Durchgelesen: Ödön von Horváth – „Jugend ohne Gott“


Autor Ödön von Horváth

Ödön von Horváth Jugend ohne Gott Buchkritik Rezension

„Jugend ohne Gott“ wurde kurz nach seinem Erscheinen im NS-Deutschland verboten.

Titel Jugend ohne Gott
Verlag Bibliothek Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1937
Bewertung

Ende Oktober 1937 brachte der Exil-Verlag Allert de Lange in Amsterdam Jugend ohne Gott heraus. Schon wenige Monate später gab es Übersetzungen in zahlreiche Sprachen, ebenso schnell war das Buch in der Heimat des Schriftstellers nicht mehr verfügbar. Die Nazis setzten den dritten Roman von Ödön von Horváth am 7. März 1938 auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Begründung: pazifistische Tendenzen.

Das ist im Rückblick beinahe milde ausgedrückt. Horváth, geboren 1901 und somit zu jung, um die Schrecken des Ersten Weltkriegs noch selbst an der Front erlebt zu haben, wendet sich hier in aller Deutlichkeit gegen Militarismus, Aufrüstung und Befehlskultur. Diese Kritik bleibt aber letztlich ein Randaspekt seines Buches. Viel mehr noch stellt Jugend ohne Gott eine Generation und eine Gesellschaft an den Pranger, die jeden Anstand und jede Menschlichkeit verloren hat.

Der Ich-Erzähler des Romans ist ein 34-jähriger Lehrer, der im Jahr 1936 Geschichte und Geographie unterrichtet. Seine Schüler sind gerade im Teenageralter angekommen und kommen aus vergleichsweise gut situierten Familien, ebenso wie der Lehrer. Aber sie kommen ihm vor wie Wesen von einem anderen Planeten. „Dass diese Burschen alles ablehnen, was mir heilig ist, war zwar noch nicht so schlimm. Schlimmer ist schon, wie sie es ablehnen, nämlich: ohne es zu kennen“, stellt er zu Beginn fest. Die Distanz vergrößert sich, als der Lehrer einen Schüler wegen einer rassistischen Bemerkung in einem Aufsatz tadelt. Die Diskussion bringt den stramm nationalsozialistischen Vater des Jungen auf den Plan, ebenso wie die Schulleitung. Der Lehrer muss Abbitte leisten, steckt wenig später aber gleich wieder in der Bredouille: Bei einem Klassenausflug samt paramilitärischer Übungen der Jungen in einem Zeltlager wird einer der Schüler erschlagen.

Jugend ohne Gott ist damit in gewisser Weise ein Krimi. Der Lehrer wechselt aus der Rolle des Beobachters seiner ethisch missratenen Schüler in die eines Opfers (als die Vorwürfe durch den rassistischen Vater erhoben werden), schließlich in die eines Ermittlers (als es gilt, den Todesfall im Zeltlager aufzuklären) und zum Ende in die eines Märtyrers. Viel spannender als dieses Geschehen, das Ödön von Horváth mit vielen inneren Monologen seiner Hauptfigur und gelegentlichen surrealistischen Effekten (wie den Begegnungen mit Julius Caesar, einem heruntergekommenen ehemaligen Lehrer) erzählt, ist allerdings die Atmosphäre des Romans. Es ist das beinahe ohnmächtige Erleben einer Zeitenwende, das deutlich über das übliche Lamento eines Älteren über „Die Jugend heutzutage“ hinausgeht.

Der Lehrer sieht beim Blick auf seine Klasse – und auf fast alle Mitmenschen auch jenseits der Schulmauern – bloß noch „Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten“. Die Schüler werden im Roman mit Buchstaben benannt, nicht etwa, um ihre Anonymität zu schützen, sondern weil sie sich wie Prototypen dieses Menschenschlages verhalten. Gerade das Credo, die Individualität und die Würde jedes Einzelnen zu achten, wird von ihnen geleugnet, somit wird auch ihnen dieser Anspruch vom Ich-Erzähler verwehrt. Dass er dabei selbst nicht makellos ist, stärkt den Effekt seiner Reflexion noch: Er weiß um seine Feigheit und ein paar Egoismen, etwa um die Tatsache, dass er zum Broterwerb weiter als Lehrer arbeiten muss und sich nicht – anders als Julius Caesar – dem Dienst an diesem neuen Staat verweigert. Ödön von Horváth sieht ihn gar als Beispiel des faschistischen Menschen „oder besser gesagt: des Menschen im faschistischen Staate“, wie Traugott Krischke in der editorischen Notiz zu dieser Ausgabe anmerkt.

Schon eine oberflächliche Interpretation von Jugend ohne Gott zeigt: Der Lehrer bezichtigt sich selbst eines Opportunismus, den er doch so gerne zerschlagen möchte, weil er zum prägenden Element der Welt geworden ist, die ihn umgibt. Seine Schüler wachsen in eine Zeit hinein, die nichts kennt als Gehorsam, Kälte und Rassenwahn. Die vermeintliche Unschuld der Kindheit und Jugend wird im Roman ins Gegenteil verkehrt: Die Grausamkeit eines Lebensalters tritt hervor, in dem man noch nicht in der Lage ist, auf Basis eines eigenen, moralisch gefestigten Weltbildes zu entscheiden und zu handeln.

Ödön von Horváth nimmt im Buch zwar immer wieder Bezug auf Gott, trotzdem ist sein Roman weit davon entfernt, missionieren zu wollen. Mit „Gott“ ist hier nicht in erster Linie eine religiöse Figur gemeint, sondern Werte wie Integrität und Charakter. Gerade darin liegt auch die Aktualität von Jugend ohne Gott: Wie wenig selbstverständlich es ist, dass junge Menschen selbst Zivilcourage aufbringen, die herrschenden Zustände hinterfragen und Initiative zeigen, um die Welt nach ihren eigenen Vorstellungen (und zu einem Besseren) zu gestalten, macht dieser Roman auf schockierende Weise deutlich.

Bestes Zitat: „Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt.“

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