Durchgelesen: Max Frisch – „Montauk“


Autor Max Frisch

Montauk Max Frisch Kritik Rezension

Max Frisch hatte „Montauk“ eine Weile für sein letztes Werk gehalten.

Titel Montauk
Verlag Bibliothek Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1975
Bewertung

Max Frisch heißt der Protagonist in dieser Erzählung. Er ist 62 Jahre alt und im Mai 1974 in den USA unterwegs, um sein neues Buch zu vermarkten. Um ihn zu betreuen, steht ihm die 30-jährige Lynn zur Seite, eine Mitarbeiterin seines amerikanischen Verlags. Es entwickelt sich ein Flirt zwischen dem Schriftsteller und der jungen Frau. Sie beschließen, ein gemeinsames Wochenende in Montauk zu verbringen, dem nördlichsten Punkt von Long Island, wo die Reichen und Schönen aus Manhattan gerne ihre freie Zeit verbringen.

Max Frisch erzählt diese Geschichte als eine Mischung aus Tagebucheintrag und seiner typischen Collagetechnik. Das Geschehen in Montauk wird immer wieder unterbrochen durch Notizen, Small Talk während der Lesereise und viele Rückblenden. Freundschaft und Ruhm sind Themen, die dabei behandelt werden, ebenso wie Älterwerden, Impotenz und Eitelkeit. Recht offenherzig geht der Erzähler mit den Fehltritten seines Lebens und offenen Wunden um. Der Tod seiner Mutter spielt eine Rolle, eine innige Freundschaft, die er nicht zu erhalten vermochte, eine erste Liebe, zu der er nicht mehr stehen kann. Viele der Schuldgefühle haben den Namen von Frauen.

Natürlich löste dieser Inhalt bei Erscheinen der Erzählung im Jahr 1975 einen veritablen Skandal aus. Die offenkundigen autobiographischen Bezüge führten dazu, dass die Ex-Frauen, die sich in Frischs Erzählung wieder erkannten, pikiert waren. Zu den größten Bewunderern von Montauk gehörte Marcel Reich-Ranicki, der die Erzählung für nichts weniger als den Höhepunkt im Schaffen von Max Frisch hielt: „Nie hat er knapper und karger und zugleich präziser und prägnanter, nie anschaulicher und anregender geschrieben.“ Etliche andere Kritiker meinten hingegen, es sei unter der Würde eines so renommierten Autors, einen derart intimen Einblick in sein Leben zu geben, in dem sie kaum Kunstfertigkeit erkennen konnten.

Es ist gerade dieser Vorwurf, der zum Kern und zum Wert von Montauk führt. „Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser“, lautet der erste Satz im vorangestellten Motto in Anlehnung an Montaigne. Natürlich fragt man sich: Soll das ein Versprechen sein? Oder doch eher eine Warnung? Und vor allem: Ist das ernst gemeint? Das Werk selbst scheint die Antwort darauf zu geben: „Ich möchte diesen Tag beschreiben, nichts als diesen Tag, unser Wochenende und wie’s dazu gekommen ist; wie es weiter verläuft. Ich möchte erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position“, schreibt Frisch an einer Stelle.

Und doch hat diese Erzähler-Position eine große Ambivalenz. Max Frisch (als Protagonist von Montauk und wohl auch als Autor) ist hier fasziniert davon, vielleicht auch dankbar dafür, dass alles in seinem Leben zu Material für sein Werk werden kann; zugleich äußert er die gelegentliche Betrübnis, dass dazu zwangsläufig auch die Menschen – und zwar ohne ihr Einverständnis, mitunter sogar gegen ihren Willen – gehören, die er liebt und die ihm vertrauen. Die Rückblenden sind in der Ich-Form geschrieben (also aus Sicht der literarischen Figur Max Frisch), das Geschehen des Wochenendes in Montauk wird von einem auktorialen Erzähler geschildert. Manchmal wechseln diese Perspektiven mitten im Absatz. Gerade durch das Bekenntnishafte der Passagen in Ich-Form wird deutlich, wie seltsam und künstlich so ein auktorialer Erzähler als literarische Instanz eigentlich ist. Verstärkt wird dieser Effekt nicht nur durch Frischs Beteuerung, seine Erzählung basiere auf Tatsachen, sondern auch durch den Kniff, dem Protagonisten den Namen des Autors zu geben. Heute würde man wohl „Autofiktion“ dazu sagen.

Diese Position erweist sich als ideal, um das eigentliche Thema von Montauk zu sezieren, nämlich das Schreiben an sich, genauer gesagt: Das Zusammenspiel von Leben und Werk, den Konflikt zwischen Reflexion und Erleben im Moment, die Gefahr eines Lebens im Zitat und eines Erlebens als permanente Recherche. Der Protagonist ist sich dieser Schwierigkeiten nur zu bewusst und gerät dennoch von einem Dilemma ins nächste: Erst will er nur erleben und das idyllische Wochenende mit Lynn mit allen Sinnen auskosten, dann merkt er: Er kann das nicht mehr, ohne auch darüber zu schreiben, also seine Eindrücke zu formen und zu Papier zu bringen. Anschließend zweifelt er, ob er einfach nur dieses Erlebte erzählen kann, ohne zu erfinden oder zu verfälschen, ob also das Formen zwangsläufig die Authentizität ruiniert. Schließlich wird ihm klar, dass selbst der Versuch, wahrhaftig und aufrichtig zu erzählen, niemals das eigene Ich zum Ausdruck bringen, zur vollständigen Entsprechung einer Person werden kann.

Die zahlreichen Verweise auf sein eigenes bisheriges Werk in Montauk offenbaren immer wieder ein Gefühl des Bedauerns, dass keines seiner Bücher eine ebensolche Entsprechung gewesen sei. „Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben“ – diese Erkenntnis aus Stiller bleibt auch hier bestehen, wodurch Max Frischs Versprechen beziehungsweise die Suggestion, hier nun endlich wirklich autobiographisch und ehrlich zu erzählen, natürlich einen weiteren doppelten Boden bekommt. Er scheitert somit als Figur Max Frisch, dennoch wird dem Autor Max Frisch in Montauk womöglich deutlicher denn je, wo die Grenzen seines Erzählens liegen, wie reichhaltig und meisterhaft er aber auch dessen Möglichkeiten auszuschöpfen vermag.

Bestes Zitat: „Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann. Diese Berufskrankheit des Schriftstellers macht manchen zum Trinker.“

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