Durchgelesen: Nick Hornby – „Miss Blackpool“


Autor Nick Hornby

Die Geschichte eines Fernsehstars im Swinging London erzählt Nick Hornbys neuer Roman.

Die Geschichte eines Fernsehstars im Swinging London erzählt Nick Hornbys neuer Roman.

Titel Miss Blackpool
Originaltitel Funny Girl
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

“Wit in a woman is the end of any romance”, hat Oscar Wilde einst festgestellt. Der hatte zwar sowieso wenig romantisches Interesse an Frauen, seine These hat dennoch weiter Bestand: Frauen, die lustig sein wollen, werden höchst skeptisch beäugt. Erst recht, wenn Männer eigentlich etwas ganz anderes im Sinne haben als Lachen.

Barbara weiß das nur zu gut. Sie sieht umwerfend aus – so gut, dass sie die Wahl zur Miss Blackpool 1964 gewinnt, obwohl sie sich eigentlich nur zum Spaß angemeldet hatte. Denn viel lieber will sie ein ganz anderes Talent zur Geltung bringen und dafür Anerkennung ernten: ihren Humor. Deshalb schlägt sie den Titel als Schönheitskönigin aus, kaum dass die Jury sich für sie entschieden hat. „Barbara wollte nicht Königin für einen Tag sein, und auch nicht für ein Jahr. Sie wollte gar nicht Königin sein. Sie wollte ins Fernsehen und die Leute zum Lachen bringen.“

Gesagt, getan. Eine Woche nach der Misswahl verlässt sie Blackpool und geht noch London, um Comedy zu machen. Tatsächlich ergattert sie mit viel Glück und Unbekümmertheit die Titelrolle einer neuen Fernseh-Sitcom. Barbara (und Jim) wird schnell eine der erfolgreichsten Sendungen des Landes – und aus der Provinzschönheit wird ein Star mitten im Swinging London. Richtig ernst genommen wird sie als Komikerin aber noch immer nicht – und jenseits ihres TV-Teams kennt sie so gut wie niemanden in der pulsierenden Hauptstadt. „Sie hatte zwar alles Mögliche, womit sie nie im Leben gerechnet hätte, aber keine Freunde“, stellt sie nach einer Weile fest.

Das ist in groben Zügen die Geschichte von Miss Blackpool (der Originaltitel Funny Girl betont das Dilemma von Barbara etwas besser), dem neuen Roman von Nick Hornby. Es ist eine wunderbare Geschichte über eine Ära, in der die Beatles die Welt beherrschten und das Fernsehen gerade dabei war, auch in der Alten Welt zum alles dominierenden Faktor der Populärkultur zu werden. Hornby illustriert das Buch mit ein paar Fotos aus den Sixties und lässt die echten Stars der Ära auftreten, wie Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page oder BBC-Unterhaltungschef Tom Sloan. Sie haben in der Regel keine Sprechrollen, aber sie bilden ein Koordinatensystem und eine Messlatte. Sie zeigen Barbara, wie reich, berühmt und einflussreich man mit Unterhaltung werden kann, und wie weit sie auf diesem Weg bereits gekommen ist.

Hornby hat sich etliche Folgen der imaginären Serie ausgedacht, inklusive Bühnenbild, Dialogen, Nebendarstellern und Entwicklung der Einschaltquoten; sogar Rezensionen zu Barbara (and Jim) in den seriösen Broadsheets und Interviews in Klatschmagazinen verfasst er. Miss Blackpool ist wie eine TV-Serie in Buchform, inklusive Making Of und kritischer Begleitung in den Feuilletons.

Viel mehr noch als ein Werk über die Glamourwelt ist Miss Blackpool allerdings ein Roman über die kreative Arbeit. Große Teile der Handlung spielen sich innerhalb des Teams von Barbara (and Jim) ab, und mit Produzent Dennis, den Drehbuchschreibern Tony und Bill und Schauspieler Clive (dem die undankbare Rolle des in Klammern gesetzten Jims zukommt) hat Hornby wunderbare Figuren erschaffen, die Beleg sind für seine große Liebe zu den Menschen, die auch schon aus About A Boy oder How To Be Good sprach. Für Barbara werden diese Kollegen zum Familienersatz, zugleich findet sie hier endlich ein Forum, in dem sie als schöpferische Kraft respektiert und geschätzt wird, nicht bloß als drolliger Hingucker.

Wenn Hornby beschreibt, wie das Team an neuen Folgen feilt, um Pointen ringt und gezwungen ist, mit der Erwartungshaltung des Publikums ebenso umzugehen wie mit dem eigenen Anspruch, dann liefert das sehr reizvolle Einblicke in die Fernsehszene und illustriert viele Aspekte dessen, was sie so reizvoll und frustrierend machen kann. Einen „Roman als Alltagssimulation, als Endlos-Dialog“, hat die Süddeutsche Zeitung dieses Prinzip genannt, nicht ohne zu ergänzen: „Bei Hornby, der viel von Unterhaltung versteht, hat das Format.“

Produzent Dennis beispielsweise, so schreibt Hornby, „arbeitete gerne mit talentierten und klugen Leuten, aber manchmal wünschte er sich, er könnte mit fantasielosen Schreiberlingen den gleichen Erfolg haben.“ Barbara hingegen ist nachhaltig begeistert von der Möglichkeit, sich kreativ zu entfalten. Sie kam, unbedarft, schlagfertig und bauernschlau, mit einem konservativen Weltbild vom Land, landete im liberalen Swinging London und wurde bald zur Identifikationsfigur für eine Generation, die – wie es an einer Stelle heißt – „das Elend des letzten Vierteljahrhunderts überstreichen wollte“.

Dieser Geist von Freiheit und Erneuerung sorgt in diesem Roman für einen sehr inspirierenden Sound, führt Barbara aber auch zu der Frage, wie damit umzugehen ist. „Zuhause in Blackpool hatten sie dunkle Möbel und an den Wänden Tapeten und Gemälde von Pferden. (…) Alle Wohnungen, die sie kannte, sahen so aus, auch wenn die Leute ein bisschen Geld hatten – es herrschte überall dieselbe Muffigkeit, dasselbe Gefühl, dass alles Gute in diesem Land, alles, was die Leute schätzten, schon vor langer Zeit passiert war, lange vor ihrer Geburt“, erinnert sich Barbara auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Sie sehnt sich in keinem Moment nach diesen Zeiten zurück. Miss Blackpool zeigt aber auch, wie schwer es ihr (und allen Nachgeborenen) seitdem fällt, die passende Einrichtung für ihr Leben zu finden.

Bestes Zitat: „Liebe hieß, mutig zu sein, sonst hatte man schon verloren; ein Mann, der einer Frau nicht sagen konnte, dass er sie liebt, war ihrer per definitionem nicht wert.“

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