Durchgelesen: Matthias Nawrat – „Die vielen Tode unseres Opa Jurek“


Autor Matthias Nawrat

Die vielen Tode unseres Opa Jurek Matthias Nawrat Kritik Rezension

Ironie ist das wichtigste Stilmittel in „Die vielen Tode unseres Opa Jurek“.

Titel Die vielen Tode unseres Opa Jurek
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Die vielen Tode unseres Opas Jurek ist eine Familienbiographie, ein Schelmenroman und eine kleine Geschichte Polens im 20. Jahrhundert. Matthias Nawrat, 1979 im polnischen Opole geboren, zehn Jahre später nach Deutschland gekommen und mittlerweile in Berlin zuhause, erzählt in seinem Roman die Geschichte eines Mannes, der geboren wird, als das wieder hergestellte Polen selbst noch im Kindesalter ist, und stirbt, als kurz vorher eine weitere Inkarnation des Landes zugrunde gegangen ist. Er macht aus ihm einen wunderbaren Helden, der den Zweiten Weltkrieg wenig mühsamer übersteht als den Ärger mit den Nachbarn, der Solidarność erlebt und die Glanzzeiten des Fußballclubs OKS Odra, der die Wahl eines Polen zum Papst ebenso kritisch beäugt wie die Kochkünste seiner Frau Zofia.

Es ist diese Verknüpfung aus Weltgeschichte und Alltag, die im dritten Roman von Matthias Nawrat für einen ganz besonderen Ton und einen gerne abgründigen Humor sorgt. Er zeigt in diesem Buch, wie einfach die Menschen und ihre Bedürfnisse eigentlich sind – und wie weltfremd im Gegensatz dazu allumfassende Ideen wie Kommunismus oder Nationalismus wirken müssen. Gerade darin, wie respektlos er die angeblichen Eigenheiten der Polen und anderer Völker zelebriert, wird die Albernheit eines Konzepts wie „Nationalstolz“ sichtbar. Seine Helden zeichnen sich aus durch Feigheit, Kleinmut, Bequemlichkeit, sogar Korrumpierbarkeit, seine bevorzugten Stilmittel sind Karikatur und Ironie.

Erzählt wird im Plural: „Wir haben“, „unser Vater war damals“ – so heißt es stets, ohne dass aufgeklärt wird, wer dieses „Wir“ ist. Vor allem aber begeistert Die vielen Tode unseres Opa Jurek (zum ersten Mal stirbt er übrigens auf Seite 25) mit seinem naiven Tonfall, der selbst den dunkelsten Kapiteln dieser Biographie den Anschein ausgemachter Belanglosigkeit verleiht.

„Und so richtete sich unser Opa Jurek in den nächsten Tagen, nach einigen unabdingbaren Hygienemaßnahmen wie etwa einem Friseurbesuch, in den Räumlichkeiten ein, die ihm und seinen neuen Mitarbeitern zur Unterbringung gestellt worden waren, und dann begann ein Alltag, wie ihn wohl jeder kennt, der eine Weile für eine Firma im Ausland tätig gewesen ist“, heißt es beispielsweise über die Zeit, als Opa Jurek als Zwangsarbeiter nach Auschwitz (das im Buch konsequent nur Oświęcim genannt wird) verschleppt wird – da kann einem schon mal die Spucke wegbleiben, so unverfroren verharmlosend ist das.

Nawrat, der für Die vielen Tode unseres Opa Jurek mit der Alfred Döblin-Medaille ausgezeichnet wurde, zeigt mit diesem Roman vor allem, wie leicht sich Menschen und die Geschichte manipulieren lassen und wie hilfreich es für die Konstruktion der eigenen Biographie sein kann, daran selbst tätig Anteil zu nehmen.

Seine Titelfigur stirbt während der Ausgangssperre im besetzten Warschau, beim Aufbau des Sozialismus als Delikatessenhändler inmitten des Mangels im oberschlesischen Städtchen Opole und später bei den wenig ergebnisoffenen Diskussionen mit den Vertretern von Partei und Geheimdienst. Im Rückblick auf sein Leben – Ausgangspunkt des Romans ist das Wiedersehen der Familie bei seiner Beerdigung – wird die wichtigste Botschaft dieses Romans deutlich: wie sehr das Erinnern nicht nur aus faktengesättigter Geschichte besteht, sondern auch aus herrlich fabulierten Geschichten.

Bestes Zitat: „Es ist also nicht verwunderlich, dass man am Ende, Jahre später, meint, die Stadt Opole befinde sich in einem stetigen Wandel und im Zuge dieses Wandels verschöben sich neben den örtlichen zuweilen auch die zeitlichen Relationen (…), was ganz genaue Aussagen über verschiedene Begebenheiten von vornherein schwierig macht, besonders über diejenigen, die in der Vergangenheit liegen, und je weiter etwas in der Vergangenheit liegt, desto schwieriger werden solche ganz genauen Aussagen. Darum sind wir uns heute darüber einig, dass, je weiter zurück in der Vergangenheit das Opole liegt, auf das man schauen will, und je größer die Verschiebungen sowohl in der Geometrie der Straßen und Plätze als auch in der zeitlichen Abfolge verschiedener Begebenheiten sind, desto größere Bedeutung Geschichten gewinnen.“

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