste in Brasilien und der Korruptionsvorwürfe rund um die WM in Katar ist es mehr als lohnend, tiefer in die in diesem Bereich wenig ruhmreiche Geschichte der Sportart einzutauchen.

Bestes Zitat: „Alle Sportverbände tragen das Credo vor sich her, Sport habe mit Politik nichts zu tun. Dabei hat Sport andauernd mit Politik zu tun. Er ist ein praktisches Mittel des Populismus, der die Volksbelustigung als zweckfrei hinstellen will. Im Laufe der Geschichte wurde Fußball immer wieder, auf verschiedene Arten, als Machtinstrument eingesetzt. Diese Phrase von der sportlichen Unabhängigkeit ist Strategie sowie Ideologie vorgeblicher Ideologielosigkeit.“

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