Durchgelesen: Uwe Johnson – „Skizze eines Verunglückten“


"Skizze eines Verungluckten" ist Uwe Johnsons Replik auf einen Text von Max Frisch.

„Skizze eines Verungluckten“ ist Uwe Johnsons Replik auf einen Text von Max Frisch.

Autor Uwe Johnson
Titel Skizze eines Verunglückten
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1981
Bewertung ***1/2

In der Musik ist das schöne Genre des Antwortsongs leider vom Aussterben bedroht. In der Literatur hat sich etwas Vergleichbares gar nicht erst richtig entwickelt. Die Skizze eines Verunglückten von Uwe Johnson ist eine der seltenen Ausnahmen. Mit dem 1981, drei Jahre vor seinem Tod, erschienenen Kurzroman schafft Johnson ein Gegenstück zu Max Frischs Skizze eines Unglücks.

Es reichen diese nicht einmal 80 Seiten, um den Reiz eines solchen Ansatzes zu unterstreichen. Mit der Skizze eines Verunglückten legt Johnson ein Stück meisterhafte, komische, eigenwillige Literatur vor, das sowohl seine eigenen Stärken herausstreicht als auch einige der Leitmotive im Werk von Max Frisch aufgreift.

Ersteres ist dabei zunächst deutlich offensichtlicher. Johnson beschreibt das Leben von Joachim Hinterhand, der in die USA auswandert, weil er als Jude in Nazi-Deutschland schikaniert wird. Seine Frau kommt mit ihm, und die beiden leben in der Neuen Welt in einer scheinbar symbiotischen Beziehung. Doch dann tötet Joachim Hinterhand seine Frau, als er herausfindet, dass sie ihn jahrelang betrogen hat.

Dieser Plot enthält ein paar zentrale Themen aus Johnsons Schaffen (Grenzen, Flucht, Ehebruch) und lehnt sich auf den ersten Blick bloß vage an die Vorlage von Frisch an. Die Annäherung wird dann aber immer stärker: Der Duktus in Skizze eines Verunglückten wirkt zunächst gestelzt, entwickelt dann aber schnell einen eigenen Reiz. Schließlich wird deutlich, dass hier auch die Sprache eine hoch poetische Verbeugung vor Max Frisch ist. Und schließlich geht es in beiden Texten um das Unvermögen (vielleicht: die Unmöglichkeit) eines Mannes, seine Frau zu verstehen.

Joachim Hinterhand will Liebe und findet nur Zerstörung, er ist auf der Flucht und bildet sich ein, darin eine Heimat gefunden zu haben. Vor allem aber verlangt er eine Liebe ohne Vorbehalt und meint in einer solchen zu leben; so sehr, dass er seine eigene Identität eintauscht gegen sein Idealbild einer Beziehung. Als er erkennt, wie sehr er sich getäuscht hat, erscheinen 20 Jahre seines Lebens im Rückblick durch und durch verdorben, aber er kann sich nicht einmal als Opfer fühlen, denn er weiß: Seine Mitschuld besteht darin, dass er diese Illusion nicht durchschaut und sogar mit konstruiert hat. Seine persönliche Katastrophe ist eben kein Unglück (genau wie bei Frisch), sondern Ergebnis dessen, was in der Beziehung vor sich ging. Als Hinterhand verurteilt wird und dann seine Zeit im Gefängnis abgesessen hat, folgt für ihn erst die wahre Strafe: Sein Leben ist für ihn nur noch ein Ableben.

Faszinierend ist, wie Johnson diese Geschichte erzählt. Sein Erzähler ist nicht nur ein auktorialer, sondern er setzt auf maximale Distanz zum Geschehen, die manchmal beinahe wirkt, als wolle der Erzähler seinen Plot und seine Figuren am liebsten nicht einmal mit Gummihandschuhen anfassen. Das wird noch dadurch verstärkt, dass Johnson in seine Skizze eines Verunglückten immer wieder Zitate anderer Autoren einbaut, von Plato bis Goethe, von Maxim Gorki bis Marie Luise Kaschnitz. Die sollen Stütze sein für Joachim Hinterhands Konzept von der Liebe, und zeigen doch nur seine Verblendung. Sein ganzes Leben ist der Versuch, die Moral zu feiern – doch dieser Anspruch mündet in Verrat und Verbitterung.

Bestes Zitat: „Denn im Moment der Erkenntnis, dass man ihm ein richtiges Leben vorgespielt habe inmitten eines falschen, sei sein Bewusstsein angehalten worden, arrestiert, versiegelt, bloß noch ein Behältnis, in dem starr Vergangenheit verwaltet werde.“

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