Durchgelesen: Neil Gaiman – „Der Ozean am Ende der Straße“


Autor Neil Gaiman

Neil Gaiman taucht in die Welt der Mythen ein.

Neil Gaiman taucht in die Welt der Mythen ein.

Titel Der Ozean am Ende der Straße
Verlag Eichborn
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

„Ich mochte Mythen. Das waren keine Geschichten für Erwachsene, aber es waren auch keine Kindergeschichten. Sie waren besser. Denn sie waren“, sagt der Erzähler in diesem Roman an einer Stelle. In diesem Zitat liegt die Essenz von Der Ozean am Ende der Straße. Denn das Buch von Neil Gaiman (American Gods, Sternwanderer), das nun in der deutschen Übersetzung von Hannes Riffel vorliegt, ist vernarrt in solche Mythen. Glühende Wiesen, sprechende Tote, Katzenbabys, die aus dem Boden wachsen – wirklich alles erscheint hier möglich, und genau deshalb hat das Buch eine flirrende Spannung.

Der namenlose Ich-Erzähler klinkt sich zu Beginn aus einer Familienfeier aus, die wohl eine Beerdigung ist. Er fährt ziellos herum und landet an einem Ort, der prägende Kindheitserinnerungen in ihm wachruft. Damit beginnt die Rückblende in die 1960er Jahre, die den allergrößten Teil des Buches ausmacht: Der Erzähler ist sieben Jahre alt, ein Eigenbrötler, der deutlich mehr Bücher als Freunde hat. Umso überraschter ist er selbst, als er sich mit der 11-jährigen Lettie anfreundet. Gemeinsam erleben sie wilde Abenteuer, und zwar nicht solche, wie man sie meinetwegen aus Lönneberga kennt, sondern solche, die an Märchen und Fantasy denken lassen.

Die innige Freundschaft mit Lettie kommt für den Außenseiter einer Offenbarung gleich („Ich starrte sie entgeistert an: ihre kurzen  braunen Haare, ihre Stupsnase, ihre Sommersprossen. Sie sah drei oder vier Jahre älter aus als ich. Genauso gut hätte sie drei- oder viertausend Jahre älter sein können. Ich wäre mit ihr bis vor die Tore der Hölle gegangen und wieder zurück“, heißt es), was danach passiert, ist ebenso rasant wie unheimlich, es offenbart die Sehnsucht von Neil Gaiman, der mittlerweile an der US-Ostküste lebt, nach der Landschaft seiner englischen Heimat, und enthält reichlich Szenen, an denen die Special-Effects-Leute der Harry-Potter-Filme ihre helle Freude haben dürften.

Mehr noch als dieses Spektakel ist es der Ton von Neil Gaiman, der diesen Roman so eindrucksvoll macht. Als „ein poetisches Juwel, wie man es nicht oft zu lesen bekommt“ hat Daniel Kehlmann Der Ozean am Ende der Straße gepriesen, passend dazu gibt es altmodisch-niedliche Schwarz-weiß-Illustrationen. Und mit dem Ich-Erzähler eine Figur, die man noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis haben wird. Man schließt diesen Jungen schnell ins Herz, und man braucht nur ein paar Seiten mehr, um voll und ganz in seinen Kosmos einzutauchen, in dem Traum und Wirklichkeit nicht zu trennen sind. Die kleine Welt des eigenen Grundstücks und Dorfs erscheint ihm riesig, und als Leser kann man nur staunen, wie unendlich die Welt seiner Gedanken und seiner Fantasie ist.

Genau zwischen den Erwachsenen- und Kindergeschichten, die im erwähnten Zitat genannt werden, ordnet sich Der Ozean am Ende der Straße auch wegen seiner wichtigsten Aussage ein: Erwachsenwerden ist ein Prozess, bei dem man viel lernt und entdeckt – aber auch Fähigkeiten und Wissen verliert, vielleicht sogar im gleichen Maße.

Bestes Zitat: „Wenn man etwas hat, vor dem man sich fürchten kann, ist das einfacher, als wenn es alles Mögliche sein kann.“

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