Durchgelesen: Lesley-Ann Jones – „Freddie Mercury“


Autor Lesley-Ann Jones

Freddie Mercury Lesley Ann Jones Rezension Kritik

25 Jahre nach dem Tod von Freddie Mercury widmet ihm Lesley-Ann Jones ihre Biografie.

Titel Freddie Mercury. Die Biografie
Originaltitel Freddie Mercury: The definitive biography
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung

Mit einer persönlichen Begegnung zwischen Autorin und ihrem Sujet beginnt dieses Buch. Lesley-Ann Jones, damals als Musikjournalistin in Diensten der Daily Mail, wurde in einer Bar in Montreux von Freddie Mercury angesprochen und feierte gemeinsam mit ihm und einem Journalistenkollegen durch die Nacht. Geschrieben hat sie dann, trotz allerlei pikanter Geständnisse, nichts darüber.

Diese Szene ist ein seltsamer Einstieg für Freddie Mercury. Die Biografie. Denn zum einen wirkt sie etwas eitel, wie der Versuch der eigenen Nobilitierung. Die Botschaft dahinter lautet nicht nur: „Ich habe Freddie Mercury getroffen!“, sondern sogar: „Ich habe Freddie Mercury getroffen und mich so ehrenhaft verhalten, dass er mir jetzt eigentlich einen Gefallen schuldet!“ Zum anderen ist die Nähe aus dieser Nacht in Montreux sonst fast gar nicht mehr in diesem Buch zu finden, das schon 2011 in der Originalausgabe erschien und jetzt in deutscher Übersetzung herauskommt. Lesley-Ann Jones ist über weite Strecken so distanziert, dass man sich fragt, was (neben der Position als privilegierte Beobachterin der Musikszene in den 1970er und 1980er Jahren) überhaupt ihre Motivation war, ein Buch über den Sänger von Queen zu schreiben. Warum ausgerechnet dieser Frontmann und diese Band in ihrem Leben eine so prägende Rolle gespielt haben, dass sie nur in Buchform aufbereitet werden kann, ist auch nach mehr als 400 Seiten nicht klar.

Unzweifelhaft steckt sehr viel Recherche in Freddie Mercury. Die Biografie. Die Autorin hat mit der ersten Freundin und dem letzten Liebhaber des 1991 gestorbenen Sängers gesprochen, mit Eltern, Familie und sehr vielen Musikerkollegen. Am Ende des Buches braucht sie fast zwei Seiten, um sich bei all ihren Gesprächspartnern zu bedanken.

Jones korrigiert dank dieser Materialfülle einige Angaben aus anderen Biographien und unterstreicht wichtige Aspekte der Karriere von Freddie Mercury, die heute etwas in Vergessenheit geraten sind, etwa seine Begeisterung für Jimi Hendrix („Jimi Hendrix war einfach ein schöner Mensch und ein begnadeter Showmann und leidenschaftlicher Musiker noch dazu. Ich reiste ihm kreuz und quer durchs Land hinterher, weil er alles hatte, was man als Rock’N’Roll-Star braucht: Stil und Bühnenpräsenz. Er musste nichts erzwingen. Er kam einfach nur auf die Bühne, und schon brannte der Laden lichterloh. Er lebte das alles aus – er war, wie ich auch sein wollte.“) oder die Verleugnung seiner Jugend in Sansibar und Indien.

Auch erstaunliche Details gehören dazu, beispielsweise die Tatsache, dass Freddie Mercury als studierter Grafikdesigner das berühmte Queen-Logo selbst entworfen hat. Oder die nette Anekdote, dass Queen und die Sex Pistols – also die beiden denkbar größten musikalischen Antipoden der späten 1970er Jahre – im Studio Tür an Tür arbeiteten, als sie ihre Alben News Of The World respektive Never Mind The Bollocks aufnahmen.

Wirklich neue Fakten bringt dieses Buch zwar nicht zutage. Die definitive Biographie, so der Originaltitel, ist dieses Buch eher für Queen-Einsteiger denn für Hardcore-Fans. Statt bisher unbekannter Tatsachen setzt Lesley-Ann Jones eher auf neue Einschätzungen, für die sie aber fast immer Dritte zitiert. Auf eine eigene Bewertung des Werks, wie man das von vielen anderen Biographen kennt, deren Bücher mitunter eher ausufernden Rezensionen gleichen, verzichtet sie fast völlig. Auch deshalb wirkt das Buch oft wie eine reine Zitatsammlung oder ein riesiges Kondolenzbuch – dieser Eindruck trägt ebenfalls dazu bei, dass eine emotionale Bindung der Autorin an ihr Thema kaum deutlich wird.

Ihr Schwerpunkt liegt nicht so sehr auf der Musik, sondern eher auf der emotionalen Dynamik der Beziehungen von Freddie Mercury (innerhalb der Familie, bei Queen als Band oder zu seinen zahlreichen, männlichen wie weiblichen Liebschaften). Wen hat Freddie Mercury wann warum (nicht) geliebt? Dieser Frage widmet sie viel mehr Augenmerk als Details zum Songwriting oder der Arbeit im Studio. Lesley-Ann Jones hat, kein Wunder bei ihrem Hintergrund, zudem unverkennbar Lust auf Tratsch, auch wenn das gelegentlich vom Thema ablenkt.

Dennoch entsteht ein anschauliches Bild der Musikszene der rund 20 Jahre, in denen Queen mit Freddie Mercury aktiv waren. Das Buch zeigt deutlich, wie hart diese Band gearbeitet hat, es gab für Mercury und seine Kollegen Brian May, Roger Taylor und John Deacon praktisch kaum Pausen zwischen Tourneen und Studiosessions. Natürlich geht Jones auch gerne und ausführlich auf den glamourösen Lohn für diesen Ehrgeiz ein: Queen waren großzügig im Feiern, auch Freunden und Fans gegenüber, und sie badeten mit Vergnügen im verschwenderischen Reichtum der Musikindustrie in den 1970er und 1980er Jahren.

Ein Beispiel dafür ist die Party zum Erscheinen ihres Albums Jazz (1978), zu der Jones gemeinsam mit 400 anderen Gästen geladen war. „Der Ballsaal eines Hotels wurde zu einer schwülen, üppig wuchernden Sumpflandschaft umgestaltet, in der es von Zwergen und Drag Queens, Feuerspuckern, Schlammcatcherinnen, Stripperinnen, Schlangen, Steel Bands, Voodoo- und Zulu-Tänzern, Huren und Groupies nur so wimmelte., von denen manche unvorstellbare und wahrscheinlich höchst illegale Handlungen an sich und anderen vornahmen – alles in bester Sichtweite der Partygäste. Ein Model wurde auf einem Tablett mit roher Leber hereingetragen.“ Klingt nach Spaß.

Sehr überzeugend schafft es die Autorin, die Verbindung zwischen solchen Eskapaden und der Persönlichkeit ihrer Titelfigur herzustellen. „Ich habe ein Monster erschaffen, und das Monster bin ich. Ich kann niemandem sonst die Schuld daran geben. Seit ich klein war, habe ich darauf hingearbeitet. Ich hätte dafür getötet. Alles, was mir zustößt, habe ich mir selbst zuzuschreiben. Ich habe es so gewollt. Wir alle wollen das: Erfolg, Ruhm, Sex, Drogen – was immer es ist, ich kann es kriegen. Aber so langsam wird mir klar, dass ich (…) dem Ganzen entfliehen will“, zitiert sie Freddie Mercury an einer Stelle, und diese Zerrissenheit, die trotz der Entschlossenheit zur ultimativen Ausschweifung stets präsent blieb, erkennt sie als Grundmotiv seines Lebens.

Da ist auf einer Seite der – fast schon wie ein Topos wirkende – frühe Entschluss, berühmt zu werden. Es war anscheinend immer klar: Freddie Mercury würde ein Star werden. Niemand der zahlreichen Gesprächspartner in diesem Buch konnte sich eine andere Laufbahn für ihn vorstellen. Auf der anderen Seite steht eine Privatperson, die ebenso einhellig als bescheiden, schüchtern und höflich beschrieben wird, also als das Gegenteil der Bühnenfigur.

Dass Freddie Mercury an diesem Widerspruch nicht gescheitert ist, liegt auch daran, dass er ihn sehr genau erkannt hat. Etliche Stellen dieser Biographie zeigen, wie genau er sich kannte, wie umfänglich er sein Wesen und seine Rolle reflektiert hat, inklusive seiner Sucht nach Sex, die ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Eine sehr schöne Entsprechung dieser vielleicht wichtigsten Erkenntnis dieses Buches ist deshalb das Cover: Es zeigt Freddie Mercury nicht in seiner Rolle als Bühnenkünstler, mit Königskrone oder Spandexhose. Er ist nicht der ultimative Frontmann und auch kein Camp-Posterboy. Im Gegenteil: Er sieht aus wie ein ganz normaler Typ, sogar wie ein Macho, mit Jeans, T-Shirt und Lederjacke, mit Bier und Kippe in der Hand. Dennoch ist er unverkennbar Freddie Mercury – eine Ikone mit vielen Gesichtern, bei der selbst die Normalität irgendwann wie eine Pose aussehen musste.

Bestes Zitat: „Freddie zeigte Menschen verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit, offenbarte sich aber niemandem ganz. Dieses Verhaltensmuster, mit dem er seine Beziehungen anging, zeugte davon, dass er keiner Person zutraute, all seine Bedürfnisse zu befriedigen. Gleichsam konnte Freddie auch nie einem einzigen Partner alles geben.“

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