Durchgelesen: Marisha Pessl – „Die amerikanische Nacht“


Autor Marisha Pessl

Cover des Buchs "Die amerikanische Nacht" von Marisha Pessl bei S Fischer

Marisha Pessl spielt in ihrem zweiten Roman meisterhaft mit dem Unheimlichen.

Titel Die amerikanische Nacht
Otiginaltitel Night Films
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

„Gutes Buch?“ Vielleicht wollte der Mann nur Konversation machen. Vielleicht war er auch bloß überrascht – schließlich kontrollierte er gerade am Eingang eines Fußballstadions die Taschen der hineinströmenden Fans, und auf Bierdosen, Regenjacken oder Sitzkissen trifft man dabei sicher deutlich häufiger als auf amerikanische Romane. „Sehr gut, bis jetzt“, erwiderte ich. Eine offenbar befriedigende Antwort, denn dann durfte ich, mitsamt meinem Buch in der Tasche, ins Stadion.

Meine Einschätzung hätte kaum treffender sein können. Denn ich hatte zu diesem Zeitpunkt etwa zwei Drittel von Die amerikanische Nacht gelesen. Und ich war schwer begeistert von Marisha Pessls zweitem Roman, dem Nachfolger ihres 2006 erschienenen Bestsellers Die alltägliche Physik des Unglücks. Das Buch verbindet eine faszinierende Ausgangssituation mit viel Spannung, einer wunderbar bildhaften Sprache und überraschenden formalen Kniffen (unter anderem gibt es im Buch Screenshots von Nachrichten-Websiten, inklusive der User-Kommentare und Share-Buttons).

Marisha Pessl, Jahrgang 1977, erzählt in Die amerikanische Nacht die Geschichte von Scott McGrath, einem Investigativ-Journalisten aus New York. Er wollte einst einen Skandal rund um den mysteriösen Filmregisseur Stanislas Cordova aufdecken, scheiterte aber grandios. Das hat ihn seinen Job, seine Glaubwürdigkeit und seine Karriere gekostet. Nun wird in einer verlassenen Lagerhalle in Manhattan die Leiche von Cordovas 24-jähriger Tochter Ashley gefunden – und McGrath nimmt das zum Anlass, sich erneut an einer Cordova-Story zu versuchen.

Die Recherche wird schnell zu einem Spießrutenlauf und ist von Anfang an ein höchst ungleiches Duell. Auf der einen Seite ist McGrath, der Ich-Erzähler auf dem absteigenden Ast, der einen Drogendealer und eine Möchtegern-Schauspielerin als Assistenten in diesem Fall anheuert. Marisha Pessl gibt ihm gerade genug Tiefe, um ihn nicht zum Klischee des draufgängerischen Reporters als verkrachte Existenz zu machen. Was ihn zudem auszeichnet, sind ein herrlich zynischer Humor und die Entschlossenheit, unbedingt rational vorzugehen – was im Laufe seiner Recherchen immer schwieriger wird.

Auf der anderen Seite ist Cordova, der Regisseur, der einem Phantom gleichkommt. Seit 1977 hat er sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Für seine Horrorfilme wird er dennoch (oder erst recht) kultisch verehrt. Nachdem er einen Oscar gewonnen hatte, sagte er sich völlig vom Mainstream los. Seine Filme werden seit Jahren nur noch im Untergrund gezeigt, für einen kleinen Kreis von Eingeweihten.

McGrath erkennt in Cordova einen Mann, der „nicht nur ein komischer Exzentriker war, wie Lewis Carroll oder Howard Hughes, sondern ein Mann, der in vielen Menschen Ergebenheit und Ehrfurcht auslöste, ähnlich wie der Anführer einer religiösen Sekte.“ In seinem ästhetischen Konzept geht es darum, „dass Angst zu haben, zu Tode erschrocken zu sein, der Beginn der Freiheit war. Man öffnete die Augen für das Brutale und Dunkle und Großartige des Lebens, und besiegte so die Ungeheuer im eigenen Kopf“, heißt es an einer Stelle. „Dies bedeutete (…), sein eigenes sanftmütiges, ängstliches Selbst zurückzulassen und sich von den Einschränkungen zu befreien, die Freunde, Familie und die Gesellschaft insgesamt einem auferlegen.“

Es ist dieses Spiel mit dem Unterbewussten, Tierischen und Grausamen in uns, bis hin zum Aberglaube und Okkultismus, das natürlich nicht nur die Filme von Cordova auszeichnet, sondern auch den Roman von Marisha Pessl so packend werden lässt. Sie macht aus Cordova eine solch übergroße Figur, dass man als Leser bald nicht mehr weiß, ob man das Rätsel um ihn und den Tod seiner Tochter wirklich gelöst haben will oder lieber nicht.

Allerdings gibt es in meinem Zitat vor dem Stadion ja auch noch das „bis jetzt“. In der Tat erlebte meine Begeisterung einen ziemlichen Dämpfer, als ich aus dem Stadion kam (mit dem Fußballspiel hatte das nichts zu tun) und mich an die Lektüre des letzten Drittels des Romans machte. McGrath schafft es da, endlich auf das ebenso weitläufige wie gut gesicherte Anwesen von Cordova vorzudringen, und ab diesem Moment überdreht der bisher filigran aufgebaute Plot. Für alle, die (wie ich) nicht allzu viel von Mystery halten, wird es zwischenzeitlich deutlich zu rasant, zu spektakulär, zu unheimlich.

Was man für einen Ausrutscher halten kann, fügt sich dann aber doch noch (wenn auch mit einer etwas plumpen Pointe) ins Geschehen und in die hoch intelligente Konstruktion des Romans. Hat man die knapp 800 Seiten hinter sich, macht sich jedenfalls ein zweifaches Bedauern breit. Erstens, weil es in der Realität keine Hollywood-Protagonisten gibt, die ihre Kunst so konsequent und meisterhaft verfolgen wie Stanislas Cordova. Und zweitens, weil es bis zum nächsten Buch der offensichtlich großartigen Marisha Pessl wohl wieder ein paar Jahre dauern wird.

Bestes Zitat: „Also würde ich hier sterben. Ich würde mein kleines Leben hinter mir lassen. Ich hatte es kaum aufgetragen. Das Leben war ein Anzug, den ich nur zu besonderen Anlässen angezogen hatte. Die meiste Zeit hatte ich ihn hinten im Schrank gelassen und vergessen, dass er da war. Eigentlich sollten wir sterben, wenn die Nähte kaum noch halten, wenn die Ellbogen und Knie fleckig von Gras und Dreck sind, die Schulterpolster schief, weil man ständig Leute umarmt, wenn der Stoff von Wolkenbrüchen und brennender Sonne ausgebleicht ist und Knöpfe fehlen.“

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