Durchgelesen: Markus Berges – „Die Köchin von Bob Dylan“


Autor Markus Berges

Markus Berges Die Köchin von Bob Dylan Buchkritik Rezension

Erdmöbel-Sänger Markus Berges legt seinen zweiten Roman vor.

Titel Die Köchin von Bob Dylan
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

32 Songs von Bob Dylan hat Ekki Maas, der Bassist und Produzent von Erdmöbel, gerade aufgenommen. Zum 75. Geburtstag des Altmeisters am 24. Mai wird er sie als My Life According To Bob Dylan veröffentlichen. Sein Kollege Markus Berges, Sänger und Songschreiber der Kölner Band, huldigt demselben Helden auf andere Weise: Die Köchin von Bob Dylan heißt sein zweiter Roman.

Bob Dylan spielt darin allerdings eher eine Nebenrolle. Er ist zwar in vielen Szenen präsent, mal erhaben, mal schrullig. Er besucht die Villa von Anton Tschechow, macht bei Kraftproben am Strand mit und taucht einmal (allerdings in einem Traum) nur mit Badehose und Zylinder bekleidet auf. Die eigentliche Protagonistin des Buchs ist allerdings Jasmin Nickenig. Sie hat Literatur studiert, hinter den Kulissen für eine Fernseh-Kochshow gearbeitet und dann einen Blog mit Rezept-Tipps betrieben. Auf Empfehlung einer Freundin bekommt sie nun, als 37-Jährige, den Job als Köchin von Bob Dylan. Während der anstehenden Tournee soll sie ihn mit seinen Leibgerichten versorgen und ansonsten möglichst wenig auffallen. Der Tourauftakt wird ein Privatauftritt für einen Oligarchen auf der Krim sein, doch bis dahin hat Jasmin noch etwas Zeit, sich an die neue Umgebung, die Macken des Weltstars und die strengen Regeln in seiner Entourage zu gewöhnen.

„Ich mag Dylan als Songschreiber gern und ich habe auch viel von ihm gelernt, aber er interessiert mich eigentlich eher als Figur“, hat Markus Berges im Interview mit dem NDR erzählt. „Er inszeniert sich ja auch stark selbst und das finde ich toll.“ Freilich weiß der Autor, dass ein fiktiver Insiderbericht aus dem Leben von His Bobness vielleicht doch nicht substanziell genug wäre, um einen Roman zu tragen, der auch für eine Leserschaft jenseits der Dylanologen relevant ist. Deshalb gibt es in Die Köchin von Bob Dylan eine zweite Zeitebene, die ebenfalls in der Ukraine spielt, allerdings in der Zeit zwischen den Weltkriegen beginnt. Dort lebt Florentinius Malsam, Jasmins Großvater, der sich als Schwarzmeerdeutscher durch die Wirren der Zeit und über die Regimes von Stalin und Hitler hinweg zu retten versucht und seit 1944 als verschollen gilt.

Auch für diese Idee hatte Berges eine ganz persönliche Motivation, denn er hat selbst russland-deutsche Vorfahren. „Meine Familie mütterlicherseits kommt aus der Süd-Ukraine. Es ist also eine klassische Flüchtlingsgeschichte, nur eben ukrainisch-russisch. Und deswegen hat mich dieses Thema immer ein bisschen begleitet. Es waren Erzählungen meiner Großmutter, die ich nochmal eingehend befragt habe, als Ausgangspunkt für den Roman“, hat der Autor, studierter Germanist und Historiker, dem NDR erzählt. Zu seinen Recherchen gehörte auch eine Bustour durch die Ukraine auf eigene Faust – und ohne Sprachkenntnisse.

Es ist vor allem der Erzählstrang der Familiengeschichte, der Die Köchin von Bob Dylan so eindrucksvoll macht, zumal es Markus Berges gegen Ende des Buches gelingt, die beiden Ebenen auf sehr geschickte und spannende Weise zu verbinden. Hunger und Krieg, Flucht und Vertreibung sind die zentralen Themen dieser Passagen, und man braucht kaum zu erwähnen, wie aktuell diese Themen (ebenso wie der territoriale und ethnische Zwist um die Krim) sind. Die Szenen aus dem Musikerleben mit Roadies, Tourmanagern und mal hysterischen, mal devoten Fans gelingen Markus Berges wunderbar, noch stärker sind allerdings die Szenen aus dem ukrainischen Hungerwinter 1932/33 oder von der Front des Zweiten Weltkriegs.

Der Autor zeigt, ohne im Stil allzu emotional oder gar schwülstig zu werden, wie wenig selbstverständlich die Länder sind, die wir Heimat nennen, die Familien, die wir noch mehr als diese Länder als unser Zuhause schätzen, und nicht zuletzt der Frieden, der uns umgibt und uns diese Illusion der Selbstverständlichkeit schenkt. Vor allem aber gelingt ihm mit Die Köchin von Bob Dylan ein sehr kluger Roman über Fantasie und Literatur, auch über das Verdrängen und (Neu-)Erfinden der eigenen Biographie. Dylan ist in all dem ein Meister, Florentinius Malsam ist es ebenfalls – und Markus Berges nach dem starken Debüt Ein langer Brief an September Nowak (2010) und diesem ebenso starken Nachfolger eindeutig auf dem besten Weg dorthin.

Bestes Zitat: „Es war nun still, kein Schiff unterwegs, nichts zu sehen, bis zum Horizont. Die Zeit verging, und etwas Kleines explodierte in ihm. Es war, als müsse er zugleich husten und Luft holen. Von da an hatte er dieses Gefühl in ihrer Gegenwart öfter. Später, nachdem er sie verloren hatte, spürte er diese Verpuffungen des Glücks niemals wieder.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.