Durchgelesen: Lisa Kränzler – „Lichtfang“


Autor Lisa Kränzler

Weltschmerz eint die beiden Hauptfiguren in "Lichtfang".

Weltschmerz eint die beiden Hauptfiguren in „Lichtfang“.

Titel Lichtfang
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Als ein Jugendbuch könnte man den zweiten Roman von Lisa Kränzler, Jahrgang 1983, bezeichnen – und das ist nicht als Schmähung gemeint und auch nicht unbedingt als Genrebezeichnung. Sondern als eine durchaus brauchbare Zusammenfassung des Inhalts, des Gefühls und der Attitüde von Lichtfang.

Der Roman beginnt am ersten Tag nach den Sommerferien und erzählt von Rufus und Lilith, die gerade ihr Abitur in einem Kaff in Schwaben machen. Beide sind weit davon entfernt, ihre Jugend oder gar die Schulzeit zu genießen. Rufus mag Basketball und Astronomie, Zahlen, Formeln und ein Hang zum Pragmatismus verleihen ihm zumindest ein hauchdünnes Fundament im Leben, aber er vermeidet es, im Spiegel sein Gesicht mit den schielenden Augen und großen Zähnen zu betrachten.

Lilith war früher talentierte Leichtathletin, jetzt fühlt sie sich zu dick – als sei sie zu viel Körper und wolle dabei am liebsten gar kein Körper sein. Sie träumt von einem Leben als Malerin, von der totalen Symbiose mit der Kunst. „Lilith will keine Zukunft. Sie will in eine dieser Fotografien kriechen, mit ihr verschmelzen, im ewigen Eis der bunt schillernden Spiegelglätte erstarren. Die Zeit soll anhalten, sofort, bevor noch mehr schiefläuft“, umschreibt Kränzler ihren Blick auf die Welt.

Beide bewundern sich zu Beginn von Lichtfang aus der Ferne, kommen sich dann aber näher und werden heimlich ein Paar. Die Liebe dieser beiden Außenseiter zueinander ist auch eine Liebe zum Außenseitersein an sich und gespeist aus dem Wissen, sich wahrscheinlich ein Leben lang in dieser Rolle einrichten zu müssen.

Kränzler gelingt es vorzüglich, die Dynamik, die Sehnsucht und das Geheimnis dieser Beziehung einzufangen. „In dem Strom aus Mitläufern, Langweilern, Lastermäulern und Lackaffen, der sich allmorgendlich zwischen den Betonwänden des Goethe-Gymnasiums staut, nachmittags durch die geöffneten Portalschleusen in den Hof und von dort aus zurück in die Käffer der Umgebung fließt, ist Rufus Lilith stets wie eine Insel, ein trockenes, vollkommen autarkes Stück Land erschienen, das sich seine Unabhängigkeit, allen Widrigkeiten zum Trotz, erhalten hat und dabei wirkt, als könne es niemals untergehen“, schreibt sie. „Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Rufus seit Jahren seine Andersartigkeit bewahrt, erstaunt Lilith nach wie vor, zumal sie selbst zwar ebenfalls anders, aber keine Insel, keine stabile Einheit ist in dem Stausee aus Stumpfsinn, in dem sie weder schwimmen noch treiben kann, tagtäglich um ihr Leben strampelt.“

Es ist diese authentische Atmosphäre von Kreidestaub im Klassenzimmer, Hormon-Mief in der Umkleidekabine und Zettelchenschreiben unter der Schulbank, die zur ersten wichtigen Stärke von Lichtfang wird. Der Roman lebt von Gedanken wie aus dem Tagebuch eines Teenagers – nicht so naiv, aber so echt, verletzlich, schutzlos, fantasie- und hoffnungsvoll. Später liefert das Buch tatsächlich einen ersten Tagebucheintrag (weitere folgen, die allerdings mitunter ein wenig arg blumig geraten sind), der mit dem Passus schließt: „Ich will daher versuchen, nur dann zu schreiben, wenn die Intensität meiner inneren Bilder mich dazu zwingt, mich nötigt, es unumgänglich macht. Nur, was mich versengt, soll Sätze hinterlassen. Auf dass die Lettern aufflammen wie Streichhölzer und mein Text eine Brandspur sei.“

Die zweite Stärke ist Lisa Kränzlers feines Gefühl für pubertären Weltschmerz, für die Ahnung Heranwachsender, dass sie das Recht auf ein eigenes und unkonventionelles Weltbild haben; zugleich für ihre Angst, dass die anderen mit ihren Konventionen vielleicht doch unverwundbar sein könnten oder sogar objektiv richtig liegen. „Jetzt ist das Weinen da“, beginnt eine Stelle in Blickfang, die das wunderbar illustriert. „Der Körper unterscheidet nicht zwischen verzweifelt und hilflos, wütend und zornig, bitter und bitterlich, produziert immer dieselbe Flüssigkeit, interessiert sich nicht für die Gründe. Wenn er könnte, würde er endlos weiterweinen. Eine Sintflut aus Tränen hereinbrechen lassen, bis die ganze beschissene Schöpfung ersoffen ist und Gott seinen Fehler endlich einsieht.“

Lilith hasst sich selbst, Rufus hasst alle anderen – doch dieser Konstellation sind sich die jungen Liebenden kaum bewusst. Alles wird von ihnen personifiziert und erscheint so erst recht als ein widerspenstiger Gegner: Lisa Kränzler lässt sie auf Kälte treffen, die darauf wartet, sich durch dünne Strümpfe zu fressen. Ein Apfelbaum, der dem Wetter trotzt und die Ödnis des Herbstes über sich ergehen lässt, um im Frühjahr wieder zu blühen, erscheint als Ermahnung, sich selbst zusammen zu reißen. Die einsetzende Finsternis am Abend wird zum Entführer, „zum Kidnapper unterm Seidenstrumpf, der mein Bewusstsein verschleppt und es erst dann wieder freilässt, wenn die Morgensonne ein Lösegold ausspuckt“, meint Lilith. All dies zeigt die Feindseligkeit der Welt, in die man sich in diesem Alter so vorzüglich hineinsteigern kann.

Lichtfang wird getragen von dieser adoleszenten Empfindsamkeit, die nicht übertrieben wird, sondern bei der man sich vielmehr wundert: Warum legt man sie als Erwachsener eigentlich ab? Wann und warum wird man so gleichgültig gegenüber der Welt?

Bestes Zitat: „Wenn man das Leben würgt, wird es strampeln, nach Luft schnappen, sich bemerkbar machen.“

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