Durchgelesen: Neil Young – „Ein Hippie-Traum“ 2


"Ein Hippie-Traum" - das bezieht sich nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Form.

„Ein Hippie-Traum“ – das bezieht sich nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Form.

Autor Neil Young
Titel Ein Hippie-Traum
Originaltitel Waging Heavy Peace
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung **

Eine Warnung: Wer Fakten über Neil Young erfahren will, sollte diese Autobiographie lieber nicht lesen. Ein Hippie-Traum enthält zwar gut 90.000 Wörter. Aber über die wichtigsten Stationen im Leben des Musikers, der mit Buffalo Springfield, Crosby, Stills, Nash & Young, Crazy Horse und als Solist knapp 50 Jahre Rockgeschichte geschrieben hat, ist man besser im Bilde, wenn man die nur knapp 4000 Wörter seines Wikipedia-Eintrags liest.

Das Ende von Buffalo Springfield? Dazu gibt es ein paar Zeilen, dann später noch einmal eine etwas ausführlichere Betrachtung. Die Entstehung von Harvest, seinem erfolgreichsten Album? Wird in wenigen Absätzen abgehandelt. Seine Wiedergeburt als „Godfather of Grunge“ in den 1990er Jahren? Betrachtet Neil Young mit einer handvoll Sätzen. Und seine Eindrücke aus Woodstock? Sind ihm gerade eine halbe Seite wert.

Sehr früh wird in diesem Buch klar: Neil Young achtet nicht darauf, was der Leser vielleicht über ihn wissen will, sondern nur darauf, was er über sich selbst erzählen möchte. So enthält Ein Hippie-Traum sehr amüsante Anekdoten, beispielsweise über ein unschuldiges Treffen mit Charles Manson, über die Geburtstagsfeier, bei der Neil Young versehentlich reihenweise Kinder vergiftete, oder sein unfassbares Glück, ohne Führerschein, ohne Aufenthaltsgenehmigung und gerne auch reichlich zugedröhnt Polizeikontrollen zu überstehen.

Zu diesem sehr speziellen Inhalt passt die eigenwillige, sprunghafte Form des Buchs. Young geht das Schreiben wie eine Jam-Session an: Alles bleibt schwer zu fassen, spontan, unstrukturiert. Manche Kapitel sind nur eine Seite lang, viele Themen, beispielsweise Neil Youngs Vorliebe für Modelleisenbahnen, das Restaurieren alter Autos oder seine Bemühungen um ein hochwertiges digitales Audioformat, tauchen immer wieder und in großer Ausführlichkeit auf, ohne dass sich eine echte Quintessenz daraus ergibt. Es gibt einige Stellen in dieser Autobiografie, an der man Mitleid mit dem Lektor hat (falls es einen gab).

Immerhin ist sich der Autor dieser Eigenheit bewusst. „Euch ist vielleicht aufgefallen, dass bei mir viel Zeit dafür draufgeht, lose Fäden zu verweben, Sachen rundzumachen und abzuschließen“, schreibt Neil Young an einer Stelle. Er reflektiert im Buch immer wieder über den Vorgang des Schreibens (sein Vater war schließlich Schriftsteller), und er spricht den Leser auch gerne direkt an. Der Titel Ein Hippie-Traum lässt sich also nicht nur auf die Lebensgeschichte des Kanadiers beziehen, sondern auch auf die Form: Hier wird gerne frei assoziiert, und es kommt auch vor, dass sich der Autor dabei einmal verzettelt.

Das entwickelt durchaus seinen Reiz und ermöglicht spannende Einblicke in die Mentalität des 67-Jährigen. Manchmal ist die Form aber auch ärgerlich. Neil Young zeigt sich in seinen Ausführungen sehr offen, ehrlich und durchaus selbstkritisch. Er zeigt in jedem Moment, dass er nicht perfekt ist. „Der Erfolg hat es mir möglich gemacht, ein paar schlechte Angewohnheiten anzunehmen, die Achtung vor denen zu verlieren, mit denen ich arbeite, mich vor bestimmten Verantwortungen zu drücken und meinen eigenen Weg in der Welt zu gehen“, merkt er beispielsweise an. Aber gerade, wenn es bei Themen wie Krankheit, Beziehungen, Sex oder Streit mit Bandkollegen brenzlig wird, fehlt aufgrund der wirren Form dieses Buches schlicht die nötige Konzentration, um echten Tiefgang zu ermöglichen.

Dazu kommt, dass Ein Hippie-Traum ausnehmend versöhnlich geraten ist. Nirgends wird schmutzige Wäsche gewaschen. Stattdessen zeigt sich Neil Young voller Dankbarkeit, sogar Ehrfurcht für seine Wegbegleiter (übrigens: angesichts der prominenten Rolle, die Figuren wie Stephen Stills, David Briggs oder Linda Ronstadt hier einnehmen, wäre ein Register wünschenswert gewesen). Das ist sehr artig, aber angesichts einiger Konflikte, die es in dieser Karriere gab, auch enttäuschend langweilig. Wiederholt thematisiert er in seinem Rückblick auch das Bewusstsein für das eigene Altern und die Notwendigkeit eines passenden Abschieds, sodass sich die Autobiographie manchmal wie ein Testament liest.

Vor allem aber unterstreicht dieser Wille zur Harmonie, wie sehr Neil Young das Hippie-Weltbild verkörpert. Fast alle Stationen seines Lebenswegs werden in diesem Buch mystifiziert (manchmal womöglich auch, um einer echten Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen), es gibt ganz viel Fügung und Schicksal, fast nirgends Ursache und Wirkung.

Der Mann, der seine Musik am liebsten bei Vollmond aufnimmt, greift auch zu entsprechend esoterischem Vokabular. Immer wieder tauchen Begriffe wie „Karma“ oder „kosmisch“ auf, auch „The Great Spirit“ und „positive Vibes“ werden thematisiert. „Wenn man ein Leben für die Musik führt, braucht man etwas, um an seinen inneren Kern zu gelangen. Ich bin so dankbar, dass ich Crazy Horse noch habe, toi toi toi. Sie sind mein Fenster zu jener kosmischen Welt, in der die Muse lebt und atmet“, lautet ein typisches Beispiel.

Das hat den erstaunlichen Effekt, dass man Neil Young nach der Lektüre dieser Autobiografie als Musiker nach wie vor bewundern kann, als Menschen aber kaum. Zu fremd scheinen ihm Eigenschaften wie Verantwortung, Empathie oder Geduld zu sein. Stattdessen regiert die Leidenschaft. Mit jeder Zeile macht Neil Young deutlich, dass sie seine treibende Kraft ist. Das gilt für seine Hobbys von Modelleisenbahnen über Autos restaurieren bis hin zur Tontechnik. Vor allem aber: für seine Musik. „Musik ist ein Sturm auf die Sinne, Wetter für die Seele, sie ist tiefer als tief, weiter als weit. Sie ist mehr als das, was man sehen oder hören kann. Sie ist das, was man fühlt“, schreibt er.

Ein Hippie-Traum macht deutlich, wie obsessiv sich Neil Young in seine Projekte und Vorlieben hineinsteigern kann (er nennt sich selbst an einer Stelle des Buches einen „unheilbaren Sammler“). Die Musik scheint angesichts all dieser Leidenschaft manchmal fast wie ein Ausgleich, eine Entspannung und Therapie zu wirken und befindet sich zugleich doch ebenso in der heißesten Glut des Feuers, das in diesem Mann brennt. Immer wieder schreibt Neil Young hier von Tätigkeiten wie Musizieren, Spazierengehen oder Autofahren, die ihm den Kopf freimachen soll. Auch das zeigt, was für ein Hochbetrieb und Chaos sonst darin herrscht. Passend dazu schmiedet er in Ein Hippie-Traum reichlich neue Pläne und kündigt übrigens auch mehrere neue Bücher ein, darunter einen Roman.

Auch wenn es vergleichsweise wenige Hintergründe zu seinem Schaffen und Werk gibt, so erklärt diese Autobiographie doch sehr schlüssig, wie Neil Young tickt. Er porträtiert sich selbst als Hippie, und das bedeutet in seinem Fall: Als ein Mensch, dessen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit sich auch in materiellen Dingen wie seiner Vorliebe für Oldtimer und analoge Studiotechnik äußert, als Spinner, Träumer, Chaot, Fantast, Kauz. Und als Egoist.

Bestes Zitat: „Unsere Sprache war die Musik. Wir ließen die Gitarre herumgehen wie die amerikanischen Ureinwohner die Pfeife. Es war wirklich unsere Sprache der Liebe, unser gemeinsames Interesse, unsere Zusammengehörigkeit, ganz und gar wir. Und dieses Gefühl teilten wir damals mit unserem Publikum. Wir fühlten uns zusammengehörig.“


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