Durchgelesen: Lester Bangs – „Psychotische Reaktionen und heiße Luft“


Autor Lester Bangs

Cover des Buchs Psychotische Reaktionen und heiße Luft

23 Texte von Lester Bangs hat Greil Marcus für diesen Band ausgewählt.

Titel Psychotische Reaktionen und heiße Luft. Rock’N’Roll als Literatur und Literatur als Rock’N’Roll
Originaltitel Psychotoc Reactions And Carburetor Dung. The Work Of A Legendary Critic: Rock’N’Roll As Literature And Literature As Rock’N’Roll.
Verlag Edition Tiamat
Erscheinungsjahr 1987
Bewertung

Es wird nicht viele Kritiker geben, die bereits fünf Jahre nach ihrem Tod mit einer Anthologie gewürdigt werden. Erst recht nicht, wenn diese Kritiker über Rockmusik geschrieben haben. Lester Bangs ist diese Ehre widerfahren. Der Journalist, geboren 1948 in Kalifornien, war ein prägender Autor für den Rolling Stone, ab 1970 dann gut fünf Jahre lang das journalistische Aushängeschild bei Creem, schließlich freier Autor für diverse Magazine, bis er 1982 im Alter von 33 Jahren starb. Erstaunlicherweise nicht an den Folgen seines Rock’N’Roll-Lifestyles („Zu dem Zeitpunkt, als er nach New York zog (…) war er ein allseits umschwärmter Mann. Ein Mann, von dem man stolz war, sagen zu können, man habe ihm einen Drink spendiert oder Drogen gegeben“, wird er hier an einer Stelle beschrieben), sondern an einer Medikamentenunverträglichkeit.

Fünf Jahre später erschien die englische Originalausgabe dieses Buches, herausgegeben von Rockmusik-Papst Greil Marcus, der auch ein sehr adäquates Vorwort geschrieben hat. Im Jahr 2000 kam zudem eine Lester-Bangs-Biografie aus der Feder von Jim DeRogatis auf den Markt, 2003 hat John Morthland die gesammelten Werke von Lester Bangs unter dem Titel Main Lines, Blood Feasts, And Bad Taste herausgegeben. Seit 2008 gibt es Psychotische Reaktionen und heiße Luft schließlich auch in deutscher Übersetzung. Die frühe Huldigung und das fortwährende Interesse an Lester Bangs werden schnell nachvollziehbar, nimmt man dieses Buch zur Hand. Hier ist ein Musikkritiker, der nicht nur ungemein leidenschaftlich und reflektiert ist, sondern tatsächlich ein Literat. „Lester Bangs war einer der besten Schreiber, der jemals auf Zeitungspapier erschienen ist“, hat die New York Times sehr treffend geurteilt.

Psychotische Reaktionen und heiße Luft. Rock’N’Roll als Literatur und Literatur als Rock’N’Roll versammelt ausgewählte Texte in chronologischer Folge, die Greil Marcus sehr subjektiv zusammengestellt hat, wie er im Vorwort deutlich macht: „Bei diesem Buch handelt es sich um meine Version dessen, was Lester Bangs hinterlassen hat. Es ist weder eine Zusammenfassung noch eine repräsentative Auswahl, sondern der Versuch, dem Leser eine Vorstellung von einem Mann zu vermitteln, der ein neues Weltbild schuf, dieses praktisch umsetzte, die Konsequenzen trug und versuchte, weiterzumachen.“ Wer einen schnellen ersten Eindruck haben will, dem sei die besonders lesenswerte Huldigung der Troggs ans Herz gelegt, in der die Band als ultimative Verkörperung der Urgewalt, die Rock’N’Roll sein kann, gefeiert wird. Zu den Höhepunkten des Buchs gehört auch die Analyse der Faszination, die von Elvis ausgeht – auch dann noch, wenn er übergewichtig ist und seit 15 Jahren keine gute Platte mehr herausgebracht hat. Und natürlich Lester Bangs‘ umfangreiche Reflexionen über das Phänomen Lou Reed, bei denen er stets vergeblich das Wort „Hassliebe“ leugnet, das Kritiker und Musiker in diesem Fall doch so offensichtlich verbunden hat.

Die drei größten Stärken des Mannes, der angeblich die Genre-Bezeichnung „Punk“ erfunden hat und seine Interviews immer gerne mit der denkbar fiesesten Frage begann, macht Psychotische Reaktionen und heiße Luft schnell klar. Im Klappentext wird Lester Bangs zwar als „der Gonzo-Autor des Rock-Journalismus“ bezeichnet, doch seine hier versammelten Beiträge sind keineswegs von Exzess gekennzeichnet, sondern von einem enormen Horizont. Bangs beweist ein großes Bewusstsein für Geschichte (nicht nur die der Rockmusik) und geht in seinen Texten immer wieder auf Fragen der Philosophie, Politik und der Popkultur insgesamt ein.

Sein zweiter Erfolgsfaktor ist sein Mut. Aus den Texten spricht eine große Lust auf Provokation (zu der die Lust auf Superlative gehört), die für einen extrem hohen Unterhaltungswert sorgt. Meist ist Lester Bangs so übellaunig, dass man meinen könnte, es sei auf ihn zurückzuführen, dass es in der deutschen Sprache ein Wort wie „lästern“ gibt. Nicht zuletzt versteht er sich, seine Aktivitäten als Musiker bei Lester Bangs & The Delinquents unterstreichen das, auch selbst als Rock’N’Roll-Protagonist in einem Sinne, wie er in den 1970ern besonders schillernd zum Ausdruck kam: Er kennt den Wert von Integrität, er weiß aber auch, dass Rock’N’Roll von der Idee lebt, jemand anders zu sein, sich neu zu erfinden, ein Leben als Inszenierung zu führen, auf der Bühne und abseits davon. Perfektes Symbol dafür ist wohl die Szene, in der er eine Konzertkritik über die J. Geils Band live auf der Bühne schreibt, als Teil der Band und mit der Schreibmaschine als seinem Instrument.

Die eindeutig größte Stärke von Lester Bangs ist allerdings seine Ethik. Greil Marcus attestiert ihm einen „Moralismus im besten Sinne – der Versuch zu verstehen, was wichtig ist, und dieses Verständnis anderen in einer Form mitzuteilen, die den Leser ebenso fesselt wie unterhält“. Dieser Versuch spricht aus quasi jedem der 23 Texte in Psychotische Reaktionen und heiße Luft. Hier zeigt sich der Kritiker als Moralist, der das Gute beflügeln und das Schlechte verdammen möchte – wobei „gut“ und „schlecht“ bei ihm niemals nur ästhetische Kategorien sind, sondern tatsächlich getragen von einer humanistischem Ethik und dem Wunsch nach einer besseren Welt (mit besserer Musik). Rock’N’Roll ist dabei zugleich der Auslöser für diesen Impuls als auch das Medium, mit dem Bangs dieses Ziel erreichen möchte. Er hat die Macht dieser Musik am eigenen Leib erfahren und er möchte nicht nur allen anderen auch dieses Glück widerfahren lassen, sondern diese Macht auch für etwas Sinnvolleres nutzen als eine gute Party. Rock’N’Roll ist für ihn der vielleicht wirkungsvollste Hebel hin zu einer Welt mit mehr Demokratie, Toleranz und Gerechtigkeit.

Es fällt nicht schwer, Lester Bangs als Prototyp dessen zu betrachten, was einen herausragenden Rock-Autor ausmacht: Er hat den Mut, eine abweichende Meinung zu vertreten, er hat die Leidenschaft, für seine Überzeugungen zu kämpfen, er hat die Intelligenz, um seinen Argumenten großes Gewicht zu verleihen. Er hat auch die Bereitschaft, als Kritiker Einblicke in sein eigenes Leben zu geben, auch in intimste Details. Und er hat ein Leben, das so sehr von Musik durchdrungen ist, dass dabei niemals der Verdacht von Egozentrik oder Banalität aufkommen kann.

Bestes Zitat: „All jene frühen Songs über den Rock’N’Roll waren aufeinander folgende Sätze einer Suite, an der immer weiter gearbeitet wurde, und die war nichts anderes als eine gigantische Party, bei der man gemeinschaftlich ein ganz einfaches Ziel hatte: die Party nicht aufhören zu lassen und zu quatschen und zu toben und die bösen Geister zu vertreiben, immer weiter über die Jahrzehnte hinweg, und erst aufzuhören, wenn die alles vernichtende Bombe fallen würde oder irgendein technologischer Mahlstrom von Schall und Wonne die Städte schließlich aufsaugt.“

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