Durchgelesen: Martin Walser – „Ehen in Philippsburg“


Vier Männer müssen sich in "Ehen in Philippsburg" an Karrieren und Liebschaften messen lassen.

Vier Männer müssen sich in „Ehen in Philippsburg“ an Karrieren und Liebschaften messen lassen.

Autor Martin Walser
Titel Ehen in Philippsburg
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1957
Bewertung ****1/2

Als erster Roman von Martin Walser erschien Ehen in Philippsburg im Jahr 1957. Walser war damals 30 Jahre alt. Das sind nicht bloß wichtige Hintergründe für diesen Roman. Es sind Fakten, die bei der Lektüre auch 55 Jahre nach der ersten Auflage immer wieder überdeutlich werden.

Zum einen ist Walser hier unbedingt so etwas wie Sturm und Drang zu attestieren. Jeder seiner vier Protagonisten muss sich zurechtfinden in einer Welt zwischen dem Traum von sozialer Mobilität und eiskalter Besitzstandswahrung. Buckeln und Duckmäusern heißt die Strategie auf der einen Seite. Obrigkeitsdenken steht dem auf der anderen Seite gegenüber, mit dem Wissen um die Stärke von Pfründen, Beziehungen, Cliquen.

Dazu kommt, dass Walser in diesem Roman so viele, so treffende Metaphern unterbringt, dass man tatsächlich wetten möchte, sie hätten sich ein Leben lang aufgestaut. Voller Weisheit sind sie und immer treffend wie diese über eine Situation, in der ein Liebespaar nicht den Mut besitzt, die dringend nötigen klärenden Worte auszusprechen: „Sie taten, als habe sich ein Gericht zur Beratung zurückgezogen, als hätten sie nur noch die Rückkehr der schwarzen Herren abzuwarten, die würden dann das Urteil bekanntgeben, das Urteil, das alle Quälereien beenden, das eine geradezu überirdisch anmutende Lösung enthalten würde. Und doch wussten sie, dass alles bei ihnen lag. Dass nirgends auf der Welt beraten wurde über sie.“

Zum anderen steht in Ehen in Philippsburg die Ära der Wirtschaftswunderjahre wunderbar klar vor Augen. Es ist eine Welt der Männer, und Karrieren und Liebschaften sind die Kriterien, an denen diese Männer gemessen werden.

Da ist der Journalist Hans Beumann. Nach dem Studium sucht er eine Stelle, und er ist dabei die vollendete Verunsicherung. Als er seine Studienfreundin Anne wieder trifft und sich mit ihre verkuppeln lässt, verschafft ihr steinreicher Vater ihm einen Job – und Hans muss sich fortan auch noch in feiner Gesellschaft bewähren. Als er sich auf einer glamourösen Party unwohl fühlt, kann er sich weder richtig in seine Junggesellenbude sehnen noch zurück in seinen Heimatort. „Er gehörte nicht dorthin. Hierher auch nicht. Und nach Kümmertshausen auch nicht.“

Da ist der Frauenarzt Dr. Benrath, der sich nach einer jahrelangen Affäre noch immer nicht zu seiner Geliebten bekennen mag. Da ist der geltungssüchtige Rechtsanwalt Dr. Alwin, der von einer Karriere in der Politik träumt. Und schließlich der erfolglose Schriftsteller Berthold Klaff, der ein Einsiedlerleben führt.

Es sind durchweg Figuren, die eher faszinieren als interessieren. Ehen in Philippsburg bietet kaum Möglichkeiten zur Identifikation. Der Roman untersagt dem Leser eine Gemeinschaft mit den Protagonisten, sie bleiben flüchtige Bekannte wie auf einer Abendgesellschaft. Walser versteht es dabei, in den streams of consiousness und den Dialogen seiner Figuren genau diesen Sound zwischen selbstverliebtem Small Talk, Prahlerei und leicht alkoholisierter Party-Philosophie zu treffen, der immer wieder geistreiche, humorvolle Gedanken hervorbringt wie diesen: „Wer aber die Tugend, die nur dem Mangel an Gelegenheit ihre Existenz verdankt, schmähen will, dem muss gesagt werden, dass es auf der Erde schon genug ist, wenn überhaupt Sünde unterbleibt, nach den Gründen soll man da gar nicht mehr lange fragen. Der Mensch tut nun einmal Böses, solang er Gelegenheit dazu hat, und hat er keine, so muss er wenigstens die Genugtuung haben, sich seiner Tugend rühmen zu dürfen. Tugend ist also nichts anderes als der Mangel an Gelegenheit.“

Das bleibt auch deshalb amüsant und spannend, weil Walser immer wieder sehr geschickte Cliffhanger einbaut: Er deutet andauernd entscheidende Momente oder Sätze an, die dann aber noch ein paar Absätze hinausgezögert werden, sodass der Leser sich ohnmächtig der Dramaturgie des Romans ausgesetzt sieht – ebenso wie die Figuren des Buchs der Dramaturgie des Lebens ausgesetzt sind.

In dieser Situation ergeben sich die Protagonisten gerne in ein moralisches Laissez-faire. Treue, Wahrheit, Anstand – all das sind hier längst nur noch nach außen hoch gehaltene Kategorien. „Die Lüge aber, die perfekte, die die Wahrheit ausschließende Lüge, sie kann, wenn man sie nur lang genug und immer wieder mit der Leidenschaft eines ganzen menschlichen Daseins speist, wirkliche Häuser tragen und ein Leben aufnehmen und behüten. Der Lügner muss eine Art Künstler sein, ein Erfinder zumindest, ein Baumeister, ja sogar ein Schöpfer, eine Variation Gottes, denn er muss der bestehenden Wirklichkeit eine zweite hinzufügen, eine komplette Welt, die Bestand hat, Wärme und Nahrung“, darf sogar an einer Stelle behauptet werden.

Auf die Freiheit des Geistes, das spontane Bonmot, den Traum vom Leben als Libertin trifft hier allerdings das Ewige. Das Wetter ist die auffälligste Metapher dafür, aber auch Walsers sehr ausführliche Beschreibungen von Körpern, Gesichtern, Mimik und Anatomie passen dazu. Es ist dieser Gedanke, der im Zentrum von Ehen in Philippsburg steht: Das Archaische können die Figuren des Romans in all ihren Beziehungen nur mühevoll kaschieren mit Kultiviertheit. Sie alle wollen sophisticated sein, bleiben aber Trickser, Träumer, Tiere.

Bestes Zitat: „Unglück entsteht immer dann, wenn Männer so tun, als verstünden sie eine Frau; gar wenn sie dann einer Frau zuliebe handeln, Leben einrichten ihr zuliebe, Häuser und Familien gründen. Was ein Mann einer Frau zuliebe tut, hat keine Dauer. Er fällt ab. Er kann nur sich selbst zuliebe leben und handeln.“

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