Durchgelesen: Thomas Bernhard – „Wittgensteins Neffe“


Autor Thomas Bernhard

Wittgensteins Neffe Thomas Bernhard Kritik Rezension

In „Wittgensteins Neffe“ erinnert Thomas Bernhard an seinen Freund Paul Wittgenstein.

Titel Wittgensteins Neffe
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1982
Bewertung

Eine Freundschaft, lautet der Untertitel zu diesem Buch, in dem Thomas Bernhard so etwas wie den zweiten Teil einer getarnten Autobiographie vorlegt. Als Folie dafür wählt er die Geschichte seiner Beziehung zu Paul Wittgenstein, den Neffen des großen Philosophen Ludwig Wittgenstein, den er 1967 näher kennen lernt. Damals ist der Ich-Erzähler Patient in einer Lungenklinik in Wien, ganz in der Nähe ist auch eine Irrenanstalt, wo der ihm bis dahin nur flüchtig bekannte Paul behandelt wird. Sie kommen sich über Gespräche näher und bleiben einander eng verbunden. Die Handlung erzählt von dieser Freundschaft und reicht bis zu Pauls Tod im Jahr 1979.

Die gegenseitige Zuneigung gründet zunächst auf einer geteilten Liebe zur Musik, aber auch auf der erzwungenen Passivität ihrer Situation: Der Ich-Erzähler ist nach seiner Lungen-Operation, glaubt man den Ärzten, dem Tode geweiht (wie fast alle Patienten in diesem Trakt), Paul wurde auf Geheiß seiner Verwandten eingeliefert und muss beispielsweise erniedrigende Behandlungen mit Fesseln und Elektroschocks über sich ergehen lassen, nicht zum ersten Mal. Beide sind also nicht aus eigenem Antrieb in der Klinik, weil sie glauben, hier könne tatsächlich etwas für ihre Gesundheit erreicht werden, sondern Gefangene – der Medizin, an deren Methoden sie nicht recht glauben, und ihres Umfelds, das doch auf die Autorität und Kunst der Ärzte beharrt, vielleicht aus Mangel an Alternativen, vielleicht, weil es eine bequeme Art ist, sich der lästigen Patienten zu entledigen.

Während ihrer sehr besonderen Freundschaft haben Paul und der Erzähler, auch als sie den Aufenthalt auf der Baumgärtner Höhe überstanden haben, eine Lieblingsbeschäftigung: Sie analysieren und sezieren ihre Umwelt. Für dieses Hobby findet Thomas Bernhard in der Form seiner Erzählung eine wunderbare Entsprechung: Immer wieder wiederholt er Passagen, das gilt für Beschreibungen ebenso wie für Wertungen und Interpretationen, als wolle er einerseits diesen iterativen Erkenntnisprozess nachzeichnen, sich andererseits auch seiner Erinnerung und seines Urteils vergewissern, noch einmal untermauern, dass er alles richtig gemacht hat.

Während der Schriftsteller daraus anregende Gedanken für sein Werk generieren kann (wie beispielsweise in den großartigen Tiraden des Buchs gegen deutsche Zeitungen oder das Ensemble des Wiener Burgtheaters deutlich wird), fällt es Paul immer schwerer, den Widerspruch zwischen seinem Anspruch an Welt und Menschen und dem alltäglichen Erleben zu ertragen. Er wird immer unberechenbarer, maßloser und kauziger, entwickelt obskure Hobbys, die er mit fanatischer Besessenheit und großem Erfolg verfolgt, um sie dann wieder fallen zu lassen, und verjubelt das gesamte Vermögen, das ihm als Spross einer steinreichen Industriellenfamilie zur Verfügung steht. Er wird immer einsamer, immer mehr zum Außenseiter, und man fragt sich: Ist seine psychische Krankheit die Ursache oder Folge dieser Entwicklung?

Paul Wittgenstein ist „einer, der sich einer Gesellschaft von Nichtnarren nur durch den radikalen Aufstand des Geistes gegen den Ungeist erwehren kann, durch die Flucht in die sogenannte Geisteskrankheit“, schrieb Diana Kempff im Spiegel. Thomas Bernhard selbst formuliert das im Buch an einer Stelle so: „Er liebte und er hasste die Natur genauso wie die Kunst und er liebte und hasste die Menschen mit der gleichen Leidenschaft und Rücksichtslosigkeit. Er hatte die Reichen als Reicher und die Armen als Armer durchschaut, wie die Gesunden als Gesunder und die Kranken als Kranker, wie schließlich die Verrückten als Verrückter und als Wahnsinniger die Wahnsinnigen.“

Sehr geschickt versteht er es dabei aber, diese Figur nicht nur als Unikum darzustellen, sondern als echten Freund. So steht ihm Paul wiederholt vor allem in Momenten der Niederlage und Blamage bei. Zudem wird deutlich: Paul ist sensibel, nicht nur im Umgang mit der Welt, sondern auch im Umgang mit seinem Selbst – und das ist eine Eigenschaft, die er mit dem Autor teilt. Diese Gemeinsamkeit ist der Kitt dieser Freundschaft. Auch der Ich-Erzähler weiß: Er ist selbst ein Verrückter, er hat für seine Spleens und Neurosen lediglich die Literatur als Ventil gefunden.

Neben dem Wesen von Freundschaft und den Tücken von Erinnerung ist deshalb die Balance zwischen freiem Geist und sozialer Disziplinierung das dritte große Thema von Wittgensteins Neffe. Beide Freunde haben eine Kreativität, die auf fast ungesunde Weise überbordend ist, doch nur einer von ihnen kann diese Eigenschaft auf produktive und gesellschaftlich akzeptierte Weise gestalten. Thomas Bernhard stellt damit auf sehr kluge Weise auch die Frage, wie wir Wahnsinn, Normalität, Exzentrik und die Grenzen dazwischen eigentlich definieren. Nicht zuletzt ist seine Erzählung ungemein rührend, auch weil die Geschichte dieser Freundschaft so aufrichtig wirkt, etwa bei der beschämenden Entscheidung, Paul in der letzten Phase seines Niedergangs und schließlich in den Stunden seines Todes nicht zur Seite stehen zu wollen.

Bestes Zitat: „Der eine, Ludwig, war vielleicht philosophischer, der andere, Paul, vielleicht verrückter, aber möglicherweise glauben wir bei dem einen, philosophischen Wittgenstein nur deshalb, dass er der Philosoph sei, weil er seine Philosophie zu Papier gebracht hat und nicht seine Verrücktheit und bei dem andern, dem Paul, er sei ein Verrückter, weil der seine Philosophie unterdrückt und nicht veröffentlicht und nur seine Verrücktheit zur Schau gestellt hat. Beide waren ganz und gar außerordentliche Menschen und ganz und gar außerordentliche Gehirne, der eine hat sein Gehirn publiziert, der andere nicht. Ich könnte sogar sagen, der eine hat sein Gehirn publiziert, der andere hat sein Gehirn praktiziert.“

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